Schlaf bekommen.

Etwas hatte ihn geweckt, aber zunachst sah oder horte er nichts. Dann bemerkte er, dass der Holoschirm neben seinem Bett so fahl leuchtete wie ein Spiegel im Mondschein.

Vorsichtig, um Pascale nicht zu wecken, aktivierte er die Verbindung. Die Gefahr war nicht gro?; sie schlief tief und fest. Das Gesprach vor dem Einschlafen hatte ihr wohl die notige innere Ruhe gegeben.

Sajakis Gesicht erschien auf dem Schirm, im Hintergrund sah man die Instrumente der Krankenstation. »Sind Sie allein?«, fragte er leise.

»Meine Frau ist hier«, flusterte Sylveste. »Sie schlaft.«

»Dann will ich mich kurz fassen.« Er hob die verletzte Hand. Die Schutzmembran war ausgefullt, das Handgelenk hatte seine gewohnte Form zuruckgewonnen, aber die Hulle leuchtete noch und darunter herrschte rege Aktivitat. »Ich bin so weit genesen, dass ich die Station verlassen kann. Aber ich habe nicht die Absicht, Hegazis Schicksal zu teilen.«

»Das wird schwierig werden. Volyova und Khouri haben alle Waffen, und sie haben dafur gesorgt, dass wir keine weiteren in die Hand bekommen.« Er senkte die Stimme noch mehr. »Volyova ware vermutlich leicht zu uberreden, auch mich einzusperren. Meine Drohungen gegen das Schiff scheinen sie nicht beeindruckt zu haben.«

»Sie setzt voraus, dass Sie niemals so weit gehen wurden.«

»Und wenn sie nun Recht hatte?«

Sajaki schuttelte den Kopf.

»Das spielt alles keine Rolle mehr. In wenigen Tagen — hochstens funf — wird ihre Waffe versagen. So viel Zeit haben Sie, um ins Innere des Planeten zu gelangen. Und tun Sie nicht so, als ob Sie durch die kleinen Roboter irgendetwas in Erfahrung bringen konnten.«

»Das ist mir auch schon klar geworden.«

Neben ihm regte sich Pascale.

»Dann mache ich Ihnen folgenden Vorschlag«, sagte Sajaki. »Ich fuhre Sie hinein. Nur wir beide, niemand sonst. Wir brauchen nicht einmal ein Raumschiff. Wir konnen zwei Anzuge vom gleichen Typ nehmen wie der, mit dem Sie von Resurgam hierher gekommen sind. In knapp einem Tag konnen wir Cerberus erreichen. Damit bleiben Ihnen zwei Tage, um hinein zu kommen, ein Tag, um sich umzusehen, und ein weiterer Tag, um den Planeten auf dem gleichen Weg wieder zu verlassen. Denn bis dahin wissen Sie naturlich, wie das geht.«

»Und was ist mit Ihnen?«

»Ich begleite Sie. Wie wir nach meiner Ansicht mit dem Captain verfahren sollten, sagte ich Ihnen ja bereits.«

Sylveste nickte. »Sie glauben, im Innern von Cerberus etwas zu finden, das ihn heilen kann.«

»Irgendwo muss ich anfangen.«

Sylveste sah sich um. Sajakis Flustern war so leise gewesen wie der Wind in den Baumen und in der Kabine herrschte eine geradezu ubernaturliche Stille. Er sah seine Umgebung wie in einer Laterna Magica. Auf Cerberus tobte im Moment ein erbitterter Kampf, dachte er. Dort prallten Maschinen, die allerdings fast alle kleiner waren als Bakterien, wutend aufeinander. Der Larm, den sie machten, war fur menschliche Ohren nicht zu horen. Aber die Schlacht fand statt und Sajaki hatte Recht: in wenigen Tagen wurden die zahllosen Maschinentruppen des Planeten Cerberus Volyovas gewaltige Belagerungsmaschine zerstort haben. Jede Sekunde, die er noch zauderte, war eine Sekunde weniger, die er im Innern des Planeten verbringen konnte, und eine Sekunde, um die sich seine Ruckkehr verzogerte. Je spater, desto gefahrlicher, denn die Brucke wurde sich schlie?en. Wieder regte sich Pascale, aber er spurte, dass sie noch in tiefen Traumen lag. Sie war nicht gegenwartiger als die ineinander verschlungenen Vogel an den Wanden der Kabine; sie konnte ebenso wenig zum Leben erweckt werden.

»Das kommt alles sehr plotzlich«, sagte er.

»Sie warten doch schon Ihr ganzes Leben auf diesen Moment.« Sajaki sprach jetzt etwas lauter. »Erzahlen Sie mir nicht, dass Sie noch nicht so weit waren. Dass Sie Angst hatten, Sie konnten etwas finden.«

Sylveste begriff, dass er sich entscheiden musste, bevor ihm die ungewohnliche Situation noch vollends zu Bewusstsein gekommen war.

