von Buntstiften und Kreide in allen Regenbogenfarben. Sylveste wusste immer, dass er fast am Ziel war, wenn er Kritzeleien auf den Steinplatten entdeckte, komplexe symmetrische Muster oder Zeichen, die aussahen, als wolle jemand die chinesische oder die Sanskrit-Schrift imitieren, ohne die Buchstaben zu kennen. Manchmal erinnerte das, was Lascaille auf den Weg malte, auch an Boolesche Algebra oder an Morsezeichen.

Bald darauf — es war immer nur eine Frage der Zeit — bog er um eine Ecke und stand vor Lascaille, der an einer neuen Zeichnung arbeitete oder eine loschte, an der er zuvor gearbeitet hatte. Sein Gesicht war in volliger Konzentration erstarrt und jeder Muskel seines Korpers war zum Zerrei?en gespannt. Es herrschte vollige Stille bis auf das Klirren des Windspiels, das leise Platschern des Wassers oder das Scharren der Buntstifte und der Kreide auf dem Stein.

Sylveste musste oft Stunden warten, bis Lascaille Notiz von ihm nahm. Und dann wandte ihm der Mann meist nur fur einen Moment das Gesicht zu, um sich gleich wieder seinem Tun zu widmen. Doch in diesem Moment passierte immer das Gleiche. Die Starre loste sich, und an die Stelle der Maske trat — ganz kurz nur — ein Lacheln. Stolz lag darin, Spott oder etwas vollig anderes, etwas, das Sylveste niemals begreifen wurde.

Dann kehrte Lascaille zu seinen Kreidezeichnungen zuruck. Und nichts deutete darauf hin, dass dieser Mann — als einziger Mensch — zur Oberflache eines Schleiers geflogen und lebend zuruckgekehrt war.

»Jedenfalls«, sagte Volyova, nachdem sie ihren Durst geloscht hatte, »erwarte ich nicht, dass es einfach ist, aber ich zweifle nicht daran, dass sich fruher oder spater ein Kandidat findet. Ich habe die Stelle mit Angabe unseres nachsten Ziels ausgeschrieben. Zur Aufgabenstellung gebe ich nur an, dass Implantate benotigt werden.«

»Aber sie wollen nicht den Erstbesten nehmen, der des Weges kommt«, sagte Hegazi. »Oder?«

»Naturlich nicht. Ich werde, ohne die Kandidaten davon in Kenntnis zu setzen, auf militarische Erfahrungen achten. Jemand, der beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten die Nerven verliert oder keine Disziplin halten kann, nutzt mir nichts.« Nachdem die Schwierigkeiten mit Nagorny jetzt ausgestanden waren, wurde sie allmahlich ruhiger. Auf der Buhne spielte ein Madchen auf einer goldenen Teeconax Ragamusik mit endlos wiederkehrenden Motiven. Volyova war nie ein gro?er Musikliebhaber gewesen. Aber die mathematische Strenge dieser Weisen hatte etwas so Betorendes, dass sie ihre Abneigung vorubergehend verga?. Sie sagte: »Ich bin sehr zuversichtlich. Wir mussen nur auf Sajaki Acht geben.«

In diesem Augenblick wies Hegazi mit einem Nicken zur Tur hin. Helles Tageslicht fiel herein und Volyova kniff geblendet die Augen zusammen. Im Gegenlicht stand, nur in Umrissen zu erkennen, eine majestatische Gestalt in einem schwarzen, knochellangen Umhang und mit einem Helm auf dem Kopf. Das Licht umstrahlte sie wie eine Gloriole. Ein langer, glatter Stab, mit beiden Handen gehalten, teilte ihr Profil diagonal in zwei Halften.

Der Komuso-Monch trat ins Dunkel des Lokals. Der vermeintliche Kendo-Stab war nur eine Bambus- Shakuhachi, ein traditionelles Musikinstrument. Nun schob er sie mit geubter Bewegung rasch in eine Scheide unter den Falten seines Umhangs. Dann nahm er mit wurdevoller Langsamkeit den Weidenhelm ab. Seine Gesichtszuge waren schwer zu erkennen. Das Haar war mit Brillantine angeklatscht und am Hinterkopf zu einem sichelformigen Schwanz zusammengebunden. Die Augen verschwanden hinter einer glatten Meuchelmorderbrille mit matten, infrarotempfindlichen Facetten, die das getonte Licht des Raums zuruckwarfen.

Die Musik brach unvermittelt ab, das Madchen mit der Teeconax war plotzlich wie vom Erdboden verschluckt.

»Sie glauben, die Polizei macht eine Razzia«, flusterte Hegazi. Es war so still geworden, dass er die Stimme nicht zu heben brauchte. »Die hiesigen Bullen schicken die Korbe los, wenn sie keine Lust haben, sich selbst die Hande schmutzig zu machen.«

Der Komuso lie? seine Fliegenaugen durch den Raum wandern und nahm den Tisch mit Hegazi und Volyova ins Visier. Er konnte den Kopf unabhangig vom restlichen Korper bewegen wie eine Eule. Nun segelte, ja schwebte er mit wehendem Umhang auf die beiden zu. Hegazi zog lassig an seiner Zigarette und schob dabei mit dem Fu? einen freien Stuhl unter dem Tisch hervor.

