»Nein, nein«, beteuerte Sylveste hastig. »Keineswegs. Aber alle unsere Therapien haben versagt, und das Mittel, in das wir unsere gro?te Hoffnung setzten, hat letzten Endes mehr geschadet als genutzt.«
»Das Mittel, in das Sie Ihre gro?te Hoffnung setzten?«, wiederholte Hegazi. Seine Stimme hallte von den Wanden wider.
»Ilia Volyovas Retrovirus.« Sylveste wusste, dass er jetzt sehr vorsichtig sein musste; Sajaki durfte nicht merken, dass man ihm auf die Schliche gekommen war. »Aus welchem Grund auch immer, es hat nicht so gewirkt, wie sie dachte. Das ist nicht Volyovas Schuld — woher sollte sie wissen, wie die Gesamtmasse insgesamt reagieren wurde, wenn sie nur mit kleinen Proben arbeiten konnte?«
»Das ist die Frage«, sagte Sajaki knapp, und plotzlich uberfiel Sylveste ein todlicher Hass auf diesen Mann. Zugleich war ihm klar, dass Sajaki jemand war, mit dem er zusammenarbeiten konnte, und dass nichts, was hier geschehen war, auch nicht sein Abscheu vor dem Triumvir, ihn vom Sturm auf Cerberus abhalten wurde. So war es sogar sehr viel besser. Seit Sylveste Gewissheit hatte, dass Sajaki die Heilung des Captains gar nicht wunschte — ganz im Gegenteil —, konnte er dem bevorstehenden Angriff seine volle Aufmerksamkeit widmen. Vielleicht musste er Calvin noch so lange in seinem Kopf dulden, bis die Farce endgultig zu Ende gespielt war, aber das war kein zu hoher Preis, dem fuhlte er sich gewachsen. Inzwischen war ihm Calvins Prasenz sogar willkommen. Wenn so viel geschah und verarbeitet werden musste, war ein zweites Bewusstsein, ein Schmarotzer, der seinem Denken Strukturen entnahm und daraus Schlusse zog, nicht zu verachten.
»Er ist ein verlogener Dreckskerl«, flusterte Calvin. »Ganz geheuer war er mir noch nie, aber jetzt wei? ich genau, woran ich mit ihm bin. Ich wunsche ihm, dass die Seuche das Schiff bis auf das letzte Atom auffrisst und ihn gleich mitnimmt. Er hat es nicht besser verdient.«
Sylveste wandte sich an Sajaki. »Das hei?t nicht, dass wir die Hoffnung aufgegeben hatten. Wenn Sie gestatten, werden Cal und ich weiter versuchen…«
»Tun Sie, was Sie konnen«, sagte Sajaki.
»Sie lassen sie weitermachen?«, fragte Hegazi. »Nach allem, was sie ihm beinahe angetan hatten?«
»Haben Sie etwas dagegen?«, fragte Sylveste. Die Rollen waren festgelegt wie in einem Drama und ebenso fest stand auch der Ausgang. »Wer kein Risiko eingeht…«
»Sylveste hat Recht«, sagte Sajaki. »Selbst beim harmlosesten Eingriff kann niemand vorhersagen, wie der Captain darauf reagiert. Die Seuche ist wie ein lebendes Wesen — sie folgt nicht unbedingt den Gesetzen der Logik, folglich ist alles, was wir tun, mit gewissen Risiken behaftet. Selbst wenn wir das Seuchengewebe nur mit einem scheinbar harmlosen Magnetfeld beruhrten, konnte es das zum Anlass nehmen, eine neue Wachstumsphase einzuleiten, oder aber es konnte binnen weniger Sekunden zu Staub zerfallen. Der Captain wurde wohl keines der beiden Szenarien uberleben.«
»Wenn das so ist«, sagte Hegazi, »konnen wir auch gleich aufgeben.«
»Nein«, sagte Sajaki so ruhig, dass Sylveste schon fur Hegazis Wohlergehen furchtete. »Aufzugeben brauchen wir nicht. Wir brauchen nur ein neues Paradigma — wir mussen uber einen chirurgischen Eingriff hinaus denken. Wir haben den besten Cybernetiker seit den Zeiten des Transrationalismus unter uns und niemand versteht mehr von Molekularwaffen als Ilia Volyova. Die medizinischen Einrichtungen an Bord dieses Schiffes gehoren zum Modernsten, was es gibt. Und doch sind wir gescheitert; aus dem einfachen Grund, weil wir es mit einem starkeren, schnelleren und anpassungsfahigeren Erreger zu tun haben, als wir uns vorstellen konnen. Was wir immer schon vermutet haben, trifft zu: die Schmelzseuche wurde von einer fremden Spezies entwickelt. Und deshalb wird sie uns immer schlagen. Allerdings nur, wenn wir sie weiterhin mit unseren anstatt mit ihren eigenen Mitteln bekampfen.«
Und damit, dachte Sylveste, war das Drama wie von selbst bei seinem ungeschriebenen Epilog angekommen.
