dadurch nicht hautnah am Geschehen teilhaben konnte.
»Wir teilen uns auf«, sagte Volyova. »Khouri: ich ubertrage die Steuerung der beiden leeren Einheiten auf Ihren Anzug; sie folgen ihnen von jetzt an auf Schritt und Tritt. Wir drei ziehen uns jeweils hundert Schritt auseinander. Aktive Sensorsuche im gesamten elektromagnetischen Spektrum aktivieren. Wenn Sylveste in der Nahe ist, werden wir das
Die beiden leeren Anzuge waren bereits zu Khouri geschlurft, um sich wie herrenlose Hunde an ihre Fersen zu heften. Sie begriff, dass sie den Kurzeren gezogen hatte; Volyova uberlie? ihr die Aufsicht uber die leeren Anzuge zum Trost dafur, dass sie nicht besser bewaffnet war. Aber Jammern half nichts. Sie hatte fur ihren Wunsch nach wirksamen Waffen nur eine vernunftige Begrundung: sie brauchte etwas, um Sylveste zu toten. Doch damit lie?e sich Volyova vermutlich nicht restlos uberzeugen. Immerhin sollte man nicht vergessen, dass die Anzuge auch ohne Bewaffnung todlich sein konnten. Bei der Ausbildung auf Sky’s Edge hatte man ihr gezeigt, wie ein Anzugtrager mit brutaler Gewalt gegen einen Feind vorgehen und ihn buchstablich entzweirei?en konnte.
Sudjic und Volyova entfernten sich in verschiedene Richtungen und Khouri sah ihnen nach. Die Anzuge stapften trugerisch langsam dahin, die typische Gangart im Bodenbetrieb. Trugerisch deshalb, weil sie notfalls laufen konnten wie die Gazellen. Im Moment ging es jedoch nicht um Schnelligkeit. Sie schaltete das fahlgrune Overlay aus und kehrte zum Normalbild zuruck. Sudjic und Volyova waren schon nicht mehr zu erkennen, aber das uberraschte sie nicht. Trotz gelegentlicher Lucken im Sturm konnte sie im Allgemeinen nur bis zum Ende ihres ausgestreckten Armes sehen.
Plotzlich erschrak sie. Im Staub hatte sich etwas — jemand — bewegt. Es war nur ein Moment gewesen; sie war nicht einmal sicher, ob sie wirklich etwas gesehen hatte. Schon war sie dabei, eine harmlose Erklarung zu finden, die Erscheinung als Staubwirbel abzutun, der momentan fast wie ein Mensch ausgesehen hatte, als sie die Gestalt zum zweiten Mal sah.
Diesmal war sie deutlicher zu erkennen. Sie zogerte, wie um Khouris Neugier zu reizen, dann trat sie aus dem Gewoge und stand vor ihr.
»Lange nicht gesehen«, sagte die Mademoiselle. »Ich dachte, Sie wurden sich freuen, mich wiederzusehen.«
»Wo, zum Teufel, sind Sie die ganze Zeit gewesen?«
»Trager«, sagte der Anzug, »ich kann die letzte gedachte Au?erung nicht interpretieren. Konnten Sie vielleicht eine andere Formulierung wahlen?«
»Sagen Sie ihm, er soll nicht auf Sie horen«, riet der Staubgeist. »Ich kann nicht lange bleiben.«
Khouri befahl dem Anzug, ihre Gedanken so lange zu ignorieren, bis sie die Sperre mit einem Codewort wieder aufhob. Der Anzug fugte sich widerwillig, zeigte aber deutlich sein Missfallen, so als sei ein solches Ansinnen derart ungewohnlich, dass er sich ernsthaft uberlegen musse, ob er die Zusammenarbeit in Zukunft fortsetzen konne.
