»Und?«

Khouri zuckte die Achseln. »Ich tote sie trotzdem.«

»Eine sehr professionelle Einstellung. Sie waren Soldat, Khouri?«

»Fruher.« Daran wollte sie jetzt wirklich nicht denken. »Wie weit sind Sie uber meine Vergangenheit informiert?«

»So weit wie notig. Ihr Mann — er hie? Fazil — war ebenfalls Soldat. Sie haben gemeinsam auf Sky’s Edge gekampft. Dann ist etwas passiert. Es kam zu einer Verwechslung. Man brachte Sie auf ein Schiff, das Kurs auf Yellowstone nahm. Der Fehler wurde erst zwanzig Jahre spater bemerkt, als Sie hier erwachten. Da war es fur eine Ruckkehr nach Sky’s Edge bereits zu spat — selbst wenn Sie gewusst hatten, dass Fazil noch lebte. Bis zu Ihrer Ankunft ware er vierzig Jahre alter gewesen.«

»Nun wissen Sie, warum mir die Vorstellung, zum Killer zu werden, keine schlaflosen Nachte bereitet hat.«

»Nein; ich kann mich gut in Sie hineinversetzen. Sie fuhlten sich dem Universum und seinen Bewohnern gegenuber zu nichts verpflichtet.«

Khouri nickte. »Aber fur einen solchen Auftrag brauchen Sie keinen ehemaligen Soldaten. Dafur brauchen Sie nicht einmal unbedingt mich. Ich wei? nicht, wen sie umlegen lassen wollen, aber es gibt bessere Leute. Ich meine, ich bin technisch gut — nur ein Fehler auf zwanzig Schusse. Aber ich kenne Leute, bei denen steht es funfzig zu eins.«

»Sie erfullen andere Voraussetzungen. Ich suche jemanden, der gern bereit ist, diese Stadt zu verlassen.« Die Gestalt nickte zu dem offenen Kalteschlaftank hinuber. »Um auf eine lange Reise zu gehen.«

»Uber das System hinaus?«

»Ja.« Das klang mutterlich nachsichtig, so als habe die Frau dieses Gesprach in seinen Grundzugen Dutzende von Malen geprobt. »Genauer gesagt uber zwanzig Lichtjahre. Das ist die Entfernung nach Resurgam.«

»Ich konnte nicht behaupten, von dieser Welt schon gehort zu haben.«

»Das wurde mich auch beunruhigen.« Die Mademoiselle streckte den linken Arm aus. Wenige Zentimeter uber ihrer Handflache erschien eine kleine Kugel. Eine graue, tote Welt — keine Meere, keine Flusse, kein Grun. Nur ein dunner Atmosphareschleier — als feiner Bogen am Horizont zu erkennen — und zwei schmutzigwei?e Eiskappen deuteten darauf hin, dass es sich nicht um einen Mond ohne Lufthulle handelte. »Es ist nicht einmal eine von den neueren Kolonien — oder nicht das, was wir unter einer Kolonie verstehen. Auf dem ganzen Planeten gibt es nur ein paar kleine Forschungsstationen. Bis vor kurzem hatte Resurgam nicht die geringste Bedeutung. Aber das hat sich geandert.« Die Mademoiselle hielt inne, wie um sich zu sammeln. Vielleicht uberlegte sie, wie viel sie in diesem Stadium schon preisgeben wollte. »Jemand ist auf Resurgam eingetroffen — ein Mann namens Sylveste.«

»Kein sehr haufiger Name.«

»Dann wissen Sie, welches Ansehen sein Clan auf Yellowstone genie?t. Gut. Das vereinfacht die Dinge ganz gewaltig. Sie werden ihn ohne Muhe finden.«

»Aber es ist nicht damit getan, dass ich ihn finde?«

»O nein«, sagte die Mademoiselle. Sie fing die Kugel mit der Hand ein und zerdruckte sie zwischen den Fingern, bis feiner Staub zu Boden rieselte. »Bei weitem nicht.«

Vier

Orbitalkarussell

New Brazilia, Yellowstone,

Epsilon Eridani

2546

Volyova verlie? das Shuttle des Lichtschiffs und folgte Triumvir Hegazi in den Ausstiegstunnel. Durch ein verschlungenes System von Schleusen ging es ins Zentrum einer spharischen Transit-Halle im Herzen des Karussells. Hier herrschte Schwerelosigkeit.

