»Nur keine Sorge«, sagte Volyova. »Er ist ein Chimare wie Hegazi — man sieht es nur nicht so deutlich. Die Nanomaschinen in seinem Blut leiten bereits mit Hochstgeschwindigkeit die Reparatur der Zellen ein. Selbst wenn ihm das Armband die Hand abgeschnitten hatte, ware ihm bald eine neue gewachsen. Nicht wahr, Sajaki?«

Er sah sie an. Er wirkte so erschopft, als ginge schon ein neuer Fingernagel uber seine Krafte, von einer Hand ganz zu schweigen. Aber er nickte.

»Trotzdem sollte mich jemand auf die Krankenstation bringen — die Nanomaschinen konnen nicht zaubern; sie haben ihre Grenzen. Und ich kann Ihnen versichern, dass meine Schmerzrezeptoren quicklebendig sind.«

»Er hat Recht«, sagte Hegazi. »Sie sollten die Fahigkeiten der Nanos nicht uberschatzen. Wollen Sie ihn umbringen oder nicht? Entscheiden Sie sich. Ich bringe ihn auf die Krankenstation.«

»Um dabei einen kurzen Abstecher in die Waffenkammer zu machen?« Volyova schuttelte den Kopf. »Nein, vielen herzlichen Dank.«

»Dann lassen Sie mich das ubernehmen«, sagte Sylveste. »Mir konnen Sie so weit trauen, nicht wahr?«

»Ich traue Ihnen nur so weit, wie ich sie pissen konnte, Svinoi«, gab Volyova zuruck. »Andererseits, auch wenn Sie die Waffenkammer fanden, konnten Sie nicht damit umgehen. Und Sajaki ist nicht in der Verfassung, um Ihnen hilfreiche Ratschlage zu geben.«

»Ist das ein Ja?«

»Beeilen Sie sich, Dan.« Volyova hob den Nadler, um ihrem Befehl Nachdruck zu verleihen. Der Finger lag auf dem Abzug. »Wenn Sie in zehn Minuten nicht zuruck sind, schicke ich Ihnen Khouri hinterher.«

Eine Minute spater waren die beiden Manner fort. Sajaki war kaum fahig, ohne Hilfe zu gehen. Sylveste musste ihn stutzen. Khouri war nicht sicher, ob er die Krankenstation erreichen wurde, bevor er das Bewusstsein verlor, aber das kummerte sie nicht weiter.

»Ubrigens«, sagte sie, »brauchst du dir nicht allzu gro?e Sorgen zu machen, dass sich jemand in der Waffenkammer bedient. Als ich hatte, was ich wollte, habe ich die verdammte Anlage zusammengeschossen.«

Volyova uberlegte, dann nickte sie anerkennend.

»Das nenne ich taktische Uberlegung, Khouri.«

»Hatte nichts mit Taktik zu tun. Nur mit der Personlichkeit, die dort das gro?e Wort fuhrte. Ich wollte das miese Stuck einfach brennen sehen.«

»Hei?t das«, fragte Pascale, »wir haben gesiegt? Ich meine, haben wir erreicht, was wir uns vorgenommen hatten?«

»Ich denke schon«, sagte Khouri. »Sajaki ist aus dem Spiel, unser Freund Hegazi will sich bestimmt keinen Arger einhandeln, und es sieht nicht danach aus, als wurde dein Mann sein Versprechen halten und uns alle in die Luft jagen, wenn er nicht kriegt, was er will.«

»Das enttauscht mich sehr«, bemerkte Hegazi.

»Genau wie ich sagte.« Pascale nickte. »Er hat nur geblufft. Ist die Sache damit erledigt? Wir konnen die Geschutze doch immer noch zuruckrufen?« Sie sah Volyova an, und die nickte sofort.

»Naturlich.« Sie griff in ihre Jackentasche, holte ein neues Armband heraus und legte es sich ganz selbstverstandlich an. »Wer ist schon so unvorsichtig, kein Ersatzgerat bei sich zu haben?«

»Du ganz bestimmt nicht, Ilia«, sagte Khouri.

Volyova hielt sich das Armband an den Mund und wiederholte wie ein Mantra eine Befehlssequenz, mit der sie verschiedene Sicherheitsstufen uberspringen konnte. Alles schaute gebannt auf die Sphare. Volyova sagte: »Alle Weltraumgeschutze kehren zum Schiff zuruck; wiederhole: alle Weltraumgeschutze kehren zum Schiff zuruck.«

Aber nichts geschah. Sekunden vergingen, die Zeit, bis der Befehl bei Lichtgeschwindigkeit eintraf, war abgelaufen. Aber die Geschutze reagierten nicht. Nur die schwarzen Totenkopfe auf dem Display wurden rot und begannen in bedrohlicher Regelma?igkeit zu blinken.

