Verrat; das ist mir egal. Aber ich werde mich an diesem Wahnsinn nicht beteiligen.« Sie sah Sylveste mit unvermuteter Gehassigkeit an. »Sie kennen meine Grunde, also spielen Sie uns nichts vor.«

»Sie hat Recht, Dan.«

Pascale hatte sich eingeschaltet und zog fur einen Moment alle Aufmerksamkeit auf sich.

»Du wei?t, dass sie die Wahrheit sagt; wir konnen dieses Risiko einfach nicht eingehen, auch wenn du es dir noch so sehr wunschst.«

»Du horst also auch auf diese Khouri«, sagte Sylveste. Aber es uberraschte ihn kaum, dass seine Frau auf Volyovas Seite ubergewechselt war, und er war weniger verbittert als erwartet. Ja, seine Gefuhle waren so hoffnungslos durcheinander, dass er sie sogar dafur bewunderte.

»Sie wei? vieles, was wir nicht wissen«, sagte Pascale.

»Was, zum Teufel, hat Khouri mit alledem zu tun?«, fragte Hegazi gereizt und sah zu Sajaki hinuber. »Sie gehort doch nur zum Fu?volk. Muss sie in diesem Gesprach uberhaupt vorkommen?«

»Leider ja«, entgegnete Volyova. »Alles, was Sie gehort haben, ist wahr. Jetzt weiterzumachen ware der schlimmste Fehler, den wir jemals begangen hatten.«

Sajaki schwenkte seinen Sessel von Hegazi weg und auf Volyova zu.

»Wenn Sie den Angriffsbefehl nicht geben wollen, dann ubertragen Sie wenigstens mir die Kontrolle uber die Geschutze.« Er streckte die Hand aus und bedeutete ihr mit einer Geste, ihm das Armband auszuhandigen.

»Sie tun besser, was er sagt«, mahnte Hegazi. »Sonst konnte es sehr unangenehm fur Sie werden.«

»Daran zweifle ich nicht«, sagte Volyova und streifte sich mit einer raschen Bewegung das Armband ab. »Sie konnen nichts damit anfangen, Sajaki. Die Geschutze gehorchen nur mir und Khouri.«

»Geben Sie mir das Ding.«

»Ich warne Sie. Sie werden es bereuen.«

Trotzdem verweigerte sie es ihm nicht. Sajaki riss es ihr aus der Hand wie einen kostbaren Talisman, betastete es kurz und legte es sich um. Das kleine Display leuchtete wieder auf und fullte sich mit den gleichen Zahlen und Diagrammen, die eben noch an Volyovas Handgelenk geflimmert hatten.

»Hier… Triumvir… Sajaki«, sagte er. Nach jedem Wort fuhr er sich mit der Zunge uber die Lippen. Er schwelgte in seiner neu gewonnenen Macht. »Ich wei? nicht genau, wie man in solchen Situationen protokollarisch richtig verfahrt, du musst mir also helfen. Als Erstes mochte ich, dass die sechs abgesetzten Weltraumgeschutze anfangen…«

Sajaki brach mitten im Satz ab und schaute auf sein Handgelenk hinab. Tiefe Verwunderung malte sich in seinen Zugen und verwandelte sich Augenblicke spater in ebenso tiefes Entsetzen.

»Sie sind doch ein durchtriebenes Stuck«, staunte Hegazi. »Ich dachte mir schon, dass Sie noch ein Ass im Armel hatten, aber ich hatte nie gedacht, dass Sie das so wortlich nahmen.«

»Ich bin eben ein prosaischer Mensch«, versetzte Volyova.

Sajakis Gesicht war schmerzverzerrt. Das Armband hatte sich tief in sein Handgelenk eingeschnitten. Die Haut war aufgerissen und die Hand war blutleer und so bleich wie Wachs. Mit der anderen Hand unternahm er den heldenhaften Versuch, sich das Ding abzurei?en, aber das war aussichtslos, dafur hatte sie gesorgt. Die Schnalle hatte sich inzwischen fest geschlossen, die Polymerketten des eingebetteten Plastikspeichers zogen sich immer enger zusammen und fuhrten eine langsame, schmerzhafte Quetschamputation durch. Als Sajaki sich das Armband umlegte, hatte es seine DNA mit der ihren verglichen und festgestellt, dass sie nicht identisch waren. Aber mit der Kontraktion hatte es erst begonnen, als er versuchte, ihm einen Befehl zu erteilen. Volyova hielt das fur ein Zeichen von Milde ihrerseits.

»Es soll aufhoren«, keuchte er. »Sagen Sie ihm, dass es aufhoren soll… verdammtes Weibsstuck… bitte…«

Nach Volyovas Schatzung hatte er noch zwei Minuten Zeit, ehe die Hand durchtrennt ware; in zwei Minuten ware das Knacken seiner brechenden Knochen im ganzen Raum zu horen, falls es nicht von seinen Schmerzensschreien ubertont wurde.

