Volyova sah hin, aber das Mustergewirr uberforderte sie. Die Sache interessierte sie — sogar sehr. Aber sie wollte den Sarg fur sich allein und wunschte sich Sajaki moglichst weit weg. Hier schrie alles viel zu laut, in welch bodenlose Tiefen Nagornys Verstand gesturzt war.
»Ich denke, man muss sich eingehender damit auseinandersetzen«, sagte sie vorsichtig. »Sie sagten ›zuerst‹. Was gedenken Sie zu tun, nachdem wir die Kopie angefertigt haben?«
»Ich dachte, das versteht sich von selbst.«
»Sie wollen das verdammte Ding zerstoren«, vermutete sie.
Sajaki lachelte. »Oder es Sudjic uberlassen. Aber ich personlich ware dafur, es zu zerstoren. Sarge haben auf einem Schiff nichts zu suchen, schon gar nicht, wenn sie selbst gefertigt sind.«
Die Treppe ging immer weiter. Nach einer Weile — sie hatte mehr als zweihundert Stufen gezahlt — gab Khouri auf. Doch gerade als ihr die Knie weich zu werden drohten, waren die Stufen plotzlich zu Ende, und sie stand in einem langen wei?en Korridor mit vielen Nischen zu beiden Seiten. Sie kam sich vor wie auf einer Portikus im Mondschein. Mit hallenden Schritten ging sie bis zur Doppeltur am Ende des Gangs. Die Turblatter waren mit schwarzen Schneckenmustern verziert und hatten leicht getonte Glasfenster. Aus dem Raum dahinter drang lavendelfarbenes Licht.
Sie war offenbar am Ziel.
Es war durchaus moglich, dass es sich um eine Falle handelte und dass es glatter Selbstmord ware, den Raum zu betreten. Aber Umkehren kam nicht in Frage — das hatte ihr Manoukhian charmant, aber unmissverstandlich klar gemacht. Also legte Khouri die Hand auf die Turklinke und trat ein. Sie spurte ein angenehmes Kribbeln in der Nase, ein leichter Blutenduft uberdeckte den Krankenhausgeruch im Rest des Hauses. Khouri fuhlte sich ungewaschen, obwohl erst wenige Stunden vergangen waren, seit Ng sie geweckt und ihr befohlen hatte, sich auf den Weg zu machen, um Taraschi zu toten. Seither hatte der Regen von Chasm City fur einen Monat Schmutz auf ihr abgeladen, und der hatte sich mit ihrem Angstschwei? vermischt.
»Manoukhian hat es also geschafft, Sie heil zu mir zu bringen«, sagte eine Frauenstimme.
»Mich oder sich?«
»Beides, mein Kind«, antwortete die unsichtbare Sprecherin. »Ihr habt alle beide einen Furcht erregenden Ruf.«
Die Doppeltur fiel hinter Khouri ins Schloss. Sie sah sich um. Nicht ganz einfach in diesem seltsamen rosigen Licht. Der Raum war rund wie ein Kessel. In eine der konkaven Wande waren zwei Fenster mit geschlossenen Laden eingelassen, die wie Augen aussahen.
»Willkommen in meinem Heim«, sagte die Stimme, »fuhlen Sie sich bitte ganz wie zu Hause.«
Khouri trat an die Fenster. Seitlich davon standen zwei Kalteschlaftanks, die glanzten wie verchromte Silberfische. Einer der Behalter war geschlossen und in Betrieb, der andere stand offen und wartete darauf, dass sich ein Schmetterling darin verpuppte.
»Wo bin ich?«
Die Laden flogen auf.
»Wo Sie immer waren«, sagte die Mademoiselle.
Unter ihr lag Chasm City. Aber so hoch oben war sie noch nie gewesen. Sie befand sich noch uber dem
Die Mademoiselle sagte: »Ich nenne es das Chateau des Corbeaux, das Rabenschloss. Weil es so schwarz ist. Sie haben es sicher schon gesehen.«
»Was wollen Sie von mir?«, fragte Khouri endlich.
