Problem.
»Ich denke, sie wird Schwierigkeiten machen«, sagte Volyova. »Ernsthafte Schwierigkeiten.«
»Nicht, wenn ich sie richtig einschatze.« Triumvir Sajaki schenkte ihr ein Lacheln. »Sudjic kennt mich zu gut. Sie wei?, dass ich keine Zeit mit einer Abmahnung verschwenden wurde, wenn sie gegen ein Mitglied des Triumvirats vorginge. Ich wurde ihr nicht einmal den Gefallen tun, sie von Bord gehen zu lassen, wenn wir Yellowstone erreichen. Ich wurde sie sofort toten.«
»Das ware doch etwas zu hart.«
Ein schwachlicher Einwand, sie verachtete sich dafur, aber so dachte sie nun einmal. »Ich kann sie ja sogar verstehen. Immerhin hatte Sudjic nichts gegen mich personlich, bis ich… bis Nagorny starb. Konnten Sie nicht einfach eine disziplinarische Strafe verhangen, falls sie gegen mich vorgehen sollte?«
»Das lohnt sich nicht«, sagte Sajaki. »Wenn sie vorhat, Ihnen etwas anzutun, wird sie sich nicht mit kleinlichen Schikanen begnugen. Wenn ich sie nur bestrafe, findet sie sicher eine Moglichkeit, Ihnen dauerhaften Schaden zuzufugen. Das einzig Vernunftige ware, sie zu toten. Immerhin — ich bin doch etwas erstaunt, dass Sie die Sache aus ihrer Warte betrachten. Haben Sie noch nicht daran gedacht, dass Nagornys Probleme auf sie abgefarbt haben konnten?«
»Sie fragen mich, ob ich sie fur vollkommen normal halte?«
»Das spielt keine Rolle. Sie wird jedenfalls nichts gegen Sie unternehmen — darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«
Sajaki hielt inne. »Konnen wir das Thema damit abschlie?en? Ich habe von Nagorny bis an mein Lebensende genug gehort.«
»Das kann ich Ihnen nachfuhlen.«
Es war einige Tage nach dem ersten Wiedersehen mit der Crew. Sie standen auf Deck 821 und waren im Begriff, die Kabine des Toten zu betreten. Sie war seit seinem Tod versiegelt gewesen — soweit es die anderen betraf, sogar noch langer. Nicht einmal Volyova war hineingegangen, um keine verraterischen Spuren zu hinterlassen.
Jetzt sprach sie in ihr Armband. »Sicherheitssperre Kabine Waffenoffizier Boris Nagorny deaktivieren. Gezeichnet Volyova.«
Die Tur offnete sich und entlie? einen deutlich spurbaren Schwall stark gekuhlter Luft.
»Schicken Sie sie hinein«, sagte Sajaki.
Binnen weniger Minuten hatten die bewaffneten Servomaten den Raum abgesucht und festgestellt, dass keine erkennbare Gefahr drohte. Damit war naturlich auch nicht zu rechnen gewesen. Nagorny hatte seinen Tod wohl kaum fur genau den gleichen Zeitpunkt geplant wie Volyova. Aber bei Leuten wie ihm konnte man nie sicher sein.
Die Servomaten hatten bereits die Beleuchtung eingeschaltet. Volyova und Sajaki traten ein.
Nagorny war, wie die meisten Psychopathen, die Volyova kennen gelernt hatte, stets damit zufrieden gewesen, auf engstem Raum zu leben. Seine Kabine war noch voller als die ihre und von einer so fanatischen Ordnungsliebe gekennzeichnet, als sei hier ein Heinzelmannchen am Werk gewesen. Auf den Regalen waren die meisten von Nagornys Habseligkeiten — viele waren es ohnehin nicht — so gut befestigt, dass sie auch wahrend der Schiffsmanover, die ihn getotet hatten, an Ort und Stelle geblieben waren.
Sajaki schnitt eine Grimasse und hielt sich den Armel vor die Nase. »Dieser Geruch.«
»Das ist Borschtsch. Rote Bete. Nagorny hatte eine Vorliebe dafur, wenn ich mich nicht irre.«
»Erinnern Sie mich daran, sie nicht zu probieren.«
Sajaki schloss die Tur.
Noch hing ein frostiger Hauch im Raum. Den Thermometern nach herrschte Zimmertemperatur, aber die Luftmolekule schienen noch etwas von der monatelangen Kalte zu bewahren, und die bedruckende Kargheit des Raumes wirkte diesem Eindruck auch nicht entgegen. Verglichen damit war Volyovas Kabine ein Luxusquartier. Das Problem war weniger, dass Nagorny versaumt hatte, seinem Domizil einen personlichen Anstrich zu geben. Aber er hatte dabei fur normale Begriffe so klaglich versagt, dass sich seine Bemuhungen ins Gegenteil verkehrt hatten. Der Raum wirkte noch trostloser, als wenn er leer gewesen ware.
Der Sarg machte die Sache nicht besser.
