ladierte Handgelenk des Triumvirs. Die Blutung war zum Stillstand gekommen. Die grassliche Wunde war bereits mit einer Membran verschlossen. Von innen drang ein schwacher bernsteingelber Schein durch das Gewebe.

Servomaten eilten ihm aus der Krankenstation entgegen, nahmen ihm die Last ab, legten Sajaki auf eine Liege und untersuchten ihn. Schwanenhalsgleiche Monitoren schwenkten uber das Bett; Neuralsensoren hefteten sich sanft an seine Kopfhaut. Die Wunde erregte offenbar keine gro?ere Besorgnis. Vielleicht hatten die Diagnosesysteme bereits Verbindung mit den Nanomaschinen aufgenommen und erfahren, dass in diesem Stadium kein weiteres Eingreifen erforderlich war. Sylveste fiel auf, dass der Triumvir trotz seiner Schwache das Bewusstsein nicht verloren hatte.

»Wie konnten Sie Volyova so viel Vertrauen schenken?«, grollte er. »Sie hatte viel zu viel Macht, und sie hat alles ruiniert. Das war ein schwerer Fehler, Sajaki.«

Sajakis Flustern war nur ein Hauch. »Wir mussten ihr doch vertrauen, Dummkopf. Sie war eine von uns! Teil des Triumvirats!« Heiser fuhr er fort: »Was wissen Sie uber Khouri?«

»Sie war ein Infiltrator«, sagte Sylveste. »Man hatte sie eingeschleust. Sie sollte mich suchen und toten.«

Damit entlockte er Sajaki nur ein Lacheln. »Das ist alles?«

»Alles, was ich von ihrer Geschichte glaube. Ich wei? nicht, wer sie geschickt hat und warum — aber sie prasentierte eine absurde Rechtfertigung, die Volyova und meine Frau offenbar fur die reine Wahrheit halten.«

»Es ist noch nicht vorbei«, sagte Sajaki. Seine Augen waren weit aufgerissen und gelblich verfarbt. »Was meinen Sie, es ist noch nicht vorbei?«

»Ich wei? es einfach«, sagte Sajaki, dann schloss er die Augen und lie? sich zurucksinken. »Noch ist alles offen.«

Sylveste betrat die Brucke. »Er wird uberleben«, sagte er. Er hatte ganz offensichtlich keine Ahnung, was hier soeben vorgefallen war.

Er sah sich um. Volyova konnte sich seine Verwirrung vorstellen. Oberflachlich betrachtet hatte sich nichts verandert, wahrend er Sajaki auf die Krankenstation brachte — die Waffen befanden sich noch immer in den Handen derselben Personen, aber die Stimmung war eine vollig andere. Zum Beispiel stand Hegazi am falschen Ende von Khouris Nadler, aber er wirkte nicht wie ein Besiegter. Allerdings auch nicht wie ein strahlender Held.

Die Sache liegt nicht mehr in unserer Hand, dachte Volyova. Und Hegazi wei? es.

»Etwas ist schief gegangen, nicht wahr?«, fragte Sylveste. Er hatte inzwischen das Bild von Cerberus auf dem Display bemerkt, die blutende Wunde in der Kruste des Planeten. »Ihre Geschutze haben nun doch das Feuer eroffnet, genau wie wir es wollten.«

»Bedauere.« Volyova schuttelte den Kopf. »Ich hatte damit nichts zu tun.«

»Hor auf sie«, mahnte Pascale. »Was immer hier gespielt wird, wir sollten uns nicht einmischen. Es ist starker als wir, Dan. Auf jeden Fall starker als du — auch wenn du das nur schwer akzeptieren kannst.«

Er sah sie verachtlich an. »Begreifst du immer noch nicht? Genau das wollte Volyova erreichen.«

»Sie sind verruckt«, sagte Volyova.

»So eine Chance bekommen Sie niemals wieder«, sagte Sylveste. »Sie konnen Ihren Planetenzertrummerer in Aktion sehen, nachdem Sie mit Ihrem leider erfolglosen Ruckzieher in letzter Minute Ihr Gewissen beruhigt haben.« Er klatschte in die Hande. »Nein, wirklich — ich bin aufrichtig beeindruckt.«

»Sie werden bald aufrichtig tot sein.«

Sie hasste ihn fur seine Bemerkung, fuhlte sich aber doch irgendwie betroffen. Sie hatte alles getan, was in ihrer Macht stand, um zu verhindern, dass die Waffen ihren Auftrag erfullten — verdammt; sie hatte alles in ihrer Macht Stehende getan, aber es hatte nichts genutzt. Selbst wenn sie dem Schiff nicht befohlen hatte, sie abzusetzen, Sonnendieb hatte sicher eine andere Moglichkeit gefunden, davon war sie uberzeugt. Doch seit der Angriff erfolgt war, spurte sie nur noch Neugier, gepaart mit Fatalismus. Der Bruckenkopf wurde einschlagen wie geplant, es sei denn, sie fande noch einen Weg, ihn aufzuhalten, und sie wusste nicht, was sie noch versuchen sollte. Da es also keine Moglichkeit mehr gab, das Schlimmste zu verhindern, keimte klammheimlich so etwas wie Vorfreude in ihr auf. Verlockend war nicht nur, was die Aktion an neuen Erkenntnissen bringen mochte, sie wollte auch wissen, wie gut ihr Kind die Probe bestand. Wie immer es ausging — wie schrecklich die Folgen auch sein mochten —, dies wurde zwangslaufig das faszinierendste Schauspiel werden, das sie jemals erlebt hatte. Und vielleicht das schrecklichste.

