Fraktalschaums um den Schleier — in die unendlich verschwommene Grenzzone um das Objekt, in den von Lascaille so genannten ›Raum der Erkenntnis‹ — eingedrungen.

Lefevre spurte es, als es anfing. Tief erschuttert, aber mit eisiger Ruhe teilte sie Sylveste mit, ihr Schleierweber-Transform sei im Begriff zu zerfallen, die fremde Bewusstseinsschicht wurde immer dunner und lege das menschliche Denken frei. Genau das hatten sie die ganze Zeit befurchtet, zugleich aber gehofft, dass es ihnen erspart bleiben moge.

Rasch informierten sie die Beobachtungsstation und uberpruften mit einigen Psychotests die Diagnose. Die Wahrheit zeigte sich besturzend deutlich. Ihr Transform brach zusammen. In wenigen Minuten wurde die Schleierweber-Komponente aus ihrem Bewusstsein verschwunden sein. Sie stand kurz davor, die Musik zu vergessen, mit der sich die Schlangen beruhigen lie?en.

Obwohl sie instandig gehofft hatten, dass es nicht so weit kommen wurde, hatten sie Vorkehrungen getroffen. Lefevre zog sich in die zweite Halfte des Moduls zuruck, zundete die Trennladungen und sprengte ihren Teil des Schiffes ab. Inzwischen war von ihrem Transform fast nichts mehr ubrig. Uber die audiovisuelle Verbindung zwischen den beiden Kapseln berichtete sie Sylveste, sie konne spuren, wie sich die Gravitationskrafte aufbauten und heimtuckisch und unberechenbar an ihrem Korper zerrten.

Die Triebwerke arbeiteten mit aller Kraft, um die Kapsel aus den wilden Strudeln um den Schleier herauszubringen, aber das Objekt war einfach zu gro?, und sie war zu klein. Minuten spater wurde der dunne Schiffsrumpf von gravitationellen Spannungen geschuttelt. Lefevre kauerte sich wie ein Embryo in die immer kleiner werdende Raumblase um ihr Gehirn und blieb am Leben. Sylveste verlor den Kontakt mit ihr, als die Kapsel zerplatzte. Die Luft entwich rasch, aber die Dekompression erfolgte nicht schnell genug. Er konnte ihre Schreie noch horen.

Lefevre war tot. Sylveste wusste es. Aber sein Transform hielt die Schlangen noch in Schach. Tapfer setzte er den Flug in das Grenzgebiet des Schleiers fort. Er war der einsamste Mensch aller Zeiten.

Einige Zeit spater erwachte Sylveste. In seiner Kapsel war alles still. Er wusste nicht, wo er war. Er nahm an, dass man auf der Beobachtungsstation auf seine Ruckkehr wartete, und versuchte, Kontakt aufzunehmen. Doch er erhielt keine Antwort. Die Beobachtungsstation und das Lichtschiff trieben leblos und weitgehend zerstort im All. Der Gravitationsschub, der an ihm vorbeigezogen war, hatte sie auseinandergerissen und ebenso grundlich ausgeschlachtet wie Lefevres Kapsel. Die Besatzung und die Ersatzkandidaten waren sofort tot gewesen, die Ultras ebenfalls. Er war der einzige Uberlebende.

Aber was nutzte ihm das? Sollte er nur langsamer sterben?

Sylveste steuerte das Modul zu den Uberresten der Station und des Lichtschiffs zuruck. An die Schleierweber dachte er vorerst nicht mehr, er hatte genug damit zu tun, am Leben zu bleiben.

Wahrend der folgenden Wochen lebte Sylveste ganz allein in der engen Kapsel und bemuhte sich, die beschadigten Reparatursysteme des Lichtschiffs notzustarten. Bei dem Gravitationsschub, den der Schleier ausgelost hatte, waren Tausende von Tonnen der Lichtschiffmasse in Stucke gerissen oder verdampft worden, andererseits brauchte das Schiff jetzt nur noch einen Mann nach Hause zu bringen. Als die Umwandlungsprozesse eingeleitet waren, fand er endlich wieder Schlaf — obwohl er an eine Rettung noch immer nicht zu glauben wagte. Erst seine Traume offenbarten ihm allmahlich die ungeheuerliche, alle Krafte lahmende Wahrheit. Wahrend seiner Bewusstlosigkeit nach Carine Lefevres Tod war etwas geschehen. Etwas war in seinen Geist eingedrungen und hatte zu ihm gesprochen. Aber die Botschaft war so brutal fremd, dass Sylveste nicht fahig war, sie in menschliche Begriffe zu ubersetzen. Er war in den Raum der Erkenntnis eingetreten.

Funf

Orbitalkarussell New Brazilia,

Yellowstone, Epsilon Eridani

2546

Volyova blieb am Eingang zum Schieber und Weber stehen. »Ich bin an der Bar«, sagte sie in ihr Armband. Sie bedauerte schon, diesen Treffpunkt vorgeschlagen zu haben — sie fand das Lokal kaum weniger absto?end als seine Gaste —, doch als sie das Treffen mit dem Kandidaten vereinbarte, war ihr keine Alternative eingefallen.

»Ist die Neue schon da?«, lie? sich Sajakis Stimme vernehmen.

