jetzt so abgedichtet war, dass von oben kein Licht mehr eindringen konnte. Dafur ging von den Schlangen selbst ein silbriges Leuchten aus, das an die biolumineszenten Bakterien in den Eingeweiden eines Tiefseebewohners erinnerte. Ob dieses Licht irgendeinem Zweck diente, war nicht zu erkennen. Vielleicht war es nur ein Nebenprodukt der amarantinischen Nanotechnik. Jedenfalls sah man dadurch kilometerweit — bis dahin, wo die Wolbung der Kruste und die Ebene mit den Schlangen sich beruhrten. Die gewolbte Decke wurde in unregelma?igen Abstanden von knorrigen, im Boden verwurzelten Gebilden gestutzt, die wie Baumstamme aussahen. Man glaubte sich fast in einem tiefen, mondbeschienenen Wald. Der Himmel war nicht zu sehen, und der Boden verschwand unter dichtem Unterholz, denn die Wurzeln der ›Baumstamme‹ waren vielfach ineinander verwachsen und bedeckten den eigentlichen Untergrund mit einer graphitschwarzen Matrix.
»Was mag sich wohl darunter verbergen?«, uberlegte Sylveste.
Volyova dachte an Kindsmord. Man kam nicht daran vorbei: wenn sie dem Bruckenkopf die Informationen vorenthielt, die er brauchte, um immer neue Waffen gegen die von Cerberus eingesetzte Maschinerie zu entwickeln, verurteilte sie ihn zu einem langsamen Tod. Ohne die notwendigen Aktualisierungen vom Schiff konnten die Bauvorschriften der Molekularwaffen im Kern des Bruckenkopfs den Erfordernissen nicht angepasst werden. Sie blieben statisch; konnten nur Sporen erzeugen, die seit mehr als zweihundert Jahren veraltet waren; hatten dem unaufhaltsamen, stumpfsinnigen Fortschrittsmarsch der fremden Verteidigungseinrichtungen nichts entgegenzusetzen. Ihr gro?artiges Ungeheuer wurde bis zum letzten verwendbaren Atom verdaut, seine Uberreste wurden gleichma?ig durch die Krustenmatrix verteilt werden, um dort fur unzahlige Jahrmillionen vollig andere Funktionen zu erfullen.
Aber es musste sein.
Khouri hatte Recht: nur wenn sie den Bruckenkopf sabotierten, konnten sie das Geschehen jetzt noch beeinflussen. Sie konnten ihn nicht einmal zerstoren, weil Sonnendieb die Kontrolle uber den Geschutzpark hatte und jeden Versuch in dieser Richtung im Ansatz verhindern wurde. Sie mussten die Waffe langsam aushungern, indem sie ihr Informationen vorenthielten.
Was viel grausamer war.
Niemand von den anderen sah, dass auf ihrem Armband-Display immer neue Anfragen des Bruckenkopfes nach zusatzlichen Daten aufblinkten. Vor einer Stunde hatte die Waffe das Ausbleiben des falligen Updates bemerkt und sich zunachst nur mit einer technischen Anfrage uberzeugt, dass die Verbindung noch aktiv war. Spater waren die Anfragen drangender geworden und hatten bei aller Hoflichkeit einen entschlossenen Unterton bekommen. Nun hatte sie auf Diplomatie vollig verzichtet und bewies, dass auch eine Maschine zu Wutanfallen fahig war.
Noch war sie nicht beschadigt, denn die Cerberus-Systeme hatten ihre eigene Gegenschlagkapazitat noch nicht uberschritten, aber sie war in heller Aufregung und teilte Volyova sogar mit, wie viele Minuten sie bei der derzeitigen Eskalationsgeschwindigkeit noch zu leben hatte. Viele waren es nicht. In knapp zwei Stunden ware Cerberus gleich stark, und danach ginge es nur noch darum, welche Krafte die Gegenseite aufbot. Cerberus wurde in jedem Fall Sieger bleiben, das stand mit absoluter, mathematischer Sicherheit fest.
Stirb schnell, dachte Volyova.
Doch bevor sie die Bitte noch zu Ende gedacht hatte, geschah etwas Unglaubliches.
Der letzte Rest von Gelassenheit wich schlagartig aus Volyovas Zugen.
»Was ist?«, fragte Khouri. »Du siehst aus, als hattest du…«
»Stimmt«, sagte Volyova. »Ich habe ein Gespenst gesehen. Es hei?t Sonnendieb.«
»Was ist passiert?«, fragte auch Sylveste.
Sie schaute mit offenem Mund auf. »Er hat soeben die Sendungen an den Bruckenkopf wiederaufgenommen.« Ihr Blick huschte zum Armband zuruck, als hoffe sie, nur einer Tauschung erlegen zu sein. Aber ihre Miene verriet, dass die unfassbare Schreckensmeldung noch immer da war.
»Was gab es denn wiederaufzunehmen?«, fragte Sylveste. »Ich mochte Klarheit haben.«
Khouri umfasste die warme Lederhulle des Plasmagewehrs fester. Hatte schon bisher eine unangenehme Spannung in der Luft gelegen, so stand jetzt das blanke Entsetzen im Raum.
