Opfer gefallen! Am selben Abend, an dem sie von Bouqueval verschwunden, ist ein reitender Bote zur Frau Georges gekommen mit der Nachricht, ich sei von dem Verbleib des Madchens unterrichtet und wurde sie nach einigen Tagen personlich zuruckbringen. Frau Georges ist aber trotzdem uber das Ausbleiben jeder weiteren Nachricht in Sorge und schreibt mir nun, ich mochte sie doch aus dieser Ungewi?heit befreien.« – »Seltsam!« – »Aus welcher Ursache mag man das Madchen aus Bouqueval gebracht haben?« – »Ich vermute, Konigliche Hoheit, da? die Grafin Sarah diesem Vorgange nicht fremd ist,« bemerkte plotzlich Murph. – »Sarah? Und warum denkst du das?« – »Setzen wir den letzten Vorgang in Konnex mit den Verleumdungen, die sie uber die Marquise ausgestreut hat ...« – »Du hast recht, Murph,« antwortete Rudolf, dem nun mancherlei klar wurde, das ihm bisher dunkel gewesen war. »ja, ich verstehe jetzt – Sarah halt hartnackig an dem Wahne fest, da? sie dadurch, da? sie alle Liebesbande, die mich ihrer Meinung nach fesseln, zerrei?t, mich wieder an sich ziehen werde ... Schicke auf der Stelle Graun zu ihr und lasse ihr sagen, ich hatte von dem Anteil, den sie an dem Raube des Madchens habe, genaue Kenntnis und wurde, wenn sie mir nicht sofort gestande, wohin sie das Madchen habe schaffen lassen, mich unverzuglich an die Polizei wenden.« – »Sogleich, Konigliche Hoheit! Zuvor aber gestatten Sie wohl, da? ich schnell noch sehe, was mir mein Marseiller Agent uber das Fortkommen Schuris meldet, dem er nach Algier verhelfen sollte.« »Und was wird dir mitgeteilt?« fragte Rudolf nach einer kleinen Weile. –

»Schuri hat in Marseille geraume Zeit auf ein Schiff nach Algier warten mussen und dann, als ihm die Zeit zu lang wurde, erklart, er wolle nach Paris zuruckreisen.« – »Nun, warten wir ab, was uns weiter von ihm bekannt wird,« erwiderte Rudolf, »schicke sofort Graun zur Grafin oder erkundige dich selbst in Saint-Lazare, was aus dem armen Kinde geworden ist.«

Nach Verlauf einer Stunde kam Graun von dem Gange wieder, vollig au?er Fassung ... »Was ist Ihnen denn, Graun?« rief Rudolf ihm entgegen, »haben Sie die Grafin gesprochen?« – »Konigliche Hoheit, etwas Entsetzliches ... – »Sprechen Sie! Sprechen Sie!« drangte ihn Rudolf. – »Die Grafin ist niedergestochen worden, Konigliche Hoheit!« – »Graun! Sind Sie von Sinnen?« – »Noch lebt sie, aber der Arzt zweifelt an ihrem Aufkommen,' erwiderte Graun. – »Und wer hat dies Verbrechen begangen?« rief Rudolf, »es la?t sich ja kaum fassen!« – »Man wei? nichts naheres,« berichtete Graun, »aber es hat sich jemand ins Zimmer der Grafin geschlichen und viel Juwelen geraubt ...« – »Ziehen Sie sofort nahere Erkundigungen ein, Graun, und halten Sie sich stundlich auf dem Laufenden!«