»Schon, dass Sie da sind, Sajaki.«

Sajaki warf den Weidenhelm auf den Tisch und riss sich die Brille herunter. Dann setzte er sich auf den freien Stuhl, drehte sich um, warf gleichmutig einen Blick durch die Bar und bedeutete den ubrigen Gasten mit einer Geste, sich ruhig wieder ihren Getranken zu widmen. Was sie trieben, kummere ihn nicht. Allmahlich kamen die Gesprache wieder in Gang, aber alle Anwesenden beobachteten die drei misstrauisch aus dem Augenwinkel.

»Ich wunschte, wir hatten einen Grund zum Feiern«, sagte Sajaki.

»Haben wir das nicht?«, fragte Hegazi und sah ihn so besturzt an, wie es ihm seine umfangreichen Gesichtsumwandlungen gestatteten.

»Nein, definitiv nicht.« Die Glaser waren fast leer. Sajaki untersuchte sie genau, dann nahm er Volyovas Glas und kippte den letzten Rest hinunter. »Wie Sie vielleicht an meiner Verkleidung sehen, habe ich ein wenig spioniert. Sylveste ist nicht hier. Er befindet sich schon seit etwa funfzig Jahren nicht mehr in diesem System.«

»Funfzig Jahre?« Hegazi pfiff durch die Zahne.

»Dann ist die Spur ziemlich kalt«, bemerkte Volyova. Sie bemuhte sich, keine Schadenfreude zu zeigen, aber sie hatte immer gewusst, dass dieses Risiko bestand. Als Sajaki Befehl gegeben hatte, mit dem Lichtschiff Kurs auf das Yellowstone-System zu nehmen, hatte er das auf der Grundlage der damals verfugbaren Informationen getan. Aber das war Jahrzehnte her und die Informationen waren schon damals Jahrzehnte alt gewesen.

»Ja«, sagte Sajaki. »Aber nicht so kalt, wie Sie vielleicht denken. Ich wei? genau, wohin er geflogen ist, und es besteht kein Grund zu der Annahme, dass er diesen Ort jemals wieder verlassen hatte.«

»Und wo soll er sein?«, fragte Volyova mit einem flauen Gefuhl im Magen.

»Auf einem Planeten namens Resurgam.« Sajaki stellte Volyovas Glas auf den Tisch zuruck. »Eine weite Reise, liebe Kollegen. Aber dies wird wohl leider unser nachstes Ziel sein mussen.«

Er fiel wieder in die Vergangenheit zuruck.

Diesmal noch weiter, bis ins Alter von zwolf Jahren. Pascales Ruckblenden waren nicht chronologisch geordnet; die Biografie nahm keine Rucksicht auf die Feinheiten des linearen Zeitablaufs. Er fand sich nicht gleich zurecht, obwohl er sich von allen Personen im Universum in seiner Geschichte eigentlich am besten hatte auskennen sollen. Aber die Verwirrung wich allmahlich der Erkenntnis, dass sie den richtigen Weg ging; es bot sich an, seine Vergangenheit wie ein Mosaik aus untereinander austauschbaren Ereignissen zu behandeln; als Akrostichon, das viele gleicherma?en berechtigte Deutungen enthielt.

Man schrieb das Jahr 2373. Erst wenige Jahrzehnte zuvor hatte Bernsdottir den ersten Schleier entdeckt. Seither waren um dieses Ratsel ganze wissenschaftliche Disziplinen mit zahlreichen staatlichen und privaten Forschungseinrichtungen entstanden. Das Sylveste-Institut fur Schleierweber-Studien war nur eine von Dutzenden solcher Organisationen, aber dahinter stand eine der reichsten — und machtigsten — Familien der Menschheit. Doch den Durchbruch schafften nicht die gro?en wissenschaftlichen Institutionen mit ihrer kalkulierten Vorgehensweise, den Durchbruch schaffte ein Einzelner, der blind entschlossen ein wahnsinniges Wagnis einging.

Sein Name war Philip Lascaille.

Er arbeitete als Wissenschaftler fur das SISS auf einer der festen Forschungsstationen unweit des spater nach ihm benannten Lascaille-Schleiers jenseits des Tau Ceti-Sektors. Au?erdem war Lascaille Angehoriger eines Teams, das sich bereithielt, Abgeordnete der Menschheit zum Schleier zu entsenden, falls das jemals erforderlich werden sollte. Das hielt zwar niemand fur allzu wahrscheinlich, aber die Kandidaten waren ausgewahlt, und es stand auch ein Schiff zur Verfugung, mit dem sie die restlichen funfhundert Millionen Kilometer bis zum Grenzbereich zurucklegen konnten, sollte jemals eine Einladung erfolgen.

Lascaille entschloss sich, nicht so lange zu warten.

Er ging allein an Bord des SISS-Kontaktschiffs und entfuhrte es. Bis jemand bemerkte, was vorging, war es schon zu spat, um ihn noch aufzuhalten. Man hatte zwar die Fernzerstorung aktivieren konnen, aber das wagte man nicht, aus Angst, der Schleier konnte sich dadurch bedroht fuhlen. Also beschloss man, dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Niemand rechnete ernsthaft damit, Lascaille lebend wiederzusehen. Und die Zweifler behielten in

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