Seite, denn sie flog vom Trojanischen Punkt an, wahrend das Schiff neunzig Grad im Uhrzeigersinn zu ihrer Flugrichtung auf Warteposition entlang der Linie verharrte, die Hades und seinen geheimnisvollen Begleiter verband. Keine der beiden Maschinen befand sich in einer echten Umlaufbahn, aber dank Cerberus’ schwachem Gravitationsfeld konnten die kunstlichen Bahnen mit einem Minimum an Korrekturschub aufrechterhalten werden.

Sajaki und Hegazi standen im rotlichen Schein des Displays neben ihm. Alles war jetzt rot; Hades war so nahe, dass er als scharlachroter Punkt zu erkennen war, und Delta Pavonis tauchte alles, was sich in seinem Orbit bewegte, in ein schwaches rotliches Licht. Und da die Projektionssphare die einzige Lichtquelle im Raum war, sickerte etwas von dieser Rote bis auf die Brucke.

»Wo zum Teufel ist Volyova, diese brezgati Kuh?«, fragte Hegazi. »Ich dachte, sie wollte uns ihre Schreckenskammer in Aktion vorfuhren.«

Hatte die Frau tatsachlich das Unvorstellbare getan? dachte Sylveste. Hatte sie sich tatsachlich entschlossen, den Angriff zu boykottieren, obwohl sie die ganze Sache geplant hatte? Wenn ja, dann hatte er sich schwer in ihr getauscht. Sie hatte ihm ihre Bedenken vorgetragen, die diese Khouri mit ihren Wahnvorstellungen genahrt hatte, aber das konnte sie doch unmoglich alles ernst genommen haben? Gewiss hatte sie nur den Advocatus diaboli gespielt, um die Festigkeit seiner Uberzeugungen zu prufen.

»Hoffen wir, dass es so ist, Sohn«, sagte Calvin.

»Liest du jetzt schon meine Gedanken?«, fragte Sylveste laut. Er hatte vor den anwesenden Triumvirn nichts zu verbergen. »Ein toller Trick, Calvin.«

»Nennen wir es lieber progressive Annaherung an neurale Kongruenz«, sagte die Stimme. »Ein Phanomen, das allen Theorien zufolge zu erwarten war, wenn ich nur lange genug in deinem Kopf bleiben konnte. Eigentlich passiert nichts anderes, als dass ich ein zunehmend realistischeres Modell deiner neuralen Prozesse erstelle. Anfangs musste ich das, was ich ablas, immer mit deinen Reaktionen vergleichen. Inzwischen brauche ich die Reaktionen nicht mehr abzuwarten, ich kann sie schon im Voraus erraten.«

Dann lies das, dachte Sylveste. Und hau ab!

»Wenn du mich loswerden wolltest«, sagte Calvin, »hattest du das schon vor Stunden haben konnen. Aber mir scheint, allmahlich hast du mich ganz gerne da, wo ich jetzt bin.«

»Im Moment schon«, sagte Sylveste. »Aber gewohne dich lieber nicht daran, Calvin. Ich habe namlich nicht vor, dich auf Dauer bei mir einziehen zu lassen.«

»Deine Frau macht mir Sorgen.«

Sylveste sah die Triumvirn an. Plotzlich wollte er nicht mehr, dass seine Halfte des Gesprachs offentlich bekannt wurde, also schaltete er um auf Gedankensprache.

»Mir ebenfalls, aber das geht dich zufallig gar nichts an.«

»Ich habe gesehen, wie sie reagiert hat, als Volyova und Khouri versuchten, sie auf ihre Seite zu ziehen.«

Ja, dachte Sylveste — und wer konnte es ihr verdenken? Es hatte ihn schon schwer genug getroffen, als Volyova den Namen Sonnendieb in die Debatte warf wie eine Wasserbombe. Volyova hatte naturlich nicht wissen konnen, welche Bedeutung der Name fur ihn hatte — und Sylveste hatte einen Moment lang gehofft, seine Frau hatte vergessen, dass und wo sie ihn schon einmal gehort hatte. Aber dafur war Pascale zu intelligent; nicht zuletzt dafur liebte er sie. »Das hei?t noch lange nicht, dass es ihnen gelungen ist, Cal.«

»Freut mich, dass du so sicher bist.«

»Sie wurde nie versuchen, mich aufzuhalten.«

»Das kommt darauf an«, meinte Calvin. »Wenn sie glaubte, du wurdest dich in Gefahr begeben — und wenn sie dich so sehr liebt, wie ich glaube —, dann wurde sie das sehr wohl versuchen, aus Liebe ebenso wie aus sachlichen Grunden. Aus Liebe sogar erst recht. Das hei?t nicht, dass sie dich plotzlich hasste, es wurde ihr auch keine Freude machen, dir deinen Wunsch zu verwehren. Ganz im Gegenteil, ich konnte mir sogar vorstellen, dass sie sehr darunter leiden wurde.«

Sylveste sah wieder zum Display hinuber. Da schwebte Volyovas Bruckenkopf, ein perfekter Konus.