Murph kam bald darauf von Saint-Lazare wieder ... »Vernimm, ehe du mir mitteilst, was du erfahren,« sagte Rudolf, »da? Sarah einem Raubmorde erlegen ist ... und da? ihr Leben in der au?ersten Gefahr schwebt ...« – »Entsetzlich, konigliche Hoheit,« rief Murph und setzte nach einer kleinen Pause hinzu: »Sie hat wohl viel verschuldet, Hoheit, aber solches Ende ware doch zu schrecklich!« – »Und wie steht's mit dem Madchen?« fragte Rudolf gespannt. – »Sie ist gestern, wie es hei?t, auf Verwenden der Marquise von Harville, in Freiheit gesetzt worden.« – »Das kann doch nicht sein,« versetzte Rudolf, »die Marquise schreibt mir ja, da? ich die weiteren Schritte tun solle, die dem Madchen zu seiner Freiheit verhelfen konnten.« – »Und doch ist es so, wie ich sage. Das Madchen ist seit gestern nicht mehr im Gefangnisse. Eine altere Frau ist mit dem Freilassungsbefehl dagewesen, und mit ihr hat das Madchen das Gefangnis verlassen.« – »Das hat mir allerdings auch Lachtaube schon gesagt. Aber wer kann diese altere Frau sein? Und wohin mogen sie zusammen gegangen sein? ... Es hauft sich wirklich Geheimnis auf Geheimnis ... Vielleicht konnte Grafin Sarah uns den Schlussel dazu geben. Nun setzt sie aber der Zustand, in dem sie sich befindet, au?er Moglichkeit, irgendwelche Aussage zu machen ... Wenn sie blo? das Geheimnis nicht mit in das Grab nimmt!«

Achtes Kapitel.

Cecily.

Es ist Nacht, und die tiefe Stille, die in Ferrands Hause herrscht, wird nur durch das Geheul des Windes und den in Stromen niederfallenden Regen unterbrochen. In einem neu eingerichteten Schlafzimmer steht ein junges Weib vor einem Kamine, in welchem ein helles Feuer brennt. Eine Lampe verbreitet ein mattes Licht in dem rot tapezierten Raume. In die Wohnung des Notars ist seit einiger Zeit uberhaupt ein Luxus eingezogen, den man fruher dort nicht fur moglich gehalten hatte. Ihn bei dem geizigen Manne durchzusetzen, ist das Werk jenes Weibes, das in der vollsten Blute steht, das eine hervorragende Schonheit ist, um so bestechender, als sie einen auslandischen Typus darstellt. Ihr Gesicht gehort zu jenen, die niemand vergi?t, der sie einmal gesehen hat ... Ueber einem reinen Gesichtsoval wolbt sich eine kuhne, leicht hervorstehende Stirn. Die fast ubergro?en Augen sind von eigentumlichem Ausdruck, ihr tiefes Schwarz la?t an den beiden Winkeln der Lider mit den langen Wimpern kaum das blauliche, durchsichtige Wei? erkennen; das Kinn tritt scharf hervor, der Mund ist lebhaft gerotet, und die feine gerade Nase endigt in zwei beweglichen Nustern, die sich bei der geringsten Erregung weiten und dehnen. Sie ist von schlanker Figur und doch uppig, kraftig und doch geschmeidig, von prickelnder Scharfe des Geistes und von bestechender Liebenswurdigkeit, kurz, der reinste Typus sudlicher Sinnlichkeit ... Durch den Baron von Graun ist sie uber die schandlichen Mittel unterrichtet, durch die Morels ungluckliche Tochter in seine Hande geraten ist. Ihre Aufgabe ist es, den Notar in Elend und Verderben zu sturzen ... Sie hat es in unglaublich kurzer Zeit verstanden, den sinnlichen Mann in Kettenbanden zu schlagen, und nichts ist Ferrand schrecklicher als der Gedanke, da? ihm dieses Weib entrinnen oder genommen werden konnte.

Der Au?enwelt gegenuber galt sie als Hausmadchen und Wirtschafterin, und um zu aller Zeit ungestort mit ihr zu sein, hatte er sich zu verschiedenen Aenderungen in seiner Lebensweise entschlossen: so lie? er das Essen aus einer nahen Speisewirtschaft holen, um keine Kochin zu brauchen; seine Schreiber hatte er aus der hauslichen Kost entlassen und durch Erhohung ihres Lohnes entsprechend entschadigt; die Reinemache-Arbeiten im Hause mu?te der Pfortner ubernehmen, und all diese Mehrausgaben bestritt er gern, um Cecily das Leben so angenehm wie nur moglich zu machen ... Aber Cecily verfolgte nur ein Ziel: diesen Mann bis zum Wahnsinn zu erregen – ihm je in Liebe zu gehoren, lag ihr vollig fern – ob er Hollenqualen litt, ob er keine Ruhe fand bei Tag und bei Nacht, storte sie nicht, im Gegenteil, das bildete einen Teil ihres Programms oder, richtiger gesagt, der ihr durch Graun gestellten Aufgabe.