»Wo treffen wir uns?«

»Au?erhalb des Schiffs«, sagte Sajaki und erklarte, warum das notig war; warum es zu gefahrlich war, sich vorher zu treffen, warum Sajaki nicht riskieren konnte, Volyova, Khouri oder gar Sylvestes Frau uber den Weg zu laufen. »Sie halten mich immer noch fur krank«, erklarte er und rieb sich die Membran uber dem verletzten Handgelenk. »Aber wenn sie mich au?erhalb der Krankenstation ertappen, geht es mir wie Hegazi. Von hier aus kann ich in wenigen Minuten einen Anzug erreichen, ohne Schiffszonen betreten zu mussen, die meine Anwesenheit noch registrieren konnen.«

»Und ich?«

»Gehen Sie zum nachsten Fahrstuhl. Ich werde dafur sorgen, dass er Sie zu einem Anzug in Ihrer Nahe bringt. Weiter brauchen Sie nichts zu tun. Der Anzug erledigt alles Ubrige.«

»Sajaki, ich…«

»Sie mussen nur in zehn Minuten drau?en sein. Ihr Anzug bringt Sie zu mir.« Sajaki lachelte zum Abschied. »Und ich rate Ihnen dringend davon ab, Ihre Frau zu wecken.«

Sajaki hielt Wort; der Fahrstuhl und der Anzug schienen genau zu wissen, wohin Sylveste zu gehen hatte. Er begegnete niemandem und niemand storte ihn, als der Anzug seine Ma?e nahm, sich entsprechend konfigurierte und sich zartlich um ihn schmiegte.

Nichts wies darauf hin, dass das Schiff uberhaupt bemerkte, wie sich die Luftschleuse offnete und ihn ins All entlie?.

Volyova schreckte jah aus dem Schlaf. Sie hatte in Schwarzwei? von wutenden Insektenarmeen getraumt.

Khouri hammerte gegen ihre Tur und schrie etwas, aber Volyova war zu benommen, um sie zu verstehen. Als sie die Tur offnete, schaute sie in die Mundung des Plasmagewehrs im Lederfutteral. Khouri zogerte einen Sekundenbruchteil, dann senkte sie die Waffe. Sie schien selbst nicht mehr zu wissen, was sie hinter der Tur erwartet hatte.

»Was ist?«, fragte Volyova.

»Es geht um Pascale«, sagte Khouri. Der Schwei? stand ihr in dicken Tropfen auf der Stirn und ihre Hande hinterlie?en feuchte Flecken auf dem Griff der Waffe. »Sie ist aufgewacht, und Sylveste war nicht da.«

»War nicht da?«

»Er hatte ihr das hinterlassen. Es hat sie ziemlich mitgenommen, aber sie will, dass ich es dir zeige.« Khouri lie? das Gewehr in den Tragriemen fallen und zog ein Blatt Papier aus der Tasche.

Volyova rieb sich die Augen und nahm es an sich. Die Beruhrung machte die gespeicherte Nachricht sichtbar; Sylvestes Gesicht erschien vor einem Hintergrund aus ineinander verschlungenen Vogeln.

»Ich habe dich belogen«, summte seine Stimme vom Papier. »Pascale, es tut mir Leid — es ist dein gutes Recht, mich dafur zu hassen, aber ich hoffe, du wirst es nicht tun; wir haben so viel zusammen durchgemacht.« Er sprach jetzt sehr leise. »Ich musste dir versprechen, Cerberus nicht zu betreten. Aber ich gehe trotzdem. Wenn du das liest, bin ich langst unterwegs, und du kannst mich nicht mehr aufhalten. Es gibt keine Rechtfertigung fur mein Handeln, ich kann einfach nicht anders. Ich glaube, du hast immer gewusst, dass ich nicht aufgeben wurde, wenn wir dem Ziel jemals so nahe kamen.« Er hielt kurz inne, um Atem zu holen oder sich die nachsten Worte zu uberlegen. »Pascale, du warst die Einzige, die erraten hat, was vor Lascailles Schleier wirklich geschehen ist. Wei?t du, wie sehr ich dich dafur bewundert habe? Deshalb hatte ich auch keine Angst, dir die Wahrheit zu gestehen. Ich glaubte tatsachlich, alles sei so gewesen, wie ich es dir sagte; das war keine Luge, ich schwore es dir. Doch nun behauptet diese Frau — diese Khouri —, jemand, der Carine Lefevre sein konnte, habe sie zu mir geschickt, sie sollte mich toten, um mein Vorhaben zu verhindern.«

Wieder verstummte das Papier.

»Ich tat so, als glaubte ich kein Wort davon, Pascale, und vielleicht war es zu diesem Zeitpunkt auch tatsachlich so. Aber ich muss die Gespenster endlich loswerden; ich muss mich davon uberzeugen, dass die Ereignisse hier in keinem Zusammenhang zu dem stehen, was damals vor dem Schleier geschah.

Du verstehst das doch, nicht wahr? Ich muss auch die letzte Meile noch gehen, um die Phantome zum

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