»Woruber diskutieren Sie?«, fragte Volyova und trat naher.
»Halten Sie etwas Abstand«, mahnte Calvin durch Sylveste, der im Augenblick nicht einmal in Gedanken eigene Laute bilden konnte. »Unsere Untersuchungen konnten Seuchensporen freigesetzt haben — Sie sollten sie nicht einatmen.«
»Mir wurden sie nicht schaden«, sagte Volyova. »Ich bin
»Warum dann diese eisige Miene?«
»Weil es kalt ist,
»Zu gutig«, horte Sylveste sich sagen.
»Sie haben doch hoffentlich einen Plan, wie Sie hier vorgehen wollen? Triumvir Sajaki konnte sehr unangenehm werden, wenn er den Verdacht hatte, Sie wurden Ihre Seite des Abkommens nicht einhalten.«
»Triumvir Sajaki«, erwiderte Calvin, »konnte ein Teil des Problems sein.«
Sie war jetzt doch naher gekommen, aber sie zitterte vor Kalte, denn anders als Sylveste trug sie keine Schutzkleidung. »Ich furchte, das habe ich nicht verstanden.«
»Was meinen Sie, ist es wirklich sein Wunsch, dass wir den Captain heilen?«
Sie sah ihn an, als habe er sie ins Gesicht geschlagen. »Warum denn nicht?«
»Er hat jetzt schon sehr lange das Kommando, daran gewohnt man sich. Ihr Triumvirat ist doch nur eine Farce — Sajaki ist der Captain, nur der Titel fehlt ihm, und Sie und Hegazi wissen das genau. Diesen Status wird er nicht kampflos aufgeben.«
Ihre Antwort kam zu hastig, um ganz uberzeugend zu sein. »An Ihrer Stelle wurde ich mich auf meine Arbeit konzentrieren, anstatt mir den Kopf uber die Wunsche des Triumvirs zu zerbrechen. Immerhin hat er Sie an Bord geholt. Dazu ist er Lichtjahre weit gereist. Warum sollte er das tun, wenn er nicht wollte, dass sein Captain wiederhergestellt wird?«
»Er wird dafur sorgen, dass wir scheitern«, sagte Calvin. »Aber bevor das geschieht, wird er einen neuen Hoffnungsfunken entdecken, eine andere Therapie, einen anderen Arzt, der Heilung verspricht, er braucht ihn nur zu suchen. Und ehe Sie sich versehen, sind Sie wieder Jahrhunderte unterwegs.«
»Nehmen wir an, Sie hatten Recht«, sagte sie so langsam, als furchte sie, in eine Falle zu tappen. »Warum hat Sajaki den Captain dann nicht schon langst getotet? Damit ware seine Position gesichert.«
»Weil er sich dann uberlegen musste, was er mit Ihnen anfangen soll.«
»Mit mir?«
»Ja, uberlegen Sie doch einmal.« Calvin lie? die Instrumente los und trat zuruck wie ein Schauspieler, der zu seinem gro?en Monolog ansetzt. »Sie haben die Suche nach Heilung fur Ihren Captain zu Ihrem Gott gemacht, dem einzigen, dem Sie noch dienen konnen. Fruher mag sie noch Mittel zum Zweck gewesen sein, aber dieser Zweck wurde nie erreicht, und irgendwann spielte er auch keine Rolle mehr. Sie haben schwere Waffen auf diesem Schiff; ich wei? alles daruber, auch uber die Geschutze, von denen Sie nicht gern sprechen. Bisher dienen sie Ihnen nur als Druckmittel, um jemanden wie mich zu erpressen — jemanden, der den Anschein erwecken kann, den Captain zu heilen, ohne tatsachlich etwas auszurichten.« Calvin verstummte fur mehrere Sekunden, und Sylveste war froh daruber. Er war ganz au?er Atem, und sein Mund war wie ausgedorrt. »Wenn Sajaki nun plotzlich Captain wurde, was sollte er dann als Nachstes tun? Sie hatten zwar immer noch Ihre Waffen — aber gegen wen sollten Sie kampfen? Sie mussten sich erst einen Feind erfinden. Und womoglich besa?e der gar nichts, was Sie haben wollten — Sie haben doch Ihr Schiff, was brauchen Sie mehr? Ein Feind mit einer anderen Ideologie? Schwierig, denn das Einzige, was mir bei Ihnen noch nicht aufgefallen ist, sind irgendwelche ideologischen Bindungen, es sei denn, Sie hatten ihre eigene Unsterblichkeit zur Ideologie erhoben. Nein; ich glaube, in den Tiefen seiner Seele wei? Sajaki genau, was geschehen wurde. Wenn er Captain wurde, mussten Sie Ihre Waffen fruher oder spater gebrauchen, nur deshalb, weil sie existieren. Und ich spreche nicht von einer minimalistischen Intervention wie auf Resurgam. Sie mussten Ernst machen und jedes einzelne dieser Ungeheuer zum Einsatz bringen.«
Volyovas rasche Auffassungsgabe hatte Sylveste schon fruher beeindruckt. »Dann sollten wir Triumvir Sajaki eigentlich dankbar sein, nicht wahr? Indem er darauf verzichtet, den Captain zu toten, bewahrt er uns vor dem Schlimmsten.« Es klang wie das Argument eines Advocatus diaboli. Sie sprach es nur laut aus, um die Ketzerei noch deutlicher sichtbar zu machen.