Wahrend sie jetzt, mit ihrer Toilette fur die Nacht beschaftigt, vor dem Spiegel stand, flusterte eine heisere, klagende Stimme drau?en vor der Tur ihren Namen. Ohne sich an die Unvollstandigkeit ihres Anzuges zu kehren, trat sie zur Tur und fragte mit jenem fremden Akzent, der ihrer Stimme einen besonderen Reiz verlieh, was Herr Ferrand zu so ungewohnter Zeit noch von ihr begehre ... »Ach! wie schon Sie sind! Wie schon!« flusterte Ferrand wieder. – »So? finden Sie?« fragte sie spottisch, »o ja, ich denke, ein buntes Tuch steht zu meinem schwarzen Haare recht gut.« – »Haben Sie Erbarmen mit mir, Cecily! Erbarmen, Erbarmen!« – »Aber, Mann,« lief die Kreolin mit spottischem Lachen, »ich habe gar nicht glauben wollen, da? es in eurem Frankreich auch Taranteln gibt? Die habe ich immer nur bei uns im sudlichen Amerika vermutet.« – »Ungeheuer!« schrie Ferrand au?er sich, »ha! diese Pein ertrage ich nicht langer! Ich mu? Sie sehen, mu? in Ihrer Nahe weilen.« – »O, dann treten Sie doch naher! Aber eins, mein Lieber! Lassen Sie sich nicht beikommen, handgreiflich zu werden! Sonst – sehen Sie hier dies kleine Instrument« – und sie nahm vom Kamin einen scharf geschliffnen Dolch, um ihn neben sich auf den Tisch zu legen – »sonst mochten Sie Gefahr laufen, Bekanntschaft mit seiner scharfen Spitze zu machen!«

»Sie wollen sich also zu gar keiner Milde bewegen lassen?« fragte der Notar mit verhaltener Wut, »und dabei diene ich Ihnen doch wie der niedrigste Knecht! Dabei vernachlassige ich um Ihretwillen meine wichtigsten Interessen, lasse mich von meinem Personal anstieren, als sei ich nicht mehr Herr meiner Sinne, lasse mich von meinen Klienten hudeln, von denen schon mehr denn einer gedroht hat, mir seine Auftrage zu entziehen ... O, Sie wissen gar nicht, welch schreckliche Folgen diese wilde Leidenschaft noch fur mich haben kann!« – »Na, na, so schlimm werden sie doch kaum werden,« rief Cecily, abermals lachend, »soviel ich gehort habe, kann Ihr Geldbeutel manche Anzapfung vertragen? Sie durfen eben nie vergessen, mein lieber Herr Ferrand, da? Geiz die Wurzel alles Uebels ist!« – »Bin ich denn geizig gegen dich?« fragte Ferrand, »lege ich dir nicht alles zu Fu?en, was ich habe? Beginge ich nicht, dir zu Liebe, das schlimmste Verbrechen?« – »Halt!« rief da Cecily, »nicht weiter mit dergleichen Reden! Ich mag keinen Teil haben an Verbrechen!« – »Dann sprich, was du begehrst – Sprich! Ich gebe dir alles, was du begehrst ... alles, alles!« – »Ich will mir bis morgen uberlegen, was ich am liebsten hatte ... mir eilts nicht, mein Lieber, und heute bin ich gerade ganz schrecklich faul ... Also bis morgen, mein Lieber! Da, geh! du findest die Tur gewi? allein?«

Und wieder ist's Nacht, und wieder steht Ferrand vor Cecilys Tur, um Einla? bettelnd. Aber die Tur tut sich ihm heute nicht auf. Cecily uberzeugt sich vielmehr, da? die Sicherheitskette vor der Tur richtig eingehakt ist. Durch den Spalt hindurch fragt sie: »Nun, mein Lieber, wie stehts heute? Hast du dich versehen mit allem, was

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