stand — oder vielleicht auch sa?.
»Ich glaube, ich komme allmahlich voran«, sagte Sylveste.
»Rennst du immer noch mit dem Kopf gegen diese alten Inschriften an?«
»Einer von uns zeigt die ersten Sprunge.« Er verschob seinen korperlosen Blickwinkel, so dass er nicht mehr die Wand sah, sondern das Zentrum der ummauerten Stadt. »Dennoch hatte ich nicht gedacht, dass es so lange dauern wurde.«
»Ich auch nicht.«
Er wusste, was sie meinte. Achtzehn Monate waren vergangen, seit ihm Nils Girardieu die vergrabene Stadt gezeigt hatte; ein Jahr, seit sie beschlossen hatten zu heiraten, die Hochzeit aber aufzuschieben, bis er mit seiner Ubersetzungsarbeit gro?ere Fortschritte gemacht hatte. Jetzt war es so weit — und prompt bekam er es mit der Angst zu tun. Sie wusste so gut wie er, dass er jetzt keine Ausrede mehr hatte.
Warum war es uberhaupt so ein Problem? Vielleicht nur deshalb, weil er es dazu erklarte?
»Du runzelst schon wieder die Stirn«, sagte Pascale. »Hast du Schwierigkeiten mit den Inschriften?«
»Nein«, sagte Sylveste. »Das ist vorbei.« Und so war es; es war ihm zur zweiten Natur geworden, die bimodalen Strome der Amarantin-Schrift zu einem sinnvollen Ganzen zu verschmelzen. Er arbeitete wie ein Kartograph beim Studium einer stereografischen Projektion.
»Lass mich sehen.«
Er horte, wie sie durch den Raum ging und sein Schreibpult anwies, einen Parallelkanal fur ihr Sensorium zu offnen. Die Konsole — Sylvestes einziger Zugang zum digitalen Modell der Stadt — war nicht lange nach jenem ersten Besuch eingerichtet worden. Die Idee kam ausnahmsweise nicht von Girardieu, sondern von Pascale. Der Erfolg der vor kurzem veroffentlichten Biografie
In der Kolonie war die Hochzeit inzwischen Tagesgesprach. Was Sylveste an Klatsch daruber zu horen bekam, unterstellte ihm zumeist rein politische Motive; er habe Pascale umworben, um durch die Heirat dem Zentrum der Macht wieder naher zu kommen; die Hochzeit sei — zynisch betrachtet — nur Mittel zum Zweck, und der Zweck sei eine Expedition der Kolonie zum Cerberus/Hades-System. Vielleicht war ihm dieser Verdacht ganz kurz auch selbst gekommen; vielleicht hatte er sich gefragt, ob ihn nicht sein Unterbewusstsein um dieses Zieles willen dazu gebracht hatte, sich in Pascale zu verlieben. Vielleicht enthielt der Gedanke tatsachlich ein Kornchen Wahrheit. Doch das konnte er in seiner derzeitigen Situation zum Gluck nicht feststellen. Auf jeden Fall hatte er das Gefuhl, sie zu lieben — was fur ihn das Gleiche war, wie sie wirklich zu lieben —, aber er war auch nicht blind fur die Vorteile einer Ehe mit ihr. Er hatte auch wieder angefangen zu veroffentlichen; bescheidene Artikel nur, aufbauend auf Ubersetzungen kleiner Teile der Amarantin-Texte. Pascale zeichnete als Mitautorin. Girardieu personlich wurde als Mitarbeiter erwahnt. Vor funfzehn Jahren ware Sylveste daruber entsetzt gewesen; jetzt war er nicht einmal mehr uber sich selbst emport. Fur ihn zahlte nur, dass die Stadt dem Verstandnis des
»Hier bin ich«, sagte Pascale. Ihre Stimme klang lauter, aber sie war wie Sylveste nur eine korperlose Prasenz. »Haben wir den gleichen Blickwinkel?«
»Was siehst du?«
»Den Turm; den Tempel — wie du es nennen willst.«
»Gut so.«
Der Tempel befand sich im geometrischen Zentrum der Stadt, die im Ma?stab 1:4 verkleinert war, und sah aus wie das obere Drittel eines Eies. Die Spitze verjungte sich zu einem spitzen Turmchen, das — immer schmaler werdend — bis zum Dach der Stadthohle reichte. Die Gebaude ringsum wirkten zusammengeschwei?t wie Webervogelnester — vielleicht ein unterschwelliger Durchbruch entwicklungsgeschichtlich bedingter Zwange — und kauerten wie misstonende Gebete vor dem riesigen Turm, der den Tempel uberragte.
»Stort dich irgendetwas daran?«
Er beneidete Pascale. Sie hatte die Stadt Dutzende von Malen in Wirklichkeit besucht. Sie hatte sogar zu Fu? den Turm bestiegen, durch einen schlundartigen Wendelgang, der sich bis zur Spitze empor schraubte.
