getotet, davon bin ich uberzeugt.« Allerdings lie? sich eine Auseinandersetzung mit Sajaki moglicherweise doch nicht mehr umgehen — vom Spinnenraum aus hatten sie nur begrenzte Moglichkeiten und die genugten vielleicht schon bald nicht mehr.
»Wenigstens hattest du mir vertrauen konnen«, sagte Khouri.
Unter anderen Umstanden, dachte Volyova, hatte sie Khouri in diesem Moment geschlagen. Doch jetzt antwortete sie nur nachsichtig: »Wie kannst du mir mangelndes Vertrauen vorwerfen? Wer hat sich denn mit Luge und Betrug auf mein Schiff geschlichen?«
»Was blieb mir denn anderes ubrig? Die Mademoiselle hatte meinen Mann.«
»Wirklich?« Volyova beugte sich vor. »Bist du dir da auch ganz sicher, Khouri? Ich meine, hast du ihn je gesehen oder war das nur eins von den vielen kleinen Spielchen der Mademoiselle? Erinnerungen lassen sich so leicht einpflanzen!«
Khouris Stimme war so leise geworden, als sei nie ein zorniges Wort zwischen ihnen gefallen. »Was willst du damit sagen?«
»Es konnte doch sein, dass er es nicht geschafft hat, Khouri. Hast du daran schon einmal gedacht? Vielleicht hat er Yellowstone nie verlassen; vielleicht war es wirklich so, wie du immer dachtest?«
Pascale ging dazwischen. »Hort bitte auf zu streiten! Wenn uns hier wirklich eine Katastrophe ins Haus steht, sollten wir wenigstens untereinander einig sein. Und falls es eurer Aufmerksamkeit entgangen sein sollte, ich bin die einzige Person auf diesem Schiff, die gar nicht gefragt wurde, ob sie an Bord kommen wollte.«
»Pech fur dich«, sagte Khouri.
Pascale funkelte sie an. »Vielleicht habe ich eben nicht die ganze Wahrheit gesagt. Etwas liegt mir namlich schon am Herzen. Auch ich habe einen Mann, und ich will nicht, dass er sich — oder anderen — Schaden zufugt, nur weil er sich unbedingt etwas in den Kopf gesetzt hat. Und deshalb brauche ich euch — alle beide, denn ihr scheint hier die Einzigen zu sein, die so denken wie ich.«
»Und was denkst du?«, fragte Volyova.
»Dass das alles nicht zusammenpasst«, sagte sie. »Das denke ich, seit du diesen Namen erwahnt hast.«
Volyova brauchte nicht zu fragen, welchen Namen sie meinte. »Du hast reagiert, als wurdest du ihn kennen.«
»Das stimmt — wir kennen ihn beide. Sonnendieb ist ein Amarantin-Wort, ein Name fur einen Gott, eine Gestalt aus der Mythologie — vielleicht sogar fur eine historische Personlichkeit. Aber Dan war zu verbohrt — vielleicht auch zu erschrocken —, um es zuzugeben.«
Wieder sah Volyova auf ihr Armband, aber die ersehnte Nachricht kam immer noch nicht. Dann horte sie sich Pascales Geschichte an. Sylvestes Frau erzahlte gut; sie verzichtete auf lange Vorreden und Beschreibungen und begnugte sich mit wenigen, sorgsam ausgewahlten Fakten, die Volyova alles vermittelten, was notig war. Die Ereignisse wurden nur mit sparsamen Strichen skizziert. Volyova begriff jetzt, warum gerade Pascale Sylvestes Biografie verfasst hatte. Pascale sprach von den Amarantin, der ausgestorbenen Vogelrasse, die auf Resurgam gelebt hatte. Die Crew hatte durch Sylveste inzwischen genug daruber erfahren, um die Geschichte in den richtigen Zusammenhang stellen zu konnen, dennoch war Volyova erschuttert, eine Verbindung zu diesen Amarantin zu entdecken. Es hatte sie schon hart genug getroffen, dass ihre Probleme irgendwie mit den Schleierwebern zu tun haben konnten. Dabei war dort der Zusammenhang von Ursache und Wirkung klar erkennbar. Aber wie passten die Amarantin hinein? Wie kam es zu dieser Verbindung zwischen zwei so radikal verschiedenen Spezies, die beide seit langem aus der Galaxis verschwunden waren? Selbst im Zeitrahmen gab es radikale Widerspruche: nach allem, was Lascaille Sylveste erzahlt hatte, waren die Schleierweber — vielleicht weil sie sich in ihre umstrukturierte Raumzeit-Sphare zuruckgezogen hatten — Millionen Jahre vor dem Auftauchen der Amarantin verschwunden und hatten alle technischen Gerate und Verfahren mitgenommen, die weniger hoch entwickelten Arten nicht in die Hande fallen sollten. Gerade dieser Hort an verbotenem Wissen hatte Sylveste und Lefevre ja uberhaupt in den Grenzbereich vor dem Schleier gelockt. Die Schleierweber waren vom Aussehen her die fremdartigsten Geschopfe, die je ein Mensch gesehen hatte — gepanzerte Ungetume mit vielen Gliedma?en, wie aus einem Albtraum entsprungen. Die Amarantin mit ihren vogelartigen Vorfahren und ihren vier Gliedma?en, davon zwei Beinen, hatten bei weitem nicht diese erschreckende Fremdartigkeit.