»Dann ware sie sehr fruh gekommen. Wenn sie punktlich ist und unser Treffen einen positiven Verlauf nimmt, mussten wir in einer Stunde wieder gehen.«

»Ich halte mich bereit.«

Sie nahm die Schultern zuruck, trat rasch ein und stellte im Geiste sofort einen Sitzplan auf. Die Luft war immer noch von diesem widerlich su?en rosa Rauch erfullt. Auch das Madchen mit der Teeconax machte noch die gleichen hektischen Bewegungen. Qualend klare Tone entstromten ihrem Kortex, wurden vom Instrument verstarkt und per Fingerdruck auf dem komplexen, beruhrungsempfindlichen, in allen Spektralfarben schillernden Griffbrett moduliert. Die Ragamotive schraubten sich muhsam in die Hohe und zersprangen zu nervenzerrei?end atonalen Passagen, als zoge ein ganzes Rudel Lowen die Krallen uber rostige Eisenbleche. Volyova hatte gehort, dass man Teeconax-Musik nur schatzen konne, wenn man mit speziellen neuro-auralen Implantaten ausgestattet war.

Sie setzte sich auf einen Barhocker und bestellte einen einfachen Wodka. In ihrer Tasche steckte eine Injektionsspritze, die sie notfalls mit einem Schlag wieder nuchtern machen konnte. Sie war darauf gefasst, dass es den ganzen Abend dauern konnte, bis die Neue auftauchte. Normalerweise ware sie ungeduldig gewesen, aber jetzt war sie trotz der Umgebung entspannt und dabei zugleich hellwach. Sie war selbst uberrascht. Vielleicht hatte man psychotrope Substanzen in die Luft geblasen, jedenfalls fuhlte sie sich besser als seit Monaten, und das, obwohl sie wusste, dass sie nach Resurgam weiterfliegen mussten. Es tat gut, wieder unter Menschen zu sein, auch wenn es nur die Typen in dieser Bar waren. Minutenlang tat sie nichts anderes, als die Gesichter der Gaste zu beobachten, deren angeregte Unterhaltung sie nicht horen konnte, und sich auszumalen, was fur spektakulare Reiseberichte sie wohl austauschen mochten. Ein Madchen rauchte eine Wasserpfeife und stie? eine dicke Rauchwolke aus, bevor sie sich uber einen Witz vor Lachen ausschuttete, den ihr Gesprachspartner erzahlte. Ein kahlkopfiger Mann mit einer Drachentatowierung auf dem Schadel prahlte, wie er mit ausgefallenem Autopiloten durch die Atmosphare eines Gasriesen geflogen sei und sein schieber-konfiguriertes Bewusstsein Flussgleichungen loste, als habe er von Geburt an nichts anderes getan. In einer gespenstisch blau erleuchteten Nische war eine Ultra-Gruppe in ein hitziges Kartenspiel vertieft. Ein Mann hatte offenbar soeben einen seiner Zopfe verloren. Seine Freunde hielten ihn fest, wahrend der Gewinner seinen Preis einforderte und den Zopf mit einem Taschenmesser absabelte.

Wie sah diese Khouri eigentlich aus?

Volyova fischte eine Karte aus ihrer Jacke, barg sie unauffallig in der Hand und warf einen letzten Blick darauf. Der Name Ana Khouri stand unter dem Foto, dann folgten ein paar Zeilen mit biografischen Angaben. In einer normalen Bar ware die Frau niemandem aufgefallen, doch hier hatte ein so alltagliches Aussehen genau die entgegengesetzte Wirkung. Dem Bild nach zu schlie?en passte sie womoglich noch weniger in diesen Rahmen als Volyova selbst.

Volyova konnte nicht klagen. Diese Khouri schien fur die freie Stelle wie geschaffen zu sein. Volyova hatte sich in die Datennetze des Yellowstone-Systems hineingehackt — soweit sie die Seuche uberstanden hatten — und eine Liste von in Frage kommenden Kandidaten aufgestellt. Khouri, ehemals Soldatin auf Sky’s Edge, war in die engere Wahl gekommen. Aber diese Khouri erwies sich als unauffindbar, und schlie?lich hatte Volyova aufgegeben und sich auf andere Anwarter konzentriert. Zwar entsprach von denen keiner genau ihren Anforderungen, aber sie hatte die Suche fortgesetzt. Als ein Kandidat nach dem anderen durch das Raster fiel, war sie zusehends verzagt. Sajaki hatte mehrfach vorgeschlagen, doch einfach jemanden zu entfuhren — schlie?lich ware das auch nicht schlimmer, als ihn unter falschen Voraussetzungen anzuwerben. Aber eine Entfuhrung war zu unsicher: sie garantierte nicht, dass sie am Ende jemanden hatte, mit dem sie auch zurecht kam.

Und dann hatte sich Khouri plotzlich von sich aus gemeldet. Sie wolle Yellowstone verlassen und habe gehort, dass auf Volyovas Schiff noch jemand gesucht werde. Ihre militarischen Erfahrungen hatte sie nicht erwahnt, aber daruber war Volyova ja bereits im Bild. Khouri war sicher nur vorsichtig. Sonderbar war lediglich,

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