»Sie sollen einen Auftrag fur mich erledigen.«
»Und deshalb dieser Aufwand? Ich meine, warum mussten Sie mich mit vorgehaltener Waffe entfuhren lassen, nur weil Sie einen Auftrag fur mich haben? Warum sind Sie nicht den normalen Weg gegangen?«
»Weil es kein normaler Auftrag ist.«
Khouri nickte zu dem offenen Kalteschlaftank hin. »Was hat der damit zu tun?«
»Sagen Sie nicht, er ware Ihnen unheimlich. Schlie?lich sind Sie in so einem Ding auf unsere Welt gekommen.«
»Ich wollte nur wissen, was er hier soll.«
»Alles zu seiner Zeit. Drehen Sie sich bitte um?«
Khouri horte ein leises Surren hinter sich, als wurde ein Aktenschrank geoffnet.
Eine Hermetikersanfte war in den Raum gekommen. Vielleicht war sie auch schon die ganze Zeit da gewesen, nur durch irgendeinen Trick getarnt. Der Palankin war so dunkel und eckig wie ein Metronom und wies keinerlei Ornamente auf. Die Au?enhulle war primitiv zusammengeschwei?t und vollkommen glatt. Khouri sah keine Sensoren und das winzige Monokel auf der Vorderseite war so schwarz wie das Auge eines Hais.
»Sie hatten sicher schon mit Artgenossen von mir zu tun«, sagte eine Stimme aus dem Palankin. »Also kein Grund zur Beunruhigung.«
»Ich bin nicht beunruhigt«, sagte Khouri.
Aber das war eine Luge. Die Kiste
»Ich kann Ihnen jetzt nicht alle Ihre Fragen beantworten«, sagte die Mademoiselle. »Aber ich habe Sie naturlich nicht nur hierher bringen lassen, um Ihnen zu zeigen, in welcher Zwangslage ich mich befinde. Vielleicht bringt uns das weiter.«
Neben dem Palankin entstand eine Gestalt, die sich rasch verfestigte.
Es war naturlich eine Frau — eine junge Frau, und sie war paradoxerweise mit einer Eleganz gekleidet, die auf Yellowstone seit der Seuche vollig aus der Mode gekommen war. Entoptische Figuren umflimmerten sie. Das schwarze Haar war straff aus der edlen Stirn gekammt und wurde von einer blitzenden Spange gehalten. Das stahlblaue Gewand war schulterfrei und hatte ein gewagtes Dekollete. Wo der Stoff den Boden beruhrte, schien er sich aufzulosen.
»So war ich«, sagte die Gestalt. »Bevor die Faulnis zuschlug.«
»Warum konnen Sie sich nicht immer noch so zeigen?«
»Ich kann die Sanfte nicht verlassen, das Risiko ist zu gro? — selbst in den Schutzzonen fur Hermetiker. Ich traue den Sicherheitsvorkehrungen nicht.«
»Warum haben Sie mich hierher bringen lassen?«
»Hat Ihnen das Manoukhian nicht ausfuhrlich erklart?«
»Das kann man nicht sagen. Er meinte nur, es sei meiner Gesundheit forderlicher, wenn ich mit ihm kame.«
»Wie unfein. Aber durchaus zutreffend, das lasst sich nicht bestreiten.« Das starre, fahle Frauengesicht verzog sich zu einem Lacheln. »Aus welchem Grund lie? ich Sie wohl hierher bringen, was meinen Sie?«
Was immer hinter alledem stecken mochte, Khouri wusste, dass sie schon zu viel gesehen hatte. Sie konnte nicht mehr in die Stadt zuruckkehren und ihr normales Leben wiederaufnehmen.
»Ich bin Berufskiller. Manoukhian hat mich bei der Arbeit gesehen und mir bestatigt, ich wurde meinem Ruf gerecht. Nun vermute ich — das mag etwas voreilig sein —, dass ich jemanden fur Sie toten soll.«
»Sehr gut.« Die Gestalt nickte. »Aber hat Ihnen Manoukhian auch erklart, dass es sich um keinen gewohnlichen Auftrag handelt?«
»Er hat von einem entscheidenden Unterschied gesprochen.«
»Und wurde Sie das storen?« Die Mademoiselle sah sie eindringlich an. »Ein interessanter Punkt, nicht wahr? Mir ist bekannt, dass Ihre Opfer normalerweise ihr Einverstandnis geben, sich toten zu lassen, bevor Sie die Verfolgung aufnehmen. Aber sie tun das nur, weil sie uberzeugt sind, Ihnen entrinnen und hinterher damit prahlen zu konnen. Wenn Sie sie erst gestellt haben, treten wohl die wenigsten widerspruchslos ab.«
Khouri dachte an Taraschi. »Das ist richtig. Meistens flehen sie mich an, sie zu schonen, versuchen mich zu bestechen und so weiter.«
