an die erforderlichen Informationen — uber die anderen Planeten, den Neutronenstern, die anderen Sonnensysteme — gekommen sein, wenn sie keine Raumschiffe besa?en, die mit denen der Menschen zu vergleichen waren?
Die entscheidende Frage war vielleicht die nach dem Alter des Obelisken. Die Bestimmung der Kontextschicht ergab neunhundertneunzigtausend Jahre, damit ware er etwa tausend Jahre vor dem
»Sie macht sich nutzlich«, sagte er. Calvin streifte ihn nur mit hohnischem Blick. »Ich erwarte nicht, dass du das verstehst.«
»Vielleicht hast du Recht. Trotzdem konnte ich dir sagen, was ich erfahren habe.«
Jeder Aufschub war zwecklos. »Nun?«
»Ihr Familienname ist nicht Dubois.« Calvin lachelte. Er kostete den Moment weidlich aus. »Sie hei?t Girardieu. Sie ist seine Tochter. Und dich, mein lieber Junge, hat man hereingelegt.«
Sie verlie?en das
»Wir haben im Zentrum ein Shuttle angedockt«, sagte Volyova. »Wir brauchen nur einen Speichenfahrstuhl zu nehmen und durch den Zoll zu gehen.«
Sie stiegen in eine ungeheizte, ratternde Fahrstuhlkabine, die nach Urin stank. Sie war leer bis auf einen behelmten Komuso-Monch, der in Gedanken versunken auf einer Bank sa? und seine Shakuhachi zwischen den Knien hielt. Khouri vermutete, dass andere Fahrgaste lieber auf die nachste Kabine in dem endlosen Paternoster zwischen dem Zentrum und dem Rand gewartet hatten, als zu ihm einzusteigen.
Neben dem Komuso stand die Mademoiselle und hatte wurdevoll die Hande auf dem Rucken gefaltet. Sie trug ein bodenlanges, stahlblaues Kleid, das schwarze Haar war zu einem strengen Knoten zusammengenommen.
»Sie sind viel zu verkrampft«, sagte sie. »Volyova wird glauben, Sie hatten etwas zu verbergen.«
»Gehen Sie weg.«
Volyova sah zu ihr hinuber. »Sagten Sie etwas?«
»Nur, dass es hier kalt ist.«
Volyova brauchte verdachtig lange, um diese Aussage zu verarbeiten. »Ja. Das mag sein.«
»Sie brauchen nicht laut zu sprechen«, sagte die Mademoiselle. »Sie brauchen nicht einmal stumm zu artikulieren. Stellen Sie sich nur vor, Sie wurden sagen, was ich horen soll. Das Implantat entdeckt die Spuren der Impulse, die in Ihrem Sprachzentrum generiert werden. Los. Versuchen Sie es.«
»Gehen Sie weg«, sagte Khouri noch einmal oder stellte sich vielmehr vor, sie wurde es sagen. »Verschwinden Sie schleunigst aus meinem Kopf. Das stand nicht im Vertrag.«
»Meine Liebe«, sagte die Mademoiselle, »es gibt doch gar keinen Vertrag, nur eine — wie soll ich sagen? Eine Vereinbarung auf Treu und Glauben?« Sie sah Khouri fest an, als warte sie auf eine Reaktion. Khouri starrte nur hasserfullt zuruck. »Na schon«, sagte die Mademoiselle. »Aber Sie sehen mich bald wieder, das verspreche ich Ihnen.«
Damit verschwand sie.
»Ich kann es kaum erwarten«, murmelte Khouri.
»Wie bitte?«, fragte Volyova.
»Ich sagte, ich kann es kaum erwarten«, antwortete Khouri. »Diesen verdammten Fahrstuhl zu verlassen, meine ich.«
Wenig spater hatten sie das Zentrum erreicht, passierten den Zoll und bestiegen das Shuttle, ein Schiff fur Fluge au?erhalb der Atmosphare, bestehend aus einer Kugel mit vier am Aquator angebrachten Triebwerken. Das Shuttle hie?
Khouri uberlief ein Schauer, als ihr klar wurde, dass die Frau keine Implantate hatte und tatsachlich mit den Fingern kommunizierte.
