ein starker Kerl!« –

Barbillon hatte auf Skeletts Befehl etwa ein Dutzend handfeste Straflinge geworben, die sich einzeln, um keinen Verdacht zu erregen, in den Saal begaben. Die andern blieben im Hofe; einige sprachen sogar auf Barbillons Rat laut, um die Aufmerksamkeit des Aufsehers von dem Warmesaale abzulenken, wo Skelett, Barbillon, Niklas und andere ungeduldig warteten. Barbillon stellte sich an die Tur. Skelett nahm die Pfeife aus dem Munde und sagte zu dem dicken Lahmen: »Kennst du einen jungen Menschen, Germain, mit blauen Augen und braunem Haar, der wie ein ehrlicher Kerl aussieht?« – »Germain hier?« rief der Lahme und seine Zuge verrieten Ueberraschung, Ha? und Zorn, »Ob ich ihn kenne! Kameraden, er ist ein Angeber und mu? an die Kreide.«

»Erzahle, Lahmer,« fiel das Skelett ein, »was du uber ihn wei?t.« –

»Einer von Nantes, der Haarige genannt,« antwortete der Lahme, »ein ehemaliger Strafling, hat den Menschen, dessen Herkunft ich nicht kenne, als Junge in der Lehre gehabt. Als er alt genug dazu war, sollte er in Nantes zu einem Bankier, weil mit seiner Hilfe ein gutes Geschaft zu machen gewesen ware. Der Kerl sagte weder Ja noch Nein, sondern petzte alles seinem Chef und ruckte am Abend, als die Sache spruchreif war, durch die Lappen nach Paris.«

Die Straflinge schrien laute Verwunschungen gegen Germain. – »Still!« befahl Skelett, nahm die Pfeife wieder aus dem Munde und forderte den Lahmen auf, weiter zu erzahlen ... »Naturlich ging alles schief,« fuhr dieser fort, »denn der Bankier hatte die ganze Polizei aufgeboten. Dem Haarigen gelang es, zu entwischen, sein Kamerad aber wurde in dem Augenblicke gefa?t, als er durch das Fenster steigen wollte. In Paris habe ich den Musje zusammen mit dem Haarigen aufgestobert, aber er ist uns immer wieder durch die Finger geglitten; jedesmal, wenn wir ihn fassen zu konnen meinten, hatte er die Wohnung geraumt und war nicht mehr zu finden. Und jetzt ist dei Kerl hier?« – »Ueberla? ihn mir,« versetzte Skelett, »ich bin so gut wie tot und brauche mich nicht weiter zu sorgen. Mehr als einmal kann man den Kopf nicht mehr verlieren. Aber mit solchen hundsfottischen Spitzeln mu? aufgeraumt werden. Ein fur allemal. Wird in allen Stockhausern so vorgegangen, wie ich heute vorgehen werde, dann wird dem Gesindel die Lust schon vergehen, der Polizei Liebesdienste zu tun.«

Alle Straflinge drangten sich voller Bewunderung um das Skelett. Selbst Barbillon trat von der Tur weg, so da? es ihm entging, da? ein neuer Strafling eingetreten war: einer in grauer Bluse, mit roter, baumwollner Mutze auf dem Kopfe, tief uber die Ohren gezogen, der sich, sobald er den Namen Germain gehort, zu der Gruppe Skeletts gesellte. Es war ein Hune von Gestalt, der gierig uber das Essen herfiel, das soeben zur Austeilung gelangte: gekochtes Fleisch in kupfernen Schusseln, von dem jeder ein derbes Stuck mit Brot, das in gro?en Korben gebracht wurde, erhielt. Straflinge, die Geld hatten, konnten sich Wein kaufen und wer von au?en her Lebensmittel bekommen hatte, wie Niklas, machte sich ein kleines Festessen zurecht, zu dem sie ein paar von ihren besten Freunden einzuladen pflegten.

