tatsachlich toten?«

Volyova nahm einen tiefen Zug. Es tat gut, nach der Rikschafahrt den Staub hinunterzuspulen. »Ich wurde fur Sajaki die Hand nicht ins Feuer legen. Er ware imstande, uns alle zu toten.«

»Fruher hatten Sie volles Vertrauen zu ihm. Was hat Sie veranlasst, Ihre Meinung zu andern?«

»Sajaki ist nicht mehr derselbe, seit der Captain erneut erkrankt ist.« Sie sah sich nervos um, Sajaki konnte durchaus in Horweite sein. »Wussten Sie eigentlich, dass sie vorher zusammen die Musterschieber besucht hatten?«

»Wollen Sie damit andeuten, die Schieber hatten sich an Sajakis Gehirn zu schaffen gemacht?«

Sie dachte an das Bild mit dem nackten Mann, der dem Schieber-Ozean entstieg. »Genau das pflegen die Schieber zu tun, Hegazi.«

»Aber nur mit Einwilligung der Betroffenen. Das wurde ja hei?en, dass Sajaki grausamer werden wollte.«

»Nicht nur grausamer. Zielbewusster. Die Sache mit dem Captain…« Sie schuttelte den Kopf. »Fur mich bleibt sie ein Ratsel.«

»Haben Sie in letzter Zeit mit ihm gesprochen?«

Sie verstand, was er meinte. »Nein; ich glaube ubrigens nicht, dass er den Mann gefunden hat, nach dem er sucht, aber das werden wir sicher bald erfahren.«

»Und wie steht es bei Ihnen?«

»Ich suche nicht nach einem bestimmten Individuum. Ich habe nur eine Bedingung: Ein neuer Kandidat sollte weniger verruckt sein als Boris Nagorny. Das durfte nicht allzu schwierig sein.« Sie lie? den Blick uber die Trinker in der Bar schweifen. Auf den ersten Blick schien kein ausgesprochener Psychopath darunter zu sein, aber auch niemand, der einen besonders stabilen und angepassten Eindruck machte. »Jedenfalls hoffe ich das.«

Hegazi nahm eine Zigarette und bot auch Volyova eine an. Sie nahm sie dankbar und zog funf Minuten lang schweigend daran, bis das allerletzte Molekul in der hei?en Asche gluhte. Sie durfte nicht vergessen, bei diesem Aufenthalt ihren Zigarettenvorrat aufzufullen. »Aber ich fange eben erst zu suchen an«, sagte sie. »Und ich muss behutsam vorgehen.«

»Sie meinen«, sagte Hegazi und lachelte wissend, »Sie wollen den Kandidaten vor der Einstellung nicht allzu genau erklaren, was sie erwartet?«

Volyova grinste. »Naturlich nicht.«

Das Shuttle mit dem Saphirrumpf hatte keinen langen Flug hinter sich: es war nur vom Familien-Habitat der Sylvestes durch den Orbit gehupft. Aber der Besuch war nicht leicht zu arrangieren gewesen. Calvin missbilligte ausdrucklich jeden Kontakt seines Sohnes zu dem Wesen, das jetzt im Institut untergebracht war, als befurchte er, dessen Geisteszustand konnte sich durch geheimnisvolle sympathetische Schwingungen auf Sylveste ubertragen. Aber Sylveste war mit seinen einundzwanzig Jahren alt genug, selbst zu entscheiden, mit wem er verkehrte. Ob Calvin sich erhangte oder sich bei dem wahnwitzigen Experiment, dem er sich und seine neunundsiebzig Junger unterziehen wollte, das Gehirn verschmorte… Sylveste wurde sich jedenfalls nicht vorschreiben lassen, mit wem er sich treffen durfte.

Als das SISS vor ihm aufragte, dachte er: das ist alles nicht wirklich; nur ein Kapitel aus meiner Biografie. Pascale hatte ihm den Rohentwurf gegeben und ihn um seine Meinung gebeten. Jetzt durchlebte er die Episoden. Ohne die Mauern seines Gefangnisses in Cuvier zu verlassen, schwebte er wie ein Geist auf den Spuren seines jungeren Ich durch seine eigene Vergangenheit. Tief vergrabene Erinnerungen stiegen wie von selbst an die Oberflache. Die Biografie war noch langst nicht abgeschlossen. Spater sollte sie der Offentlichkeit von vielen Seiten, aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlich hoher Interaktivitat zuganglich sein. Ein ungemein komplexes Werk mit vielen Facetten und so vielen Details, dass jemand ohne weiteres sein ganzes Leben damit zubringen konnte, nur einen Abschnitt von Dan Sylvestes Vergangenheit zu erkunden.

Das SISS sah genauso aus wie in seiner Erinnerung. Das organisatorische Zentrum des Sylveste-Instituts fur Schleierweber-Studien lag in einem radformigen Gebaude, das noch aus Amerikano-Tagen stammte, wobei jeder einzelne Kubik-Nanometer uber die Jahrhunderte mehrfach ausgetauscht worden war. Auf zwei grauen, pilzformigen Halbkugeln, die aus der Radnabe sprossen, befanden sich die Andockschleusen und die bescheidenen Verteidigungssysteme, die von der demarchistischen Ethik zugelassen waren. Den Rand des Rades bildete ein Konglomerat von Wohnmodulen, Labors und Buros, eingebettet in eine dicke Schicht Chitin-Polymer und durch ein Netz von Tunnelgangen und Versorgungsrohren mit Wanden aus Hai-Kollagen miteinander verbunden.

