wirklich sehr unwahrscheinlich ist —, dann kann der Raum auch aus eigener Kraft fliegen, jedenfalls lange genug, um das Schiff einzuholen. Und sollte auch der Antrieb ausfallen…« Volyova hielt inne. »Nun, in diesem Fall musste ich wohl ein Wortchen mit der Gottheit meiner Wahl reden.«
Volyova hatte sich mit dem Spinnenraum nie weiter als ein paar hundert Meter von der Austrittsoffnung entfernt, obwohl er imstande gewesen ware, ums ganze Schiff herumzukriechen. Das war jedoch nicht unbedingt zu empfehlen, denn bei relativistischer Geschwindigkeit raste das Schiff durch einen Strahlungssturm, der normalerweise von der Rumpfisolierung abgeschirmt wurde. Die dunnen Wande des Spinnenraums hielten nur einen Bruchteil dieser Strahlung ab, und das verlieh solchen Ausflugen ins All den Reiz eines zweifelhaften Abenteuers.
Der Spinnenraum war Volyovas kleines Geheimnis; in den gro?en Schiffsplanen war er nicht eingetragen, und soweit ihr bekannt war, wusste sonst niemand von der Besatzung von seiner Existenz. Dabei hatte sie es nur zu gern belassen, aber die Verhaltnisse waren nicht ideal, und die Probleme mit dem Leitstand hatten sie gezwungen, die Geheimhaltung da und dort ein wenig zu lockern. Obwohl das Schiff ziemlich heruntergekommen war, verfugte Sajaki uber ein ausgedehntes Netz von Uberwachungseinrichtungen, und der Spinnenraum war einer der wenigen Orte, an denen Volyova sich vollig sicher fuhlen konnte, wenn sie mit den ihr unterstellten Besatzungsmitgliedern vertrauliche Dinge zu besprechen hatte, von denen die anderen Triumvirn nichts zu wissen brauchten. Nagorny hatte sie notgedrungen eingeweiht, um das Sonnendieb-Problem offen mit ihm erortern zu konnen, doch als sich sein Zustand verschlimmerte, hatte sie die Entscheidung tief bereut und monatelang in standiger Angst gelebt, er konnte den Raum an Sajaki verraten. Dabei hatte sie sich ganz umsonst gesorgt. Am Ende war Nagorny viel zu sehr mit seinen Albtraumen beschaftigt gewesen, um seine Vorgesetzten gegeneinander auszuspielen. Nun hatte er das Geheimnis mit ins Grab genommen, und Volyova hatte seither in dem Bewusstsein, dass niemand ihren Zufluchtsort verraten konnte, wieder ruhig schlafen konnen. Khouri hierher mitzunehmen mochte ein Fehler sein, den sie spater ebenfalls bereuen wurde — eigentlich hatte sie sich geschworen, das Geheimnis des Raumes nicht noch einmal zu luften —, aber wie so oft hatte eine neue Entwicklung sie genotigt, ihren Entschluss zu revidieren. Sie hatte etwas mit Khouri zu besprechen; die Gespenster waren nur ein Vorwand, um ihre Untergebene abzulenken und zu verhindern, dass sie sich allzu eingehend mit Volyovas tieferen Beweggrunden beschaftigte. »Noch sehe ich keine Gespenster«, sagte die Neue.
»Sie werden sie in Kurze sehen oder vielmehr horen konnen«, versprach Volyova.
Khouri fand das Verhalten des Triumvirs ziemlich merkwurdig. Volyova hatte mehr als einmal angedeutet, dieser Raum sei ihr ganz personlicher Zufluchtsort und die anderen — Sajaki, Hegazi und die beiden Frauen — wussten nicht einmal, dass er existierte. Da war es doch befremdlich, dass Volyova in einem so fruhen Stadium ihrer beruflichen Beziehung bereit sein sollte, Khouri in ihr Geheimnis einzuweihen. Volyova war ein zwanghafter Einzelganger, selbst wenn man berucksichtigte, dass sie mit militaristischen Chimaren auf einem Schiff zusammenlebte — und Khouri hatte so viel Vertrauensseligkeit gerade von ihr nicht erwartet. Volyova war ihr gegenuber die Liebenswurdigkeit selbst, aber ihre Bemuhungen wirkten nicht echt… eher allzu berechnet und ohne jede Spontaneitat. Wenn Volyova einen Annaherungsversuch unternahm — mit ein paar belanglosen Worten, ein wenig Klatsch, einem Witz —, wirkte es unweigerlich so, als hatte sie stundenlang geubt, um moglichst locker zu klingen. Khouri hatte beim Militar ahnliche Typen kennen gelernt; anfangs hielt man sie fur echt, aber meistens stellten sie sich als auslandische Agenten oder als Spitzel heraus, die im Auftrag des Oberkommandos Informationen sammeln sollten. So sehr sich Volyova auch bemuhte, die Spinnenraumgeschichte herunterzuspielen, Khouri sah ganz deutlich, dass hinter der Sache mit den Gespenstern mehr steckte. Das loste eine Reihe von beunruhigenden Uberlegungen aus, an erster Stelle den Verdacht, Volyova habe nicht die Absicht, sie lebend wieder aus diesem Raum zu lassen.
Aber dieser Verdacht bestatigte sich nicht.
