mir nicht bekennen wollen, warum sollte ich zuruckhalten mit solchem Bekenntnis?«
»Ach, wie unglucklich ich bin!« – rief Germain in Verzweiflung. – »Sie lieben mich – nun, da ich Ihrer nicht mehr wert bin.« – »Meiner nicht mehr wert? Was Sie da sagen, hat weder Sinn noch Verstand; gerade als hatte ich sonst gesagt, ich ware Ihrer Freundschaft nicht wert, weil ich im Gefangnisse gewesen bin, – denn ich habe doch auch gesessen: bin ich aber deshalb weniger ein braves Madchen?« – »Ja, aber Sie kamen in das Gefangnis, Weil Sie ein armes verlassenes Kind waren, wahrend ich! – mein Gott! welcher Unterschied!« – »Nun, in dieser Hinsicht haben wir uns beide nichts vorzuwerfen, – Und bin ich nicht vielmehr ehrgeizig, denn meinem Stande nach durfte ich gar nicht daran denken, einen andern Mann als einen Handwerker oder dergleichen zu wahlen. – Ich bin ein Findelkind, besitze nichts als mein Stubchen und meinen guten Mut, und doch komme ich keck daher und trage mich Ihnen zur Frau an –«
Mit leidenschaftlicher Trunkenheit fiel Germain ihr ins Wort: »Ja, mein Lieb, ich schlage ein! Ich fuhle, da? es zuweilen feige ist, gewisse Opfer nicht anzunehmen, denn man gesteht damit nur ein, da? man ihrer sich nicht fur wurdig halt. Edles, mutiges Madchen, ich schlage ein!« –»Wirklich? Ist es Ihnen jetzt ernst?« – »Meinen Schwur darauf!« antwortete Germain feierlich, »und das Gluck, dessen Sie mich teilhaftig machen, spornt mich, ein ehrlicher Mensch zu bleiben. Durch das Gluck, das mir durch Sie winkt, edles Madchen, erwachst mir die Kraft, den verderblichen Einflussen um mich her zu widerstehen. Ich werde hinfort eine zwiefache Aufgabe zu erfullen haben: die Vergangenheit zu bu?en und das Gluck, das ich Ihnen verdanke, zu verdienen; deshalb werde ich Gutes tun, denn an Gelegenheit fehlt es nie, wenn man auch arm ist –« – »Ja, wir finden immer Leute, die noch unglucklicher sind als wir.«
Der Aufseher machte in diesem Augenblicke eine Bewegung; er erwachte ... »Schnell!« sagte leise die Lachtaube mit reizendem Lacheln und zuchtiger Zartlichkeit, »schnell einen Kuh auf die Stirn, – durch das Gitter! Das soll unsre Verlobung sein.«
Sie druckte errotend die Stirn an das eiserne Gitter und Germain beruhrte, tief bewegt, durch das eiserne Gitter hindurch mit seinen Lippen die reine wei?e Stirn, Eine Trane des Gefangenen fiel darauf gleich einer feuchten Perle ... Ergreifende Taufe dieser keuschen, traurigen, schonen Liebe!
Zweites Kapitel.
Die Lowengrube
Einer der Hofe im Zuchthause La Force hei?t die Lowengrube. Hier befinden sich meist diejenigen Gefangenen beieinander, die wegen ihres Vorlebens, wegen ihrer Unbandigkeit oder wegen der schweren Anklagen, die auf ihnen lasten, als die gefahrlichsten gelten. Nichtsdestoweniger hatte man wegen eines notwendigen Umbaues sich gezwungen gesehen, andere Gefangene hierher zu weisen, die, ob sie gleich auch vor dem Schwurgericht erscheinen sollten, im Vergleich mit den andern hier Internierten, fast als rechtschaffene Leute gelten konnten. Hier sa?en auch, um nur einige zu nennen, deren Bekanntschaft unsere Leser, bereits gemacht haben, Barbillon und Niklas Martial. Das Kommando unter den Straflingen, das hei?t die tonangebende Stimme fuhrte hier ein langer, knochendurrer Mann, der den Spitznamen »Skelett« fuhrte und im Alter von etwa 40 Jahren stehen mochte. Wahrend unter seinen Kameraden zumeist Gesichter zu sehen waren, die eine gewisse Aehnlichkeit mit Raubtieren, wie Fuchs, Wolf, Tiger oder Raubvogeln, wie Habicht und Geier, aufwiesen, erinnerte das Gesicht des Skeletts, wie die ganze Schadelbildung an das Haupt einer Schlange: Die kleinen schielenden Augen lagen tief, die Augenbogen und die Backenknochen standen so weit vor, da? man unter der gelblichen Stirn, auf der das Licht spielte, zwei buchstablich mit Schatten ausgefullte Augenhohlen sah und die Augen in geringer Entfernung in der Tiefe jener dunklen Hohlen zu verschwinden schienen, die Totenkopfen ein so grauenhaftes Aussehen geben. Die langen Zahne, deren vorstehende Facher sichtbar durch die gleichsam gegerbte Haut der Kinnlade durchschimmerten, wurden, da sich der Mund fast immer zu einem gemeinen Lacheln verzerrte, fast fortwahrend sichtbar.
