wurden, obwohl man dem Prozess mit einer ausgefeilten Therapie mit noch ungepruften Neurostabilisatoren entgegenzuwirken suchte. Die Kandidaten verschliefen den Flug und auch die folgenden Wochen, in denen die Beobachtungsstation den nominellen Sicherheitsabstand von 3 AE, den sie bis dahin eingehalten hatte, vorsichtig verringerte. Sie wurden erst am Abend vor ihrem Aufbruch zum Schleier geweckt.

»Ich… erinnere mich«, sagte Sylveste. »An Spindrift.« Eine kleine Pause trat ein. Der Arzt klopfte sich weiterhin mit dem Stift gegen die Unterlippe, wahrend er die riesigen Informationsmengen aus den medizinischen Analysesystemen aufnahm. Dann nickte er und gab ihn fur die Mission frei.

»Die alte Stadt hat sich ziemlich verandert«, sagte Manoukhian.

Khouri sah es selbst. Was da unter ihr lag, war kaum noch als Chasm City zu erkennen. Das Moskitonetz war verschwunden. Die Stadt war den Elementen wieder schutzlos preisgegeben, die Gebaude, die einst unter einem Meer von Kuppeln Geborgenheit gefunden hatten, ragten nackt in Yellowstones Atmosphare. Das schwarze Chateau der Mademoiselle gehorte nicht mehr zu den hochsten Bauten. Terrassenformig ansteigend stie?en riesige Ungeheuer, durchsiebt von Dutzenden winziger Fenster, geschmuckt mit den riesigen Boole-Symbolen der Synthetiker, stromlinienformig wie Haiflossen oder Spinifex- Graser in den braunlichen Gluthimmel. Wie die Segel einer Jacht ragten Gebaude auf schlanken Masten aus den Resten des Mulch, so dass sich der Wind an ihren Vorderkanten brach. Nur hier und dort waren noch einige der knorrig verkrummten Bauwerke von damals zu sehen, vom Baldachin war nur ein kummerlicher Rest geblieben. Den alten Stadtwald hatten die glanzenden Messerturme gnadenlos zerhackt — er war Geschichte.

»Man hat im Abgrund einen Organismus gezuchtet«, sagte Manoukhian. »Ganz unten in der Spalte. Man nennt ihn Lilly.« Ekel und Faszination sprachen aus seiner Stimme. »Augenzeugen beschreiben ihn als riesiges, atmendes Gekrose — wie ein Stuck von Gottes Magen. Er haftet an den Wanden des Abgrunds. Die Gase, die aus den Tiefen aufsteigen, sind giftig, aber wenn sie Lilly passiert haben, sind sie mit knapper Not atembar.«

»Und das alles in zweiundzwanzig Jahren?«

»Ja«, antwortete eine Stimme. In den glanzend schwarzen Panzerjalousien spiegelte sich eine Bewegung. Khouri drehte sich rasch um und sah einen Palankin, der lautlos stehen blieb. Der Anblick weckte Erinnerungen an die Mademoiselle und an vieles andere. Es war, als sei seit ihrer letzten Begegnung nicht mehr als eine Minute vergangen.

»Ich danke dir, dass du sie hergebracht hast, Carlos.«

»War das alles?«

»Ich denke schon.« Die Stimme hallte nach. »Die Zeit drangt namlich. Auch nach so vielen Jahren noch. Ich habe ein Schiff ausfindig gemacht, das jemanden wie Khouri sucht, aber es bleibt nur ein paar Tage, bevor es das System wieder verlasst. Khouri muss also informiert, auf ihre Rolle vorbereitet und der Besatzung vorgestellt werden, bevor uns die Chance durch die Lappen geht.«

»Und wenn ich nein sage?«, fragte Khouri.

»Aber Sie werden nicht nein sagen, nicht wahr? Nicht mehr, seit Sie wissen, was ich Ihnen zu bieten habe. Oder haben Sie das vergessen?«

»So etwas vergisst man nicht so leicht.« Sie erinnerte sich jetzt ganz deutlich, was ihr die Mademoiselle gezeigt hatte: der zweite Kalteschlaftank war besetzt. Fazil lag darin, ihr Mann. Allem, was man ihr erzahlt hatte, zum Trotz, war sie nie von ihm getrennt gewesen. Sie hatten Sky’s Edge gemeinsam verlassen, die Verwechslung war harmloser gewesen, als sie dachte. Aber man hatte sie getauscht. Die Handschrift der Mademoiselle war von Anfang an zu erkennen. Es war schon ein wenig zu einfach gewesen, als Killer bei den Schatten unterzukommen; im Ruckblick war klar, dass man dabei nur ihre, Khouris, Eignung fur die bevorstehende Aufgabe hatte prufen wollen. Sie gefugig zu machen war danach ein Kinderspiel. Die Mademoiselle hatte Fazil. Wenn Khouri es ablehnte zu tun, was man von ihr verlangte, wurde sie ihren Mann nie Wiedersehen.

