begegnete, sondern indem man mit ihm verschmolz. Falls Lascaille das tatsachlich meinte. »Wie wurde uns das helfen?«

»Es wurde den Schleier davon abhalten, uns zu toten.«

»Ich kann Ihnen nicht folgen.«

»Sie mussen begreifen, dass der Schleier ein Schutzwall ist. Dahinter befinden sich… nicht nur die Schleierweber selbst, sondern verschiedene Techniken, die zu zerstorerisch sind, als dass sie in die falschen Hande geraten durften. Die Schleierweber haben uber Jahrmillionen die Galaxis nach Gefahren abgesucht, die von ausgestorbenen Rassen zuruckgelassen wurden — Dinge, die ich Ihnen nicht einmal annahernd beschreiben kann. Sie mogen einst gute Dienste geleistet haben, aber sie waren auch als Waffen zu verwenden und konnten grauenhafte Verwustungen anrichten. Es handelt sich um technische Gerate und um Verfahren, mit denen nur hochentwickelte Rassen umgehen konnen: Manipulationen der Raumzeit, Reisen mit Uberlichtgeschwindigkeit… und noch vieles andere, Dinge, die Ihr Vorstellungsvermogen einfach ubersteigen.«

Sylveste war davon nicht ganz uberzeugt. »Dann sind die Schleier — was? Schatztruhen, zu denen nur die am hochsten entwickelten Arten den Schlussel bekommen?«

»Mehr als das. Sie wehren auch jeden Eindringling ab. Das Grenzgebiet eines Schleiers ist fast wie ein Lebewesen. Es uberpruft die Denkmuster jedes Einlass Suchenden. Haben die Muster keine Ahnlichkeit mit denen der Schleierweber… schlagt es zu. Es krummt die Raumzeit an der betreffenden Stelle, so dass gefahrliche Wirbel entstehen. Diese Krummungen sind gleichbedeutend mit gravitationellen Spannungen, Doktor, die alles auseinander rei?en. Aber das richtige Bewusstsein… wird vom Schleier eingelassen; er zieht es zu sich und umgibt es mit einer Gravitationsblase, in der es geschutzt ist.«

Die Folgen waren nicht abzusehen, dachte Sylveste. Wer wie ein Schleierweber dachte, konnte durch den Schutzwall schlupfen… und dann lagen die glanzenden Schatze offen vor ihm. Vielleicht waren die Menschen in den Augen der Schleierweber nicht hoch genug entwickelt, um diese Schatze sehen zu durfen, aber was machte das schon? Wenn jemand klug genug war, die Truhe zu offnen, durfte er dann nicht auch nehmen, was er fand? Wenn Lascaille Recht hatte, dann hatten sich die Schleierweber zum Huter der Galaxis aufgeworfen, als sie diese gefahrlichen Techniken in ihre Obhut nahmen… aber wer hatte sie darum gebeten? Eine neue Frage geisterte ihm durch den Sinn.

»Wenn das, was sich innerhalb der Schleier befindet, um jeden Preis geschutzt werden musste, warum hat man Sie dann eingeweiht?«

»Ich wei? nicht, ob das Absicht war. Die Barriere um den Schleier, der meinen Namen tragt, hat mich, wenn auch nur fur einen Moment, wohl nicht als Fremden erkannt. Vielleicht war sie beschadigt, vielleicht war sie auch durch meinen… Geisteszustand… verwirrt. Jedenfalls drang ich in den Schleier ein, und sofort begannen Informationen zu flie?en. So erfuhr ich alles, was ich wei?. Was der Schleier enthalt und wie sich seine Verteidigungsanlagen umgehen lassen. Eine Maschine kann das namlich nicht lernen.« Die letzte Bemerkung hing ohne jeden Zusammenhang einen Moment in der Luft, bevor Lascaille fortfuhr. »Aber dann hat der Schleier wohl Verdacht geschopft, denn er stie? mich von sich und schleuderte mich ins All zuruck.«

»Warum hat er Sie nicht einfach getotet?«

»Er war sich seiner Sache wohl nicht ganz sicher.« Lascaille hielt inne. »Ich spurte Zweifel im Raum der Erkenntnis. Ein Streit von gigantischen Ausma?en tobte um mich herum, schneller als jeder Gedanke. Schlie?lich siegten wohl die Vertreter der Vorsicht.«

Noch eine Frage, die Sylveste auf der Zunge lag, seit Lascaille zu sprechen begonnen hatte.