»Die Figur auf der Spitze? Sie passt nicht hierher.«
Im Verhaltnis zur ubrigen Stadt wirkte die Figurine klein und zierlich, aber sie war immerhin zehn bis funfzehn Meter hoch und damit den agyptischen Statuen im Tal der Konige zu vergleichen. Die unterirdische Stadt war, das lie? sich aus den Erfahrungen mit anderen Ausgrabungen ableiten, ma?stabsgetreu auf etwa ein Viertel der ublichen Dimensionen verkleinert worden. In voller Gro?e ware die Figur auf der Turmspitze also mindestens vierzig Meter hoch gewesen. Aber diese Stadt hatte niemals an der Oberflache gestanden. Selbst wenn sie mit viel Gluck die Feuersturme des
»Passt nicht hierher?«
»Sie stellt keinen Amarantin dar — jedenfalls keinen Amarantin, wie ich sie kenne.«
»Also irgendeine Gottheit?«
»Mag sein. Aber dann verstehe ich nicht, warum man ihr Flugel gegeben hat.«
»Aha. Das haltst du also fur problematisch?«
»Sieh dir die Stadtmauer an, wenn du mir nicht glaubst.«
»Am besten fuhrst du mich hin, Dan.«
Die beiden korperlosen Prasenzen wandten sich vom Turm ab und sturzten sich in Schwindel erregende Tiefen.
Volyova beobachtete, wie die Stimmen auf Khouri wirkten. Irgendwo musste die Selbstsicherheit dieser Frau doch einen Riss haben, der Angst und Zweifel durchlie? — vielleicht dachte sie, Volyova habe einen Weg gefunden, Phantom-Emanationen einzufangen, und glaubte tatsachlich, Gespenster zu horen.
Die Geisterstimmen klangen dumpf und klagend; langgezogene Laute, so leise, dass sie eher zu spuren als zu horen waren. Sie heulten wie der Wind in der unheimlichsten Winternacht, die man sich vorstellen konnte, wie ein Wind, der tausend Meilen weit durch Hohlen geweht war. Aber dies war eindeutig keine Naturerscheinung, es war nicht das Gerausch des Teilchenwindes, der das Schiff umstromte; es waren auch nicht die Schwankungen im empfindlichen Gleichgewicht der Triebwerksreaktionen. Aus diesem Geistergeheul klagten Seelen, riefen Stimmen durch die Nacht. Obwohl man kein einziges Wort verstehen konnte, waren die Strukturen einer menschlichen Sprache unverkennbar.
»Was halten Sie davon?«, fragte Volyova.
»Es sind Stimmen, nicht wahr? Menschliche Stimmen. Aber sie klingen so… erschopft; so traurig.« Khouri lauschte angestrengt. »Hin und wieder glaube ich, ein Wort herauszuhoren.«
»Sie wissen naturlich, was es ist.« Volyova dampfte den Ton, bis der Gespensterchor nur noch leise und unendlich schmerzvoll im Hintergrund zu horen war. »Raumschiffbesatzungen. Menschen wie Sie und ich, die ebenfalls in Schiffen durch das All fliegen und uber das Nichts hinweg miteinander sprechen.«
»Aber warum…« Khouri zogerte. »Oh, warten Sie. Jetzt verstehe ich. Sie fliegen schneller als wir, nicht wahr? Viel schneller. Ihre Stimmen klingen langsamer, weil sie auch tatsachlich langsamer sind. Auf Schiffen, die knapp unter Lichtgeschwindigkeit fliegen, gehen die Uhren langsamer.«
Volyova nickte. Sie war ein klein wenig enttauscht, dass Khouri so schnell begriffen hatte. »Zeitdilatation. Einige von den Schiffen bewegen sich naturlich auf uns zu, daher wird die Wirkung dank der Blauverschiebung durch den Dopplereffekt etwas reduziert, aber normalerweise ist der Dilatationsfaktor starker…« Sie brach mit einem Achselzucken ab, als sie sah, dass Khouri ihrem Vortrag uber die Feinheiten der relativistischen Kommunikation noch nicht folgen konnte. »Normalerweise gleicht die
»Kann ich das einmal horen?«
»Nein«, sagte Volyova. »Es lohnt sich nicht. Am Ende kommt immer das Gleiche heraus. Belanglosigkeiten, technische Fachsimpeleien, die bekannten Werbespruche der Handler. Und das ist noch das interessantere Ende des Spektrums. Am anderen stehen paranoider Klatsch oder irgendwelche armen Teufel mit einem Hirnschaden, die ihr Leid in die Nacht hinaus schreien. Meistens begru?en sich nur zwei Schiffe, wenn sie aneinander