»Ja«, meinte Calvin zogernd. »So konnte man sagen.«
»Ich glaube Ihnen kein Wort«, brauste Volyova auf. »Und wenn Sie einer von uns waren, wurde ich solche Gedanken als Hochverrat bezeichnen.«
»Wie Sie meinen. Aber es gibt bereits Anhaltspunkte dafur, dass Sajaki die Operation sabotieren will.«
Ihre Augen blitzten neugierig auf, aber sie beherrschte sich eisern. »Ich lasse mich von Ihrer Paranoia nicht anstecken, Calvin — falls ich mit Ihnen spreche. Ich habe mich verpflichtet, Dan ins Innere von Cerberus zu bringen. Und ich habe mich verpflichtet, Ihnen bei der Heilung des Captains behilflich zu sein. Alle weitergehenden Diskussionen sind mu?ig.«
»Sie haben das Retrovirus also mitgebracht?«
Volyova griff in ihre Jacke und zog ein Flaschchen heraus. »Es wirkt bei den Proben, die ich entnommen und mit denen ich eine Kultur angelegt habe. Ob es
Sie warf Sylveste das Behaltnis zu, und seine Hande zuckten nach vorne, um es aufzufangen. Der glaserne Autoklav weckte eine fluchtige Erinnerung an das Flaschchen, das er mit zu seiner Hochzeit genommen hatte.
»Es ist ein Vergnugen, mit Ihnen zu arbeiten«, lobte Calvin.
Volyova gab Calvin oder Dan Sylveste — sie war nie ganz sicher, mit wem sie verhandelte — genaue Anweisungen zur Verabreichung des Gegenmittels, dann verlie? sie die Krankenstation. Sie hatte sich verhalten wie ein Apotheker gegenuber einem Arzt, dachte sie: sie hatte ein Serum entwickelt, das im Labor wirkte, und sie konnte gezielte Hinweise zu seiner Anwendung geben, aber die letzten Schritte, die Entscheidung uber Leben und Tod, lagen allein im Ermessen des Arztes. Damit wollte sie nichts zu tun haben. Wenn es so einfach gewesen ware, das Retrovirus einzusetzen, hatte man Sylveste ja gar nicht gebraucht. Au?erdem war es nur ein Element der Behandlung — wenn auch vielleicht das entscheidende.
Sie fuhr mit dem Fahrstuhl auf die Brucke zuruck und gab sich alle Muhe, nicht an Calvins (es musste doch Calvin gewesen sein?) Bemerkungen uber Sajaki zu denken. Aber das war schwierig; seine Ansichten horten sich so logisch, so vernunftig an. Und was war von der Anschuldigung zu halten, Sajaki sabotiere die Heilung des Captains? Die Frage hatte ihr schon auf der Zunge gelegen, aber vielleicht hatte sie befurchtet, eine Antwort zu bekommen, die nicht zu widerlegen war. Was sie gesagt hatte, hatte schon seine Berechtigung: im Grunde war es Hochverrat, so etwas nur zu denken.
Aber sie hatte schon in so vieler Hinsicht Hochverrat begangen.
Sajaki begann an ihr zu zweifeln; das war nicht zu ubersehen. Anderer Meinung zu sein, wenn es darum ging, ob Khouri dem Trawl unterzogen werden sollte, war eine Sache. Aber den Trawl zu manipulieren, damit er sie alarmierte, wenn Sajaki ihn in Betrieb nahm, hatte eine andere Qualitat — so handelte man nicht aus oberflachlicher beruflicher Sorge um einen Schutzling, so handelte man aus versteckter Paranoia, aus Angst und aus schwelendem Hass. Zum Gluck war sie noch rechtzeitig gekommen. Der Trawl hatte keinen dauernden Schaden angerichtet, und ob Sajaki genugend Zeit gehabt hatte, so viele neurale Bereiche so grundlich zu erkunden, dass nicht nur verschwommene Eindrucke, sondern ausgewachsene belastende Erinnerungen zum Vorschein kamen, war eher zu bezweifeln. Jetzt, dachte sie, ware er sicher vorsichtiger. Jetzt durften sie ihren Waffenoffizier nicht mehr verlieren. Aber wenn sich sein Verdacht nun auf Volyova selbst richtete? Auch sie konnte man dem Trawl unterziehen. Sajaki hatte gewiss wenig Skrupel, dagegen sprach nur, dass ein solches Vorgehen auch die letzte Illusion von Gleichheit zerstoren wurde. Jedenfalls hatte sie keine Implantate, die beschadigt werden konnten. Und seit die Arbeit an Bord der
Sie schaute auf ihr Armband. Der kleine Splitter, den sie Khouri aus dem Korper gezogen hatte, verursachte ihr mehr Kopfzerbrechen, als sie je fur moglich gehalten hatte. Zusammensetzung und Verformungsmuster standen inzwischen mehr oder weniger fest, nun hatte sie das Schiff gebeten, in seinen Speichern nach einer Entsprechung zu suchen. Der Verdacht, dass Manoukhian dahinter steckte, schien sich zu bestatigen. Das
