»Aber Cerberus holt auf.«
»Richtig, allerdings ist die Zuwachsrate an technischer Kompetenz derzeit ziemlich stabil — wahrscheinlich, weil unsere Geheimnisse so mechanisch verarbeitet werden. Intuitive Sprunge sind nicht moglich, deshalb entwickeln sich die amarantinischen Systeme linear. Es ist, als wurde jemand versuchen, einen Code nur mit simpler Rechenkapazitat zu knacken. Deshalb wei? ich ziemlich genau, wie lange Cerberus brauchen wird, um unseren derzeitigen Stand zu uberschreiten. Im Moment verringert sich unser Vorsprung alle drei bis vier Stunden Schiffszeit um etwa zehn Jahre. Damit haben wir knapp eine Woche Zeit, bis es wirklich spannend wird.«
»Und das hier findest du nicht spannend?« Khouri schuttelte den Kopf. Nicht zum ersten Mal war ihr Volyovas Reaktion unbegreiflich. »Wie werden diese Steigerungen erreicht? Enthalt deine Waffe auch eine Kopie der Waffenkammer?«
»Nein. Zu gefahrlich.«
»Richtig; das ware so, als schickte man einen Soldaten mit allen militarischen Geheimnissen hinter die feindlichen Linien. Wie gehst du also vor? Sendest du die Geheimnisse erst dann an die Waffe, wenn sie gebraucht werden? Ist das nicht ebenso riskant?«
»So ist es tatsachlich, aber es ist viel sicherer, als du denkst. Die Sendungen werden mit einer Stromchiffre, einem so genannten One-time-Pad verschlusselt; diese per Zufallsgenerator erzeugte Ziffernfolge gibt die Veranderungen an, die an jedem Bit im Rohsignal vorzunehmen sind; ob man eine Null hinzufugt oder eine Eins. Wenn man das Signal so verschlusselt, kann der Feind die Urfassung nur wiederherstellen, wenn er eine Kopie des Codes besitzt. Die Waffe braucht naturlich eine solche Kopie — aber sie ist tief in ihrem Innern gespeichert, unter zehn Meter dicken massiven Diamantschichten mit hypergesicherten optischen Verbindungen zu den Kontrollsystemen fur den Assembler. Nur bei einem schweren Angriff auf die Waffe bestunde die Gefahr, dass der Code erbeutet wird — und in diesem Fall wurde ich einfach nichts mehr senden.«
Khouri a? den Apfel mitsamt dem kernlosen Gehause auf. »Es gibt also eine Moglichkeit«, sagte sie nach kurzem Uberlegen.
»Eine Moglichkeit wofur?«
»Ein Ende zu machen. Das wollen wir doch immer noch, oder nicht?«
»Meinst du nicht, dass das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?«
»Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Was ist, wenn doch noch etwas zu machen ware? Bisher haben wir noch nicht viel gesehen, nur die Tarnschicht und darunter eine Schicht von Verteidigungsanlagen zu ihrem Schutz. Beides ganz erstaunlich, gewiss — und man konnte wahrscheinlich schon deshalb eine Menge daraus lernen, weil es sich um eine fremde Technik handelt —, aber was sich noch weiter unten verbirgt, wissen wir nicht.« Sie schlug auf ihren Stuhl, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, und sah mit Genugtuung, wie Volyova erschauerte. »So weit sind wir nicht gekommen, wir haben nicht einmal einen Blick darauf geworfen — und dabei wird es so lange bleiben, bis Sylveste tatsachlich hinuntergeht.«
»Das werden wir nicht zulassen.« Volyova klopfte auf den Nadler, den sie in den Gurtel gesteckt hatte. »Jetzt haben wir hier das Sagen.«
»Willst du riskieren, dass er die Bombe in seinen Augen zundet und uns alle totet?«
»Pascale sagt, die Bombe sei nur ein Bluff.«
»Und das glaubt sie sicher auch selbst.« Khouri brauchte nicht weiterzusprechen. Volyova nickte bedachtig, sie hatte verstanden. »Es gibt eine bessere Moglichkeit«, fuhr Khouri fort. »Lass Sylveste ruhig gehen, wenn er will, aber lass uns dafur sorgen, dass es ihm nicht leicht fallt, ins Innere des Planeten zu kommen.«
»Womit du sagen willst…«
»Wenn du es nicht aussprechen willst, tue ich es. Wir mussen deine Waffe sterben lassen, Volyova. Wir mussen Cerberus den Sieg uberlassen.«
Neunundzwanzig
»Wir wissen nur«, sagte Sylveste, »dass Volyovas Waffe in die au?ere Haut des Planeten eingedrungen ist; vielleicht bis hinunter zu den Maschinen, die ich bei meiner ersten Erkundung gesehen habe.«
Seit der Verankerung des Bruckenkopfes waren etwa funfzehn Stunden vergangen. Volyova war die ganze Zeit untatig geblieben und hatte sich bis jetzt geweigert, den ersten ihrer mechanischen Spione loszuschicken.
