Zimmer geleitete, erzahlte es mir und sagte, er wolle mich gleich der Stiefmutter melden. Aber schon kam sie selbst. So falsch sie ist, so schien meine unvermutete Ankunft sie doch in Unruhe zu setzen ... »Ihr Vater ist auf Ihren Besuch nicht vorbereitet, Madame,« sagte sie. – »O, ich mu? ihn aber gleich sprechen; es ist ein schreckliches Ungluck geschehen: mein Mann ist durch eine ma?lose Unvorsichtigkeit ums Leben gekommen. Ich konnte infolgedessen nicht langer in Paris bleiben, sondern mochte die erste Trauerzeit beim Vater verleben. Warum bin ich gar nicht benachrichtigt worden, da? Papa so ernstlich erkrankt ist?«
»Es war Herrn von Orbignys Wunsch,« erwiderte die Stiefmutter. – »Das glaube ich nicht,« rief ich, »ich will mich von der Wahrheit selbst uberzeugen,« sagte ich und wollte gehen, sagte mir wohl im andern Augenblicke, solche Ueberraschung konne dem Vater leicht gefahrlich werden; bekampfte aber diese Furcht, denn ich hatte ja so triftigen Grund, diese kalt berechnende Frau des schlimmsten fur fahig zu halten, zumal sie mit diesem Polidori, dem Morder meiner Mutter, hier war; und so schob ich die Frau beiseite und eilte in meines Vaters Zimmer. O, konigliche Hoheit, den Anblick, der sich mir dort bot, werde ich mein Lebtag nicht vergessen: unkenntlich, bleich, abgemagert, mit dem Ausdruck des tiefsten Leidens in allen Zugen, lag mein Vater in seinem Armsessel. Neben ihm stand Polidori, eben damit beschaftigt, in eine Tasse aus einem Flaschchen Tropfen zu gie?en. Als er mich so unvermutet erblickte, setzte er das Flaschchen wieder auf den Kamin, statt meinem Vater den Trank zu reichen. Instinktiv griff ich nach dem Flaschchen und schob es in meine Tasche. Es entging mir nicht, da? die Stiefmutter und Polidori daruber heftig erschraken. Ich gratulierte mir zu meinem Entschlusse, trotzdem ich furchten mu?te, da? der Schurke, ohne meines Vaters und der Wartefrau zu achten, das au?erste gegen mich unternehmen werde, da er sein Verbrechen ja so gut wie entdeckt sah ...
»Ich fuhlte, da? mir Unterstutzung vonnoten sei, und klingelte. Mein Kammerdiener trat ein. Ich sagte ihm, er solle gleich meine Sachen aus dem Wirtshause holen, wo ich abgestiegen sei. Murph wu?te, da? ich ihn sogleich sehen mu?te, wenn ich mit solchem Bescheide ins Wirtshaus schickte ... Nun war ich beruhigt, denn ich konnte mich Murphs binnen wenigen Minuten versichert halten ... Papa war so verwundert, da? er nur muhsam Worte finden konnte. Endlich fragte er, und zwar fast verdrie?lich: »Was fuhrt dich her, Clemence?« – Die Stiefmutter nahm an meiner Stelle das Wort und sagte: »Liebes Mannchen, du wei?t doch, da? dir die geringste Erschutterung von Nachteil sein mu?. Wenn die Anwesenheit deiner Tochter dich stort, so reiche mir deinen Arm, ich will dich ins Nebenzimmer fuhren.«
Ich erriet die Absicht meiner Stiefmutter, hatte aber nicht notig, mich dawider zu verwahren, denn im selben Augenblicke trat Sir Walter Murph auf die Schwelle ... Die Stiefmutter war vor Schreck au?er sich; Polidori stand wie an den Boden gewurzelt, und mein durch die Krankheit erschopfter Vater war einer Ohnmacht nahe ... Sir Walter riegelte die Tur ab, durch die er eingetreten war, vertrat den Weg zu der ins Nebenzimmer fuhrenden Tur, um Polidori an der Flucht zu verhindern, und richtete voll tiefster Hochachtung das Wort an meinen Vater: »Herr Graf,« sagte er, »gebieterische Notwendigkeit diktiert mein Handeln. Wie Ihnen dies Subjekt hier bestatigen kann, ist mein Name Walter Murph. Ich stehe in Diensten des Gro?herzogs von Gerolstein und bekleide den Rang eines Geheimrats ... » – »Aber was wollen Sie hier bei mir?