»Ich wusste, dass Sie vernunftig sein wurden«, sagte die Mademoiselle. »Was ich von Ihnen will, ist wirklich nicht so schwierig, Khouri.«

»Was sind das fur Leute, fur die ich arbeiten soll?«

»Es sind Handler«, beschwichtigte Manoukhian. »Das war ich fruher auch einmal. Deshalb konnte ich zu Hilfe kommen, als…«

»Genug, Carlos.«

»Verzeihung.« Er sah sich nach dem Palankin um. »Ich will nur sagen, sie konnen so schrecklich nicht sein.«

Ob es Zufall war oder ob eine unbewusste Absicht dahinter steckte, war nie vollkommen klar, jedenfalls ahnelte das Kontaktmodul der SISS dem Unendlichkeitszeichen: zwei Kapseln vollgepackt mit Geraten zur Lebenserhaltung, Sensoren und Kommunikationstechnik bildeten die beiden Halbschleifen, dazwischen befand sich ein mit Korrekturtriebwerken und weiteren Sensorfeldern besetzter Kragen. Jede Halfte bot Platz fur zwei Personen, und sollte es bei einem der Abgeordneten wahrend der Mission zu einem Neuralversagen kommen, so konnten eine oder auch beide Kapseln abgesprengt werden.

Das Kontaktmodul baute Schub auf und sturzte auf den Schleier zu, wahrend sich die Station in Richtung auf das Lichtschiff hinter die Sicherheitszone zuruckzog. Pascales Schilderung zeigte, wie das Modul immer kleiner wurde. Bald waren nur noch das grelle Blau aus den Triebwerken und die roten und grunen Blinklichter der Positionsbeleuchtung zu sehen. Endlich verblassten auch sie und wurden von der Schwarze verschluckt wie von einem sich ausbreitenden Tintenfleck.

Niemand wusste genau, was dann geschah. Die meisten der Informationen, die Sylveste und Lefevre beim Anflug gesammelt hatten, gingen in den folgenden Ereignissen verloren, auch die Daten, die zur Station und zum Lichtschiff ubertragen wurden. Weder der zeitliche Rahmen noch die chronologische Abfolge der Ereignisse konnten eindeutig festgelegt werden. Bekannt war nur, woran Sylveste selbst sich erinnerte — und da sein Bewusstsein in der Nahe des Schleiers nach eigenem Eingestandnis zeitweilig anders oder nur eingeschrankt funktionierte, konnte man seine Berichte nicht ganz wortlich nehmen.

Bekannt war Folgendes. Sylveste und Lefevre flogen naher an den Schleier heran als je ein Mensch zuvor — Lascaille eingeschlossen. Wenn Lascaille die Wahrheit gesagt hatte, konnten ihre Schieber-Transforme die Verteidigungseinrichtungen des Schleiers tauschen und sie zwingen, die Einlass Suchenden mit einer Blase aus abgeflachter Raumzeit zu schutzen, wahrend im ubrigen Grenzgebiet heimtuckische Gravitationswirbel brodelten. Wie das zugehen sollte, war nach wie vor unbegreiflich. Niemand behauptete zu verstehen, wie die Mechanismen im Innern des Schleiers die Raumzeit so aberwitzig stark krummen konnten, wenn schon fur eine unendlich viel weniger scharfe Falte mehr Energie erforderlich gewesen ware, als in der gesamten Restmasse der Galaxis enthalten war. Ebenso wenig konnte man sich vorstellen, wie es moglich war, dass Bewusstsein in die Raumzeit im Umkreis des Schleiers einsickerte und dem Schleier verriet, was fur ein Wesen sich Zugang zu verschaffen suchte, wahrend er gleichzeitig die Gedanken und Erinnerungen ebendieser Wesen veranderte. Offenbar gab es eine geheime Verbindung, ja eine gegenseitige Beeinflussung zwischen dem Denken und den Prozessen, auf denen die Raumzeit aufbaute. Sylveste hatte Hinweise auf eine seit Jahrhunderten uberholte Theorie gefunden, wonach angeblich uber die Vereinheitlichung eines so genannten Weyl-Tensors eine Verbindung zwischen den Quantenprozessen des Bewusstseins und den Mechanismen der Quantengravitation bestand, auf denen die Struktur der Raumzeit beruhte… aber beim Verstandnis des Bewusstseins war man seit damals nicht weiter gekommen, und die Theorie war so spekulativ wie eh und je. Aber vielleicht wurde im Umfeld des Schleiers auch ein noch so schwaches Band zwischen Bewusstsein und Raumzeit massiv verstarkt. Sylveste und Lefevre dachten sich durch den Sturm und beruhigten mit ihrem veranderten Bewusstsein die ringsum nur wenige Meter von ihrem Schiff entfernt tobenden Gravitationskrafte. Sie bewegten sich wie zwei Schlangenbeschworer, die sich mit ihrer Musik einen kleinen Schutzraum schufen, durch eine Grube voller Kobras. Wobei sie nur so lange in Sicherheit waren, bis die Musik zu spielen aufhorte — oder misstonend wurde — und die Schlangen aus ihrer hypnotischen Lethargie aufschreckten. Wie nahe Sylveste und Lefevre dem Schleier kamen, bevor die Musik umschlug und die Gravitationskobras sich regten, wusste hinterher niemand genau zu sagen.

Sylveste behauptete, sie seien nie im eigentlichen Grenzgebiet gewesen — er habe mit eigenen Augen noch mehr als die Halfte des Himmels voller Sterne gesehen. Doch nach den wenigen Daten, die aus dem Forschungsschiff gerettet wurden, war das Kontaktmodul zu diesem Zeitpunkt schon tief ins Innere des

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