die ganze Nacht keinen richtigen Schlaf. Sie hatte beinahe Recht. Die Amarantin brauchten nicht unbedingt durch seine Gedanken zu geistern; nicht wegen einer Nacht. Aber sie wollte, dass er sie fur alle Ewigkeit verga?. Nein; das war nie in Frage gekommen — und jetzt schon gar nicht mehr. Es uberstieg ja schon seine Krafte, sie nur fur ein paar Stunden zu verdrangen. Seine Traume waren Amarantin-Traume. Wenn er erwachte — und er erwachte oft—, sah er hinter den weichen Konturen seiner Frau ineinander greifende Vogelschwingen an den Wanden, Schwingen, die ihn hasserfullt ansahen und warteten.

Auf das, was morgen beginnen sollte.

»Sie werden nicht viel spuren«, sagte Sajaki.

Der Triumvir sprach die Wahrheit, wenigstens zunachst. Khouri spurte nicht, wie der Trawl begann. Nur der Helm presste sich mit leichtem Druck an ihren Schadel, um seine Scannersysteme mit maximaler Genauigkeit auszurichten, und sie horte ein leises Klicken und Winseln. Das war alles. Selbst das leise Kribbeln, das sie eigentlich erwartet hatte, blieb aus.

»Es ist wirklich nicht notig, Triumvir.«

Sajaki tippte Befehle in eine grotesk altmodische Konsole, um die Trawl-Parameter vollends einzupendeln. Ringsum erschienen Querschnitte von Khouris Kopf — Schnappschusse mit niedriger Auflosung. »Dann haben Sie ja nichts zu befurchten, oder? Kein Grund zur Besorgnis. Ich wollte die Untersuchung schon durchfuhren, als Sie bei uns anheuerten, Khouri. Meine Kollegin war naturlich dagegen…«

»Aber warum jetzt? Womit habe ich das verdient?«

»Wir gehen schwierigen Zeiten entgegen, Khouri. Ich muss allen Mitgliedern meiner Besatzung bedingungslos vertrauen konnen.«

»Aber wenn meine Implantate durchbrennen, konnen Sie nichts mehr mit mir anfangen!«

»Oh; an Ihrer Stelle wurde ich nicht zu viel auf Volyovas Gruselgeschichten geben. Sie will nur ihre Berufsgeheimnisse vor mir bewahren, damit ich nicht etwa auf die Idee kame, ich konnte ihre Arbeit ebenso gut erledigen wie sie selbst.« Jetzt waren die Implantate auf den Abbildungen zu erkennen; kleine geometrisch strukturierte Inseln in der amorphen Suppe der Neuralstrukturen. Sajaki tippte weitere Befehle ein, eines der Implantate wurde vergro?ert. Jetzt spurte Khouri ein Kribbeln auf der Kopfhaut. Mehrere Schichten des Implantats wurden abgetragen, sein immer komplexeres Innenleben wurde in einer Serie verwirrender Vergro?erungen freigelegt. Es war, als betrachte man eine Stadt uber einen Spionagesatelliten, der zuerst nur die Viertel, dann die Stra?en und schlie?lich die einzelnen Gebaude zeigte. Irgendwo in den Tiefen dieses komplexen Systems waren in physisch greifbarer Form die Daten gespeichert, aus denen die Simulation der Mademoiselle gebildet wurde.

Die Mademoiselle war Khouri lange nicht mehr erschienen. Beim letzten Mal — auf Resurgam mitten im Sturm — hatte sie behauptet, sie wurde sterben; der Kampf gegen Sonnendieb sei verloren. Hatte Sonnendieb seither gewonnen, oder war das anhaltende Schweigen der Mademoiselle nur ein Zeichen dafur, dass sie alle Energien brauchte, um den Krieg fortzusetzen? Nagorny war wahnsinnig geworden, sobald sich Sonnendieb in seinem Kopf eingenistet hatte. Stand Khouri dieses Schicksal noch bevor, oder wollte sich Sonnendieb in ihrem Kopf nicht ganz so breit machen? Vielleicht — ein beunruhigender Gedanke — hatte er aus seinen Fehlern bei Nagorny gelernt. Und wie viel von alledem wurde Sajaki wissen, wenn der Trawl abgeschlossen war?

Er hatte sie aus ihrer Kabine geholt; Hegazi hatte er zur Verstarkung mitgebracht. Der andere Triumvir war bald gegangen, aber selbst wenn Sajaki allein gekommen ware, hatte Khouri nicht an Widerstand gedacht. Volyova hatte sie gewarnt, Sajaki sei starker, als er aussehe. Khouri war im Nahkampf erfahren, aber sie zweifelte nicht daran, dass ihr Sajaki im Ernstfall uberlegen ware.

Im Trawl-Raum herrschte die Atmosphare einer Folterkammer. Hier hatten sich grauenvolle Szenen abgespielt — das mochte seit Jahrzehnten vorbei sein, aber die Erinnerung daran lie? sich nicht ausloschen. Die Trawl-Anlage war eine Antiquitat, die klobigste, monstroseste Maschine, die Khouri bisher auf diesem Schiff gesehen hatte. Vermutlich hatte man sie etwas modernisiert, so dass sie grundlicher arbeitete als das ursprungliche Gerat, aber den hochentwickelten Trawls, die der Nachrichtendienst ihrer Seite auf Sky’s Edge besessen hatte, konnten sie sicher nicht das Wasser reichen. Sajakis Trawl hinterlie? Schaden in der Neuralstruktur, er wutete im Gehirn wie ein hektischer Einbrecher. Die Mordinstrumente, die Cal Sylveste bei den Achtzig eingesetzt hatten, waren — wenn uberhaupt — kaum primitiver gewesen.