»Die Waffe kann nicht erkennen, wann ihre Reaktionen veralten, dafur fehlen ihr die Routinen«, sagte sie. Ein Zittern uberlief sie, als versuchte sie das Grauen abzuschutteln. »Nein… was ich sagen will… die Waffe darf gewisse Dinge nur dann erfahren, wenn sie sie auch wirklich braucht…« Sie hielt nervos inne und sah in die Runde, unsicher, ob man sie auch verstand. »Wie sich ihre Verteidigungsstrategien weiterentwickeln, darf sie erst in dem Moment wissen, in dem die Entwicklung vollzogen werden muss; der Zeitpunkt fur die Nachrustungen ist nicht leicht zu bestimmen…«
»Sie wollten sie aushungern«, konstatierte Sylveste. Hegazi, der neben ihm sa?, au?erte sich nicht, bestatigte das Urteil aber mit einem knappen, despotischen Nicken.
»Nein, ich…«
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, sagte Sylveste mit Nachdruck. »Wenn ich an Ihrer Stelle ware — wenn ich die ganze Operation sabotieren wollte —, hatte ich sicher ahnlich gehandelt. Die Wahl des Zeitpunkts war bewundernswert — sie wollten sich die Genugtuung nicht entgehen lassen, die Waffe im Einsatz zu sehen; sie wollten wissen, dass Ihr Spielzeug funktionierte.«
»Sie sind ein Wichser«, zischte Khouri dazwischen. »Ein bornierter, egoistischer Wichser.«
»Gratuliere«, hohnte Sylveste. »Vielleicht versuchen Sie es als Nachstes mit sechssilbigen Wortern. Aber mussen Sie mit diesem hasslichen Schie?eisen eigentlich standig auf mein Gesicht zielen?«
»Keineswegs«, gab sie zuruck. »Es gibt einen Bereich Ihrer Anatomie, der mir noch viel besser gefallt.«
Hegazi wandte sich an die zweite Angehorige des Triumvirats. »Konnen Sie mir erklaren, was hier vorgeht?«
»Sonnendieb muss die Kontrolle uber die Kommunikationssysteme des Schiffs erlangt haben«, sagte Volyova. »Das ist die einzige Moglichkeit; nur so konnte mein Befehl, die Sendungen einzustellen, widerrufen werden.«
Doch bevor sie noch zu Ende gesprochen hatte, schuttelte sie den Kopf.
»Nein, das kann nicht sein. Wir wissen, dass er den Leitstand nicht verlassen kann. Und zwischen dem Leitstand und der Kommunikationszentrale gibt es keine physische Verbindung.«
»Jetzt vielleicht schon«, sagte Khouri.
»Aber wenn dem so ist…« Jetzt war das Wei?e in ihren Augen zu sehen; zwei leuchtende Halbmonde im Dammerlicht der Brucke. »Zwischen der Kommunikationszentrale und dem Rest des Schiffes existiert keine logische Barriere. Wenn Sonnendieb wirklich so weit gekommen ist, kann er auf alles zugreifen.«
Lange sprach niemand ein Wort; alle — sogar Sylveste — brauchten offenbar eine gewisse Zeit, um sich den Ernst der Lage vor Augen zu fuhren. Khouri versuchte zu ergrunden, was er dachte, aber er gab auch jetzt nicht preis, inwieweit er sich hatte uberzeugen lassen. Vermutlich hielt er die ganze Sonnendieb-Geschichte noch immer fur ein Zeichen von unterbewusstem Verfolgungswahn, ein Hirngespinst, mit dem sie zuerst Volyova und spater auch Pascale angesteckt hatte.
Und an das ein Teil von ihm trotz aller Beweise noch immer nicht glauben wollte.
Wo waren denn die Beweise? Mit Ausnahme des wiederaufgenommenen Signals — mit allen seinen Konsequenzen — gab es kein Anzeichen dafur, dass Sonnendieb sich uber den Leitstand hinaus ausgedehnt hatte. Wenn dem aber so war…
Volyova brach das Schweigen. »Sie«, sagte sie und richtete ihr Gewehr auf Hegazi. »Sie da,
»Ich wei? nicht einmal, wovon Sie sprechen.«
»Sie haben Sonnendieb geholfen. Sie waren es, geben Sie es zu!«
»Nehmen Sie sich zusammen, Triumvir.«
Khouri wusste nicht mehr, auf wen sie das Plasmagewehr richten sollte. Sylveste schien ebenso erschuttert wie Hegazi; mit einem solchen Verhor hatte wohl keiner gerechnet.
»Horen Sie«, sagte Khouri. »Er mag Sajaki in den Arsch gekrochen sein, seit ich an Bord bin, aber deshalb muss er doch keine solchen Dummheiten machen.«
»Ich danke Ihnen«, sagte Hegazi. »Glaube ich.«
»Sie sind noch nicht aus dem Schneider«, sagte Volyova. »Noch lange nicht. Khouri hat Recht; es ware eine
