mein Herz begehren konnte?« – »Cecily, hore mich!« ruft Ferrand, in heller Verzweiflung ... »Ehre, Vermogen, Leben lege ich in deine Hand! Und noch immer willst du nicht glauben, da? ich dich liebe?« – Cecily la?t sich nicht erweichen zu offnen, sondern fragt durch den Spalt: »Ehre, Vermogen, Leben? Wie soll ich das verstehen?« – »Ha, wenn ich dir ein Geheimnis mitteilte, das mich auf das Schafott brachte – wenn ich mich also mit Haut und Haar in deine Hande lieferte, wurdest du auch dann noch dich weigern, die Meine zu werden?« – »Oho! du hattest wirklich schon Verbrechen auf deiner Seele? Du? Ein koniglicher Notar? ... Ach geh! Du spottest! Du giltst doch fur einen Heiligen und solltest ein Teufel sein? Verschone mich mit derlei Prahlerei, die dir blo? dein Wahnwitz eingibt! Solch ein Mensch ware ja ein Hohn auf die Schopfung!« – »Nun, ich bin solcher Mensch,« rief Ferrand mit ha?lichem Stolze, »Cecily!« rief er, »und um deiner Liebe willen haufe ich Verbrechen auf Verbrechen!« – »Ha, Ferrand, das nenne ich Leidenschaft! Das erinnert mich an die Heimat, wo die Manner noch zu lieben verstehen! Das erwarmt mich fur dich, Jakob! Ha! Das gie?t Feuer in meine Glieder!« – »O, Cecily! Du willst mich erhoren?« winselte der Elende, »o, offne! offne!« – »Jakob, tate ich es, dann ware ich verloren, denn ich konnte dir nicht langer widerstehen, und doch mu? ich es noch! Aber zum Zeichen, da? ich die Deine sein will, sein werde, nimm hier den Dolch! Er soll sich nicht mehr zwischen uns drangen konnen!« – Und Ferrand nahm mit wilder Gebarde die Waffe, die sie ihm durch den Spalt reichte, und schleuderte sie in einen Winkel...
»Du glaubst mir, Cecily?« fragte er in wonnigem Entzucken. – »Ob ich dir glaube!« versetzte die Kreolin und legte ihre weichen Hande auf die krampfhaft geballten Fauste des Notars ... »Gewi? glaube ich dir! Finde ich nicht jenen Blick bei dir wieder, der mich schon ofter in Fesseln schlug? O Jakob, deine Augen, sind mein Faible!« – »Und wenn ich dir alles, alles sage?« – »O, dann bewillige ich dir alles, alles!« – »Nun, so lege ich Ehre und Leben in deine Hand! Hore mich an! Vor zehn Jahren wurde mir ein Kind anvertraut mit einer Summe von 250 000 Franks, von dessen Zinsen sein Unterhalt bestritten werden sollte. Das Kind stie? ich in die Verbrecherwelt hinaus, gab es durch einen gefalschten Totenschein als gestorben aus und unterschlug das Geld ... » –
»Oho! Du bist ein Wagehals, Jakob! Wer hatte dir so etwas zugetraut? Dir als dem Frommsten unter den Frommen?« –
»Weiter: ich ha?te meinen Kassierer! Um armen Menschen zu Hilfe zu kommen, hatte er eines Abends eine geringfugige Summe aus meiner Schatulle genommen, am nachsten Tage jedoch gleich wieder ersetzt; um ihn zu verderben, klagte ich ihn an, mir soviel Tausende entwendet zu haben, als es Hunderte waren, die er geliehen hatte! Mir wurde geglaubt, und der junge Mensch wanderte ins Gefangnis.« –
»O Jakob, ich sehe wohl, da? du mich liebst! Welche Gewalt mu? ich uber dich haben, da? du mir solche Geheimnisse anvertraust! – Komm, reich mir deine Stirn – wer konnte dir gegenuber hart bleiben? Ich will sie kussen, deine Stirn!« –
»Ha!« rief Ferrand, au?er sich vor Wonne, »und stunde das Schafott vor meinen Augen, so wiche ich nicht zuruck ... Drum hore weiter! Das Kind, das ich zwischen Verbrecher gesto?en, wurde mir wieder in den Weg gefuhrt: und ich dang Leute, es zu ermorden.« – »Wirklich? Das hattest du getan? Wann und wo?«
»Vor wenig Tagen. Auf einer Seine-Insel in der Nahe der Asnieres-Brucke! Der Mann, der die Tat ausgefuhrt hat, hei?t Martial.« – »Ha, Teufel! Jetzt erschreckst du mich, und doch zieht es mich hin zu dir, doch weckst du Leidenschaft in mir! Sprich, uber welche Macht gebietest du?«
»La? dir weiter beichten! Einige Zeit vorher hatte mir ein Herr von Adel dreimalhunderttausend Franks ubergeben. Ich lockte ihn in einen Hinterhalt, erscho? ihn, machte ihn zum Selbstmorder und leugnete, die Summe von ihm erhalten zu haben, trotzdem seine Schwester sich im tiefsten Elend befand ... So! Und nun hast du mein Leben in deinen Handen! Du kannst machen mit mir, was dir beliebt! Aber nun la? mich ein! offne die Tur! Und wenn mir tausendfacher Tod droht, ich will ihm trotzen!« – »Jakob,« rief die Kreolin, »ich bete dich an! Du bist ein Mann nach meinem Sinne!« – Im hochsten Sinnenrausche rief Ferrand: »Cecily! Den Riegel zuruck! Den Riegel zuruck!« – »Da, nimm den Schlussel!« rief die Kreolin, »ich werde aufriegeln, wenn du aufgeschlossen hast!« – »O, wie danke ich dir, Cecily! wie danke ich dir!« rief Ferrand, stutzte aber, denn Cecily schob den Riegel noch immer nicht zuruck, so da? ihm der Schlussel gar nichts nutzte, – »Zuruck den Riegel! Zuruck den Riegel!« schrie er, im argsten Sinnenrausche. Aber Cecily zauderte und plotzlich rief sie: »Ei, Mannchen! Wenn du mich doch nasfuhrtest!«