Vervollstandigt wurde die Aehnlichkeit durch die ruckwarts verlaufende Stirn und durch flache, langgezogene knochige Kinnladen, die auf einem Halse von widerlicher Lange ruhten, oder vielmehr in einem fort wackelten. Dieser Mensch, den die Verbrecherwelt unter dem ha?lichen Spitznamen »Skelett« kannte, hatte funfzehn Jahre im Bagno gesessen wegen Raubes und versuchten Mordes, war aus dem ersten Zuchthause ausgebrochen und kurz darauf wieder wegen Raubmordes ergriffen worden. Nur mit knapper Not war er bei dem neuen Verbrechen dem Fallbeile entgangen.
Das Skelett war vom Zuchthausdirektor wegen seiner korperlichen Starke, und weil er auf die ubrigen Gefangenen gro?en Einflu? hatte, zum Aufseher uber den Schlafsaal gesetzt worden und versah sein Amt so untadelhaft, da? kein Gefangener versucht hatte, gegen die Dinge zu versto?en, fur die das Skelett die Verantwortung hatte. Schon seit einiger Zeit war es aufgefallen, da? Skelett Germain vollstandig ignorierte, und wer ihn und seine Art kannte, erwartete fur den jungen Menschen nichts Gutes. Jetzt stand er mit verschiedenen Straflingen, darunter Barbillon und Niklas, in einer Gruppe zusammen. Sie sprachen leise, so da? sie kaum gehort wurden, und zwar uber Germain ... »Dieser Duckmauser mu? beseitigt werden. So ein Kerl, der so wenig redet, spitzt die Ohren desto mehr,« sagte Skelett; »ich bin fest uberzeugt, da? er spioniert. Das beste ist, wir brechen Zank mit ihm vom Zaune, und machen ihn dabei kalt.« – »Aber wie? Wir haben doch keinerlei Werkzeug dazu,« sagte Niklas. – »Hast du Lust, deinen Hals zwischen diesen Schraubstock zu klemmen?« fragte Skelett hohnisch und krummte seine langen, durren und eisenharten Finger. – »Oho! Erwurgen willst du ihn?« – »Na, wenigstens ein bi?chen schnuren!« – »Wenn es aber herauskommt, da? du ihn um die Ecke gebracht?« – »Bin ich ein Kalb mit zwei Kopfen, das man auf Jahrmarkten fur Geld sehen la?t?« fragte Skelett hohnisch. – »Stimmt! Einmal kann man den Kopf blo? verlieren, und da? es dir bevorsteht, ihn einzubu?en, wei?t du wohl.« – »Der Advokat hat's mir erst gestern gesagt,« erwiderte das Skelett: »hat man mich doch abgefa?t, wahrend das Messer noch dem letzten, den ich kalt machte, in der Kehle sa?. Die Sache leidet also keinen Zweifel, zumal ich ja schon wiederholt wegen Korperverletzung und Mordversuchs bestraft bin ... Es mu?te denn gerade sein, man mauste mich aus dem Henkerkorbe, dann konnte ich schlie?lich noch einmal davonkommen.«
Alle Straflinge lachten ... »Mord und Brand,« fuhr Skelett fort, »mir ist's schnuppe, ob ich heute dran mu? oder morgen. Wieviel Menschen werden zusammenstromen, sich das Schauspiel anzuschauen, das ich ihnen gnadiglich bereite! – Tausendweis werden sie kommen, und fur jedes Fenster, das auf den Richtplatz fuhrt, werden schwere Preise gezahlt werden. Und Militar wird aufmarschieren, blo? mir zu Ehren! Aller Augen werden sich auf mich richten.. und was habe ich dabei gro? auszustehen? In einer Minute ist der ganze Kram vorbei.«
Lauter Larm, untermischt mit freudigem Geschrei, storte das Gesprach, das vom Skelett mit den anderen gefuhrt wurde. Niklas eilte zur Saaltur, um zu sehen, was es gabe. Im andern Augenblicke war er wieder bei der Gruppe und meldete, der dicke Lahme sei wieder eingebracht ... »So? Der?« fragte Skelett, »und Germain? Ist er schon wieder da aus dem Sprechzimmer?« – »Noch nicht,« antwortete Barbillon. –
Drittes Kapitel.
Das Komplott.
Der dicke Lahme, dessen Ankunft in der Lowengrube mit solchem Jubel begru?t wurde, war ein Mann von mittlerer Gro?e, schien aber trotz seiner Dicke und seinem Gebrechen kraftig und gewandt zu sein. Sein Gesicht mit der eingedruckten Stirn, den kleinen fahlen Augen, ruckwartshangenden Backen und schweren Kinnladen, von denen die untere mit langen Hakenzahnen besetzt war, die hier und da uber die Lippen ragten, hatte Aehnlichkeit mit dem einer Bulldogge. Ueber seinem Anzuge trug er einen blauen Mantel mit Pelzkragen und auf dem Kopf eine Pelzmuhe. Er befand sich gleich unter Bekannten und vermochte auf all die Willkommensworte kaum zu antworten, die von allen Seiten ihm entgegenklangen.
»Bist du endlich da, Dicker? Desto besser, nun gibts doch wieder was zu lachen!« – »Ja, du hast uns gefehlt!«
»Ich habe es an nichts fehlen lassen, die alten Freunde wiederzusehen. Meine Schuld ist es nicht, da? die Polizei mich nicht fruher haben mochte. Mit mir sind aber noch zwei angekommen: einen davon kenne ich nicht; den andern in der grauen Bluse habe ich schon wo gesehen, ich denke, bei der Wirtin zum wei?en Kaninchen, –
