befand sich ein hufthohes Schutzgelander, und dahinter ging es mehrere hundert Meter weit ins Nichts. An der Innenwand waren in Abstanden von funf bis sechs Metern mit Epoxidpunkten Lampen befestigt und etwa alle zwanzig Meter tauchte eine Tafel mit ratselhaften Symbolen auf.
Nachdem sie drei bis vier Minuten lang die steile Rinne hinaufgestiegen waren, blieb Girardieu stehen. Vor ihnen befand sich ein Knotenpunkt, ein heilloses Gewirr aus Stromleitungen, Lampen und Kommunikationsschaltpulten. Die linke Wand der Vertiefung wich hier nach innen zuruck.
»Wir haben Wochen gebraucht, um den Eingang zu finden«, erklarte Girardieu. »Ursprunglich war die ganze Rinne mit Basalt verschuttet. Erst nachdem wir alles herausgeschlagen hatten, stellten wir fest, dass dies die einzige Stelle war, wo sich der Basalt nach innen fortsetzte, als blockiere er dort einen Stichtunnel, der in die Rinne mundete.«
»Wie man sieht, waren Sie flei?ig wie die Biber.«
»Das Graben war Schwerarbeit«, bestatigte Girardieu mit einem Nicken. »Die Rinne war vergleichsweise leicht freizulegen, aber hier hatten wir nur ein kleines Loch, durch das wir nicht nur bohren, sondern auch den Abraum wegschaffen mussten. Einige von uns wollten mit Boser-Brennern Nebengange bohren, um sich die Arbeit zu erleichtern, aber so weit sind wir nie gegangen. Und mit unseren Mineralbohrern war dem Zeug nicht beizukommen.«
Sylvestes wissenschaftliches Interesse erwies sich als starker als der Wunsch, sich uber Girardieus ruhrende Versuche, ihn zu beeindrucken, lustig zu machen. »Wissen Sie, was fur ein Material das ist?«
»Im Grunde nichts anderes als Kohlenstoff vermischt mit Eisen und Niobium und einigen seltenen Metallen in Spurenelementen. Aber die Struktur ist uns unbekannt. Es handelt sich nicht einfach um ein Diamant-Allotrop, das wir noch nicht entdeckt haben, auch nicht um Hyperdiamant. Die obersten Zehntelmillimeter haben vielleicht einige Ahnlichkeit mit Diamant, aber weiter unten durchlauft das Zeug eine komplexe Gittertransformation. Die endgultige Form — in viel gro?erer Tiefe, als wir bisher unsere Proben entnommen hatten — ist womoglich gar kein echter Kristall. Es konnte sein, dass das Gitter in Trillionen von Makromolekulen mit hohem Kohlenstoffanteil zerfallt, die zu einer koaktiven Masse zusammengeschlossen sind. Manchmal scheinen sich diese Molekule an defekten Gitterstrukturen zur Oberflache vorzuarbeiten und nur in diesem Fall bekommen wir sie uberhaupt zu sehen.«
»Das klingt ja fast nach einer zielgerichteten Bewegung.«
»Konnte schon sein. Vielleicht sind die Molekule so etwas wie kleine Enzyme, die dafur ausgerustet sind, die Diamantkruste zu reparieren, wenn sie beschadigt wurde.« Er zuckte die Achseln. »Aber wir konnten noch keines dieser Makromolekule isolieren, wenigstens nicht in stabiler Form. Sobald man sie aus dem Gitter entfernt, geht die Koharenz verloren. Sie fallen auseinander, bevor wir ins Innere schauen konnen.«
»Was Sie da beschreiben«, sagte Sylveste, »klingt verdachtig nach einer Form von Molekulartechnik.«
Girardieu lachelte, wie um zu zeigen, dass er bereit war, das Versteckspiel mitzumachen.
»Aber wir wissen naturlich, dass die Amarantin dafur viel zu primitiv waren.«
»Naturlich.«
»Naturlich.« Wieder lachelte Girardieu, aber diesmal bezog er die ganze Gruppe mit ein. »Wollen wir den Vorsto? nach innen wagen?«
Das Tunnelsystem, das von der Rinne ins Innere fuhrte, war unubersichtlicher, als Sylveste zunachst gedacht hatte. Er war davon ausgegangen, dass der Stichtunnel die Au?enhulle durchsto?en und in einem Hohlraum im Zentrum enden wurde. Aber das war ein Irrtum. Das ganze Artefakt war ein einziges Labyrinth. Etwa zehn Meter weit fuhrte der Tunnel tatsachlich auf den Mittelpunkt zu, doch dann machte er eine Biegung nach links und zerfiel bald in unzahlige Aste. Die einzelnen Wege waren mit farbigen Klebeetiketten gekennzeichnet, aber der Farbcode war so kompliziert, dass Sylveste nicht viel damit anfangen konnte. Schon nach funf Minuten war er vollig verwirrt, obwohl er den Verdacht hatte, dass sie noch nicht sehr weit vorgedrungen waren. Das Tunnelsystem kam ihm vor wie das Werk einer Made, die so verruckt war, sich nur mit der Schicht des Apfels direkt unter der Schale zu begnugen. Doch dann durchquerten sie einen regelrechten Riss in der Struktur, und Girardieu erklarte, das Artefakt bestehe aus einer Reihe von konzentrischen Schalen. Wahrend sie sich durch das nachste verwirrende Tunnelsystem kampften, unterhielt er sie mit zweifelhaften Anekdoten uber die ersten Erkundungsexpeditionen.
