gewissem Sinne Recht, denn er kam zwar zuruck, aber nur noch mit einem Bruchteil seiner fruheren geistigen Fahigkeiten.
Lascaille war ganz nahe an den Schleier herangekommen, um dann von einer unbekannten Kraft zuruckgeschleudert zu werden. Moglicherweise war er nur noch zwanzig- bis drei?igtausend Kilometer von der Oberflache entfernt gewesen, wobei aus dieser Distanz schwer festzustellen war, wo das All aufhorte und der Schleier anfing. Fest stand jedoch, dass er ihm naher gekommen war als je ein Mensch, ja, ein Lebewesen zuvor.
Aber er hatte einen erschreckend hohen Preis dafur bezahlt.
Nicht der ganze Philip Lascaille war zuruckgekommen — nicht einmal der gro?te Teil von ihm. Korperlich war er unversehrt, im Gegensatz zu seinen Vorgangern, die im Grenzbereich von unbekannten Kraften zermalmt und in Stucke gerissen worden waren. Doch dafur war sein Geist unwiderruflich zerstort. Die wenigen Spuren seiner Personlichkeit, die sich erhalten hatten, betonten die Verwustungen nur noch mehr. Sein Gehirn konnte seine Lebensfunktionen ohne maschinelle Hilfe steuern und seine motorische Kontrolle schien keinerlei Beeintrachtigung erfahren zu haben. Aber es war keine Intelligenz mehr vorhanden; Lascaille nahm seine Umgebung nur noch in rudimentaren Umrissen wahr; er schien nicht zu begreifen, was mit ihm geschehen war, er spurte offenbar nicht einmal, wie die Zeit verging; allem Anschein nach funktionierte weder sein Kurzzeitgedachtnis, noch waren Erlebnisse aus der Zeit vor seinem Flug zum Schleier abrufbar. Artikulieren konnte er sich noch, gelegentlich gab er sogar verstandliche Worte oder Satzfragmente von sich, aber aus keiner seiner Au?erungen lie? sich auch nur der geringste Sinn entnehmen.
Lascaille — oder was von ihm noch ubrig war — wurde ins Yellowstone-System und dann ins SISS-Habitat zuruckgebracht. Dort versuchten medizinische Spezialisten verzweifelt, das Geschehene in eine Theorie zu fassen. Irgendwann — es war mehr ein Akt der Verzweiflung als eine logische Schlussfolgerung — entschieden sie, das fraktalisierte und neu zusammengesetzte Raum-Zeit-Gefuge im Umkreis des Schleiers sei mit der Informationsdichte seines Gehirns uberfordert gewesen. Als er die Grenze uberschritt, habe es daher sein Bewusstsein auf der Quantenebene randomisiert, ohne die molekularen Prozesse seines Korpers merklich zu verandern. Man konne ihn mit einem Text vergleichen, der durch ungenaue Ubertragung in eine andere Sprache viel von seiner Bedeutung verloren habe und anschlie?end noch einmal rucktranskribiert worden sei.
Dennoch war Lascaille nicht der Letzte, der sich auf ein derart selbstmorderisches Unternehmen einlie?. Um seine Person war ein Kult entstanden, der im Wesentlichen behauptete, der Mann zeige zwar alle Anzeichen von Schwachsinn, aber in Wirklichkeit habe ihn der Aufenthalt so dicht am Schleier sozusagen ins Nirwana entruckt. Alle paar Jahre fand sich in der Nahe eines bekannten Schleiers ein Nachahmer, der versuchte, Lascaille in den Grenzbereich zu folgen. Die Strafe war immer gleich schrecklich und kein einziger kam weiter als Lascaille. Wer Gluck hatte, verlor nur die Halfte seines Verstandes, die Pechvogel verschwanden auf Nimmerwiedersehen oder kehrten bis zur Unkenntlichkeit verstummelt als lachsrosa Paste in ihren Schiffen zuruck.
Wahrend der Kult um Lascaille bluhte, geriet der Mann selbst rasch in Vergessenheit. Der Anblick eines geifernden, faselnden Irren war vielleicht doch eine Spur zu unerfreulich.
Aber Sylveste verga? ihn nicht. Mehr noch, er steigerte sich in den Wunsch hinein, dem Mann eine letzte und entscheidende Aussage zu entlocken. Dank seiner familiaren Beziehungen konnte er Lascaille sehen, so oft er wollte — vorausgesetzt, er setzte sich uber Calvins finstere Warnungen hinweg. Also besuchte er ihn regelma?ig und sah mit Engelsgeduld zu, wie Lascaille seine Zeichnungen auf den Boden kritzelte. Er wusste, irgendwann wurde der Mann einen einzigen kurzen Hinweis fallen lassen, und darauf wartete er unermudlich.
Letztlich bekam er sehr viel mehr.
Er wusste nicht mehr, wie lange er an dem Tag gewartet hatte, als sich seine Geduld endlich auszahlte. Er versuchte, sich nur auf Lascailles Tun zu konzentrieren, aber es fiel ihm zunehmend schwerer. Es war, als betrachte man mit voller Aufmerksamkeit eine lange Reihe von abstrakten Gemalden — irgendwann erlahmte man, so sehr man sich auch bemuhte, das Interesse wach zu halten. Lascaille hatte bereits das sechste oder siebte hoffnungslos unverstandliche Kreide-Mandala des Tages zur Halfte beendet und fuhrte immer noch jeden Strich mit leidenschaftlicher Hingabe aus.