»Sie ist gut.«

»Finden Sie?«, fragte Pascale kuhl.

»Genau so war es«, sagte Sylveste. »Das waren meine Gefuhle, als ich ihn besuchte.«

»Danke, ich… aber das war noch gar nichts — der Teil war einfach. Umfassend dokumentiert. Wir hatten Plane vom SISS, und in Cuvier gibt es sogar noch Leute wie Janequin, die Ihren Vater kannten. Schwierig ist, was hinterher passierte — dazu haben wir kaum Unterlagen, nur das, was Sie bei Ihrer Ruckkehr erzahlten.«

»Sie haben die Aufgabe sicher ganz ausgezeichnet gelost.«

»Sie werden ja sehen — und zwar schon bald.«

Das Shuttle dockte an. Hinter der Schleuse warteten schon die Sicherheitsservomaten des Instituts, um seine Identitat zu uberprufen.

»Calvin wird nicht begeistert sein«, sagte Gregori, der Verwalter des Instituts. »Aber jetzt ist es vermutlich zu spat, um dich nach Hause zu schicken.«

Die Szene hatte sich in den letzten Monaten schon zwei oder drei Mal abgespielt. Immer lehnte Gregori jede Verantwortung fur die Folgen ab. Sylveste brauchte keine Begleitung mehr, er fand den Weg durch die Tunnel aus Hai-Kollagen bis dahin, wo es — das Wesen — untergebracht war, auch allein.

»Keine Sorge, Gregori. Wenn Vater Arger machen sollte, dann sagen Sie ihm einfach, ich hatte Ihnen befohlen, mich herumzufuhren.«

Gregori zog die Augenbrauen hoch und die auf seine Emotionen abgestimmten entoptischen Figuren brachten seine Belustigung zum Ausdruck.

»Tust du das nicht tatsachlich, Dan?«

»Ich wollte die Sache nur gutlich regeln.«

»Spar dir die Muhe, mein Junge. Uns allen ware es sehr viel lieber, wenn du dem Beispiel deines Vaters folgen wurdest. Bei einem guten totalitaren Regime wei? man wenigstens, woran man ist.«

Durch die Tunnel brauchte man zwanzig Minuten von der Nabe bis hinaus zum Rand. Er kam vorbei an wissenschaftlichen Abteilungen, wo Denkerteams — aus Menschen und Maschinen — sich unermudlich bemuhten, das Ratsel der Schleier zu luften. Obwohl das SISS alle bisher entdeckten Schleier mit Uberwachungsstationen umgeben hatte, wurden die meisten Informationen im Orbit um Yellowstone gesammelt und verarbeitet. Hier stellte man komplizierte Theorien auf und versuchte, sie mit den vorhandenen Fakten, die zwar sparlich, aber nicht zu ignorieren waren, in Einklang zu bringen. Bisher hatte keine Theorie mehr als ein paar Jahre uberdauert.

Das Wesen, das Sylveste besuchen wollte, war in einem bewachten Anbau am Rand untergebracht; in Anbetracht der Tatsache, dass sich nicht feststellen lie?, ob es dieses Geschenk uberhaupt zu wurdigen wusste, war der Wohnraum sogar recht gro?zugig bemessen. Der Name des Wesens — des Mannes — war Philip Lascaille.

Inzwischen bekam er nicht mehr viel Besuch. Zu Anfang, gleich nach seiner Ruckkehr, waren die Menschen in Scharen gekommen. Aber als sich herausstellte, dass Lascaille den Forschern nichts sagen konnte, was mehr oder weniger brauchbar gewesen ware, hatte das Interesse nachgelassen. Sylveste hatte jedoch rasch erfasst, dass es fur ihn nur gunstig war, wenn sich niemand mehr eingehender mit Lascaille beschaftigte. Selbst seine eigenen eher seltenen Besuche — er kam ein oder zwei Mal im Monat — gingen so weit uber die Norm hinaus, dass sie zwischen den beiden — ihm selbst und dem, was aus Lascaille geworden war — so etwas wie eine Beziehung entstehen lie?en.

Zu Lascailles Anbau gehorte auch ein Garten, uber dem sich ein kunstlicher, tief blauer Himmel spannte. Dort wehte immer ein leichter Wind, gerade stark genug, um die Windspiele in den dichten Baumkronen am Rand erklingen zu lassen.

Der Garten war angelegt wie ein primitives Labyrinth, mit Wegen, Felsblocken, kleinen Hugeln, Gitterspalieren und Goldfischteichen. Deshalb brauchte Sylveste immer etwa eine Minute, bis er Lascaille gefunden hatte. Er bot fast immer den gleichen Anblick: nackt oder halb nackt, ziemlich schmutzig, die Finger verschmiert

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