»Ihre Manieren lassen zu wunschen ubrig«, mahnte sie. »Ist das eine Art und Weise, eine Bitte zu au?ern? Man mochte meinen, dass Sie wenigstens in einem solchen Moment etwas hoflicher sein konnten.«

»Mach ein Ende«, rief Pascale. »Ich flehe dich an, bitte, was immer geschehen ist, es rechtfertigt nicht, dass…«

Volyova wandte sich achselzuckend an Hegazi. »Warum nehmen Sie es ihm nicht ab, Triumvir, bevor die Sache allzu unappetitlich wird? Sie haben sicher die Mittel dazu.«

Hegazi hob eine seiner eisernen Hande und betrachtete sie, wie um sich zu vergewissern, dass sie nicht mehr aus Fleisch bestanden.

»Los!«, kreischte Sajaki. »Runter damit!«

Hegazi schwenkte seinen Sitz neben den seines Kollegen und machte sich ans Werk. Die Prozedur war fur Sajaki noch schmerzhafter als die Quetschung selbst.

Sylveste sagte nichts.

Hegazi loste das Armband ab; als er fertig war, waren seine Metallhande mit Menschenblut befleckt. Die Reste entglitten seinen Fingern und landeten zwanzig Meter tiefer auf dem Boden.

Sajaki hatte nicht zu jammern aufgehort und betrachtete angewidert sein misshandeltes Handgelenk. Es bot einen grasslichen Anblick. Die Hand hing noch fest, aber Knochen und Sehnen lagen frei, und das Blut schoss in dunnen Fontanen heraus und spritzte auf den fernen Boden hinab. Er presste das schmerzende Glied gegen den Unterleib, um den Blutverlust zu stoppen. Dann endlich verstummte er. Nach langem Schweigen hob er sein totenbleiches Gesicht und sah Volyova an.

»Dafur werden Sie mir bu?en«, sagte er. »Das schwore ich.«

In diesem Moment betrat Khouri die Brucke und eroffnete das Feuer.

Einen Plan hatte Khouri naturlich immer gehabt, auch wenn er nicht in allen Einzelheiten durchdacht war. Doch als sie den Raum betrat und die rote Blutkaskade sah, nahm sie nicht erst noch schnell eine ganze Reihe von Anderungen vor, sondern beschloss, so lange auf die Decke zu schie?en, bis alle auf sie aufmerksam geworden waren.

Das ging ziemlich schnell.

Sie hatte sich fur das Plasmagewehr entschieden, auf schwachster Stufe und mit deaktiviertem Schnellfeuermodus, so dass sie fur jeden Impuls den Abzug drucken musste. Der erste Schuss riss einen meterbreiten Krater in die Decke, und scharfkantige, angesengte Plattenteile regneten herab. Um nicht den Schiffsrumpf zu durchlochern, setzte sie den nachsten Schuss etwas weiter links und den ubernachsten etwas weiter rechts. Eins der Trummer krachte in die leuchtende Projektionssphare. Das Hologramm flackerte und verformte sich, dann verfestigte es sich wieder. Nachdem sie auf so radikale Weise ihre Anwesenheit kundgetan hatte, schaltete sie die Waffe ab und hangte sie sich wieder uber die Schulter. Volyova sah den nachsten Schritt offensichtlich voraus und steuerte ihren Sessel auf Khouri zu. Als sie auf knapp funf Meter herangekommen war, warf ihr Khouri einen der leichten Nadelprojektoren zu, die sie aus der Waffenkammer mitgenommen hatte. »Und das ist fur Pascale«, sagte sie und lie? den Strahler folgen. Volyova fing beide Waffen geschickt auf und reichte die kleinere an Pascale weiter.

Inzwischen hatte sich Khouri einen gewissen Uberblick verschafft und festgestellt, dass das Blut — der Regen hatte inzwischen aufgehort — von Sajaki stammte. Er sah elend aus und hielt sich den Arm, als sei er gebrochen oder angeschossen worden.

»Ilia«, sagte Khouri, »ich bin enttauscht. Du hast schon ohne mich angefangen.«

»Unter dem Druck der Ereignisse«, sagte Volyova.

Khouri versuchte, auf dem Display zu erkennen, was au?erhalb des Schiffes geschehen war. »Haben die Geschutze das Feuer eroffnet?«

»Nein; ich habe den Befehl nicht gegeben.«

»Und jetzt kann sie es nicht mehr«, sagte Sylveste. »Hegazi hat soeben ihr Armband zerstort.«

»Hei?t das, er steht auf unserer Seite?«

»Nein«, sagte Volyova. »Er kann nur kein Blut sehen. Schon gar nicht, wenn es von Sajaki stammt.«

»Er braucht Hilfe«, sagte Pascale. »Um Himmels willen, du kannst ihn doch nicht einfach verbluten lassen.«

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