« fragte mein Vater angstlich. – »Sir Walter Murph,« nahm ich an seiner statt das Wort, »will im Verein mit mir ein Schurkenpaar entlarven, dessen Opfer Sie beinahe geworden waren.« – Ich gab Sir Walter Murph das Flaschchen, das ich vom Kamine genommen hatte. – »O, ein alter Bekannter,« sagte Sir Walter, mit einem Blicke auf das Flaschchen, »der Schurke dort wird mir nicht zu widersprechen wagen, wenn ich Ihnen sage, Herr Graf, da? in dem Flaschchen ein langsam, aber sicher wirkendes Gift enthalten ist. Sie werden nun die Gefahr, in der Sie schwebten und der Sie durch Ihrer Tochter Liebe entruckt sind, nicht langer bezweifeln.«
Mein Vater lie? den Blick von seiner Frau auf Polidori, von diesem auf mich, von mir auf Sir Walter Murph gleiten. Er war au?er sich vor Schreck, denn er konnte noch immer nicht fassen, was um ihn her vorging und was mit ihm seither vorgegangen war. Auf seinem Gesichte las ich den schweren Kampf, der sein Herz zerri?. Zweifellos kampfte er wider den gra?lichen Argwohn an, der in seinem Herzen aufstieg, noch widerstrebte es ihm, seine zweite Frau solche Schlechtigkeiten fur fahig zu halten, endlich schlug er die Hande vor das Gesicht und seufzte tief und schwer ... Ich mu?te, koste es was es wolle, dieser Situation ein Ende machen, sollte ich meinen Vater nicht in Gefahr fur seine Gesundheit setzen ... Sir Walter erriet meine Gedanken. Er wollte aber im Herzen meines Vaters jeden Zweifel ausrotten und sagte: »Blo? noch ein paar Worte, Herr Graf! Fur den schweren Schlag, den Ihnen die Erkenntnis bereiten mu?, in der zweiten Frau, der sie immer mit Liebe angehangen haben, eine boswillige Heuchlerin, eine Natter an ihrem Busen gewarmt zu haben, wird Ihnen die Liebe Ihrer Tochter reichen Ersatz schaffen ... Und wenn ich also spreche, so durfen Sie mir glauben, da? ich es nicht wagen wurde, standen mir nicht gewichtige Beweise zu Gebote – Beweise, die erdruckender Art sind und fur die Sie durch die Antworten des ehrlosen Subjektes, das Ihnen als Arzt dienen sollte und ihr als Mordbube gedient hat, den Beweis erhalten werden ... Hast du dich nicht der Zuchthausstrafe, die die Gerolsteiner Justiz uber dich verhangt hat, durch die Flucht entzogen? Hast du dich nicht in der Rue du Temple unter dem falschen Namen Bradamanti verborgen gehalten? Hast du dort nicht das schandlichste Gewerbe betrieben? Hast du nicht die erste Frau des Grafen von Orbigny vergiftet? Und hat dich nicht vor drei Tagen des Grafen jetzige Frau aufs Schlo? hergeholt, um ihren Mann durch dich vergiften zu lassen? Seine konigliche Hoheit der Gro?herzog ist in Paris und wird dir dein Urteil sprechen. Gestehst du jetzt die Wahrheit ein, so hast du keine Begnadigung, sondern hochstens eine Strafmilderung zu gewartigen ... Weigerst du dich, mir nach Paris zu folgen, so hast du nur zu wahlen zwischen sofortiger Auslieferung, die dem Gro?herzog nicht verweigert werden wird, oder sofortiger Verhaftung durch die Polizei des Landes. Dies Flaschchen hier bricht dir den Hals! Und nun tue, was dir beliebt!«