Bekannt war das Objekt seit zwei Jahren — seit Sylveste Pascale darauf aufmerksam gemacht hatte, dass der Obelisk seltsamerweise erst nach dem
Als sie die letzte der konzentrischen Schalen erreichten, gingen sie langsamer und registrierten alles genauer als vorher. Der Tunnel fuhrte steil abwarts und lief schlie?lich horizontal aus. Am Ende dieses Abschnitts sahen sie milchig-trubes Licht schimmern.
Girardieu sprach in seinen Armel, und das Licht wurde schwacher.
Im Halbdunkel gingen sie weiter. Das Echo ihrer Atemzuge wurde allmahlich schwacher — der enge Gang weitete sich. Jetzt war nur noch das muhsame Schnarren der Luftpumpen zu horen.
»Achtung«, sagte Girardieu. »Jetzt kommt es.«
Das Licht ging wieder an, und Sylveste wappnete sich gegen die unvermeidliche Desorientierung. Diesmal nahm er Girardieu seinen Hang zur Theatralik nicht ubel, denn er erlaubte ihm, in der Vorstellung zu schwelgen, er wurde den Fund noch einmal entdecken. Naturlich war das Ersatzbefriedigung, aber das wusste nur er. Er missgonnte den anderen ihren Triumph nicht. Das ware kleinlich gewesen, denn schlie?lich wurden sie nie erleben, wie wahre Entdeckerfreude sich anfuhlte. Er wollte sie schon fast bedauern, doch in diesem Moment enthullten die aufflammenden Lichter einen Anblick, der jeden normalen Gedanken ausloschte. Sie standen in einer Alien-Stadt.
Sechs
»Ich nehme an«, sagte Volyova, »dass Sie zu den rational denkenden Menschen gehoren, die stolz darauf sind, nicht an Gespenster zu glauben.«
Khouri runzelte leicht die Stirn. Volyova hatte von Anfang an gewusst, dass die Frau nicht dumm war, trotzdem fand sie es interessant zu beobachten, wie sie auf diese Frage reagierte.
»Gespenster, Triumvir? Das kann nicht Ihr Ernst sein.«
»Eines werden Sie sehr schnell lernen mussen«, sagte Volyova. »Ich sage nur sehr selten etwas, das ich nicht vollig ernst meine.« Dann wies sie auf die Tur, durch die sie gekommen waren. Es war eine schwere Tur und sie war ganz unauffallig in eine der rostroten Innenwande des Schiffes eingelassen. Hinter mehreren Rost- und Fleckschichten war die stilisierte Zeichnung einer Spinne zu erkennen. »Nur zu. Ich bin direkt hinter Ihnen.«
Khouri gehorchte; ohne zu zogern. Volyova war zufrieden. In den drei Wochen, seit sie die Frau geshanghait — oder angeheuert hatte, um es weniger drastisch auszudrucken —, hatte Volyova ein ganzes Bundel von komplexen Ma?nahmen zur Loyalitatsveranderung eingeleitet. Nun war die Behandlung fast abgeschlossen und musste nur immer wieder mit zusatzlichen Eingriffen erganzt werden. Bald war die Loyalitat der Frau so weit gefestigt, dass sie uber blo?en Gehorsam hinausging und zu einem inneren Zwang wurde, einem Gesetz des Handelns, dem sie sich ebenso wenig entziehen konnte wie ein Fisch aufhoren konnte, im Wasser zu atmen. Im Extremfall wurde Khouri sich nicht nur wunschen, dem Willen der Besatzung zu gehorchen, sondern sie wurde ihr auch noch dankbar sein, weil sie ihr Gelegenheit dazu gab. Aber Volyova hoffte, dass sie nicht so weit zu gehen brauchte. Sie wollte aufhoren, bevor die Programmierung diese Schichten erreichte. Nach ihren wenig erfolgreichen Experimenten mit Nagorny wurde sie sich huten, noch ein Meerschweinchen zu zuchten, das keine
