rechtfertigen.«
»Ich will Sie ja auch nicht zu seinen Handlungen befragen.«
Pascale machte einen Eintrag auf ihrem Notepad. »Ich will wissen, was hinterher aus ihm — aus seiner Alpha-Simulation — geworden ist. Jedes Alpha enthielt etwa zehn hoch achtzehn Byte an Information«, fuhr sie fort und umgab ihre Notiz mit einem Kreis. »Die Archive von Yellowstone weisen gro?e Lucken auf, aber sie geben doch einiges her. Ich konnte feststellen, dass sich Sechsundsechzig Alphas in Orbitalen Datenspeichern um Yellowstone befanden; auf Karussellen, in Kandelaberstadten und in verschiedenen Schlupfwinkeln der Raumpiraten und der Ultras. Die meisten waren naturlich abgesturzt, aber niemand wollte sie loschen. Zehn weitere konnte ich in korrumpierten Datenbanken auf dem Planeten selbst aufspuren, damit bleiben vier, die verschollen sind. Drei von diesen vieren zahlen zu den Neunundsiebzig und waren in der Obhut sehr armer oder ausgestorbener Familien. Das letzte ist Calvins Alpha.«
»Hat die Geschichte auch eine Pointe?«, fragte er gelangweilt, um sie nicht merken zu lassen, wie sehr ihn das Thema beruhrte.
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Calvin auf die gleiche Weise verloren ging wie die anderen. Das passt nicht zusammen. Das Sylveste-Institut hatte es nicht notig, seine Erbstucke in die Obhut von Glaubigern oder Treuhandern zu geben. Es war bis zum Ausbruch der Seuche eine der wohlhabendsten Einrichtungen auf dem Planeten. Was also ist aus Calvin geworden?«
»Sie glauben, ich hatte ihn mit nach Resurgam gebracht?«
»Nein. Allem Anschein nach war er da schon langst verschwunden. Der letzte Beleg dafur, dass sich das Sim im System befand, datiert mehr als einhundert Jahre vor dem Aufbruch der Resurgam-Expedition.«
»Das ist ein Irrtum«, widersprach Sylveste. »Wenn Sie sich die Unterlagen genauer ansehen, werden Sie feststellen, dass das Alpha Ende des vierundzwanzigsten Jahrhunderts in einen Orbitalen Datenspeicher ausgelagert wurde. Drei?ig Jahre spater zog das Institut um, und davon war sicher auch das Sim betroffen. ‘39 oder ‘40 wurde das Institut dann vom Haus Reivich angegriffen. Die Reivichs haben die Hauptspeicher geloscht.«
»Nein«, sagte Pascale, »diese Moglichkeiten habe ich ausgeschlossen. Mir ist durchaus bekannt, dass das Sylveste-Institut im Jahre 2390 etwa zehn hoch achtzehn Byte in den Orbit ausgelagert und die gleiche Datenmenge siebenunddrei?ig Jahre spater wieder zuruckgeholt hat. Aber zehn hoch achtzehn Byte Information mussen nicht zwangslaufig Calvin sein. Es kann sich ebenso gut um zehn hoch achtzehn Byte metaphysischer Lyrik handeln.«
»Das beweist gar nichts.«
Sie reichte ihm das Notepad. Ihr Hofstaat aus Seepferdchen und Fischen stob auseinander wie ein Gluhwurmchenschwarm. »Nein, aber es ist verdachtig. Warum sollte das Alpha genau dann verschwinden, als Sie zu Ihrer Begegnung mit den Schleierwebern aufbrachen, wenn es zwischen den beiden Ereignissen keinerlei Verbindung gibt?«
»Wollen Sie unterstellen, ich hatte etwas damit zu tun gehabt?«
»Die spateren Datenbewegungen konnen nur von jemandem innerhalb der Sylveste-Organisation gefalscht worden sein. Damit fallt der Verdacht naturlich auf Sie.«
»Ein Motiv ware nicht schlecht.«
»Oh, machen Sie sich daruber keine Sorgen«, sagte sie und nahm das Notepad wieder auf den Scho?. »Das fallt mir schon noch ein.«
Drei Tage nachdem Volyova durch die Pfortnerratte erfahren hatte, dass die Crew aus dem Kalteschlaf erwacht war, fuhlte sie sich endlich in der Lage, ihren Kollegen gegenuberzutreten. Das sollte nicht hei?en, dass sie sich auf das Wiedersehen freute. Volyova war zwar nicht direkt ein Menschenfeind, aber es war ihr noch nie schwergefallen, mit sich allein zu sein. Diese Begegnung versprach besonders schwierig zu werden. Nagorny war tot, und das hatten inzwischen naturlich auch die anderen bemerkt.
Wenn man die Ratten nicht mitzahlte und auch Nagorny ausschloss, hatte das Schiff noch eine Besatzung von sechs Mann. Funf, wenn man auch den Captain nicht gelten lie?.
Und warum sollte man, wenn er — jedenfalls, soweit es die anderen betraf — nicht bei Bewusstsein und erst recht nicht ansprechbar war. Er war nur an Bord, weil man hoffte, ihn wiederherstellen zu konnen. Ansonsten lag die Befehlsgewalt in den Handen des Triumvirats, also bei Yuuji Sajaki, Abdul Hegazi und — naturlich — ihr selbst. Unterhalb davon gab es derzeit noch zwei gleichrangige Besatzungsmitglieder, Kjarval und Sudjic, beides Chimaren, die noch nicht lange an Bord waren. Den niedrigsten Rang von allen bekleidete der Waffenoffizier. Diesen Posten hatte Nagorny innegehabt. Nach seinem Tod war dieser Thron sozusagen verwaist; ein Vakuum war entstanden.
