Landung an. Sylveste verschob sein Fenster, um besser sehen zu konnen.

»Die Gegend kenne ich. Dort haben wir den Obelisken gefunden.«

»Richtig«, sagte Pascale.

Das felsige Gelande war kaum bewachsen. Am Horizont ragten machtige Gewolberuinen und spektakulare Felssaulen auf. Alles schien unmittelbar vor dem Zusammenbruch zu stehen. Es gab kaum ebene Stellen, das Gebiet war von tiefen Falten durchzogen wie ein ungemachtes steinernes Bett. Sie uberflogen einen ausgeharteten Lavastrom und landeten auf einem sechseckigen Feld inmitten von Gebauden aus Eisenbeton. Obwohl es erst Mittag war, dampfte der Staub in der Luft das Sonnenlicht so stark, dass man den Landeplatz mit Scheinwerfern beleuchten musste. Milizsoldaten kamen ihnen entgegengelaufen. Sie hielten sich die Hande vor die Augen, um nicht vom grellen Schein an der Unterseite der Flugel geblendet zu werden.

Sylveste griff nach seiner Maske, sah sie verachtlich an und lie? sie auf dem Sitz liegen. Die paar Schritte bis zum Gebaude wurde er auch ohne Hilfe schaffen, und wenn er Schwierigkeiten hatte, ging das niemanden etwas an.

Die Miliz geleitete sie in die Baracke. Sylveste war Girardieu seit Jahren nicht mehr so nahe gewesen. Erschrocken stellte er fest, wie klein ihm sein Gegner inzwischen erschien. Girardieu war so gedrungen wie Schurfbagger. Man traute ihm zu, sich durch massiven Basalt zu fressen. Sein rotes Haar war kurz und borstig und zeigte bereits wei?e Faden. Er schaute mit gro?en Augen so fragend in die Welt wie ein verschreckter Pekinesenwelpe.

»Was fur ein ungewohnliches Bundnis«, sagte er, nachdem einer der Soldaten die Tur hinter ihnen geschlossen hatte. »Wer hatte gedacht, dass wir beide einmal so viel gemeinsam haben konnten.«

»Es ist weniger, als Sie vielleicht denken«, wehrte Sylveste ab.

Girardieu fuhrte die Gruppe durch einen Stollen mit vielen Verstrebungen. Zu beiden Seiten standen ausrangierte und bis zur Unkenntlichkeit verdreckte Maschinen. »Sie fragen sich sicher, was das alles soll.«

»Ich habe einen gewissen Verdacht.«

Die verwahrlosten Maschinen warfen Girardieus Lachen zuruck. »Erinnern Sie sich an den Obelisken, den man hier ausgegraben hat? Naturlich — Sie hatten ja auf die phanomenologischen Schwierigkeiten bei der Trapped Electron-Datierung des Felsgesteins hingewiesen.«

»Ganz richtig«, sagte Sylveste bissig.

Die Messergebnisse waren uberwaltigend. Die Gitterstruktur naturlicher Kristalle war nie absolut vollkommen. Immer gab es Lucken, wo Atome fehlten, und dort sammelten sich im Lauf der Zeit die Elektronen, die an anderen Gitterstellen durch kosmische Strahlung und naturliche Radioaktivitat herausgerissen worden waren. Da sich die Locher auf diese Weise stetig mit Elektronen fullten, konnte man an Hand der Zahl eingefangener Elektronen auch anorganische Funde datieren. Naturlich hatte die Sache einen Haken: das Verfahren war nur sinnvoll, wenn die ›Elektronenfallen‹ irgendwann in der Vergangenheit einmal ›gebleicht‹ oder geleert worden waren. Zum Gluck genugte es, den Kristall zu erhitzen oder dem Licht auszusetzen, um die au?ersten Fallen auszubleichen. Eine Trapped Electron-Analyse des Obelisken hatte ergeben, dass alle ›Fallen‹ in den Au?enschichten unter Berucksichtigung von Mess-ungenauigkeiten etwa zur gleichen Zeit geleert worden waren, namlich vor neunhundertneunzigtausend Jahren. Nur eine Katastrophe von der Gro?e des Ereignisses hatte ein so gro?es Objekt wie den Obelisken so grundlich bleichen konnen.

Das war so weit nichts Neues; Tausende von Amarantin-Funden waren mit dem gleichen Verfahren datiert und auf das Ereignis zuruckgefuhrt worden. Aber keines dieser Objekte war gezielt vergraben worden. Den Obelisken hatte man dagegen nach der Leerung der Elektronen ganz bewusst in einen Stein-Sarkophag gelegt.

Nach dem Ereignis.

Diese Erkenntnis war selbst fur das neue Regime spektakular genug, um die Aufmerksamkeit auf den Fund zu lenken. Im Lauf des vergangenen Jahres war auch das Interesse an den Inschriften wieder erwacht. Allein war Sylveste nur zu einer allenfalls vagen Deutung gelangt, doch jetzt kam ihm die ubrige Archaologengemeinde zu Hilfe. In Cuvier hatte eine neue Freiheit Einzug gehalten; Girardieus Regierung hatte ihre ablehnende Haltung gegenuber der Amarantin-Forschung gelockert, obwohl der Wahre Weg zunehmend fanatischer dagegen opponierte.