Jetzt konnte sie nur noch warten.

Die Zeit verging weder langsam noch schnell, denn Vorfreude und Angst hielten sich die Waage. Tausend Kilometer uber Cerberus leitete der Bruckenkopf die letzte Bremsphase ein. Die beiden Synthetiker-Triebwerke flammten auf wie zwei Miniatursonnen und verliehen der Landschaft darunter eine messerscharfe Klarheit. Krater und Schluchten zeichneten sich in ihrem gnadenlos grellen Schein so uberdeutlich ab, dass die Kruste fur einen Moment so kunstlich wirkte, wie sie tatsachlich war; als hatten Cerberus’ Schopfer sich zu sehr bemuht, die Verwitterungsspuren uralter Kometeneinschlage zu imitieren.

Auf ihrem Armband sah sie jetzt Bilder der nach unten gerichteten Kameras, die den Bruckenkopf umrahmten.

Alle hundert Meter war ein Kameraring um den vier Kilometer langen Konus gelegt, so dass sich immer einige Kameras uber- und unterhalb der Kruste befanden, wie tief er auch eindrang. Nun konnte sie auch durch die Kruste sehen; die Weltraumgeschutze hatten eine Wunde geschlagen, die noch nicht verheilt war.

Sylveste hatte nicht gelogen.

Darunter verbarg sich ein Schlangennest von riesigen organischen Gebilden. Die Hitze des Einschlags hatte sich verteilt, der schwarze Rauch, der immer noch aus dem Loch quoll, stammte vermutlich eher von brennenden Maschinen als von verkohlter Krustensubstanz. Die schlangenartigen Rohren bewegten sich nicht. Ihre segmentierte, silbrig glanzende Au?enhaut war von schwarzen Flecken und hundert Meter breiten Schrammen gezeichnet, aus denen kleinere Schlangen herausgeschleudert worden waren wie explodierende Eingeweide.

Volyova hatte Cerberus verletzt.

Sie wusste nicht, ob die Wunde todlich war oder nur ein Kratzer, der in wenigen Tagen heilen wurde, jedenfalls hatte sie Schaden angerichtet, und die Erkenntnis lie? sie frosteln. Sie hatte ein fremdes Wesen verwundet…

Und dieses Wesen schlug nun zuruck.

Als der Schlag erfolgte, zuckte sie zusammen. Sie hatte zwar damit gerechnet, aber nur mit dem Verstand. Der Bruckenkopf war noch zwei Kilometer von der Oberflache entfernt — die Halfte seiner eigenen Lange.

Es ging fast zu schnell. Innerhalb eines Lidschlags veranderte sich die Kruste in erschreckender Weise. Um die kilometergro?e Wunde waren mehrere Reihen von konzentrischen grauen Erhebungen entstanden. Sie sahen aus wie steinerne Brandblasen. Bevor Volyova sie noch richtig zur Kenntnis nehmen konnte, explodierten sie auch schon und entlie?en etwas wie blitzende Sporen oder Silberflitter, die wie Schwarme von Gluhwurmchen auf den Bruckenkopf zustrebten. Ob es Antimateriesplitter, winzige Sprengkopfe, Virenkapseln oder kleine Geschutzbatterien waren, konnte sie nicht erkennen. Sie wusste nur, dass sie ihr Geschopf angreifen wollten.

»Jetzt«, flusterte sie. »Jetzt!«

Sie wurde nicht enttauscht. Vielleicht ware es aus irgendeiner Sicht besser gewesen, wenn der Bruckenkopf in diesem Moment zerstort worden ware, aber dann hatte sie nicht so atemlos zusehen konnen, wie er sich mit allem zur Wehr setzte, was sie ihm gegeben hatte. Die Waffen in seiner kreisformigen Randeinfassung reagierten prompt. Sie spurten die Funkchen auf und konnten die meisten mit Laser- und Boserstrahlen abschie?en, bevor sie den Hyperdiamantpanzer erreichten.

Der Bruckenkopf beschleunigte und legte die letzten zweitausend Meter in zwanzig Sekunden zuruck. Um die Wunde in der Kruste bildeten sich immer neue Blasen, die immer neue Flitterschwarme entlie?en. Der Bruckenkopf parierte alle Angriffe. Wo einige der rosa glitzernden Sporen blitzend in den Rumpf eingeschlagen hatten, waren Krater entstanden, aber das konnte die Funktion der Waffe nicht beeintrachtigen. Ihre nadelfeine Spitze bohrte sich genau in der Mitte der Offnung in die Kruste.

Sekunden spater beruhrte die Waffe mit dem breiten Ende die gezackten Wundrander. Der Untergrund bekam Risse, die sich nach allen Seiten ausbreiteten. Immer noch schossen neue Blasen aus dem Boden, aber jetzt in gro?erem Abstand, so als waren die Maschinen unter der Kruste in unmittelbarer Umgebung der Wunde

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