Hologramm-Kopf, der auf Brusthohe uber einer mit vielen Schlitzen versehenen Theke schwebte. Zuerst hatte sie nur unter den Waffen gewahlt, die hinter Glas und mit kleinen Leuchtplaketten versehen, die Auskunft uber ihre Bedienung, ihre Herkunftsepoche und die jeweiligen Einsatze gaben, an den Wanden aufgereiht waren. Dagegen war im Grunde nichts einzuwenden, und sie hatte auch bald zwei leichte Gewehre fur sich und Volyova gefunden, elektromagnetische Nadler von ganz ahnlicher Bauart wie die Waffen, die bei den Schatten Verwendung fanden.

Volyova hatte mit Grabesstimme auch schwere Artillerie verlangt, und Khouri hatte sich danach umgesehen, war aber nur zum Teil bei den Ausstellungsstucken fundig geworden. Gefallen hatte ihr ein Plasma-Schnellfeuer- Gewehr, dreihundert Jahre alt, aber keineswegs uberaltert, mit einem Zielsuchsystem mit Neuralkopplung, das besonders fur den Nahkampf geeignet war. Auch diese Waffe war leicht und lag ihr so gut in der Hand, als sei sie schon seit einer Ewigkeit damit vertraut. Die Schutzhulle aus schwarzem Leder, marmoriert und blitzblank poliert, mit Aussparungen fur Schaltelemente, Anzeigen und Anschlusse, war von einer geradezu obszonen Anziehungskraft. Fur sich hatte sie damit das Richtige gefunden, aber was war mit Volyova? Sie hatte die Regale abgesucht, so lange sie es wagte (es konnten hochstens funf Minuten gewesen sein), doch so viele interessante, ja, verbluffende Stucke sie dabei auch entdeckte, es war nichts darunter gewesen, was ihren Vorstellungen genau entsprochen hatte.

Also hatte sie sich an die Datenbank der Waffenkammer gewandt. Sie wusste aus zuverlassiger Quelle, dass dort mehr als vier Millionen verschiedener Handfeuerwaffen gespeichert waren, Exemplare aus zwolfhundert Jahren Buchsenmacherkunst, von einfachen Donnerbuchsen mit Funkenzundung bis zu den grausamsten Todesmaschinen im Taschenformat, die man sich ausmalen konnte.

Doch selbst dieses Riesensortiment war verschwindend klein, verglichen mit dem Gesamtpotenzial. Die Waffenkammer konnte namlich auch kreativ sein. Wenn sie genaue Vorgaben bekam, sichtete sie ihre Plane und mischte die optimalen Eigenschaften bereits existierender Waffen so lange, bis sie eine neue und genau auf die jeweiligen Bedurfnisse zugeschnittene Losung gefunden hatte. Die lie? sich dann in wenigen Minuten realisieren.

Wenn das Werk vollendet war — wie jetzt die kleine Pistole, die sich Khouri fur Pascale ausgedacht hatte —, offnete sich mit leisem Schwirren ein Schlitz in der Theke und die fertige Waffe schob sich, ultrasteril glanzend und noch warm von der Herstellung, auf einer kleinen filzbezogenen Platte heraus.

Khouri nahm Pascales Pistole in die Hand, visierte am Lauf entlang, testete ihre Ausgewogenheit und probierte die Einstellungen fur den Strahl durch, der uber einen in den Griff eingelassenen Knopf zu regulieren war.

»Passt gut zu Ihnen, Madame«, sagte die Ausgabepersonlichkeit.

»Ist aber nicht fur mich bestimmt«, sagte Khouri und steckte die Waffe in die Tasche.

Die sechs Weltraumgeschutze schalteten ihre Triebwerke ein, entfernten sich rasch vom Schiff und schlugen einen komplizierten Kurs ein, der sie auf Umwegen in Angriffsposition brachte. Wahrenddessen bremste der Bruckenkopf weiterhin ab und kam der Oberflache immer naher. Die Welt musste inzwischen bemerkt haben, dass ein kunstliches Flugobjekt von beachtlicher Gro?e auf sie zukam, dachte Volyova, vielleicht erkannte sie in dem Objekt sogar die ehemalige Lorean. Irgendwo in den Tiefen der von Maschinen durchsetzten Kruste tobte jetzt wohl ein Streit. Einige Komponenten waren dafur, sofort anzugreifen; am besten zerstorte man das Ding, bevor es ernsthaft Schwierigkeiten machte. Andere Komponenten mahnten zur Vorsicht und wiesen darauf hin, dass das Objekt noch weit von Cerberus entfernt sei und ein Angriff sehr massiv ausfallen musse, um es auch wirklich zu vernichten, bevor es zuruckschlagen konne. Eine derart offene Machtdemonstration konnte anderswo unerwunschte Aufmerksamkeit erregen. Au?erdem, so der Einwand der pazifistischen Systeme, habe das Objekt bisher keine feindlichen Absichten erkennen lassen. Vielleicht ahne es gar nicht, dass Cerberus eine kunstliche Welt sei. Vielleicht wolle es nur daran schnuppern, um dann wieder abzuziehen.