Wenn die Besatzung nicht im Kalteschlaf lag, beschrankte sie sich im Allgemeinen auf bestimmte streng abgegrenzte Bereiche des Schiffes und uberlie? Volyova und ihren Maschinen den Rest. Jetzt war es nach Schiffszeit Morgen. Hier oben, wo sich die Mannschaft aufhielt, folgte die Beleuchtung nach wie vor einem Tag- Nacht-Schema, das von einer Vierundzwanzig-Stunden-Uhr gesteuert wurde. Volyova ging zuerst in den Kalteschlafraum. Er war leer, und alle Tanks bis auf einen waren geoffnet. Der letzte gehorte naturlich Nagorny. Volyova hatte ihm den Kopf wieder aufgesetzt, die Leiche in den Behalter gelegt und heruntergekuhlt. Spater hatte sie dafur gesorgt, dass das Gerat versagte und Nagorny sich wieder erwarmte. Da war er naturlich schon tot gewesen, aber um das im Nachhinein festzustellen, musste man schon ein erfahrener Pathologe sein. Offensichtlich hatte niemand von der Besatzung besondere Lust verspurt, ihn genauer zu untersuchen.
Wieder kam ihr Sudjic in den Sinn. Sudjic und Nagorny hatten sich eine Zeit lang sehr nahe gestanden. Sie durfte Sudjic nicht unterschatzen.
Volyova verlie? den Kalteschlafraum und suchte mehrere Orte auf, die als Treffpunkt in Frage kamen. Schlie?lich betrat sie einen der Walder und kampfte sich durch ein schier undurchdringliches Dickicht aus abgestorbenen Pflanzen, bis sie eine Stelle erreichte, wo die UV-Lampen noch brannten. Dort gab es eine Lichtung, die uber eine schlichte Holztreppe zu erreichen war. Schwankenden Schrittes stieg sie nach unten. Die Lichtung war eine Idylle — besonders nach dem langen Weg durch den toten Wald. Der Wind bewegte das Dach aus grunen Palmblattern, durch das immer wieder gelbe Sonnenstrahlen fielen. In der Ferne sturzte ein Wasserfall uber schroffe Felswande in eine Lagune. Gro?e und kleine Papageien flogen von Ast zu Ast und krachzten heiser in den Baumkronen.
Volyova knirschte mit den Zahnen. Die kunstliche Szenerie war ihr ein Grauel.
Die vier verbliebenen Besatzungsmitglieder sa?en beim Fruhstuck an einem langen Holztisch, der mit Brot, Obst, Fleisch und Kase, Krugen mit Orangensaft und Karaffen mit Kaffee uberreich gedeckt war. Jenseits der Lichtung waren zwei Ritter-Hologramme nach Kraften bemuht, sich gegenseitig mit ihren Lanzen die Bauche aufzuschlitzen.
»Guten Morgen«, sagte Volyova und trat von der letzten Stufe ins Gras. Es war tatsachlich nass vom Tau.
»Es ist sicher kein Kaffee mehr ubrig?«
Alle blickten auf, zwei drehten sich sogar nach ihr um. Sie beobachtete die Reaktionen. Drei murmelten einen leisen Gru?, nachdem sie mit diskretem Klirren ihr Besteck abgelegt hatten. Sudjic sagte gar nichts, dafur hob Sajaki die Stimme.
»Schon, Sie zu sehen, Ilia.« Er griff nach einem Teller. »Eine Grapefruit?«
»Danke. Warum nicht?«
Sie trat naher und nahm Sajaki den Teller ab. Die glanzende Frucht war mit Zucker bestreut. Sie setzte sich bewusst zwischen Sudjic und Kjarval, die anderen zwei Frauen. Beide waren im Augenblick schwarzhautig und hatten bis auf die feuerroten Dreadlocks, die formlich aus dem Scheitel hervorbrachen, kahlgeschorene Kopfe. Auf ihre steifen Zopfe legten die Ultras gro?en Wert: sie zeigten an, wie viele Kalteschlafperioden ein Raumfahrer absolviert und wie oft er demnach auf Kussnahe an die Lichtgeschwindigkeit herangekommen war. Die zwei Frauen hatten sich der Besatzung angeschlossen, nachdem ihr eigenes Schiff von Volyovas Leuten geentert worden war. Ultras verkauften ihre Loyalitat ebenso bedenkenlos wie Wassereis, Monopole und Daten. Letztere dienten ihnen als Geldersatz. Sudjic und Kjarval waren eindeutige Chimaren, obwohl ihre Transformationen verglichen mit Hegazi eher bescheiden waren. Sudjics Arme gingen unterhalb der Ellbogen in kunstvoll gravierte Bronzehandschuhe mit goldglitzernden Fenstern uber, hinter denen standig wechselnde Holografien zu sehen waren. Die kunstlichen Hande endeten in uberschlanken Fingern mit diamantenen Nageln. Kjarvals Korper war zum