Sonnendieb war das Bindeglied zwischen den beiden. Das Schiff hatte Resurgam nie zuvor angeflogen; nie zuvor war jemand an Bord gewesen, von dem man wusste, dass er in irgendeiner Weise mit den Amarantin zu tun gehabt hatte — und doch war Sonnendieb seit vielen subjektiven Jahren und mehreren Jahrzehnten Planetenzeit ein fester Bestandteil von Volyovas Leben. Die Losung des Ratsels war naturlich Sylveste — aber Volyova konnte nach wie vor keinen logischen Zusammenhang erkennen.
Wahrend Pascale weitererzahlte, eilte ihr Volyova in Gedanken voraus und versuchte, das Geschehen in irgendeine Ordnung zu bringen. Pascale sprach von der vergrabenen Stadt, einer riesigen Amarantin-Statte, die wahrend Sylvestes Gefangenschaft entdeckt worden war, und von ihrem Wahrzeichen, einem riesigen Turm. An der Spitze dieses Turms thronte ein Wesen, das kein richtiger Amarantin war, sondern eher der Vorstellung der Amarantin von einem Engel entsprach — nur dass der Schopfer dieses Engels peinlich genau darauf geachtet hatte, die anatomischen Grenzen zu respektieren. Dieser Engel sah fast so aus, als konne er wirklich fliegen.
»Und das war Sonnendieb?«, fragte Khouri ehrfurchtig.
»Ich wei? es nicht«, sagte Pascale. »Der ursprungliche Sonnendieb war nur ein gewohnlicher Amarantin, der eine Schar von Abtrunnigen um sich sammelte — und mit ihnen einen eigenen Stamm grundete, wenn man so will. Wir halten diese Renegaten fur Forscher, die das Wesen der Welt zu ergrunden suchten und die Mythen in Frage stellten. Dan vertritt die Theorie, dass Sonnendieb sich fur Optik interessierte und Spiegel und Linsen herstellte, um damit im wahrsten Sinne des Wortes die Sonne zu stehlen. Vielleicht hat er auch Flugversuche gemacht; mit einfachen Flugmaschinen und Gleitern. Was immer es war, es war Ketzerei.«
»Und was hat es mit der Statue auf sich?«
Pascale erzahlte weiter, wie aus den Abtrunnigen die ›Verbannten‹ wurden, die Jahrtausende lang vollkommen von der Bildflache der amarantinischen Geschichte verschwunden waren.
»Darf ich an dieser Stelle eine Vermutung wagen?«, fragte Volyova. »Konnte es sein, dass sich diese Verbannten in eine stille Ecke des Planeten zuruckzogen und eine neue Technologie erfanden?«
»Dan hielt das fur wahrscheinlich. Er dachte, sie hatten nicht Halt gemacht, bis sie so weit waren, Resurgam ganz verlassen zu konnen. Als sie dann eines Tages — nicht lange vor dem
»Und wie wurden die Gotter zu Engeln?«, fragte Khouri.
»Durch Gentechnik«, erklarte Pascale im Brustton der Uberzeugung. »Sie konnten niemals wirklich fliegen, auch nicht mit den Flugeln, die sie sich wachsen lie?en, aber sie hatten die Schwerkraft auf andere Weise bereits uberwunden; sie waren ins All aufgebrochen.«
»Was geschah dann?«
»Viel spater — Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende danach — kehrte Sonnendiebs Volk nach Resurgam zuruck. Das war kurz vor dem Ende. Wir konnen die archaologischen Funde zeitlich nicht differenzieren, die Spanne war zu kurz. Aber es ist fast, als hatten sie es mitgebracht.«
»Was?«, fragte Khouri.
»Das
Als sie durch die Abwasser stapften, die knocheltief im Korridor standen, fragte Khouri: »Gibt es eine Moglichkeit zu verhindern, dass deine Waffe Cerberus erreicht? Ich meine, du hast sie doch noch unter Kontrolle, nicht wahr?«
»Still!«, zischte Volyova. »Jedes Wort, das hier gesprochen wird…« Sie deutete stumm auf die Wande, in denen sie verborgene Abhoreinrichtungen aller Art vermutete; Teile des Uberwachungsnetzes, das Sajaki kontrollierte.
»Konnte vom Rest des Triumvirats abgehort werden. — Na und?« Khouri sprach leise — wozu ein unnotiges Risiko eingehen? —, aber sie lie? sich den Mund nicht verbieten. »Wie die Dinge liegen, mussen wir fruher oder spater offen Widerstand leisten. Im Ubrigen glaube ich nicht, dass Sajakis Uberwachung so umfassend ist, wie du denkst — Sudjic hatte etwas dergleichen erwahnt. Und selbst wenn, ist er im Moment wohl ohnehin mit anderen
