Khouri. Ich sollte Ihnen alles Gute wunschen. Aber im Augenblick habe ich nur eine Bitte. Tun Sie, wozu Sie hier sind. Und leisten Sie ganze Arbeit.« Sie wich noch weiter zuruck und loste sich auf wie eine Kohlezeichnung, die der Wind verwehte. »Die Mittel dazu habe ich Ihnen verschafft.«

Dann war die Mademoiselle verschwunden. Khouri wartete noch einen Moment und versuchte, ihre Gedanken nicht so sehr zu ordnen, als zu einer halbwegs festen Masse zu verkneten, die hoffentlich mehr als ein paar Sekunden halten wurde. Dann sprach sie das Codewort, das den Anzug reaktivierte. Mit einem Gefuhl, das von Erleichterung weit entfernt war, stellte sie fest, dass die Mademoiselle Wort gehalten hatte. Die Waffen funktionierten noch immer.

»Verzeihen Sie die Storung«, sagte der Anzug. »Aber wenn Sie die Sicht uber das gesamte Spektrum wiederherstellen mochten, werden Sie feststellen, dass wir Gesellschaft haben.«

»Gesellschaft?«

»Ich habe soeben die anderen Einheiten alarmiert. Aber Sie sind am nachsten.«

»Bist du sicher, dass es nicht Sajaki ist?«

»Es ist nicht Triumvir Sajaki, nein.« Vielleicht bildete Khouri es sich nur ein, aber der Anzug schien es ubel zu nehmen, dass sie sein Urteil in Zweifel zog. »Auch wenn der Anzug des Triumvirs alle Geschwindigkeitsbegrenzungen uberschreitet, wird er erst in drei Minuten hier eintreffen.«

»Dann muss es Sylveste sein.«

Sie hatte inzwischen auf das empfohlene sensorische Overlay umgeschaltet und konnte die nahende Gestalt — eigentlich waren es zwei, und sie waren leicht auseinander zu halten — gut erkennen. Die beiden anderen bemannten Anzuge strebten ebenso gemachlich, wie sie sich vorher entfernt hatten, auf sie zu. »Sylveste, ich nehme an, Sie konnen uns horen«, sagte Volyova. »Bleiben Sie, wo Sie sind. Wir kommen von drei Seiten.«

Seine Stimme ertonte im Helm. »Ich dachte schon, Sie lassen uns hier elend zugrunde gehen. Wie schon von Ihnen, dass Sie doch noch gekommen sind.«

»Ich pflege Wort zu halten«, sagte Volyova. »Das sollten Sie inzwischen wissen.«

Obwohl Khouri nicht sicher war, ob sie bis zum Au?ersten gehen wurde, begann sie mit den Vorbereitungen fur den Abschuss. Sie rief ein Ziel-Overlay ab, das einen Rahmen um Sylveste legte, und entschied sich dann fur eine der harmloseren Anzugwaffen: einen mittelstarken Laser, der in die Kopfpartie integriert war. Verglichen mit der ubrigen Bewaffnung war er geradezu harmlos; eigentlich nur dafur geeignet, angriffslustigen Gegnern klar zu machen, dass sie sich besser ein anderes Ziel suchten. Aber gegen einen unbewaffneten Mann aus nachster Nahe sollte er mehr als ausreichend sein.

Jetzt brauchte sie nur noch die Augen zu schlie?en und Sylveste wurde sterben. Genau so, wie die Mademoiselle es wollte.

Sudjic beschleunigte jetzt und strebte eher auf Volyova als auf Sylveste zu. Plotzlich fiel Khouri ein ungewohnliches Detail an ihrem Anzug auf. Aus der Klaue am Ende des Arms ragte ein kleines Metallobjekt hervor. Es sah aus wie eine Waffe, eine leichte Boser-Pistole. Dann hob Sudjic mit der gelassenen Ruhe des Berufskillers diesen Arm. Khouri war so erschrocken, dass sie sich im Geiste fur einen Moment von ihrem Korper trennte. Sie glaubte sich selbst zu sehen, wie sie die Waffe hob und auf Sylveste zielte.

Aber das Bild hatte einen Fehler.

Es war Sudjic — und sie richtete die Waffe auf Volyova.

»Ich nehme an, Sie haben einen Plan…«, begann Sylveste.

»Ilia!«, schrie Khouri. »Runter, gleich wird sie…«

Sudjics Waffe war starker, als sie aussah. Ein Blitz — die Laserhulle fur den koharenten Materiestrahl — zuckte schrag durch Khouris Blickfeld und fuhr in Volyovas Anzug. Mehrere Alarmsirenen spielten verruckt und meldeten einen starken Energieaussto? in unmittelbarer Nahe. Khouris Anzug schaltete automatisch auf eine hohere, empfindlichere Bereitschaftsstufe, und die Indices auf dem Display meldeten, die zugehorigen Waffensysteme seien so eingestellt, dass sie bei einem vergleichbaren Angriff auf ihren Anzug unverzuglich ausgelost wurden — auch ohne einschlagigen Befehl von ihr.