»Wenn du meine Meinung horen willst«, fuhr Calvin nach einer Weile fort, »dann steckt hinter alledem sehr viel mehr, als man auf den ersten Blick erkennt. Wir sollten Vorsicht walten lassen.«

»Das tue ich doch ohnehin.«

»Ich wei?, und ich kann dich auch gut verstehen. Die Aussicht auf eine Gefahr hat an sich schon ihren Reiz; sie ist fast ein Ansporn, immer weiter zu gehen. Das ist es doch, was du empfindest? Jedes Gegenargument, das man vorbringen konnte, wurde deine Entschlossenheit nur noch starken. Denn Wissen macht hungrig, und dieser Hunger ist ubermachtig, auch wenn man wei?, dass die Speise todlich sein konnte.«

»Ich hatte es nicht besser beschreiben konnen«, sagte Sylveste. Er war fur einen Augenblick unsicher geworden. Doch dann wandte er sich an Sajaki und sagte laut: »Wo, zum Teufel, bleibt nur dieses verdammte Weib? Wei? sie denn nicht, wie viel es zu tun gibt?«

»Hier bin ich«, sagte Volyova und betrat, gefolgt von Pascale, die Brucke. Wortlos rief sie zwei Sitze zu sich, die beiden Frauen erhoben sich damit in die Mitte des Raums und steuerten in die Nahe der anderen, wo man das Schauspiel im Innern der Projektionssphare am besten verfolgen konnte.

»Die Schlacht kann beginnen«, sagte Sajaki.

Volyova nahm Verbindung mit dem Geschutzpark auf; zum ersten Mal seit dem Zwischenfall mit dem au?er Kontrolle geratenen Weltraumgeschutz sollte eine der Schreckenswaffen eingesetzt werden.

Die Befurchtung, dass eines der Systeme irgendwann genauso reagieren, sie gewaltsam aus der Kontrollschleife werfen und seine Aktionen selbst steuern konnte, war im Hintergrund immer prasent. Auszuschlie?en war es nicht, aber Volyova war bereit, das Risiko einzugehen. Wenn Khouri die Wahrheit sagte, dann war die Mademoiselle — die das wild gewordene Geschutz gesteuert hatte — inzwischen tot und von Sonnendieb gnadenlos absorbiert worden. Zumindest sie ware also nicht mehr imstande, Volyova die Geschutze abspenstig zu machen.

Volyova wahlte ein halbes Dutzend Geschutze aus, deren Zerstorungspotenzial (nach ihrer Einschatzung) am unteren Ende der Skala angesiedelt war, wo sie die Wirkung der schiffseigenen Bewaffnung erganzten. Die sechs Geschutze erwachten zum Leben und meldeten — morbiderweise mit pulsierenden Totenkopfsymbolen — uber das Armband ihre Einsatzbereitschaft. Dann bewegten sie sich langsam uber das Schienennetz des Geschutzparks, fuhren in die kleine Schleuse, die nach drau?en fuhrte, und bezogen au?erhalb des Rumpfes Stellung. Nun waren sie im Grunde nichts anderes als unverhaltnisma?ig schwer bewaffnete Robotraumschiffe. Die sechs hatten au?er der Grundkonstruktion, die bei allen Vernichtungswaffen der Hollenklasse gleich war, nur wenig gemeinsam. Zwei waren relativistische Gro?projektilwerfer und zeigten deshalb gewisse Ahnlichkeiten, etwa wie verschiedene Prototypen, die von konkurrierenden Planungsteams nach allgemeinen Vorgaben gebaut worden waren. Mit ihren langen Rohren, den komplizierten Leitungssystemen und den krebsgeschwurahnlichen Zusatzgeraten erinnerten sie an antike Feldhaubitzen. Die anderen vier waren ein Gammastrahlen-Laser (um eine Gro?enordnung starker als die schiffseigenen Exemplare), ein Supersymmetrie-Strahler, ein Projektor fur beschleunigte Antimaterie- Impulse und ein Quark-Entfesselungs-Geschutz — wobei die Reihenfolge der Aufzahlung nichts mit ihrer Vernichtungswirkung zu tun hatte. Es war kein Planetenzerstorer vom Kaliber jenes Geschutzes darunter, das sich selbstandig gemacht hatte, aber man hatte sich — oder den Planeten, auf dem man gerade stand — trotzdem nicht gern in ihrem Fadenkreuz gesehen. Man wollte Cerberus ja auch nicht unkontrolliert beschie?en, erinnerte sich Volyova. Man wollte den Planeten nicht zerstoren — man wollte nur eine Offnung schaffen, und das konnte man auch mit subtileren Mitteln erreichen. O ja… Subtilitat.

»Gib mir etwas, womit auch ein Anfanger umgehen kann.« Khouri stand zogernd vor der Ausgabestelle der Waffenkammer. »Aber kein Spielzeug — man sollte einen Feind schon damit aufhalten konnen.«

»Strahlen- oder Projektilwaffe, Madame?«

»Sagen wir, ein schwacher Energiestrahler. Wir wollen nicht, dass Pascale Locher in den Rumpf schie?t.«

»Eine ausgezeichnete Wahl, Madame. Mochte sich Madame vielleicht setzen und ihre Beine entlasten, wahrend ich etwas heraussuche, was den qualifizierten Anspruchen von Madame entspricht?«

»Madame bleibt lieber stehen, wenn du nichts dagegen hast.«

Sie wurde von der Gamma-Personlichkeit der Ausgabestelle bedient, einem trubselig lachelnden

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