»Ach ja, was ich Sie schon seit langerem fragen wollte«, warf Volyova lassig hin. »Konnen sie mit dem Namen Sonnendieb schon etwas anfangen?«
»Nein«, antwortete Khouri. »Sollte ich denn?«
»O nein, warum auch — es war nur eine Frage. Die Hintergrunde zu erklaren ware viel zu muhsam — aber Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen.«
Sie war etwa so uberzeugend wie eine Wahrsagerin aus dem Mulch.
»Nein«, sagte Khouri. »Ich mache mir auch keine Sorgen…« Und dann fugte sie hinzu: »Warum sagten Sie eigentlich ›schon‹?«
Volyova verfluchte sich innerlich: hatte sie sich verraten? Vielleicht noch nicht; sie hatte die Frage so unbeschwert gestellt wie nur moglich, und Khouris Reaktion gab keinen Anlass zu der Vermutung, dass sie ihr besondere Bedeutung beima?. Dennoch… gerade jetzt durfte sie sich keinen Fehler erlauben.
»Hatte ich das gesagt?«, fragte sie, hoffentlich mit der richtigen Mischung aus Uberraschung und Gleichgultigkeit in der Stimme. »Ein Versprecher, nichts sonst.« Sie wechselte rasch das Thema. »Sehen sie diesen Stern, der so matt rot leuchtet?«
Inzwischen hatten sich die Augen an die Lichtverhaltnisse des innerstellaren Raums gewohnt und selbst der blaue Schein aus den Triebwerken uberstrahlte nicht mehr alles andere. Man konnte einige Sterne erkennen.
»Ist das die Sonne von Yellowstone?«
»Epsilon Eridani, richtig. Wir sind drei Wochen vom System entfernt. Bald wird sie nicht mehr so leicht zu finden sein. Wir fliegen nicht mehr relativistisch — mit nur ein paar Prozent Lichtgeschwindigkeit — sondern beschleunigen standig. Bald werden sich die sichtbaren Sterne verschieben und die Sternbilder verzerren, bis sich alle Himmelskorper vor und hinter uns zusammenballen. Wir werden gleichsam in der Mitte eines Tunnels verharren, in den von beiden Seiten Licht einstromt. Die Sterne werden auch ihre Farbe andern. Das ist nicht so einfach zu erklaren, da die endgultige Farbe vom Spektraltyp des jeweiligen Sterns abhangt; das hei?t davon, wie viel Energie er in verschiedenen Frequenzbereichen einschlie?lich Infrarot und Ultraviolett abstrahlt. Aber die Sterne vor uns werden sich eher nach Blau verschieben und die hinter uns nach Rot.«
»Das sieht sicher sehr hubsch aus«, sagte Khouri und verdarb damit die feierliche Stimmung. »Aber ich verstehe noch immer nicht, wo die Gespenster ins Spiel kommen.«
Volyova lachelte. »Die hatte ich fast vergessen. Und das ware schade gewesen.«
Dann sprach sie so leise in ihr Armband, dass Khouri nicht horen konnte, was sie dem Schiff befahl.
Die Stimmen toter Seelen erfullten den Raum.
»Die Gespenster«, sagte Volyova.
Sylveste schwebte korperlos uber der vergrabenen Stadt.
Ringsum ragten, uber und uber behauen mit dem Aquivalent von zehntausend gedruckten Buchern in Amarantin-Schrift, die Wande auf wie ein Kafig. Obwohl die Schriftzeichen nur wenige Millimeter hoch waren und er Hunderte von Metern von der Wand entfernt war, brauchte er sich nur auf einen Bereich zu konzentrieren, und schon wurden die Worte gestochen scharf. Ubersetzungs-Algorithmen verarbeiteten den Text zu einer dem Canasischen ahnlichen Sprache und Sylvestes Gehirn tat mit halb intuitiven Denkprozessen das Gleiche. In der Mehrzahl der Falle kamen beide Ubersetzer zu ubereinstimmenden Losungen, doch gelegentlich entging den Programmen eine vielleicht wichtige Feinheit, die nur aus dem Kontext zu erschlie?en war.
Wahrenddessen sa? er in Cuvier in seinem Gefangnis und kritzelte Seite um Seite eines Schreibblocks mit Notizen voll. Zurzeit zog er Papier und Stift allen modernen Aufzeichnungsgeraten vor, wann immer das moglich war. Digitale Medien konnten zu leicht von seinen Feinden nachtraglich manipuliert werden. Wenn seine Notizen eingestampft wurden, waren sie wenigstens fur immer verloren und konnten nicht in ideologisch verzerrter Form wiederkehren, um ihn zu verfolgen.
Er ubersetzte ein bestimmtes Teilstuck des Textes zu Ende, und als er zu den gefalteten Flugeln gelangte, einer Glyphe, die das Ende eines Abschnitts anzeigte, zog er sich von dem Schwindel erregenden Abgrund aus Mauern und Texten zuruck.
Er schob ein Loschblatt in den Block und klappte ihn zu. Dann tastete er nach einem Regal, schob den Block hinein und zog einen anderen heraus. Auch hier war ein Loschblatt eingelegt. Er offnete ihn auf der entsprechenden Seite und fuhr mit den Fingern bis dahin, wo er keine Tinte mehr spurte. Dann legte er den Block genau parallel zur Schreibtischkante und setzte den Stift am Beginn der ersten neuen Zeile an.
»Du arbeitest zu viel«, sagte Pascale.
Er hatte sie nicht eintreten horen; nun musste er sich erst vergegenwartigen, dass sie an seiner Seite