»Warum haben Sie so lange gewartet, um uns das zu erzahlen?«

»Ich mochte mich fur meine Schweigsamkeit entschuldigen. Aber ich musste das Wissen, das mir die Schleierweber ins Bewusstsein gepflanzt hatten, erst verarbeiten. Es war namlich mit ihren Begriffen formuliert — nicht mit den unseren.« Er zogerte, ein Kreidefleck, der die mathematische Reinheit des Mandala storte, fesselte seine Aufmerksamkeit. Er benetzte sich den Finger und wischte ihn weg. »Das war der einfachere Teil. Doch dann musste ich erst wieder lernen, wie ein Mensch zu kommunizieren.« Lascaille sah Sylveste an. Seine Tieraugen glanzten unter der ungepflegten Neandertalermahne. »Sie sind nicht wie die anderen, Sie sind freundlich zu mir. Sie haben Geduld. Ich dachte, dies konnte Ihnen helfen.«

Sylveste ahnte, dass der Moment geistiger Klarheit bald voruber sein wurde. »Wie konnen wir die Schieber dazu bringen, uns Strukturen des Schleierweberbewusstseins aufzupragen?«

»Das ist nicht schwer.« Er deutete mit einem Nicken zu der Kreidezeichnung hin. »Pragen Sie sich diese Figur ein und denken Sie daran, wenn Sie schwimmen.«

»Das ist alles?«

»Es wird genugen. Die Reprasentation dieser Figur in Ihrem Bewusstsein teilt den Schiebern mit, was Sie von ihnen wollen. Naturlich sollten Sie ihnen ein Geschenk mitbringen. Eine Leistung dieser Gro?enordnung erbringen sie nicht umsonst.«

»Ein Geschenk?«

Sylveste konnte sich nicht vorstellen, was man einem Wesen schenken sollte, das einer schwimmenden Insel aus Tang und Algen glich.

»Ihnen wird schon etwas einfallen. Was immer es ist, es sollte eine gro?e Informationsdichte haben. Sonst langweilt es sie nur. Und das ware nicht gunstig fur Sie.« Sylveste wollte noch weitere Fragen stellen, aber Lascaille hatte sich wieder seinen Kreidezeichnungen zugewandt. »Mehr habe ich nicht zu sagen«, erklarte er.

Und dabei blieb er.

Lascaille sprach nie wieder, weder mit Sylveste, noch mit irgendjemandem sonst. Einen Monat spater fand man ihn tot im Fischteich. Er war ertrunken.

»Hallo?«, fragte Khouri. »Ist da jemand?«

Sie war aufgewacht, mehr wusste sie nicht. Und nicht nach einem Nickerchen, sondern aus einem sehr viel tieferen, langeren und kalteren Schlaf. Wahrscheinlich war es eine Kalteschlaf-Trance gewesen — sie war schon einmal so aufgewacht, damals um Yellowstone, und so etwas verga? man nicht. Die physiologischen und neuralen Symptome passten genau. Von einem Kalteschlaftank war zwar nichts zu sehen — sie lag voll bekleidet auf einer Couch — man hatte sie wohl herausgeholt, bevor sie noch vollends bei Bewusstsein war. Aber wer war ›man‹? Und wo war sie jetzt? Es war, als hatte jemand eine Granate in ihr Gedachtnis geworfen und es in tausend Stucke zerrissen. Irgendetwas an ihrer Umgebung kam ihr dennoch qualend vertraut vor.

War das ein Flur? Wo auch immer, er stand voll mit hasslichen Figuren. Entweder war sie erst vor wenigen Stunden daran vorbeigegangen, oder es waren Phantasiebilder aus den Tiefen ihrer Vergangenheit; Kindheitsgespenster. Krumm, gezackt, verbrannt ragten sie vor ihr auf und warfen damonische Schatten. Noch halb benommen begriff sie, dass die Gebilde irgendwie zusammengehorten oder einmal zueinander gepasst hatten. Jetzt waren sie dafur zu verbogen, zu zerfetzt.

Unsichere Schritte tappten durch den Flur.

Sie drehte den Kopf, um zu sehen, wer da kam. Ihr Hals war steifer als ein Stuck Holz. Nach jahrelanger Erfahrung wusste sie, dass der Rest ihres Korpers nach der Trance nicht beweglicher sein wurde.

Ein Mann blieb wenige Schritte vor ihrem Lager stehen. Im schwachen mondscheinartigen Licht war sein Gesicht schwer zu erkennen, aber seine Rundungen und Schatten hatten etwas Vertrautes, das Erinnerungen weckte. Sie hatte diesen Mann gekannt, vor vielen Jahren.

»Ich bin es«, sagte er mit trager, klebriger Stimme. »Manoukhian. Die Mademoiselle dachte, Sie wurden sich beim Aufwachen uber ein bekanntes Gesicht freuen.«

Die Namen sagten ihr etwas, aber was es war, bekam sie nicht zu fassen. »Was ist geschehen?«

»Ganz einfach. Sie hat Ihnen ein Angebot gemacht, das Sie nicht ablehnen konnten.«

»Wie lange habe ich geschlafen?«

»Zweiundzwanzig Jahre«, sagte Manoukhian und reichte ihr die Hand. »Wollen wir jetzt die Mademoiselle besuchen?«

Sylveste erwachte vor einer schwarzen Wand, die den Himmel zur Halfte verschluckte — ein Schwarz von so unendlicher Tiefe, dass es die Existenz aufzuheben schien. Er hatte es nie zuvor bemerkt, aber jetzt sah er — oder glaubte zu sehen — dass die gewohnliche Dunkelheit zwischen den Sternen in Wirklichkeit einen eigenen, milchigwei?en Schein abstrahlte. Lascailles Schleier war dagegen ein kreisrundes, Sternenloses Nichts; keine einzige Lichtquelle, kein Photon aus irgendeinem Teil des wahrnehmbaren elektromagnetischen Spektrums; keine

Вы читаете Unendlichkeit
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату