gro?ten Teil organisch, aber sie hatte rote, elliptische Katzenaugen mit einem Fadenkreuz in der Mitte, und ihre flache Nase wies an Stelle von Nasenlochern nur schmale, gerippte Offnungen auf, die so aussahen, als konnte sie damit auch unter Wasser atmen. Sie war unbekleidet, aber ihre Haut umschmiegte sie bis auf die Offnungen fur Augen, Nustern, Mund und Ohren so glatt und nahtlos wie ein ebenholzschwarzer Neopren-Anzug. Ihre Bruste hatten keine Brustwarzen, die zierlichen Finger hatten keine Nagel, und die Zehen waren nur angedeutet. Sie sah aus wie das Werk eines Bildhauers, der es eilig gehabt hatte, mit dem nachsten Auftrag anzufangen. Als Volyova sich setzte, warf ihr Kjarval nur einen kurzen Blick zu. Ihre Gleichgultigkeit war etwas zu dick aufgetragen, um echt zu sein.
»Schon, Sie bei uns zu haben«, sagte Sajaki. »Sie waren sehr flei?ig, wahrend wir geschlafen haben. Irgendwelche besonderen Vorfalle?«
»Das eine oder andere.«
»Sehr interessant.« Sajaki lachelte. »Das eine oder andere also. Ich nehme nicht an, dass Sie zwischen dem ›einen‹ und dem ›anderen‹ etwas bemerkt haben, was ein Licht auf Nagornys Tod werfen konnte?«
»Ich habe mich schon gefragt, wo Nagorny geblieben ist. Jetzt haben Sie mir die Antwort gegeben.«
»Aber meine Frage ist noch offen.«
Volyova machte sich uber ihre Grapefruit her. »Als ich ihn das letzte Mal sah, war er noch am Leben. Ich habe keine Ahnung… woran ist er denn gestorben?«
»Der Kalteschlaftank hat ihn vorzeitig erwarmt. Daraufhin setzten diverse bakteriologische Prozesse ein. Ich brauche wohl nicht weiter ins Detail zu gehen?«
»Nicht beim Fruhstuck, nein, danke.« Offenbar hatten sie ihn nicht genauer untersucht, sonst waren ihnen die Verletzungen, die er wahrend seines Todeskampfes erlitten hatte, womoglich doch aufgefallen, obwohl sie sich bemuht hatte, sie zu kaschieren. »Verzeihung«, sagte sie mit einem schnellen Blick auf Sudjic. »Ich wollte keine Gefuhle verletzen.«
»Naturlich nicht«, sagte Sajaki und riss ein Stuck Brot in zwei Teile. Dann starrte er Sudjic mit seinen eng zusammenstehenden, ellipsenformigen Augen so durchdringend an, als sei sie ein tollwutiger Hund. Die Tatowierungen, die er sich zugelegt hatte, als er sich bei den Raumpiraten von Bloater einschleusen lie?, waren inzwischen verschwunden, aber feine, wei?liche Linien waren trotz der langwierigen Behandlungen wahrend des Kalteschlafs geblieben. Vielleicht, dachte Volyova, hatte Sajaki seine Nanomaschinen sogar angewiesen, nicht alle Spuren seiner Heldentaten bei den Bloaterianern zu beseitigen; vielleicht betrachtete er die Narben als Trophaen des wirtschaftlichen Sieges, den er dort errungen hatte. »Ich bin sicher, dass niemand von uns Ilia in irgendeiner Weise fur Nagornys Tod verantwortlich macht — nicht wahr, Sudjic?«
»Warum sollte ich ihr die Schuld an einem Unfall geben?«, fragte Sudjic.
»Genau. Und damit ist die Sache erledigt.«
»Nicht ganz«, widersprach Volyova. »Vielleicht sollte ich das Thema nicht gerade jetzt anschneiden, aber…« Sie verstummte. »Ich wollte nur sagen, dass ich gern die Implantate aus seinem Kopf entfernen mochte. Aber selbst wenn man mir das gestattete, sie waren wahrscheinlich beschadigt.«
»Konnen Sie keine neuen anfertigen?«, fragte Sajaki.
»Schon, aber das kostet Zeit.« Sie seufzte resigniert. »Ich brauche auch einen neuen Waffenoffizier.«
»Wenn wir um Yellowstone Zwischenstation machen«, sagte Hegazi, »konnen Sie sich doch jemanden suchen?«
Auf der anderen Seite der Lichtung gingen die Ritter immer noch aufeinander los, aber niemand beachtete sie mehr, obwohl dem einen offenbar ein Pfeil durch das Visier gedrungen war, der ihn sehr behinderte.
»Es wird sich schon ein passender Kandidat finden«, sagte Volyova.
Die kalte Luft im Haus der Mademoiselle roch so sauber, wie Khouri es seit ihrer Ankunft auf Yellowstone nicht mehr erlebt hatte. Was nicht allzu viel bedeutete. Sauber, aber nicht gut. Eher wie in dem Sanitatszelt auf Sky’s Edge mit seiner Mischung aus Jod, Kohl und Chlor, wo sie Fazil zum letzten Mal gesehen hatte.