Das langliche Behaltnis war als einziger Gegenstand im Raum nicht fest vertaut gewesen, als sie Nagorny totete. Es war noch heil, aber Volyova ahnte, dass es einmal aufrecht gestanden und den ganzen Raum mit seiner schrecklich drohenden Wurde beherrscht hatte. Der riesige Sarg war vermutlich aus Eisen, jedenfalls war er schwarz wie Ebenholz und schluckte das Licht wie die Au?enseite eines Schleierweberverstecks. Alle Oberflachen waren mit Flachreliefs geschmuckt, aber die Motive waren zu komplex, um ihre Geheimnisse auf den ersten Blick preiszugeben. Volyova betrachtete sie schweigend. Soll das etwa hei?en, dachte sie, Boris Nagorny ware zu so etwas fahig gewesen?
»Yuuji«, sagte sie. »Das gefallt mir gar nicht.«
»Das kann ich Ihnen nicht verdenken.«
»Was fur ein Verruckter baut sich denn seinen eigenen Sarg?«
»Einer, der zu allem entschlossen ist, wurde ich sagen. Aber der Sarg ist nun einmal da, und er ist vermutlich unsere einzige Moglichkeit, einen Blick in sein Bewusstsein zu werfen. Was halten Sie von den Verzierungen?«
»Zweifellos eine Projektion seiner Psychose, eine Konkretisierung.« Indem Sajaki sie zwang, Ruhe zu bewahren, drangte er sie in eine unterwurfige Haltung. »Ich sollte die Metaphorik studieren. Vielleicht begreife ich dann mehr.«
Sie hielt inne, dann fugte sie hinzu: »Ich meine, wir sollten den gleichen Fehler nicht zwei Mal machen.«
»Sehr vernunftig«, sagte Sajaki. Er kniete nieder und strich mit dem behandschuhten Zeigefinger uber die eingeritzten Schnorkel. »Ein Gluck, dass sie nicht auch noch in die Situation kamen, ihn toten zu mussen.«
»Ja«, sagte sie und sah ihn skeptisch an. »Aber was halten Sie denn nun von den Verzierungen, Yuuji- san?«
»Ich wusste gerne, wen oder was er mit
»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.«
»Lassen Sie mich trotzdem einmal raten. Ich wurde sagen, in Nagornys Phantasie stellte dieser Sonnendieb jemanden dar, mit dem er tagtaglich zu tun hatte, und da bieten sich zwei Moglichkeiten an.«
»Er selbst oder ich«, sagte Volyova. Sie wusste, dass Sajaki nicht so leicht von einer Fahrte abzubringen war. »Ja, ja, das liegt auf der Hand… aber es bringt uns keinen Schritt weiter.«
»Sie sind ganz sicher, dass er diesen Sonnendieb nie erwahnt hat?«
»Das hatte ich sicher nicht vergessen.«
Das stimmte sogar. Naturlich erinnerte sie sich: schlie?lich hatte Nagorny genau dieses Wort mit seinem eigenen Blut an ihre Kabinenwand geschrieben. Es war ihr also durchaus vertraut, auch wenn sie nichts damit anfangen konnte. Vor dem unerfreulichen Ende ihrer beruflichen Beziehung hatte Nagorny kaum noch von etwas anderem gesprochen. Sonnendieb geisterte durch seine Traume und er sah wie alle Paranoiker selbst hinter den alltaglichsten Argernissen Sonnendiebs boshafte Hand. Ob auf dem Schiff plotzlich ein Licht ausfiel, ob ihn ein Fahrstuhl im falschen Deck absetzte, alles war Sonnendiebs Werk. Es gab keine einfachen Pannen, es gab nur gezielte Machenschaften eines hinter den Kulissen agierenden Wesens, das nur Nagorny wahrnehmen konnte. Volyova hatte die Zeichen torichterweise nicht zur Kenntnis genommen. Sie hatte gehofft — ja, gebetet, soweit ihr das moglich war —, das Phantom moge in die Jenseitswelt von Nagornys Unterbewusstsein zuruckkehren. Aber Sonnendieb war bei seinem Opfer geblieben; der Sarg auf dem Fu?boden war Zeuge dafur.
Nein… so etwas hatte sie nicht vergessen.
»Gewiss nicht«, sagte Sajaki mit wissendem Lacheln und wandte sich wieder den Reliefs zu. »Ich finde, wir sollten zuerst eine Kopie dieser Muster anfertigen«, sagte er. »Sie konnten uns helfen, aber durch diesen verdammten Braille-Effekt sind sie mit blo?em Auge kaum zu erkennen. Was mag das wohl sein?« Er fuhr mit der flachen Hand uber ein Strahlenmuster. »Vogelschwingen? Oder Sonnenstrahlen von oben? Ich finde, es sieht eher nach Vogelschwingen aus. Aber warum sollte er sich mit Vogelschwingen beschaftigen? Und was ist das uberhaupt fur eine Sprache?«