»Diese Maschinen haben offenbar die Aufgabe, die Kruste zu warten, Reparaturen durchzufuhren, wenn sie durchsto?en wird, die Illusion von Echtheit aufrechtzuerhalten und Rohmaterial zu sammeln, wenn ein geeignetes Objekt vorbeikommt. Au?erdem bilden sie die vorderste Verteidigungslinie.«
»Aber was liegt darunter?«, fragte Pascale. »In der Nacht, als du angegriffen wurdest, war die Sicht schlecht. Ich glaube nicht, dass sie einfach auf dem Grundgestein stehen, dass sich unter der kunstlichen Fassade ein echter Felsenplanet befindet.«
»Wir werden es bald erfahren«, sagte Volyova und presste die Lippen zusammen.
Ihre Spione waren von geradezu lacherlicher Einfachheit; primitiver noch als die Roboter, die Sylveste und Calvin zu Beginn ihrer Arbeit am Captain eingesetzt hatten. Auch das war Teil ihrer Philosophie, wonach Cerberus keine fortgeschrittenere Technik zu sehen bekommen sollte, als im jeweiligen Stadium unbedingt notig war. Die Drohnen konnten in gro?er Zahl vom Bruckenkopf produziert werden, die Masse sollte den Mangel an allgemeiner Intelligenz aufwiegen. Sie waren faustgro? und hatten nur so viele Gliedma?en, um sich eigenstandig fortbewegen zu konnen, und nur so viele Augen, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Gehirne hatten sie nicht; nicht einmal einfache Netze mit ein paar tausend Neuronen; nicht einmal Systeme, neben denen durchschnittliche Insekten wie wahre Intelligenzbestien erschienen waren. Dafur hatten sie kleine Spinndusen, die isolierte Optikfasern auspressten. Die Drohnen wurden von Volyovas Bruckenkopf gesteuert; alle Befehle und alles, was sie sahen, wurde durch diese Kabel hin und her geschickt. Dadurch war ein gewisses Ma? an Abhorsicherheit gewahrleistet.
»Ich glaube, wir werden noch eine zweite Maschinenebene finden«, sagte Sylveste. »Vielleicht auch eine zweite Schicht mit Verteidigungsanlagen. Aber darunter muss irgendetwas liegen, was diesen Aufwand rechtfertigt.«
»Tatsachlich?«, fragte Khouri. Sie hielt ihr Plasmagewehr seit Beginn der Besprechung drohend auf ihn gerichtet. »Gehen Sie damit nicht vielleicht von unzulassigen Voraussetzungen aus? Sie tun so, als gabe es da drin einen kostbaren Schatz, der vor unseren schmutzigen Fingern geschutzt werden soll. Nur dazu sei die ganze Tarnung da: um uns Affen fern zu halten. Aber wenn es nun gar nicht so ware? Wenn nun unter der Kruste ein Ungeheuer lauerte?«
»Sie konnte Recht haben«, sagte Pascale.
Sylveste betrachtete das Gewehr.
»Nur keine Selbstuberschatzung. Es gibt keine Moglichkeit, die ich nicht in Betracht gezogen hatte«, sagte er, ohne Rucksicht darauf, welche von den beiden Frauen die Bemerkung auf sich bezog.
»Das hatte ich auch niemals angenommen«, sagte Khouri.
Neunzig Minuten nachdem die erste Spionagedrohne ihr Kabel abgespult und durch die Offnung in den Raum unter der Kruste gefallen war, bekam Sylveste einen ersten Eindruck von dem, was ihn erwartete. Anfangs wusste er gar nicht, was er da sah. Die Drohnen wurden uberragt von den Riesenschlangen, die — beschadigt oder vielleicht auch tot — wie die Arme und Beine gefallener Gotter in riesigen Haufen wild durcheinander lagen. Wie viele Funktionen diese riesigen Maschinen tatsachlich ausubten, wusste niemand, aber die Integritat der Au?enkruste hatte vermutlich oberste Prioritat. Wahrscheinlich wurden in ihrem Innern auch die Molekularwaffen aktiviert, bevor sie auf Neuankommlinge losgelassen wurden. Naturlich war auch die Kruste selbst eine Maschine, aber sie war in ihrer Wirkungsweise dadurch eingeschrankt, dass sie aussehen musste wie ein Planet. Die Schlangen waren von solchen Zwangen frei.
Es war nicht so dunkel, wie Sylveste erwartet hatte, obwohl die Wunde in der Kruste durch den Bruckenkopf