Ferrand stand einen Moment wie versteinert da. Er hatte gemeint, am Ziele seiner Wunsche zu sein, und nun stellte sich abermals ein Hindernis ihm entgegen. Und wieder rief Cecily: »Wer garantiert mir, da? du all diese Heldentaten ersonnen und gar nicht begangen hast!« – Da griff Ferrand, in die Rocktasche und ri? die stahlerne Kette mit einem Ruck entzwei, an der ein kleines Notizbuch hing. Das nahm er und zeigte es der Kreolin ... Fast au?er Atem rief er: »Da, nimm und lies! In dem Buche findest du Material genug, was mich um Kopf und Kragen bringen kann. Aber nun schieb den Riegel zuruck!« – »Gib das Buch erst her!« sagte Cecily. – »Nein, erst den Riegel weg!« rief Ferrand. – Da schob Cecily den Riegel zuruck und zog im selben Augenblick dem Notar das Buch aus den Fingern; als er nun aber die Tur offnen wollte, gab sie seinem Druck nur soweit nach, als es die Sicherheitskette erlaubte ... Da warf er sich wie ein wutendes Tier gegen die Tur; aber Cecily fa?te blitzschnell das Notizbuch zwischen die Zahne, ri? das Fenster auf und schwang sich gewandt und kuhn zum Fenster hinaus. Sie erreichte glucklich den Hof, rannte zur Pfortnerstube, ri? die Schnur, die die Haustur offnete, und sprang in einen Wagen, der, seit Cecily bei dem Notar in Dienst war, auf Befehl des Barons von Graun zwanzig Schritte vom Hause des Notars hielt. Im Nu sauste der Wagen davon und hatte schon die Boulevards erreicht, als Ferrand sich von Cecilys Flucht erst vergewissern konnte ... Mit ubermenschlicher Kraft gelang es ihm, die Kette zu sprengen. Als er aber in das Zimmer hineinsturzte, fand er es leer, und den Vogel ausgeflogen ... Das offne Fenster zeigte ihm den Weg, den die Kreolin genommen hatte. Gleich dem Ertrinkenden, klammerte er sich an die letzte Hoffnung, sie zu erreichen, nach der all seine Sinne standen. Gleich ihr schwang er sich zum Fenster hinaus auf den Hof hinunter und rannte zum Hause hinaus. Aber die Stra?e war ode und einsam. Niemand lie? sich sehen, niemand horen. Nur aus der Ferne Wagengerassel ... es ruhrte her von dem Gefahrt, das Cecily zu den Boulevards hintrug.
Die Abspannung trat nun ein, die Krafte verlie?en ihn, und wie ein Klotz sank er neben dem Prellsteine vor der Tur seines Hauses nieder.
Neunter Teil.
Erstes Kapitel.
Im Zuchthause.
Im Sprechzimmer des unter dem Namen La Force bekannten Pariser Zuchthauses waren heute allerhand Gefangene versammelt: solche in armseliger Kleidung, die der arbeitenden Klasse, andere in besserer Kleidung, die dem Burgerstande anzugehoren schienen. Den gleichen Unterschied gewahrte man unter den Personen, die die Gefangenen besuchten und die vorwiegend aus Frauen sich zusammensetzten. Am weitesten von dem Platze, wo der die Aufsicht fuhrende Fron sa?, hockte auf einer der Banke, in finsterem Bruten, aber voll rohen Selbstvertrauens, Niklas Martial. Unter den schweren Verbrechern, die in Untersuchungshaft sa?en, hatte er die freundlichste Aufnahme gefunden: manche von der ruckfalligen Garde hatten seinen Vater, der unter dem Fallbeil verblutet war, gekannt, andere seinen zu den Galeeren verurteilten Bruder. Micou, der Hehler, in dessen Hause Frau von Fermont mit ihrer Tochter, die unglucklichen Opfer Ferrands Habsucht, Unterkunft gesucht hatten, stattete ihm heute Besuch ab, wu?te er doch recht gut, da? ihn Niklas, wenn er zornig wurde, anzeigen und in Teufels Kuche bringen konnte. Darum hatte er sich nicht notigen lassen, seiner Aufforderung zu einem Besuche auf der Stelle nachzukommen ... »Na, wie gehts denn, Vater Micou?« fragte der Rauber. – »Na, wie mans nimmt,« antwortete der Hehler, »die Geschafte werden immer schlechter, es herrscht gar kein Vertrauen mehr unter den Menschen.« – »So? Na, mir kanns schnuppe sein, wie es um Vertrauen oder Mi?trauen steht. Ich bin ja bald versorgt. Aber den Tabak habt Ihr doch uber Eurer Jeremiade nicht vergessen?« – »O bewahre, zwei Pfund vom besten habe ich eben in der Kanzlei deponiert.« – »Und Wurst und Schinken?« – »Fur Viktualien ist auch gesorgt, sogar Eier und Kase habe ich Euch mitgebracht.« – »Na, das la?t man sich gefallen! Ihr habt doch auch an den