Jetzt gab es kein Entrinnen mehr. Ihre Implantate gaben bereits die ersten Geheimnisse preis… er entschlusselte ihre Strukturen, las die Daten ab. Wenn er damit fertig war, wurde er den Trawl auf die Kortexstrukturen richten, um neuronale Verbindungsstrange aus ihrem Schadel zu losen. Khouri hatte von Bekannten beim Nachrichtendienst viel uber die Technik des Trawlens erfahren. In diese Topologien waren Langzeiterinnerungen und Charakterzuge eingebettet, so eng verflochten, dass sie nur schwer zu trennen waren. Dennoch, Sajakis Anlage mochte nicht die beste sein, aber vermutlich verfugte er uber ausgezeichnete Algorithmen, die auch schwache Erinnerungsspuren ausfilterten. Man hatte uber die Jahrhunderte mit statistischen Modellen alle Muster der Erinnerungsspeicherung in zehn Milliarden menschlicher Gehirne studiert und die Strukturen mit den jeweils gemachten Erfahrungen abgeglichen. Bestimmte Eindrucke schlugen sich immer wieder in ahnlichen Neuralstrukturen nieder, so genannten internen Qualia, den Grundbausteinen, aus denen sich komplexere Erinnerungen zusammensetzten. Diese Qualia waren mit ganz wenigen Ausnahmen von Bewusstsein zu Bewusstsein verschieden, aber die Unterschiede in der Codierung waren nicht gravierend, denn die Natur wich niemals allzu weit von dem Losungsweg mit dem geringsten Energieverbrauch ab. Mit den statistischen Modellen lie?en sich nicht nur diese Qualia-Muster zuverlassig identifizieren, sondern auch die Verbindungen zwischen ihnen abbilden, die die Bausteine zu Erinnerungen zusammenschmiedeten. Sajaki brauchte also nur genugend Qualia- Strukturen zu identifizieren und genugend hierarchische Verbindungen zwischen ihnen abzubilden. Wenn er dann seine Algorithmen darauf ansetzte, gab es im Grunde nichts, was er nicht uber sie erfahren konnte. Er konnte nach Belieben in ihren Erinnerungen wuhlen.

Das Gerat gab Alarm. Sajaki schaute auf eines der Displays. Khouris Implantate waren glutrot geworden; das Rot griff bereits auf umliegende Gehirnzonen uber.

»Was ist los?«, fragte sie.

»Induktionswarme«, sagte Sajaki gleichmutig. »Ihre Implantate sind ein wenig hei? geworden.«

»Sollten Sie dann nicht aufhoren?«

»O nein, noch nicht. Volyova hat sie sicher gegen elektromagnetische Impulse geschutzt. Da richtet eine kleine thermische Uberlastung keine irreparablen Schaden an.«

»Aber ich habe Kopfschmerzen… ich glaube nicht, dass das normal ist.«

»Das halten Sie spielend durch, Khouri.«

Die pochenden Migraneschmerzen waren ganz plotzlich auf getreten, aber jetzt waren sie so unertraglich, als stecke ihr Kopf in einem Schraubstock und Sajaki drehe ihn immer fester zu. Der Hitzestau in ihrem Schadel musste sehr viel schlimmer sein, als auf den Scans zu sehen war. Sajaki — der vermutlich nur sehr selten um das Wohl seiner Klienten besorgt war — hatte die Displays zweifellos so eingestellt, dass sie todliche Gehirntemperaturen erst anzeigten, wenn es bereits viel zu spat war…

»Nein, Yuuji-san. Das halt sie nicht durch. Sie mussen Sie sofort da rausholen.«

Ein Wunder — Volyovas Stimme. Sajaki schaute zur Tur. Er musste seine Kollegin schon lange vor Khouri bemerkt haben, aber er sah sie nur blasiert an und fragte gelangweilt: »Was ist los, Ilia?«

»Sie wissen ganz genau, was los ist. Brechen Sie den Trawl ab, sonst bringen Sie sie noch um!« Volyova trat jetzt in Khouris Blickfeld. Sie sprach in gebieterischem Tonfall, aber Khouri sah, dass sie unbewaffnet war.

»Noch habe ich nichts Brauchbares erfahren«, sagte Sajaki. »Ein paar Minuten noch…«

»In ein paar Minuten ist sie tot.« Pragmatisch, wie sie nun einmal war, fugte sie hinzu: »Und ihre Implantate sind irreparabel zerstort.«

Vielleicht lie? sich Sajaki von dieser Drohung mehr beeindrucken. Jedenfalls veranderte er die Einstellung um eine Winzigkeit und das Rot verblasste zu einem weniger bedrohlichen Rosa. »Ich dachte, die Implantate waren ausreichend gehartet.«

»Es sind nur Prototypen, Yuuji-san.« Volyova trat an die Displays heran und sah sich die Werte an. »O nein… Sajaki, Sie sind ein Dummkopf. Ein verdammter Narr. Ich konnte schworen, dass Sie sie bereits beschadigt haben.« Es klang, als rede sie mit sich selbst.

Sajaki wartete schweigend. Khouri furchtete schon, er wurde plotzlich ausholen und Volyova mit einem einzigen Hieb toten. Doch dann verfinsterte sich seine Miene, und er stellte die Schalter auf ›Aus‹. Als die Displays

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