Dolch: der konische Rumpf verjungte sich zu einem nadelspitzen Bug, der das interstellare Medium durchstie?, zwei mit Tragholmen am Heck befestigte Synthetiker-Triebwerke bildeten den verschnorkelten Griff. Das Ganze war von einem Eispanzer umgeben, der wie ein Diamant glitzerte. Als das Shuttle nun auf Volyovas Schiff hinabstie?, bekam Khouri einen fluchtigen Eindruck von seiner ungeheuren Gro?e. Es war, als floge man uber eine Stadt. Dann offnete sich eine Irisblende und legte eine erleuchtete Andockbucht frei. Volyova lenkte das Schiff mit wenigen, fachmannisch dosierten Schuben der Steuerdusen darauf zu und setzte es auf einen Schlitten. Khouri horte Verbindungskabel und Anschlusse mit dumpfem Klicken einrasten.
Volyova schnallte sich als Erste ab. »Wollen wir an Bord gehen?«, fragte sie nicht ganz so zuvorkommend, wie Khouri erwartet hatte.
Sie stie?en sich ab und schwebten durch das Shuttle und hinaus in den geraumigen Verbindungsgang. Noch waren sie im freien Fall, aber am Ende des Korridors sah Khouri eine komplizierte Vorrichtung zur Verbindung von stationaren und rotierenden Schiffsteilen.
Ihr wurde ganz flau im Magen, aber das ging Volyova nun wirklich nichts an.
»Bevor wir weitergehen«, sagte die Ultra-Frau, »muss ich Ihnen jemanden vorstellen.«
Sie schaute uber Khouris Schulter zu dem Shuttle zuruck, das sie an Bord gebracht hatte. Khouri horte ein leises Scharren: jemand zog sich Hand uber Hand an den Gelandern entlang, die um den Korridor herum angebracht waren. Das konnte nur bedeuten, dass eine dritte Person mit im Shuttle gewesen war.
Hier stimmte etwas nicht.
Volyova benahm sich nicht so, als wolle sie eine potenzielle neue Untergebene beeindrucken. Was Khouri dachte, schien ihr ziemlich gleichgultig zu sein, so als spiele es keine Rolle. Khouri sah sich um und erkannte den Komuso, der den Fahrstuhl mit ihnen geteilt hatte. Sein Gesicht war unter dem Weidenhelm der Monchstracht nicht zu erkennen. Die Shakuhachi ruhte in seiner Armbeuge.
Khouri setzte zum Sprechen an, doch Volyova winkte ab. »Willkommenen Bord der
»Sie wunschen?«
»Schlagen Sie sie nieder, bevor sie einen von uns zu toten versucht.«
Khouri sah den Bambusstab herabsausen wie einen goldenen Blitz, dann wurde es dunkel um sie.
Sylveste glaubte, Pascales Parfum zu riechen, bevor er sie mit den Augen in der Menge vor dem Gefangnisgebaude entdeckte. Er wollte unwillkurlich auf sie zu eilen, aber die beiden stammigen Milizsoldaten, die ihn aus seiner Zelle geholt hatten, hielten ihn zuruck. Die Menge hinter der Absperrung empfing ihn mit Pfiffen und gedampften Beschimpfungen, aber das nahm er nur am Rande wahr.
Pascale begru?te ihn mit einem Kuss, schirmte aber die Beruhrung ihrer Lippen taktvoll mit ihrem Spitzenhandschuh ab.
»Keine Fragen«, flusterte sie so leise, dass die Worte fast im Larm der Menge untergingen. »Ich wei? ebenso wenig wie du, was du hier sollst.«
»Steckt Nils dahinter?«
»Wer sonst? Nur er hat die Macht, dich fur mehr als einen Tag herauszuholen.«
»Schade, dass er nicht so scharf darauf ist, mich an der Ruckkehr zu hindern.«
»Ach, wer wei? — aber er muss seine eigenen Leute und die Opposition beschwichtigen. Du solltest wirklich langsam aufhoren, ihn als deinen argsten Feind zu betrachten.« Sie stiegen in den wartenden Wagen. Hier herrschte tiefe Stille. Der Wagen war ursprunglich eines der kleineren Erkundungsfahrzeuge gewesen. Vier Ballonreifen trugen den windschnittigen Rumpf, die Funkanlage war in einem mattschwarzen Hocker auf dem Dach untergebracht. Die Karosserie war im Violett der Fluter lackiert, und vorne flatterten zwei Wimpel mit Hokusai- Wellen.