Sie waren mit Manoukhians Gondel quer durch die Stadt und unter der Oberflache durch ein teilweise uberflutetes Aquadukt bis in eine unterirdische Hohle gefahren. Dort waren sie in einen Fahrstuhl umgestiegen, der so schnell nach oben raste, dass ihnen fast das Trommelfell platzte. Schlie?lich waren sie in diesem dunklen Gang gelandet, wo jeder Schritt ein Echo erzeugte. Vermutlich war es nur die Akustik, aber Khouri hatte das Gefuhl, durch ein riesiges, unbeleuchtetes Mausoleum zu schreiten. Hoch oben in der Wand gab es Fenster mit filigranen Gittern, durch die jedoch nur mitternachtlich fahles Licht hereinfiel. Nachdem es drau?en noch Tag war, verursachte das ein leises Unbehagen.
»Die Mademoiselle liebt das Tageslicht nicht«, sagte Manoukhian und ging weiter.
»Was Sie nicht sagen!« Khouris Augen gewohnten sich allmahlich an die Dusternis, sie konnte mehrere gro?e Gegenstande unterscheiden. »Sie sind nicht von hier, Manoukhian?«
»Damit sind wir wohl schon zu zweit.«
»Sind Sie auch durch eine Verwechslung nach Yellowstone gekommen?«
»Nicht ganz.« Sie merkte, dass Manoukhian sich uberlegte, wie viel er ihr anvertrauen durfte. Das war seine Schwache, dachte Khouri. Fur einen Berufskiller oder was immer er sein mochte, war er viel zu gesprachig. Auf der Fahrt hierher hatte er ununterbrochen mit seinen Heldentaten in Chasm City geprahlt — einem anderen als diesem eiskalten Typen mit dem auslandischen Akzent und der Trickwaffe hatte sie kein Wort geglaubt. Bei Manoukhian stand jedoch zu befurchten, dass vieles davon auch wahr sein konnte. »Nein«, sagte er. Seine Freude am Erzahlen war ganz offensichtlich starker als die murrische Verschlossenheit, die ein Zeichen seines Berufes war. »Nein, es war keine Verwechslung. Aber es war ein Fehler — oder zumindest ein Unfall.«
Von den sperrigen Gegenstanden gab es eine ganze Menge. Ihre Form war schwer zu erkennen, aber sie steckten alle auf schmalen Stangen, die auf schwarzen Postamenten ruhten. Einige erinnerten an Teile einer Eierschale, andere an zarte Hirnkorallen. Alle hatten einen metallischen Glanz, dem das fahle Licht im Gang jede Farbe entzog.
»Sie hatten einen Unfall?«
»Nein… nicht ich. Sie. Die Mademoiselle. So haben wir uns kennen gelernt. Sie war… eigentlich durfte ich Ihnen das alles nicht erzahlen, Khouri. Wenn sie davon erfahrt, bin ich ein toter Mann. Im Mulch kann man eine Leiche jederzeit verschwinden lassen. He, wissen Sie, was ich neulich dort gefunden habe? Sie werden es mir nicht glauben, es war ein ganzes verdammtes…«
Und schon war er in der nachsten Geschichte. Khouri strich mit der Hand uber eine der Skulpturen. Sie fuhlte sich kuhl und metallisch an. Die Kanten waren sehr scharf. Sie kam sich vor, als waren sie und Manoukhian zwei Kunstliebhaber, die mitten in der Nacht heimlich in ein Museum eingebrochen waren. Die Skulpturen standen reglos da, als warteten sie auf etwas — aber ihre Geduld schien nicht unerschopflich.
Verwirrt erkannte Khouri, dass sie um die Gesellschaft des Killers froh war.
»Hat sie die gemacht?«, unterbrach sie Manoukhians Redeschwall.
»Schon moglich«, sagte Manoukhian. »In diesem Fall konnte man sagen, sie hatte fur ihre Kunst gelitten.« Er hielt inne und fasste sie an der Schulter. »Also. Sehen Sie die Treppe dort?«
»Ich nehme an, ich soll sie hinaufsteigen.«
»Sie begreifen schnell.«
Er druckte ihr leicht die Waffe in den Rucken — nur zur Erinnerung.
Durch eine Luke in der Wand neben der Kabine des Toten sah Volyova einen orangeroten Gasriesen. Der Sudpol lag im Schatten, Polarlichter zuckten daruber hin. Sie befanden sich tief im Innern des Epsilon Eridani- Systems und flogen in einem flachen Winkel zur Ekliptik. Yellowstone war nur noch Tage entfernt; sie schlangelten sich nur wenige Lichtminuten abseits vom interplanetaren Verkehr durch ein Netz von Sichtfunkverbindungen, an das alle gro?eren Habitats und Raumschiffe im System angeschlossen waren. Auch ihr eigenes Schiff hatte sich verandert. Durch dasselbe Fenster konnte Volyova auch das vordere Ende eines der Synthetiker-Triebwerke erkennen. Sobald das Schiff die zur Stauverdichtung erforderliche Geschwindigkeit unterschritt, hatten die Triebwerke ihre Ramscoop-Felder eingezogen und ihre Form unmerklich auf interplanetare Verhaltnisse umgestellt. Der Ansaugschlund schloss sich wie eine Blute am Abend. Irgendwie erzeugten die Triebwerke zwar immer noch Schub, aber woher sie die Reaktionsmasse oder die Energie zur Beschleunigung nahmen, war nur eines von vielen Geheimnissen der Synthetiker-Technologie. Vermutlich konnten die Triebwerke nur fur begrenzte Zeit so funktionieren, sonst ware es nicht notig, im interstellaren Betrieb das All nach Treibstoff abzufischen…
Ihre Gedanken schweiften ab, jedes andere Thema ware ihr lieber gewesen als das gerade anstehende