Germain kam mit zuletzt herein, in Gedanken noch bei seiner niedlichen Braut. Er setzte sich auf dem hintersten Fensterbrette nieder, seinem gewohnlichen Platze, den ihm niemand streitig zu machen pflegte, lag er doch fern von dem Ofen, dessen Nahe die anderen vorzuziehen pflegten. Etwa ein Dutzend von ihnen war, wie schon bemerkt, von dem Plane unterrichtet, der gegen ihn geschmiedet worden war, die Kunde davon verbreitete sich aber rasch unter den anderen, und jeder von ihnen erblickte in seiner blinden Grausamkeit in diesem gemeinen Hinterhalte nur eine gerechte Rache und Warnung fur jeden, der sich mit gleichen Gedanken truge. Die einzigen, die keine Ahnung hatten von dem, was im Werke war, waren Germain selbst und der die Aufsicht fuhrende Fron. Der Zufall wollte es, da? dieser abgerufen wurde, und kaum hatte er den Saal verlassen, so wurde Germain von den Gefangenen umstellt, und gleich darauf fiel Skelett wie ein Rasender uber ihn her. Durch den jahen Angriff des starken Straflings verblufft, sank Germain auf die Bank; Skelett setzte ihm das Knie auf die Brust und packte ihn an der Kehle ...

Da geschah etwas Unerwartetes: der Mann in der blauen Mutze und grauen Bluse, der vorhin unbemerkt von Barbillon in den Saal getreten war, rannte ein paar Straflinge uber den Haufen, sturzte sich von hinten uber das Skelett und bearbeitete ihm mit einem Hagel von Faustschlagen Schadel und Augen. Die Straflinge waren so verblufft uber dieses jahe Eingreifen des Neulings, da? sich nicht einer von ihnen zu ruhren vermochte ... Noch immer schlug jener auf Skelett ein, und schon vollzog sich bei einigen Straflingen infolge seiner Kuhnheit ein Meinungsumschwung zu seinen gunsten ... »Justament solche Hiebe habe ich seinerzeit im Wei?en Kaninchen vom Fachermaler Rudolf bekommen,« rief der Mann, der kein anderer war als Schuri, »und das war eine Lektion, Jungen, die sich jeder andere an meiner Stelle genau ebenso gemerkt hatte.«

Da aber packte der dicke Lahme Schuri am Hinterarm und fuhr ihn an, was ihm einfiele, und was er hier zu suchen hatte, wahrend Schuri all seine Krafte aufbieten mu?te, Skelett auf der Bank festzuhalten. Aber es gelang ihm, dem Lahmen mit dem Beine von hinten einen so derben Fu?tritt zu versetzen, da? er bis in die entgegengesetzte Ecke flog. Germain, der so heftig gewurgt worden war, da? er kaum atmen konnte, kniete leichenbla? neben der Bank, auf der er gesessen hatte, und schien nicht fassen zu konnen, was um ihn her vorging. Dem Skelett gluckte es durch eine verzweifelte Anstrengung, sich von Schuri freizumachen und wieder auf die Beine zu kommen. Er schaumte vor Wut und sah grauenhaft aus. Blut rann ihm uber das Gesicht, der Kiefer war ihm zerschlagen, die Oberlippe gespalten, so da? die Zahne, wie bei einem rei?enden Wolfe, frei lagen ... Endlich fand er die Stimme wieder, und keuchend stohnte er: »Ihr Memmen! Wie konnt ihr mich hinterrucks niederschlagen lassen? Macht doch den Rauber kalt! Ihr riskiert ja, da? uns der Spitzel wieder durch die Lappen geht!«