»Ilia«, fragte Khouri. »Was hat das zu bedeuten?«

»Sie machen sich scharf und bereiten die Zundung vor«, sagte Volyova ruhig. Sie schien kaum uberrascht. »Gleich wird etwas Schreckliches passieren.«

Achtundzwanzig

Cerberus/Hades,

an der Heliopause von Delta Pavonis

2566

Wieder hatte Volyova die Kontrolle verloren.

Sie musste hilflos zusehen, wie die Weltraumgeschutze das Feuer auf Cerberus eroffneten. Die Strahlenwaffen fanden das Ziel naturlich zuerst und meldeten den Treffer mit einem blaulichwei?en Lichtblitz, der genau an der Stelle der grauen, trockenen Oberflache aufflammte, wo in Kurze der Bruckenkopf aufschlagen sollte. Die relativistischen Projektilwaffen waren kaum langsamer. Nur wenige Sekunden spater trafen auch von ihnen Erfolgsmeldungen ein: Neutronen- und Antimateriegeschosse krachten in die Kruste und erzeugten spektakulare Druckwellen. Volyova schrie immer wieder die Befehle zur Entscharfung in ihr Armband, obwohl sie eigentlich kaum noch Hoffnung hatte, die Waffen beeinflussen zu konnen. Zunachst hatte sie torichterweise gedacht, das Ersatzarmband sei defekt, aber das konnte naturlich nicht der Grund sein, warum sich die Waffen selbstandig gemacht hatten. Sie hatten gezielt gefeuert; und ebenso gezielt hatten sie ihren Befehl missachtet, in den Rumpf des Schiffes zuruckzukehren.

Eine andere Instanz hatte das Steuer ubernommen.

»Was ist los?«, fragte Pascale, ohne wirklich eine vernunftige Antwort zu erwarten.

»Es muss Sonnendieb sein«, sagte Volyova und lie? das Armband endlich in Ruhe. Es gab ohnehin keine Aussicht mehr, die Kontrolle uber die Waffen zuruckzugewinnen. »Khouris Mademoiselle kommt nicht in Frage. Selbst wenn sie noch imstande ware, die Geschutze zu beeinflussen, wurde sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um diese Entwicklung zu verhindern.«

»Ein Teil von ihm muss im Leitstand geblieben sein«, sagte Khouri und brach so plotzlich ab, als bedauere sie die Worte. Nach einer Weile fugte sie hinzu: »Ich meine, wir wussten immer, dass er in den Leitstand eingreifen konnte — nur deshalb konnte er schlie?lich Widerstand leisten, als die Mademoiselle Sylveste mit dem ersten Geschutz toten wollte.«

»Aber mit solcher Prazision?« Volyova schuttelte den Kopf. »Nicht alle meine Befehle an die Weltraumgeschutze gehen uber den Leitstand; ich wusste ja, dass ich das nicht riskieren durfte.«

»Soll das hei?en, dass auch die anderen nicht wirken?«

»Sieht ganz danach aus.«

Auf dem Display war zu sehen, dass die Geschutze nicht mehr feuerten. Sie hatten ihre Energie oder Munition verschossen und gingen nun in einen Orbit um Hades. Dort wurden sie ein paar Millionen Jahre untatig verharren, bis sie durch Gravitationsschwankungen aus der Bahn gedrangt wurden. Dann wurden sie auf Cerberus sturzen oder zu den Trojanischen Punkten hinausgeschleudert werden, um dort vielleicht sogar den Tod des Roten Riesen Delta Pavonis zu uberdauern. Fur Volyova war es ein gewisser Trost, dass niemand die unbrauchbaren Waffen mehr gegen sie einsetzen konnte. Aber fur solche Uberlegungen war es viel zu spat. Der Schaden gegen Cerberus war bereits angerichtet, und der Bruckenkopf war kaum noch aufzuhalten. Die Wirkung des Angriffs war bereits auf dem Display zu beobachten. Am Aufschlagspunkt schossen Fontanen von pulverisiertem Regolith ins All.

Sylveste erreichte die Krankenstation. Sajaki hing zentnerschwer an seiner Schulter. Der Mann wog viel zu viel fur seinen schmachtigen Korper, dachte Sylveste. Ob das wohl am Gewicht der Maschinen lag, die durch sein Blut stromten oder in seinen Zellen schliefen, bis sie durch eine Krise wie diese aktiviert wurden? Sajaki fuhlte sich auch hei? an, als hatte er Fieber — vielleicht ein Zeichen dafur, dass die Nanos mit ungezugelter Vermehrungswut reagierten, um die Anforderungen der Situation zu bewaltigen, und auch Molekule aus dem ›normalen‹ Gewebe des Mannes dienstverpflichteten, bis die Gefahr abgewendet war. Sylveste warf zogernd einen Blick auf das

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