Volyovas Anzug war schwer getroffen; ein betrachtlicher Teil des Brustpanzers war zerstort, lamellenformige Unterschichten, Kabel und Stromleitungen quollen heraus.

Sudjic zielte und feuerte wieder.

Der Schuss ging in die offene Wunde und weiter in die Tiefe. Volyova meldete sich uber Funk, aber ihre Stimme klang schwach und weit entfernt. Khouri horte nur ein fragendes Achzen, eher erschrocken als gequalt.

»Das war fur Boris«, sagte Sudjic mit unertraglich klarer Stimme. »Dafur, dass du ihn mit deinen Experimenten um den Verstand gebracht hast.« Wieder hob sie die Waffe mit ruhiger Hand, wie ein Kunstler, der zum letzten Pinselstrich an seinem Meisterwerk ansetzte. »Und das ist dafur, dass du ihn getotet hast.«

»Sudjic«, sagte Khouri. »Hor auf!«

Der Anzug drehte sich nicht um. »Warum sollte ich aufhoren, Khouri? Habe ich dir nicht gesagt, dass zwischen uns noch eine Rechnung offen ist?«

»Sajaki wird in einer Minute hier sein.«

»Bis dahin habe ich es so hingedreht, als hatte Sylveste auf sie geschossen.« Sudjic schnaubte hohnisch. »Verdammt, glaubst du wirklich, das hatte ich mir nicht uberlegt? Ich hatte nicht vor, mich so ohne weiteres abknallen zu lassen, nur um mich an der alten Hexe zu rachen. Den Aufwand ist sie nicht wert.«

»Ich kann nicht zulassen, dass du sie totest.«

»Das kannst du nicht? Sehr komisch, Khouri. Wie willst du mich denn daran hindern? Ich kann mich nicht erinnern, dass sie dir die Kontrolle uber deine Waffen zuruckgegeben hatte, und im Moment ist sie dafur wohl kaum in der Verfassung.«

Sudjic hatte Recht.

Volyova war vornuber gesunken, ihr Raumanzug war undicht geworden. Vielleicht war der Schuss bis in ihren Korper gegangen. Selbst wenn sie irgendwelche Laute von sich gab, so war der Anzug zu schwer beschadigt, um sie noch zu verstarken.

Wieder hob Sudjic die Waffe, jetzt zielte sie nach unten. »Noch ein Schuss, dann bist du erledigt, Volyova — die Waffe unterschiebe ich Sylveste. Er wird naturlich alles abstreiten — aber Khouri ist die einzige Zeugin, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich uberschlagt, um seine Geschichte zu bestatigen. So ist es doch, nicht wahr? Gib es doch zu, Khouri, ich tue dir nur einen Gefallen. Du wurdest das Miststuck selbst toten, wenn du nur schie?en konntest.«

»Du irrst dich«, sagte Khouri. »Und zwar gleich zweifach.«

»Wieso?«

»Ich wurde sie nicht toten, trotz allem, was sie getan hat. Und ich kann durchaus schie?en.« Sie nahm sich einen Augenblick — nicht einmal ein Sekundenbruchteil — Zeit, um den Laser genau auszurichten. »Leb wohl, Sudjic. Ich kann nicht sagen, dass es ein Vergnugen war, dich kennen gelernt zu haben.«

Dann feuerte sie.

Als Sajaki kaum eine Minute spater eintraf, war von Sudjic nichts mehr ubrig, was ein Begrabnis gelohnt hatte.

Ihr Anzug hatte naturlich einen Gegenschlag gefuhrt und zwar mit starkeren Waffen. Er hatte zu beiden Seiten ihres Kopfes Projektoren ausgefahren, die zielsuchende Plasmapfeile abfeuerten. Aber Khouris Anzug war auf den Angriff vorbereitet. Er verstarkte nicht nur die Panzerung so, dass sie das Plasma optimal ablenkte (indem er sich umstrukturierte und starke plasmaabweisende Elektrostrome in seine Hulle leitete), sondern erwiderte zugleich das Feuer auf einer noch hoheren Aggressionsebene. Er verzichtete auf Kinderkram wie Plasma und Teilchenstrahlen, entschied sich fur beschleunigte Antimaterie-Impulse und gab dazu einige Nanokugelchen aus seinem Antilithium-Vorrat ab. Jedes Kugelchen wurde von einer entsprechend starken Abriebhulle aus Normalmaterie abgeschirmt und auf einen ziemlich hohen Prozentsatz der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt.

Khouri hatte nicht einmal Zeit gefunden, den Atem anzuhalten. Nach ihrem ersten Feuerbefehl hatte der Anzug alles Weitere selbstandig erledigt.

»Es hat… einen Zwischenfall gegeben«, sagte sie, als der Triumvir landete.

»Was Sie nicht sagen«, gab er zuruck und sah sich das Gemetzel an: Volyova in ihrem beschadigten Anzug und Sudjics weithin verstreute und inzwischen radioaktiv verseuchte Uberreste. Mittendrin standen — unversehrt,

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