Wahrend der kurzen Pause, die eingetreten war, hatte Schuri seinen jungen Freund so geschickt in die Saalecke geschoben, da? er sich wie eine Saule vor ihn postieren konnte und selbst den Vorteil eines ausreichenden Ruckhaltes hatte. Jetzt au?er Gefahr, von hinten gepackt zu werden konnte er es schon eine Weile mit dem auf ihn eindringenden Haufen aufnehmen. Beide Arme in Boxerweise vor sich hinstreckend, erwartete er die Feinde. Aber der Kampf wurde gehindert durch einmarschierendes Militar, das Germain, den Schuri und das Skelett ins Direktionsgebaude abfuhrte. Germain war so schwach, da? er von zwei Fronen gestutzt werden mu?te. Einer Ohnmacht nahe, brach er dort zusammen. Der die Aufsicht im Sprechzimmer fuhrende Fron, der sich, wie der Leser wei?, fur ihn lebhaft interessierte, reichte ihm die erste Hilfe, und sobald er wieder sprechen konnte, war seine erste Frage, wem er seine Rettung aus der Hand des rasenden Straflings zu verdanken habe. – »Ich wei? selbst noch nicht, wie er wirklich hei?t. Unter den Verbrechern wird er der Schuri genannt und ist ein ehemaliger Bagnostrafling.« – »Und weshalb ist er wieder im Zuchthause – hoffentlich nicht wegen eines schweren Verbrechens?« – »Doch! Er ist des erschwerten Diebstahls beschuldigt,« antwortete der Fron, »und wird wohl seine paar Jahre Zuchthaus wieder weghaben.«

Germain fuhr zusammen. Ihm ware es lieber gewesen, er hatte seine Rettung jemand zu verdanken gehabt, der kein schwerer Verbrecher gewesen ware... »O, so etwas zu horen, ist schrecklich. Und doch hat sich der Mensch meiner erbarmt, ohne mich zu kennen? Dazu gehort doch viel Mut und Edelsinn!« – »Ich hore ihn eben aus dem Direktionszimmer kommen,« sagte der Fron, »wenn das Skelett, das nach ihm verhort wird, herauskommt, werde ich sie abfuhren: den einen zuruck in die Lowengrube, wo er vielleicht Skeletts Amt als Aufseher erhalt, diesen aber in eine Kerkerzelle, Ich vermute wohl nicht mit Unrecht, da? dem Schuri sein Einspringen zu Ihren gunsten nicht wenig strafmildernd angerechnet werden durfte.«

Schuri kam in die Stube, in welcher Germain noch matt und schwach auf der Bank lag. Mit der Weisung an Schuri, hier solange zu warten, bis er zuruckkame, ging der Fron hinaus, um sich im Direktionszimmer zu erkundigen, was mit dem Skelett geschehen solle.

Mit freudestrahlendem Gesicht naherte sich Schuri seinem jungen Freunde ... »Tausend Donner!« rief er, »ist's mir lieb, da? ich noch zurechtkam ... Keine Sekunde spater durfte es sein, sonst waren Sie eine Leiche ... Der Kerl hat Sie wirklich sakrisch geschnurt.« Er streckte Germain die Hand entgegen, aber von unwillkurlichem Abscheu ergriffen, wich Germain, statt die Hand zu nehmen, zuruck, bedachte aber im andern Augenblicke, was er dem Manne schuldete, und wollte die Krankung, die er ihm zugefugt, ebenso schnell gut machen. Schuri hatte recht gut bemerkt, was Germain fuhlen mochte; jetzt wich er mit verdustertem Gesicht zuruck und antwortete mit Bitterkeit: »Gewi?! Sie haben recht! Ich bitte um Pardon.« – »Das ist an mir,« versetzte Germain; »bin ich nicht Strafling wie Sie? und haben Sie mir nicht das Leben gerettet? Ihre Hand her! Ihre Hand her!« – »Es ist jetzt wohl uberflussig, einen Handedruck zu wechseln,« sagte Schuri, und ein Zug wehmutigen Schmerzes zuckte durch seine Stimme, »wie man sich im ersten Moment gibt, bleibt doch immer Hauptsache. Gefreut hatte ich mich ja, wenn Sie mir die Hand gedruckt hatten; jetzt aber mag nun ich nicht ... nicht weil ich Strafling bin wie Sie,« setzte er hinzu, »sondern weil ich wieder hier bin wegen ... ,« – »O, der Fron hat mir alles gesagt,« fiel Germain ihm ins Wort, »aus der Welt la?t sich aber trotz alledem nicht schaffen, da? Sie mein Lebensretter sind.« – »Was habe ich anders getan als meine Menschenpflicht?« versetzte Schuri, »wei? ich etwa nicht, wen ich in Ihnen vor mir habe,

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