»Wenn mein Vater nicht gewesen ware«, fuhr Pascale fort, »hattest du den Umsturz nicht uberlebt. Er hat dich vor deinen schlimmsten Gegnern beschutzt.«
»Das macht ihn nicht gerade zu einem fahigen Revolutionar.«
»Und was besagt es uber das Regime, das er sturzen konnte?«
Sylveste zuckte die Achseln. »Der Punkt geht wohl an dich.«
Ein Soldat kletterte auf den Vordersitz hinter der Panzerglaswand, der Wagen setzte sich in Bewegung und raste durch die Menge auf den Stadtrand zu. Sie durchquerten eine Baumschule und fuhren auf einer der Rampen am Kuppelrand in die Tiefe. Zwei weitere Regierungsfahrzeuge begleiteten sie, ebenfalls ehemalige Erkundungswagen, aber schwarz lackiert und mit maskierten Milizsoldaten mit geschulterten Gewehren auf den Beifahrersitzen. Nachdem der Konvoi etwa einen Kilometer weit durch einen unbeleuchteten Tunnel gefahren war, erreichte er eine Luftschleuse und hielt an. Die atembare Stadtluft wurde durch Resurgams Atmosphare ersetzt. Die Soldaten zogen sich Atemmasken und Schutzbrillen uber das Gesicht, ohne ihre Platze zu verlassen. Dann fuhren die Wagen wieder an und kehrten an die Oberflache zuruck. Graues Tageslicht empfing sie. Sie waren von Betonmauern umgeben und fuhren uber eine breite, von grunen und roten Lichtern begrenzte Bahn.
Auf dem Vorfeld erwartete sie ein Flugzeug mit ausgefahrenem Fahrgestell. Die Flugelunterseiten leuchteten unangenehm grell, sie hatten bereits begonnen, die angrenzenden Luftschichten zu ionisieren. Der Fahrer griff in ein Fach am Armaturenbrett, holte Atemmasken heraus, reichte sie durch das Schutzgitter nach hinten und bedeutete seinen Fahrgasten, sie uber das Gesicht zu ziehen.
»Sie mussen nicht«, sagte er. »Der Sauerstoffgehalt ist um zweihundert Prozent gestiegen, seit Sie Resurgam City zum letzten Mal verlassen haben, Dr. Sylveste. Einige Leute haben bis zu einer halben Stunde ohne Maske geatmet, ohne dauernde Schaden davonzutragen.«
»Das mussen die Dissidenten sein, von denen ich standig hore«, sagte Sylveste. »Die Renegaten, die von Girardieu wahrend des Umsturzes verraten wurden und angeblich Kontakte zu den Anfuhrern des
Der Soldat blieb ungeruhrt. »Die Staubpartikel werden mit Enzymen ausgespult. Ein altes biotechnisches Verfahren vom Mars. Wie auch immer, die Staubdichte ist gesunken. Wir haben so viel Feuchtigkeit in die Atmosphare gepumpt, dass die Staubteilchen zusammenkleben und vom Wind nicht mehr so leicht davongetragen werden konnen.«
»Ausgezeichnet«, lobte Sylveste. »Leider ist und bleibt Resurgam ein elendes Dreckloch.«
Er zog sich die Maske uber und wartete, bis die Tur geoffnet wurde. Drau?en wehte ein ma?ig starker Wind, der nur leicht auf der Haut brannte.
Sie rannten uber das Vorfeld.
Das geraumige Flugzeug war eine Oase der Stille. Der prunkvolle Innenraum war in Violett gehalten, der Farbe der Regierung. Die Insassen der anderen Fahrzeuge kamen durch eine zweite Tur an Bord. Sylveste sah, wie Nils Girardieu das Vorfeld uberquerte. Er bewegte sich mit wiegenden Schritten, die gleich unter den Schultern ansetzten, als wurde ein Stechzirkel Spitze fur Spitze uber ein Zeichenbrett gefuhrt, und strahlte so viel geballte Kraft aus wie ein auf Menschengro?e verpresster Gletscher. Dann war der Fuhrer der Kolonie verschwunden, und wenige Minuten spater entstand um den Rand des nachstgelegenen Flugels ein violetter Strahlenkranz aus angeregten Ionen. Das Flugzeug hob ab.
Sylveste schuf sich ein Fenster in der Flugzeugwand und beobachtete, wie Cuvier — oder Resurgam City, wie es inzwischen genannt wurde — unter ihm immer kleiner wurde. Zum ersten Mal seit dem Umsturz, bei dem man auch den franzosischen Naturalisten Cuvier von seinem Sockel gesturzt hatte, sah er die Stadt als Ganzes. Die alte koloniale Schlichtheit war dahin. Ein schmutziger Schaumrand aus menschlichen Wohnsiedlungen quoll uber den Kuppelrand hinaus; luftdichte Gebaude, verbunden durch uberdachte Stra?en und Fu?wege. In einiger Entfernung waren viele kleinere Kuppeln entstanden, unter denen smaragdgrune Plantagen hervorleuchteten. Weit au?erhalb lagen sogar unter freiem Himmel etliche scharf rechtwinklige Felder mit Versuchsorganismen, die nur darauf warteten, auf die Welt losgelassen zu werden.
Das Flugzeug drehte eine Runde uber der Stadt, dann nahm es Kurs nach Norden. Ein Netz von Schluchten entrollte sich unter ihnen. Gelegentlich uberflogen sie eine kleine Siedlung, normalerweise nur eine undurchsichtige Kuppel oder eine stromlinienformige Baracke, die fur einen Moment im Schein der Flugel aufleuchtete. Zumeist sahen sie nur eine endlose Wildnis ohne Stra?en, Rohre oder Stromleitungen.
Sylveste nickte immer wieder ein, wahrend unten tropische Wusten, Eisfelder und importierte Tundraflachen vorbeizogen. Irgendwann stieg eine Siedlung uber den Horizont, und das Flugzeug setzte in tragen Spiralen zur
