Das mochte tatsachlich sonderbar sein, lie? sich aber erklaren, wenn man davon ausging, dass sie inzwischen verzweifelt genug waren, um jeden anzuheuern, der sich meldete. Ein Zeichen von Aufrichtigkeit war es gerade nicht, andererseits blieb Khouri auf diese Weise eine Luge erspart. Sie beschloss, sich daruber nicht weiter den Kopf zu zerbrechen. Im Grunde ware alles in bester Ordnung gewesen — bis auf das Implantat, das ihr die Mademoiselle in den Schadel gepflanzt hatte, wahrend sie schlief. Es war winzig klein und so gebaut, dass es wie ein gewohnlicher Entoptik-Verstarker aussah und auch so funktionierte. Die Ultras sollten keinen Verdacht schopfen. Und falls sie zu neugierig wurden und das verdammte Ding entfernten, wurden sich alle belastenden Teile selbsttatig loschen oder umstrukturieren. Darum ging es also nicht. Das Implantat storte Khouri nicht, weil es riskant oder uberflussig gewesen ware, sondern weil die Mademoiselle die letzte Person war, die sie tagtaglich in ihrem Kopf haben wollte. Naturlich handelte es sich nur um eine Beta-Simulation, eine Personlichkeitskopie. Das Implantat projizierte ein Bild der Mademoiselle in Khouris Blickfeld und stimulierte ihr Horzentrum, so dass sie auch die Stimme des Geistes horen konnte. Fur alle anderen waren die Erscheinungen unsichtbar, und die Verstandigung ging lautlos vonstatten.

»Sagen wir, ich will alles wissen«, hatte der Geist erklart. »Ihnen als ehemaligem Soldaten sollte dieser Wunsch nicht fremd sein.«

Khouri ergab sich in ihr Schicksal. »Ich kann ihn verstehen. Die Sache stinkt zum Himmel, aber ich nehme nicht an, dass Sie mir das verdammte Ding nur deshalb wieder herausnehmen werden, weil ich es nicht mag.«

Die Mademoiselle lachelte. »Ich mochte Sie im Moment nicht mit allzu viel Wissen belasten, um die Gefahr von unbedachten Au?erungen in Gegenwart der Ultras moglichst gering zu halten.«

»Moment mal«, sagte Khouri. »Ich wei? bereits, dass ich Sylveste toten soll. Was konnte es sonst noch fur Geheimnisse geben?«

Wieder zeigte die Mademoiselle dieses aufreizende Lacheln. Wie viele Beta-Sims verfugte sie nur uber eine beschrankte Auswahl an mimischen Variationen, so dass sie sich wie ein schlechter Schauspieler standig wiederholte.

»Ich furchte«, sagte sie, »Sie kennen noch nicht einmal einen Bruchteil der Geschichte. Was Sie wissen, ist nicht mehr als ein winziger Splitter.«

Als Pascale kam, studierte Sylveste ganz bewusst ihre Gesichtszuge und verglich sie im Geiste mit denen von Nils Girardieu. Wie ublich setzte ihm sein Sehvermogen dabei enge Grenzen. Seine Augen hatten Schwierigkeiten, gewolbte Flachen zu erfassen, und neigten dazu, die sanften Rundungen eines menschlichen Gesichts scharfkantig abzustufen.

Calvins Behauptung war nicht so ohne weiteres zu widerlegen. Zwar hatte Pascale glattes Haar von biblischem Schwarz, Girardieu dagegen rote Locken. Aber der Knochenbau wies Ubereinstimmungen auf, die uber eine zufallige Ahnlichkeit hinausgingen. Ohne Calvins Hinweis ware Sylveste vielleicht nie darauf gekommen… aber nun hatte er Verdacht geschopft und dieser Verdacht erklarte nur allzu viel.

»Warum haben Sie mich belogen?«, fragte er.

Sie schien aufrichtig erschrocken. »Inwiefern?«

»In allem. Angefangen mit Ihrem Vater.«

»Mein Vater?« Sie war kleinlaut geworden. »Aha. Sie wissen also Bescheid.«

Er presste die Lippen zusammen und nickte. Dann: »Das war eines der Risiken einer Zusammenarbeit mit Calvin. Er ist sehr klug.«

»Er muss irgendwie eine Datenverbindung zu meinem Notepad aufgebaut und auf meine personlichen Daten zugegriffen haben. Dieser Dreckskerl.«

»Jetzt wissen Sie, wie mir zumute ist. Warum haben Sie das getan, Pascale?«

»Anfangs hatte ich keine andere Wahl. Ich wollte Sie studieren, und ohne meinen wirklichen Namen zu verleugnen, hatte ich niemals Ihr Vertrauen gewonnen. Moglich war es: nur wenige Menschen wissen uberhaupt von meiner Existenz und noch weniger kennen mein Aussehen.« Sie hielt inne. »Und es hat doch geklappt, nicht wahr? Sie haben mir vertraut. Und ich habe Ihr Vertrauen nicht missbraucht.«

»Ist das auch wirklich wahr? Haben Sie Nils nie etwas verraten, was ihm hatte nutzen konnen?«

Sie sah ihn gekrankt an. »Man hatte Sie vor dem Umsturz gewarnt, wissen Sie nicht mehr? Wenn jemand betrogen wurde, dann war es mein Vater.«