Der Elende war seiner Sprache nicht machtig. Sir Walter Murph packte ihn und fuhrte ihn hinaus, wo er ihn durch die Dienerschaft fesseln lie?. Als er wieder ins Zimmer trat, war die Grafin aus der Ohnmacht, in die sie durch die unerwartete Fugung der Ereignisse gesturzt war, wieder erwacht. Aber Sir Walter ubte keine Schonung gegen sie, sondern befahl ihr, binnen einer Stunde das Schlo? zu verlassen, wenn sie nicht Bekanntschaft mit der Polizei machen wolle ... In einem Zustande halb der Wut, halb des Entsetzens, taumelte die Frau aus dem Zimmer. Auch mein Vater kam bald nachher wieder zu sich. Ihm erschien alles, was um ihn her vorgegangen war, wie ein grauenvoller Traum. So verblendet und nachsichtig er bisher gegen seine zweite Frau gewesen war, so hart und unbarmherzig verhielt er sich jetzt. Er wollte sie den Gerichten als Morderin uberliefern, ich riet ihm aber davon ab, um solchen Skandal zu vermeiden, und sagte ihm, er solle es dabei bewenden lassen, da? er sie fur immer aus seiner Nahe verbanne ... Schlie?lich willigte er darein ... Ich habe meinen Vater fernerhin veranla?t, heute noch Aubiers zu verlassen,« las Rudolf weiter, »und habe ihn nach Fontainebleau gebracht, wo wir seine Genesung abwarten wollen. Dann wird er sich nach Paris begeben, aber nicht in meinem Hause wohnen, denn nach dem grausigen Ereignis, das meinen Mann hingerafft hat, ist auch mir der Aufenthalt dort verleidet ... Empfangen Sie nochmals meinen Dank fur die Unterstutzung, die Sie mir haben angedeihen lassen, und versichern Sie auch Sir Walter Murph meines tiefgefuhltesten Dankes.
Ihre Clemence von Harville, geb. Orbigny.«
Nachschrift. »Noch eins, was ich Ihnen langst schon hatte mitteilen sollen! Im Gefangnisse Saint-Lazare, wo ich zufolge Ihrer Weisung die Gefangenen besuchen sollte, habe ich ein ungluckliches Madchen angetroffen, fur das Sie sich ehedem interessierten. Die Ungluckliche wird Ihnen, wenn Sie sich weiterhin fur Sie interessieren, selbst erzahlen, auf welche Weise, durch welches Zusammentreffen widriger Umstande sie der freundlichen Statte entrissen worden ist, wohin Sie sie gefuhrt hatten, und wie sie den Weg in das Gefangnis gefunden hat, wo sie als milder Engel ihren segensvollen Einflu? geltend zu machen verstanden hat ...«
»Ich verstehe nicht,« sagte Rudolf bei sich, »wie das alles zusammenhangen mag ... welch neues Ungluck mag uber die arme Marienblume hereingebrochen sein? Schicke auf der Stelle einen reitenden Boten nach Bouqueval, lieber Murph, und schreibe der Frau Georges, da? sie sofort nach Paris kommen moge ... Sage auch Graun, er solle mir die Erlaubnis zum Besuche des Gefangnisses Saint-Lazare verschaffen. Wie mir Frau von Harville mitteilt, ist das Madchen dort eingesperrt; doch nein! Lachtaube teilt mir doch eben mit, sie habe sie mit einer alteren Frau aus dem Gefangnisse gehen sehen... Sollte das etwa Frau Georges gewesen sein? Wer wei?! Und wohin mag die Arme dann geraten sein?«
»Geduld, Hoheit, Geduld!« sagte Murph, »ehe es Abend wird, soll alles offenbar sein. Wir werden morgen das Verhor mit dem Schurken Polidori anstellen, der, wie er jagt, Ihnen wichtige Aufschlusse zu geben hat, sie aber niemand als Ihnen selbst geben will.« – Rudolf machte eine abwehrende Gebarde ... »Warum sollten Sie mit dem Manne nicht reden wollen? Drohen Sie ihm mit der Polizei und den Gerichten Frankreichs ... die Angst vor dem Bagno wird ihm die Zunge am ehesten losen.« –
Es wurde geklopft, Murph ging hinaus und kam mit zwei Briefen wieder, deren einer fur Rudolf bestimmt war ... Ihn schnell uberfliegend, rief er: »Also wie ich ahnte, das Madchen ist einer neuen Niedertrachtigkeit zum