Jede menschliche Splittergruppe war hier vertreten; ein Rausch von bunten Farben, frei schwebend, uberwaltigend wie ein Schwarm tropischer Fische im Fressrausch: Ultras, Raumpiraten, Synthetiker, Demarchisten, einheimische Handler, interplanetare Reisende, Schmarotzer und Mechaniker kamen sich auf ihren scheinbar willkurlichen Bahnen oft bedrohlich nahe, ohne dass sich jemals ein Zusammensto? ereignet hatte. Manche hatten sich — wenn ihr Korperbau es zulie? — transparente Flugel unter die Armel genaht oder direkt an der Haut befestigt. Weniger Abenteuerlustige begnugten sich mit kleinen Rucksackgeneratoren oder mieteten sich kleine Schlepper, um sich ziehen zu lassen. Servomaten mit Gepack und zusammengefalteten Raumanzugen flogen durch die Menge, uniformierte Kapuzineraffchen mit Flugeln suchten nach Abfallen und stopften alles, was sie fanden, in Beutel, die sie sich um den Leib gebunden hatten. Von allen Seiten drang scheppernde chinesische Musik an Volyovas ungeschultes Ohr, als streiche der Wind durch ein dissonantes Windspiel. Tausende von Kilometern unter ihnen bildete Yellowstone eine unheilvolle gelbbraune Kulisse fur das wilde Treiben.

Volyova und Hegazi erreichten die andere Seite der Transitkugel, passierten eine materiedurchlassige Membran und gelangten in die Zollabfertigung. Auch in dieser Kugel herrschte Schwerelosigkeit. An den Wanden hingen Girlanden von selbst auslosenden Waffen, die jeden Ankommenden ins Visier nahmen. Im Zentrum schwebten durchsichtige Blasen mit einem Durchmesser von drei Metern, die entlang der Aquatorlinie zu offnen waren. Zwei Kugeln orteten die Neuankommlinge, schwebten auf sie zu und schlossen sie ein.

Im Innern von Volyovas Blase hing ein kleiner Servomat. Er hatte die Form eines japanischen Kabuto-Helms, unter dem Rand ragten verschiedene Sensoren und Anzeigen hervor. Das Gerat scannte sie. Sie spurte ein leises Prickeln, als ordne jemand mit zarter Hand einen Blumenstrau? in ihrem Kopf.

»Ich entdecke Reste von russischen Sprachstrukturen, stelle aber fest, dass Neu-Norte Ihre Standardsprache ist. Sind Sie imstande, damit die burokratischen Formalitaten zu bewaltigen?«

»Durchaus«, versetzte Volyova beleidigt. Was ging es die Maschine an, ob ihre Muttersprache eingerostet war?

»Dann werde ich mit Norte fortfahren. Von Systemen zur Kalteschlafeinleitung einmal abgesehen, kann ich weder Hirnimplantate noch exosomatische Elemente zur Wahrnehmungsveranderung entdecken. Wunschen Sie ein Leihimplantat, bevor wir die Befragung fortsetzen?«

»Ein Bildschirm und ein Gesicht genugen.«

»Schon.«

Unter dem Helmrand entstand ein Gesicht mit leicht mongolischem Einschlag. Eine wei?e Frau, die das Haar ebenso kurz geschnitten trug wie Volyova. Hegazi hatte vermutlich einen dunkelhautigen Mann mit Schnurrbart und ahnlich vielen mechanischen Teilen wie er selbst.

»Identifizieren Sie sich«, verlangte die Frau.

Volyova stellte sich vor.

»Sie haben dieses System zum letzten Mal… mal sehen.« Ein kurzer Blick nach unten. »Vor funfundachtzig Jahren besucht; 2461. Ist das richtig?«

Wider besseres Wissen ging Volyova naher an den Schirm heran. »Naturlich ist das richtig. Du bist eine Gamma-Simulation. Also lass das Theater und mach voran. Ich bin hier, um Waren zu tauschen, und jede Sekunde, die du mir stiehlst, kostet Gebuhren fur den Parkorbit um euren Hundekottel von einem Planeten.«

»Aufsassiges Verhalten«, sagte die Frau und vermerkte etwas in einem unsichtbaren Notizbuch. »Nur zu Ihrer Information, die Archive von Yellowstone sind vielfach luckenhaft, wir hatten ausgedehnte Datenverluste durch die Seuche. Meine Frage hatte den Zweck, einen nicht bestatigten Eintrag zu verifizieren.« Sie hielt inne. »Und ubrigens hei?e ich Vavilov und sitze mit einer lauwarmen Tasse Kaffee und meiner letzten Zigarette seit acht Stunden in einem zugigen Buro. Meine Schicht dauert zehn Stunden. Wenn ich heute nicht zehn Leute abweise, halt mir mein Chef vor, dass ich im Dienst schlafe, und bisher sind es erst funf. Mir bleiben also nur noch zwei Stunden, um die Quote zu erfullen, und dafur ist mir jedes Mittel recht. Sie sollten sich Ihren nachsten Ausbruch sehr sorgfaltig uberlegen.« Die Frau zog an ihrer Zigarette und blies den Rauch in Volyovas Richtung. »Konnen wir

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