Er suchte eher halbherzig nach Argumenten, um ihre Sicht der Dinge zu widerlegen. Vielleicht hatte sie ja Recht. »Und die Biografie?«

»Das war die Idee meines Vaters.«

»Ein Mittel, um mich in Verruf zu bringen?«

»Die Biografie enthalt nur die reine Wahrheit — oder Sie wissen mehr als ich.« Sie hielt inne. »Inzwischen ist sie fast reif zur Veroffentlichung. Calvin war mir eine gro?e Hilfe. Sind Sie sich im Klaren daruber, dass diese Biografie das erste gro?ere literarische Werk ist, das auf Resurgam verfasst wurde? Naturlich nach den Amarantin.«

»Und sie ist tatsachlich ein Kunstwerk. Wollen Sie unter Ihrem richtigen Namen veroffentlichen?«

»So war es von vornherein geplant. Ich hatte naturlich gehofft, dass Sie mir nicht vorher auf die Schliche kommen wurden.«

»Machen Sie sich keine Sorgen. Unsere gemeinsame Arbeit wird dadurch nicht beeintrachtigt, glauben Sie mir. Schlie?lich wusste ich immer, dass Nils als Autor im Hintergrund steht.«

»Das macht es Ihnen leichter, nicht wahr? Meiner Arbeit jegliche Bedeutung abzusprechen?«

»Haben Sie die Daten, die Sie mir versprochen hatten?«

»Ja.« Sie reichte ihm eine Karte. »Ich pflege Wort zu halten, Doktor. Aber ich furchte sehr, dass ich jetzt auch noch den letzten Rest von Respekt vor Ihnen verliere.«

Sylveste nahm die Karte zwischen Daumen und Zeigefinger und bog sie hin und her. Die Ergebnisse der Electron-Messung scrollten uber die Oberflache. Das Bild, das hinter den Zahlen stand, fesselte ihn so sehr, dass er sich nur teilweise auf das Gesprach mit Pascale konzentrieren konnte. »Als Ihr Vater mir zum ersten Mal von der Biografie erzahlte, sagte er, der Autor sei eine Verehrerin von mir, deren Illusionen nur darauf warteten, zerstort zu werden.«

Sie stand auf. »Wir verschieben das Ganze besser auf ein anderes Mal.«

»Nein, warten Sie.« Sylveste griff nach ihrer Hand. »Es tut mir Leid. Ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen. Verstehen Sie?«

Sie zuckte vor seiner Beruhrung zuruck und entspannte sich nur langsam. Ihr Blick blieb wachsam. »Woruber?«

»Daruber.« Er klopfte mit dem Daumen auf die Analyse. »Es ist sehr interessant.«

Volyovas Shuttle befand sich im Anflug auf eine Werft unweit des Lagrange-Punkts zwischen Yellowstone und seinem Mond Marcos Auge. Etwa ein Dutzend Lichtschiffe parkten dort, mehr als Khouri in ihrem ganzen Leben auf einmal gesehen hatte. Im Zentrum der Werft befand sich ein gro?eres Karussell; am Rand des Rades hingen wie ein Wurf Ferkel viele kleinere Schiffe fur den interplanetaren Verkehr. Einige Lichtschiffe hingen in Gitterkonstruktionen, um Ihre Eisschilde oder ihren Synthetiker-Antrieb generaluberholen zu lassen. Auch Synthetiker-Schiffe waren darunter; schnittig und schwarz, als waren sie aus dem gleichen Material gemacht wie das Weltall. Der Rest der Raumschiffe trieb im Grunde ziellos auf einer langsamen Umlaufbahn um das Schwerkraftzentrum des Lagrange-Punkts. Khouri vermutete, dass fur den Parkbetrieb komplizierte Verkehrsregeln existierten. Wer wem ausweichen musste, um eine Kollision zu vermeiden, die jeder Computer schon Tage im Voraus hatte berechnen konnen, war sicher genauestens vorgeschrieben. Der Aufwand an Treibstoff, um ein Schiff vom Kollisionskurs abzubringen, war unbedeutend im Verhaltnis zu den Gewinnspannen, mit denen ein normales Handelsschiff bei einem Zwischenstopp rechnete… aber ein Gesichtsverlust ware schwerer zu verkraften. Um Sky’s Edge hatten nie so viele Schiffe geparkt, doch selbst dort hatte sie gehort, dass Besatzungen wegen der Parkhierarchie und der Handelsprivilegien in Streit gerieten. Viele Planetenhocker betrachteten die Ultras falschlicherweise als in sich homogene Untergruppe der Menschheit. In Wahrheit gab es ebenso viele Splittergruppen, die einander nicht uber den Weg trauten, wie in allen anderen Schichten der Menschheit.

Volyovas Schiff war jetzt ganz nahe.

Wie alle Lichtschiffe hatte es eine geradezu unglaubliche Stromlinienform. Im All herrschten nur bei langsamen Geschwindigkeiten annahernd Vakuumbedingungen. Nahe der Lichtgeschwindigkeit — und so flogen diese Schiffe die meiste Zeit — rasten sie wie durch einen pfeifenden Sturm. Deshalb waren sie gebaut wie ein

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