Einschatzung dachte ich, dass sie sich einen Schnupfen holen wurde, der die Ausbreitung deutlich verlangsamte.«
»Davon sehen wir gar nichts«, bemerkte Calvin.
»Aber was sie sagt, leuchtet ein«, gab Khouri zuruck. Sylveste merkte, dass er sie so wutend anstarrte, als wolle er ihr die Existenzberechtigung absprechen.
»Was sehen Sie denn?«, fragte Volyova. »Sie werden verstehen, dass ich ziemlich neugierig bin.«
»Wir haben die Zufuhr unterbrochen«, sagte Calvin. »Deshalb hat sich das Wachstum zunachst stabilisiert. Aber als wir dem Captain das Gegenmittel gaben, beschleunigte sich seine Ausbreitung. Es war, als wurde die Masse des Gegenmittels schneller in seine Matrix integriert als das Schiffssubstrat.«
»Aber das ist doch lacherlich«, sagte Volyova. »Das Schiff wehrt sich nicht einmal gegen die Seuche. Wenn er sich tatsachlich schneller ausbreitet… wurde das doch bedeuten, dass das Gegenmittel in ihn ubergeht; dass es sich umwandelt, bevor die Seuche es zerstoren kann.«
»Wie Frontsoldaten, die schon desertieren, bevor sie die Feindpropaganda gehort haben«, sagte Khouri.
Volyova nickte. »Ganz genau«, sagte sie, und Sylveste spurte zum ersten Mal etwas zwischen den beiden Frauen, das verdachtig nach gegenseitigem Respekt roch. »Aber das ist einfach nicht moglich. Dazu musste die Seuche die Replikationsprogramme so vollig muhelos ubernommen haben, als ob die nur darauf gewartet hatten. Ich sage Ihnen, das kann nicht sein.«
»Dann versuchen Sie es doch selbst.«
»Nein, danke. Nicht, dass ich Ihnen nicht glauben wurde, aber Sie mussen auch mich verstehen. Aus meiner Sicht — und ich habe das verdammte Ding entwickelt — ergibt das einfach keinen Sinn.«
»Eine Erklarung gibt es«, sagte Calvin.
»Namlich?«
»Konnte Sabotage im Spiel sein? Wie ich Ihnen bereits sagte, sind wir der Ansicht, dass jemand den Erfolg dieser Operation nicht wunscht. Sie wissen schon, wen ich meine.« Er war vorsichtig geworden, wollte in Khouris Gegenwart oder im Erfassungsbereich von Sajakis Abhorsystemen nicht zu viel preisgeben. »Konnte sich jemand an Ihrem Gegenmittel zu schaffen gemacht haben?«
»Daruber muss ich nachdenken«, sagte sie.
Sylveste hatte nicht das ganze Flaschchen verbraucht, das Volyova ihm gegeben hatte, deshalb konnte er die Molekularstruktur dieser Probe und der anderen Kulturen untersuchen, die noch in ihrem Labor waren. Er verwendete die gleichen Instrumente, mit denen sie Khouris Splitter analysiert hatte. Als sie die Probe mit den Laborkulturen verglich, ergab sich Identitat im Rahmen der Messgenauigkeit. Die Probe, die Calvin dem Captain verabreicht hatte, war genau so, wie Volyova es vorgesehen hatte, bis hinunter zur kleinsten chemischen Bindung zwischen den unbedeutendsten Atomen in der kleinsten und unwichtigsten Molekularkomponente.
Volyova verglich die Struktur des Gegenmittels mit ihren Aufzeichnungen und stellte fest, dass sie nicht von dem Entwurf abwich, den sie viele subjektive Jahre lang im Kopf gehabt hatte. Alles war genau so, wie sie es geplant hatte. Niemand hatte sich an ihrem Virus zu schaffen gemacht. Niemand hatte ihm die Zahne gezogen. So viel zu Calvins Sabotagetheorie. Sie atmete auf — sie hatte nicht glauben wollen, dass Sajaki tatsachlich den ganzen Prozess behinderte; die Vorstellung, er konnte die Krankheit des Captains bewusst verlangern, war zu grasslich, sie war froh, dass sie sich nach der Untersuchung des Gegenmittels die ganze Idee mit Fug und Recht aus dem Kopf schlagen konnte. Naturlich traute sie Sajaki immer noch nicht uber den Weg; aber wenigstens sprach nichts dafur, dass er sich in ein Ungeheuer verwandelt hatte.
Aber es gab noch eine andere Moglichkeit.