»Schon«, sagte sie dann. »Wir sind ganz unter uns, Mademoiselle. Darf ich jetzt erfahren, wo Sie gewesen sind?«
»Gleich«, sagte die Projektion. Sie hatte sich inzwischen stabilisiert, aber die Wiedergabe war nicht so wirklichkeitsgetreu, wie Khouri es inzwischen gewohnt war. Die Mademoiselle sah aus wie eine fluchtige Skizze oder eine verwackelte Fotografie von sich selbst. Immer wieder ging eine Krauselwelle uber sie hin und verzerrte das Bild. »Erst sollte ich einiges zu Ihrer Aufrustung tun, sonst mussen Sie noch mit blo?en Handen auf Sylveste losgehen. Also mal sehen; ich greife auf die Primarsysteme des Anzugs zu… umgehe Volyovas codierte Restriktionen… ubrigens bemerkenswert einfach — ich bin geradezu enttauscht, dass sie mich nicht mehr fordert, vor allem, nachdem ich wahrscheinlich zum letzten Mal…«
»Wovon reden Sie eigentlich?«
»Ich will Ihnen die Kontrolle uber Ihre Waffen geben, liebes Kind.« Wahrend sie noch sprach, wechselten die Statusanzeigen und meldeten, dass sich soeben eine Reihe von bisher gesperrten Waffensystemen zugeschaltet hatten. Khouri traute ihren Augen kaum, das Arsenal, das ihr plotzlich zur Verfugung stand, war beeindruckend. »Das ware geschafft«, sagte die Mademoiselle. »Soll ich noch etwas fur Sie wach kussen, bevor ich gehe?«
»Jetzt sollte ich wohl danke sagen…«
»Nur keine Umstande, Khouri. Dankbarkeit ware das Letzte, was ich von Ihnen erwarten wurde.«
»Jetzt bleibt mir naturlich nichts anderes ubrig, als den Dreckskerl tatsachlich zu toten. Muss ich mich dafur auch bedanken?«
»Sie haben die… ah… Beweise gesehen. Die Anklageschrift, wenn Sie so wollen.«
Khouri nickte. Ihre Kopfhaut scheuerte an der Innenverkleidung des Helms. In einem Raumanzug gestikulierte man nicht. »Ja, die Sache mit den Unterdruckern. Ich wei? naturlich immer noch nicht, ob auch nur ein Wort davon wahr ist…«
»Dann bedenken Sie wenigstens die Alternative. Nehmen wir an, Sie scheuen davor zuruck, Sylveste zu toten, und hinterher stellt sich heraus, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Was glauben Sie, wie Sie sich fuhlen wurden, besonders, wenn Sylveste…« — die Staubgestalt lachelte gespenstisch — »sein Ziel erreicht?«
»Mein Gewissen ware doch immer noch rein?«
»Gewiss doch. Hoffentlich ware das Trost genug, wenn Sie zusehen mussten, wie Ihre gesamte Spezies von den Unterdrucker-Systemen ausgerottet wird. Wobei ich zugeben muss, dass Sie hochstwahrscheinlich keine Gelegenheit mehr hatten, Ihren Fehler zu bereuen. Die Unterdrucker leisten ganze Arbeit. Aber das werden Sie schon noch herausfinden…«
»Ich danke jedenfalls fur den guten Rat.«
»Das war noch nicht alles, Khouri. Haben Sie sich eigentlich schon uberlegt, dass es fur meine lange Abwesenheit einen triftigen Grund geben konnte?«
»Namlich?«
»Ich sterbe.« Die Mademoiselle lie? das Wort einen Moment im Staubsturm hangen, dann fuhr sie fort: »Nach dem Zwischenfall mit dem Weltraumgeschutz ist es Sonnendieb gelungen, einen weiteren Teil von sich in Ihren Schadel einzuschleusen — aber das ist Ihnen naturlich bekannt. Sie haben sein Eindringen gespurt, nicht wahr? Ich erinnere mich an Ihre Schreie. Sie waren sehr eindrucksvoll. Es muss ein seltsames Gefuhl gewesen sein. Ein Angriff auf Ihr Innerstes.«
»Aber seitdem hat sich Sonnendieb nicht mehr bemerkbar gemacht.«
»Haben Sie sich nie gefragt, warum nicht?«
»Was soll das hei?en?«
»Das soll hei?en, liebes Kind, dass ich mir in den letzten Wochen Arme und Beine ausgerissen habe, um zu verhindern, dass er sich in Ihrem Kopf weiter ausbreitet. Deshalb haben Sie nichts mehr von mir gehort. Ich war zu beschaftigt damit, ihn abzuriegeln. Den Teil von ihm niederzuhalten, den ich versehentlich mit den Bluthunden hatte eindringen lassen, fiel mir schon schwer genug. Aber damals erreichte ich immerhin eine Pattsituation. Diesmal ist alles ganz anders. Sonnendieb ist starker geworden, wahrend jede seiner Attacken an meinen Kraften zehrt.«
»Hei?t das, er ist immer noch da?«
»Und ob. Sie haben nur deshalb nichts mehr von ihm bemerkt, weil ihn der Krieg, den wir beide in Ihrem Schadel fuhren, ahnlich stark in Anspruch nimmt wie mich. Der Unterschied ist nur, dass er unentwegt Fortschritte erzielt — er zerstort mich, unterwandert meine Systeme, setzt meine eigene Abwehr gegen mich ein. Oh, er ist mit allen Wassern gewaschen, glauben Sie mir.«
»Was wird geschehen?«
»Ganz einfach, ich werde unterliegen. Das kann ich mit Sicherheit sagen, eine mathematische Schatzung auf der Grundlage seiner derzeitigen Fortschritte.« Wieder lachelte die Mademoiselle, die nuchterne Analyse schien ihr eine geradezu abartige Genugtuung zu bereiten. »Ich kann seinen Sieg noch ein paar Tage hinauszogern, doch dann ist alles vorbei. Vielleicht geht es auch schneller. Allein der Auftritt hier kostet mich ungeheure Krafte. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich musste die Zeit opfern, um Ihnen die Kontrolle uber Ihre Waffen zuruckzugeben.«
»Aber wenn er siegt…«
»Ich wei? es nicht, Khouri. Aber Sie sollten auf alles gefasst sein. Wahrscheinlich ist er kein so angenehmer Hausgast, wie ich es immer sein wollte. Sie wissen ja, was er mit Ihrem Vorganger gemacht hat. Er hat den armen Mann in den Wahnsinn getrieben.« Die Mademoiselle trat tiefer in den Staub hinein, schien wie durch einen Vorhang von der Buhne abgehen zu wollen. »Ich bezweifle, dass wir noch einmal das Vergnugen haben werden,