Volyova wollte nicht, dass die Pazifisten siegten. Durchsetzen sollten sich vielmehr die Vertreter eines massiven Praventivschlags, und zwar sofort, noch in dieser Minute. Sie wollte sehen, wie Cerberus zuschlug und den Bruckenkopf ausloschte. Damit waren alle Probleme gelost und man ware — nachdem Sylvestes Sonden bereits einem ahnlichen Schicksal zum Opfer gefallen waren — nicht schlechter dran als jetzt. Wenn man Cerberus lediglich zur Gegenwehr provozierte, war das vielleicht nicht die Art von Einmischung, vor der die Mademoiselle so eindringlich gewarnt hatte. Immerhin hatte niemand die Welt betreten. Danach konnte man sich geschlagen geben und nach Hause fliegen.

Doch das sollte nicht sein.

»Diese Weltraumgeschutze…« Sajaki wies mit dem Kinn aufs Display. »Hatten Sie vor, sie von hier aus scharf zu machen und abzufeuern, Ilia?«

»Ich wusste nicht, was dagegen sprache.«

»Ich dachte, Khouri sollte sie vom Leitstand aus steuern. Dazu ist sie schlie?lich da.« Er wandte sich an Hegazi und flusterte so laut, dass alle es horen konnten: »Allmahlich fragt man sich, warum wir sie uberhaupt angeworben haben — oder warum ich Volyova erlaubt habe, den Trawl zu unterbrechen.«

»Sie hat sicher ihre Qualitaten«, begutigte der Chimare.

»Khouri ist naturlich im Leitstand«, log Volyova. »Vorsichtshalber. Aber ich mochte erst auf sie zuruckgreifen, wenn es unbedingt notig ist. Ich finde, das ist nur fair. Es sind schlie?lich auch meine Waffen — Sie konnen mir nicht verwehren, sie in einer so kontrollierten Situation auch selbst einzusetzen.«

Den Anzeigen auf ihrem Armband — die zum Teil auch auf dem Display in der Mitte der Brucke zu sehen waren — lie? sich entnehmen, dass die Geschutze in drei?ig Minuten planma?ig ihre fast eine Viertelmillion Kilometer vom Schiff entfernten Positionen erreichen wurden. Dann gabe es keinen plausiblen Grund mehr, sie nicht auch abzufeuern.

»Gut«, sagte Sajaki. »Ich hatte schon an Ihrer bedingungslosen Hingabe an unsere gemeinsame Sache gezweifelt. Aber das hort sich doch verdachtig nach der alten Volyova an.«

»Wie ungemein erfreulich«, bemerkte Sylveste.

Siebenundzwanzig

Cerberus/Hades,

an der Heliopause von Delta Pavonis

2566

Die schwarzen Totenkopfe, Symbol fur die Weltraumgeschutze, bewegten sich dem Abschuss entgegen, um ihre schreckliche Zerstorungskraft auf Cerberus loszulassen. Die Welt hatte bisher keine Reaktion gezeigt; nichts wies darauf hin, dass sie anders war, als sie sich darstellte. Die graue Kugel mit den Nahtstellen hing im All wie ein kahler, zum Gebet gesenkter Schadel.

Als es endlich so weit war, meldete sich die Projektionssphare mit einem leisen Glockenton, der Countdown erreichte die Null und begann den langen Weg nach oben.

Sylveste sprach als Erster. Er wandte sich an Volyova, die sich seit Minuten nicht mehr bewegt hatte. »Musste nicht etwas geschehen? Oder sind Ihre verdammten Geschutze nicht losgegangen?«

Volyova blickte auf wie in Trance. Sie hatte nur auf das Armband gestarrt.

»Ich habe den Befehl nicht gegeben«, sagte sie so leise, dass man sich anstrengen musste, um die Worte zu horen. »Ich habe die Zundung nicht ausgelost.«

»Wie bitte?«, fragte Sajaki.

»Sie haben richtig verstanden«, antwortete sie etwas lauter. »Ich habe es nicht getan.«

Wieder bewahrte Sajaki eine Ruhe, die in ihrer Entschlossenheit bedrohlicher wirkte als alle Dramatik. »Noch bleiben uns einige Minuten, um den Angriff nachzuholen«, sagte er. »Nutzen Sie die Zeit, bevor nichts mehr zu retten ist.«

»Ich glaube«, sagte Sylveste, »hier ist schon seit langerem nichts mehr zu retten.«

»Das ist eine interne Angelegenheit des Triumvirats«, sagte Hegazi. Seine stahlernen Finger lagen blitzend auf den Armlehnen seines Sessels. »Ilia, wenn Sie den Befehl jetzt geben, konnen wir vielleicht…«

»Ich denke nicht daran«, sagte sie. »Sie konnen mir Meuterei vorwerfen, wenn Sie wollen, oder auch

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