»Schnallen Sie sich an«, sagte Volyova. »Um Yellowstone fliegt so viel Schrott herum, dass wir wahrscheinlich ein paar g auffahren mussen, um rauszukommen.«
Khouri gehorchte. Die nachsten Minuten waren nicht angenehm, dennoch fand sie hier seit Tagen zum ersten Mal Gelegenheit, sich zu entspannen. Seit ihrer Reanimation hatten sich die Ereignisse uberschlagen. Wahrend sie in Chasm City schlief, hatte die Mademoiselle auf ein Schiff gewartet, das nach Resurgam weiterflog, und da Resurgam im unsteten Netz interstellarer Handelsbeziehungen nur eine sehr untergeordnete Rolle spielte, hatte sie lange warten mussen. Ein Lichtschiff war schwer zu bekommen. Sie befanden sich alle seit Jahrhunderten in Privatbesitz. Auch die machtigste Einzelperson konnte keines mehr erwerben. Die Synthetiker stellten keine Antriebe mehr her, und wer bereits ein Schiff besa?, dachte nicht daran, es zu verkaufen.
Khouri wusste, dass weder die Mademoiselle noch Volyova nur passiv gewartet hatten, ohne selbst tatig zu werden. Volyova hatte — laut der Mademoiselle — in Yellowstones Datennetze ein Suchprogramm eingespeist, einen so genannten Bluthund. Kein Mensch, nicht einmal ein computergesteuerter Monitor hatte seine raffinierte Schnuffelei entdecken konnen. Aber die Mademoiselle war offenbar weder das eine noch das andere, und so hatte sie den Hund gespurt wie ein Wasserlaufer, der noch das leiseste Zittern unter seinen Fu?en wahrnimmt.
Und sie hatte geschickt reagiert.
Sie pfiff dem Bluthund, bis er auf sie zugesprungen kam. Dann brach sie ihm ganz lassig den Hals, aber erst, nachdem sie ihn aufgeschnitten und die Informationen in seinen Eingeweiden uberpruft hatte, um zu sehen, worauf er angesetzt war. Sie kam zu dem Ergebnis, dass der Hund angeblich geheime Informationen uber Personen mit Stasiserfahrung finden sollte. Das war fur eine Gruppe Ultras, die nach einem neuen Besatzungsmitglied suchte, um eine Lucke in ihren Reihen zu fullen, soweit normal. Doch da war noch etwas. Eine Besonderheit, die die Mademoiselle stutzig machte.
Warum suchten sie jemanden, der im Militardienst gewesen war?
Vielleicht waren sie auf Disziplin versessen: professionelle Handler, die eine Stufe uber dem normalen Spiel von Angebot und Nachfrage agierten, Spezialisten, die sich ohne Rucksicht auf Verluste mit fragwurdigen Methoden die Informationen beschafften, die sie brauchten. Leute, die sich auch von Reisen zu Provinzkolonien wie Resurgam nicht abschrecken lie?en, wenn sie dort, wenn auch vielleicht erst in Jahrhunderten, satte Gewinne witterten. Wahrscheinlich herrschte bei ihnen eine eher militarisch straffe Organisation und keine Quasi-Anarchie wie auf den meisten Handelsschiffen. Wenn sie also Wert auf militarische Erfahrung legten, wollten sie wohl nur sicherstellen, dass der Kandidat auch zu ihnen passte.
Naturlich, das war des Ratsels Losung.
Bislang war alles gut gegangen, auch wenn Volyova seltsamerweise geschwiegen hatte, als Khouri vorgab, uber das neue Ziel des Schiffes nicht informiert zu sein. Khouri hatte naturlich die ganze Zeit gewusst, dass das Schiff Resurgam anfliegen wollte — aber wenn sie den Ultras gestanden hatte, dass die Provinzkolonie in Wirklichkeit auch ihr Ziel war, hatte sie das mit einer ihrer Tarngeschichten erklaren mussen. Hatte Volyova sie verbessert, dann hatte sie sofort eine dieser Geschichten aus dem Armel gezogen — aber Volyova hatte kein Wort gesagt. Offenbar wollte sie ihr neues Besatzungsmitglied in dem Glauben belassen, die Reise ginge nach Sky’s Edge.