Dann wandte er sich unvermittelt an Sylveste und sagte vollkommen vernunftig: »Den Schlussel finden Sie bei den Schiebern, Doktor.«
Sylveste war zu schockiert, um ihn zu unterbrechen.
»Das hat man mir erklart«, fuhr Lascaille munter fort. »Im Raum der Erkenntnis.«
Sylveste zwang sich zu nicken, als verstehe sich das von selbst. Ein Teil seines Bewusstseins war noch ruhig genug, um den Ausdruck zu erkennen. Soweit das aus seinen bisherigen Au?erungen abzuleiten war, meinte Lascaille damit das Grenzgebiet im Umkreis des Schleiers — den ›Raum‹, in dem er gewisse ›Erkenntnisse‹ gewonnen hatte, die aber zu kraus und verworren waren, um sie in Worte zu fassen.
Doch jetzt hatte ihm etwas die Zunge gelost.
»Vor langer Zeit reisten die Schleierweber zwischen den Sternen umher«, begann Lascaille. »Ahnlich wie wir heute — nur war ihre Gattung uralt und hatte schon seit vielen Millionen Jahren Raumfahrt betrieben. Sie waren uns wirklich sehr fremd.« Er hielt inne, um die rote Kreide gegen eine blaue auszuwechseln. Die steckte er sich zwischen die Zehen und setzte damit seine Arbeit am Mandala fort. Mit der frei gewordenen Hand begann er, daneben auf den Boden zu zeichnen. Ein Wesen entstand, vielgliedrig, mit Tentakeln, Panzerplatten und Stacheln, kaum noch symmetrisch. Man hatte es eher fur ein Urtier gehalten, das uber den Grund eines prakambrischen Meeres kroch, als fur den Angehorigen einer raumfahrenden Alien-Kultur. Seine Hasslichkeit war nicht zu uberbieten.
»Das ist ein Schleierweber?«, fragte Sylveste und erschauerte vor Gluck. »Sie sind tatsachlich einem begegnet?«
»Nein; ich bin nie vollends in den Schleier eingedrungen«, sagte Lascaille. »Aber sie haben Verbindung zu mir aufgenommen. Sie haben sich mir offenbart und mir vieles uber ihre Geschichte und ihre Natur mitgeteilt.«
Sylveste riss sich von dem grasslichen Ungeheuer los. »Und was haben die Schieber damit zu tun?«
»Die Musterschieber existieren schon sehr lange und sind auf vielen Welten zu finden. Jede raumfahrende Rasse in diesem Teil der Galaxis sto?t fruher oder spater auf sie.«
Lascaille zeigte auf seine Zeichnung. »So war es auch bei den Schleierwebern, nur sehr viel fruher. Verstehen Sie, was ich sage, Doktor?«
»Schon…« Jedenfalls glaubte er zu verstehen. »Aber ich wei? nicht, worauf es hinauslauft.«
Lascaille lachelte. »Wer — oder was — die Schieber aufsucht, wird in ihrem Gedachtnis bewahrt. Und zwar absolut, das hei?t — bis zur letzten Zelle, zur letzten Synapsenverbindung. Denn die Schieber sind nichts anderes als ein unermessliches biologisches Archiv.«
Damit hatte er vollkommen Recht. Die Menschen hatten bisher kaum verwertbare Informationen uber die Schieber, ihre Ziele oder ihre Herkunft gewonnen. Doch fast von Anfang an hatte sich gezeigt, dass die Schieber fahig waren, menschliche Personlichkeiten in ihrer Ozean-Matrix zu speichern, so dass jeder, der im Schieber- Meer schwamm — und dabei aufgelost und neu zusammengesetzt wurde — so etwas wie Unsterblichkeit erlangte. Die Muster konnten spater wieder realisiert und vorubergehend dem Bewusstsein eines anderen Menschen aufgepragt werden. Es war ein schwer durchschaubares biologisches Verfahren, bei dem sich die gespeicherten Muster mit Millionen von anderen Eindrucken vermischten und alle sich unmerklich untereinander beeinflussten. Schon in der Fruhzeit der Schieber-Forschung hatte man entdeckt, dass im Ozean auch fremde Denkstrukturen gespeichert waren, Spuren von fremdem Bewusstsein, die in das Denken der Schwimmer eingesickert waren — aber die Eindrucke waren immer unscharf geblieben.
»Die Schleierweber waren also im Gedachtnis der Schieber bewahrt worden?«, fragte Sylveste. »Aber inwiefern hilft uns das weiter?«
»Mehr als Sie ahnen. Die Schleierweber mogen au?erlich fremd sein, aber der Bauplan ihres Bewusstseins weist doch gewisse Ahnlichkeiten mit unserem Denken auf. Vergessen Sie das Aussehen; denken Sie lieber daran, dass es sich um gesellschaftlich lebende Wesen handelt, die sich verbal au?erten und den gleichen Wahrnehmungshorizont hatten wie wir. Man konnte einen Menschen bis zu einem gewissen Grad dazu bringen, wie ein Schleierweber zu denken, ohne dass er seine Menschlichkeit dafur vollig aufgeben musste.« Wieder sah er Sylveste an. »Fur die Schieber ware es nicht unmoglich, dem Neokortex eines Menschen das Neuraltransform eines Schleierwebers einzuimpfen.«
Eine unheimliche Vorstellung. Man nahme Kontakt mit einem Alien auf, aber nicht, indem man ihm