Volyova verlie? das Labor und kehrte zum Captain zuruck. Sie verwunschte sich selbst. Warum hatte sie nicht fruher daran gedacht? Den Weg hatte sie sich sparen konnen. Sylveste fragte, was sie jetzt vorhabe. Sie sah ihn lange an. Dann sagte sie, ja, es gebe eine Verbindung zu Lascailles Schleier; davon sei sie jetzt uberzeugt. Die Frage sei nur: Hatte sich die Mademoiselle einfach rachen wollen — fur seine Feigheit, seinen Verrat, was immer es war, was sie im Grenzbereich vor dem Schleier fast das Leben gekostet hatte? Oder ging es noch weiter, bestand womoglich ein Zusammenhang mit den Aliens; den uralten, misstrauischen Intelligenzen, die Lascaille bei seinem eigenen Flug gespurt hatte? Hatte man es mit menschlicher Gehassigkeit zu tun oder mit Zwangen, die so uralt und fremdartig waren wie die Schleierweber selbst? Sie hatte eine Menge mit Sylveste zu besprechen — aber das wollte sie im Schutz des Spinnenraums tun.
»Ich brauche noch eine Probe«, sagte sie. »Vom Rand der Infektion, wo sie das Gegenmittel aufbrachten.« Sie zog ihre Laserkurette heraus, nahm rasch die lichtgesteuerten Schnitte vor und lie? die Probe — sie fuhlte sich an wie eine Metallkruste — in einen wartenden Autoklaven fallen.
»Was ist mit dem Gegenmittel? Wurde es manipuliert?«
»Es wurde nicht angeruhrt«, sagte sie. Dann drehte sie die Spitze der Kurette nach unten und kratzte in winzigen Lettern gleich vor der ausufernden Wucherung des Captains eine Botschaft in das Schiffsmaterial. Lange bevor Sajaki die Chance bekam, sie zu lesen, wurde sich der Captain daruber ergie?en wie eine Flutwelle.
»Was machen Sie da?«, fragte Sylveste.
Doch bevor er noch weiter fragen konnte, war sie schon fort.
»Sie hatten Recht«, sagte Volyova. Sie hatten die
»Was soll das hei?en?«, fragte Sylveste. Er war wider Willen von der Existenz des Spinnenraums beeindruckt. »Ich dachte, Sie hatten das Retrovirus mit den fruheren Kulturen verglichen, die bei kleinen Proben verseuchten Gewebes gewirkt hatten?«
»Das habe ich getan und — wie gesagt — es gab keinen Unterschied. Damit blieb nur noch eine Moglichkeit.«
Schweigen hing in der Luft, bis schlie?lich Pascale Sylveste das Wort ergriff. »Er — es — wurde geimpft. So muss es gewesen sein, nicht wahr? Jemand hat eine Kultur Ihres Retrovirus gestohlen und es so abgeschwacht, dass seine todliche Wirkung, die Replikationsfreudigkeit beseitigt wurden — um es dann der Schmelzseuche auszusetzen.«
»Das ist die einzige Erklarung«, sagte Volyova.
Khouri sah Sylveste an. »Und Sie glauben, das war Sajaki?«, fragte sie.
Er nickte. »Calvin hatte praktisch vorhergesagt, dass Sajaki versuchen wurde, die Operation zum Scheitern zu bringen.«
»Ich kann nicht ganz folgen«, sagte Khouri. »Sie sagten, der Captain sei geimpft worden — ist das denn nicht gut?«
»Nicht in diesem Fall — eigentlich wurde auch nicht der Captain geimpft, sondern die Seuche, die ihn beherrscht.« Volyova hatte das Wort ergriffen. »Wir haben immer gewusst, dass die Schmelzseuche hyperadaptiv ist. Das war von jeher das Problem — jede Molekularwaffe, die wir ihr entgegenwerfen, macht sie sich Untertan, unterdruckt sie und wandelt sie in einer Generaloffensive um. Aber diesmal hatte ich gehofft, ihr einen Schritt voraus zu sein. Das Retrovirus war au?ergewohnlich stark — es hatte die Chance, die normalen Angriffsmechanismen der Seuche zu umgehen. Stattdessen ermoglichte man es der Seuche, sich heimlich ein Bild von ihrem Feind zu machen, bevor sie sich aktiv mit ihm auseinander setzen musste. Sie bekam die Chance, das Gegenmittel zu zerlegen und kennen zu lernen,
»Wer hatte das tun konnen?«, fragte Khouri. »Ich dachte, Sie seien der Einzige auf diesem Schiff, der zu so etwas fahig ware.«
Sylveste nickte. »Ich glaube zwar immer noch, dass Sajaki versucht, die Operation zu sabotieren, aber dieses Vorgehen tragt nicht seine Handschrift.«
»Das denke ich auch«, sagt Volyova. »Dazu fehlen ihm einfach die notigen Fachkenntnisse.«
»Was ist mit dem anderen Mann?«, fragte Pascale. »Dem Chimaren?«
»Hegazi?« Volyova schuttelte den Kopf. »Den konnen Sie getrost vergessen. Er wurde vielleicht Schwierigkeiten machen, wenn sich einer von uns gegen das Triumvirat stellte, aber fur solche Dinge fehlt ihm