Ein ungewohnliches Bundnis, wie Girardieu sich ausdruckte.

»Sobald wir eine ungefahre Vorstellung hatten, was der Obelisk uns sagen wollte«, erklarte Girardieu, »haben wir das ganze Gebiet abgesperrt und Grabungen bis in sechzig oder siebzig Metern Tiefe durchgefuhrt. Wir haben noch Dutzende von weiteren Obelisken gefunden — bei allen waren die Elektronenfallen vor dem Vergraben geleert worden, alle trugen mehr oder weniger die gleichen Inschriften. Sie berichten nicht von einem Ereignis in dieser Gegend. Sie weisen darauf hin, dass hier etwas vergraben wurde.«

»Etwas Gro?es«, sagte Sylveste. »Etwas, das vor dem Ereignis geplant — vielleicht sogar noch vorher verscharrt worden war. Die Wegweiser wurden erst hinterher angebracht, als letzte kulturelle Gro?tat einer Gesellschaft am Rand der Vernichtung. Wie gro? war es denn, Girardieu?«

»Sehr gro?.« Und dann berichtete Girardieu, wie sie das Gebiet zunachst mit einer Reihe von Thumpern untersucht hatten: Geraten zur Erzeugung von seismischen Rayleigh-Wellen, die sich durch den Boden ausbreiteten und auf die Dichte von vergrabenen Objekten reagierten. Sie hatten die gro?ten Thumper gebraucht, sagte Girardieu, das bedeute, dass das Objekt in einer Tiefe liege, die mit dem Verfahren gerade noch zu erreichen sei, also in mehreren hundert Metern. Spater hatten sie die empfindlichsten Gravitationsscanner der Kolonie eingesetzt. Erst sie hatten ihnen eine Vorstellung davon vermittelt, wonach sie eigentlich suchten.

Nach einem Objekt von beachtlichen Dimensionen.

»Steht die Grabung mit dem Fluter-Programm in Verbindung?«

»Vollkommen unabhangig davon. Reine wissenschaftliche Forschung, um es anders auszudrucken. Uberrascht Sie das? Ich hatte immer versprochen, dass wir das Studium der Amarantin nicht aufgeben wurden. Wenn Sie mir schon vor vielen Jahren geglaubt hatten, konnten wir jetzt womoglich gemeinsam gegen den eigentlichen Feind kampfen — den Wahren Weg.«

Sylveste widersprach. »Vor der Entdeckung des Obelisken zeigten Sie keinerlei Interesse an den Amarantin. Aber der Obelisk hat Sie aufgeruttelt, nicht wahr? Denn das war endlich ein handfester Beweis; nichts, was ich hatte falschen oder manipulieren konnen. Diesmal mussten Sie zumindest die Moglichkeit einraumen, dass ich die ganze Zeit Recht gehabt haben konnte.«

Sie traten in einen geraumigen Fahrstuhl mit Pluschsitzen und Fluter-Aquarellen an den Wanden. Eine dicke Metalltur schloss sich mit leisem Summen. Einer von Girardieus Helfern offnete eine Klappe und druckte auf einen Knopf. Der Fahrstuhl sackte so plotzlich in die Tiefe, dass sich ihnen der Magen umdrehte. Erst allmahlich stellte sich der Korper auf die Bewegung ein.

»Wie weit mussen wir hinunter?«

»Nicht weit«, sagte Girardieu. »Nur zweitausend Meter.«

Als Khouri erwachte, hatten sie den Orbit um Yellowstone bereits verlassen. Durch das Bullauge in ihrer Kabine sah der Planet viel kleiner aus als zuvor. Die Region um Chasm City war so winzig wie eine Sommersprosse. Der Rostgurtel war nur ein braunlicher Rauchring, viel zu weit entfernt, als dass die einzelnen Teile zu unterscheiden gewesen waren. Das Schiff war nicht mehr aufzuhalten: es wurde mit 1 Ge stetig beschleunigen, bis es das Epsilon-Eridani-System hinter sich gelassen hatte, und den Antrieb erst um Haaresbreite vor Erreichen der Lichtgeschwindigkeit abschalten. Diese Schiffe wurden nicht zufallig Lichtschiffe genannt.

Man hatte sie hereingelegt.

»Eine Komplikation«, sagte die Mademoiselle nach langen Minuten des Schweigens. »Aber mehr auch nicht.«

Khouri rieb sich die schmerzhafte Beule am Hinterkopf, wo der Komuso — sie wusste inzwischen, dass er Sajaki hie? — sie mit seiner Shakuhachi getroffen hatte.

»Was meinen Sie mit ›Komplikation‹?«, schrie sie. »Man hat mich shanghait, blodes Weib!«

»Etwas leiser, liebes Kind. Man wei? hier nichts von meiner Existenz, und ich sehe keinen Anlass, daran etwas zu andern.« Das entoptische Bild lachelte ruckartig. »Im Moment bin ich wahrscheinlich die beste Freundin, die Sie haben. Sie sollten alles tun, um unser gemeinsames Geheimnis zu bewahren.« Sie betrachtete ihre

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