»An was fur ein neues Paradigma hatten Sie denn gedacht?«
»Darauf gibt es logischerweise nur eine Antwort«, stellte Sajaki fest, als sei das eine Selbstverstandlichkeit. »Die einzig wirksame Medizin gegen eine Alien-Krankheit ware eine Alien-Medizin. Und nach einer solchen Medizin mussen wir suchen, ohne Rucksicht darauf, wie lange es dauert und wie weit wir reisen mussen.«
»Eine Alien-Medizin.« Hegazi lie? sich die Worte formlich auf der Zunge zergehen. Vielleicht vermutete er, sie in Zukunft ziemlich oft horen zu mussen. »Und bei welchen Aliens wollten Sie danach suchen?«
»Wir versuchen es zuerst bei den Musterschiebern«, murmelte Sajaki so zerstreut, als teste er im Selbstgesprach verschiedene Moglichkeiten. »Wenn sie nicht helfen konnen, sehen wir weiter.« Unvermittelt nahm er Sylveste wieder ins Visier. »Der Captain und ich, wir haben sie namlich auch einmal besucht. Sie sind nicht der Einzige, der vom Wasser ihres Ozeans gekostet hat.«
»Wir sollten keine Sekunde langer in der Gesellschaft dieses Irren verweilen als unbedingt notig«, sagte Calvin, und Sylveste nickte stumm.
Volyova sah zum sechsten oder siebten Mal auf ihr Armband, aber die Anzeige hatte sich in der letzten Stunde kaum verandert. Sie sagte ihr nur, was sie bereits wusste: die schicksalhafte Vereinigung von Bruckenkopf und Cerberus war nur noch knapp einen halben Tag entfernt, und es sah nicht danach aus, als wolle jemand Einwande erheben oder gar den Versuch unternehmen, die Hochzeit zu verhindern.
»Auch wenn du alle zwei Sekunden auf das Display schaust, es nutzt alles nichts«, sagte Khouri, die mit Volyova und Pascale im Spinnenraum geblieben war. Sie hatten die letzten Stunden fast ausschlie?lich au?erhalb des Rumpfs verbracht und waren nur ins Innere zuruckgekehrt, um Sylveste zu den anderen Triumvirn zu bringen. Sajaki hatte nicht nach Volyova gefragt: wahrscheinlich glaubte er sie in ihrer Kabine damit beschaftigt, ihrer Angriffsstrategie den letzten Schliff zu geben. In ein bis zwei Stunden kam sie freilich nicht mehr umhin, sich sehen zu lassen, wenn sie keinen Verdacht erregen wollte. Bald danach musste sie beginnen, mit einzelnen Weltraumgeschutzen den Punkt auf Cerberus zu beschie?en, wo der Bruckenkopf aufsetzen sollte. Als sie — diesmal unwillkurlich — wieder auf das Armband schaute, fragte Khouri: »Worauf wartest du eigentlich?«
»Darauf, dass die Waffe etwas Unerwartetes tut — am besten ware ein Totalausfall.«
»Dann willst du in Wirklichkeit gar nicht, dass das Manover gluckt?«, fragte Pascale. »Vor ein paar Tagen hast du dich noch darauf gefreut wie auf die schonste Stunde deines Lebens. Was fur eine Wende.«
»Damals wusste ich noch nicht, wer die Mademoiselle war. Hatte ich das fruher geahnt…« Volyova fehlten die Worte. Jetzt war naturlich klar, dass der Einsatz der Waffe ein geradezu selbstmorderischer Akt war — aber was hatte es geandert, wenn sie fruher Bescheid gewusst hatte? Hatte sie die Waffe womoglich trotzdem entwickelt, nur weil sie dazu imstande war; nur weil die Losung so elegant war und sie ihren Mitmenschen zeigen wollte, was fur legendare Gebilde — wahre byzantinische Kriegsmaschinen — sie ersinnen konnte? Eine widerliche Vorstellung, die aber — auf ihre Weise — vollkommen einleuchtend war. Sie hatte den Bruckenkopf geschaffen und gehofft, spater verhindern zu konnen, dass er seine Aufgabe erfullte. Kurzum, sie ware in die gleiche Situation gekommen, in der sie jetzt war.
Der Bruckenkopf. — die umgestaltete
Und deshalb war sie jetzt sprachlos vor Angst. Sylveste war aus intellektueller Eitelkeit so weit gegangen — vielleicht auch noch aus anderen Grunden —, aber sie war von dieser Schwache nicht frei, sie war blind dem gleichen Trieb gefolgt. Jetzt wunschte sie, sie hatte das Projekt nicht so ernst genommen; hatte den Bruckenkopf so konstruiert, dass sein Erfolg weniger wahrscheinlich war. Wenn sie sich vorstellte, was geschehen wurde, wenn ihr Kind sie
»Hatte ich gewusst…«, sagte sie endlich. »Ich wei? nicht. Aber ich hatte keine Ahnung, also spielt es keine Rolle.«
»Warum hast du nicht auf mich gehort?«, sagte Khouri. »Ich hatte dich beschworen, diesem Wahnsinn ein Ende zu machen. Aber mein Wort genugte dir nicht, du musstest es auf die Spitze treiben.«
»Ich konnte Sajaki wohl kaum etwas von deiner Vision aus dem Leitstand erzahlen. Er hatte uns beide
