Sarah aber hatte keinen Schrei des Schmerzes und Entsetzens, als sie nun horte, da? das von ihr geborene Madchen zehn Jahre lang im tiefsten Elend, in der jammerlichsten Verlassenheit gelebt hatte. Sie fuhlte keine Gewissensbisse daruber, da? sie das Kind von den braven Leuten, denen Rudolf es ubergeben, hatte rauben und an Verbrecher gelangen lassen. Nicht darum kummerte sich Sarah, wie es ihrem Kinde im Elend gegangen war, sondern nur die Hoffnung schwellte ihr Herz, da? sie durch dieses Kind noch den Traum ihres Leben erfullt sehen wurde ... Schon sah sie die Furstenkrone auf ihrem Haupte glanzen ... Nur der Ehrgeiz allein beseelte sie, die Mutterliebe war langst in ihr erstickt!

Die Eule, naher und naher schleichend, war bis an den Tisch herangekommen und stand nur noch wenige Schritte von der Grafin, die sich jetzt setzte und nach einer Feder griff ... Die Augen der Eule funkelten. Die Grafin setzte zum Schreiben an ... »Ich erklare, da? ...« Aber sie setzte ab, drehte sich nach der Eule um, die bereits den Griff ihres Dolches gefa?t hatte, und fragte: »Wann wurde Ihnen das Kind ubergeben?« – »Im Januar 1827.« – »Und durch wen?« – »Durch Pierre Tournemine, zurzeit im Bagno von Rochefort interniert.« – »Und von wem war es dem Manne ubergeben worden?« – »Von einer Frau Seraphim, Wirtschafterin des Notars Jakob Ferrand.«

Die Grafin schrieb weiter: »... da? mir im Februar 1827 durch den jetzt in Rochefort internierten Pierre Tournemine ein Kind ubergeben wurde, im Auftrage der Wirtschafterin des ...«

Weiter aber kam die Grafin nicht, die Eule hatte ihren Handkorb langsam zur Erde gleiten lassen, hatte die Grafin mit der linken Hand am Nacken gepackt, hatte sie mit dem Gesicht platt auf den Tisch gedruckt und mit der rechten Hand ihr den Dolch zwischen die Schultern gesto?en ...

Dieses grausige Verbrechen war so schnell verubt worden, da? das ungluckliche Opfer weder einen Schrei ausstie?, noch auch nur einen Laut von sich gab ... Mit dem Kopfe uber den Tisch gebeugt, blieb sie sitzen ... die Feder entsank ihrer Hand ... »Wieder eine, die nichts mehr aussagen wird,« flusterte das schreckliche Weib vor sich hin ... »wieder eine, die ihre Rechnung abgeschlossen hat!« Sie raffte die Juwelen zusammen, warf sie in ihren Handkorb und ging, ohne sich von dem wirklichen Tode ihres Opfers zu uberzeugen, zur Glastur hinaus und die Allee hinunter, nahm bei der Sternwarte eine Droschke und lie? sich auf die elysaischen Felder zu Rotarm fahren.

Seit Bradamantis Reise in die Normandie zum Grafen von Orbigny, war der lahme Junge Rotarms wieder in dessen Schenke zum blutenden Herzen. Er stand Wache an der oberen Stiege, um Martials, die noch nicht eingetroffen waren, durch ein verabredetes Signal davon in Kenntnis zu setzen, da? sein Vater nicht allein sei, sondern da? Narzi? Borel – derselbe Polizist, den der Leser schon im Wei?en Kaninchen kennen gelernt hat, als er die beiden Morder verhaftete – sich in der Schanke befande.

Borel war ein kraftiger Mann von annahernd vierzig Jahren, mit frischem glattrasiertem Gesicht und listig funkelnden Augen. Zwischen ihm und Rotarm ging es ziemlich scharf her ... »Wir haben Sie im Verdacht, Rotarm,« sagte Borel, »da? Sie uns nur an der Nase herumfuhren, um desto sicherer im truben fischen zu konnen. Aber wenn sich das als Tatsache herausstellt, dann haben Sie keinerlei Schonung zu erwarten. Das wollen Sie sich vor Augen halten.« – »Woher das Mi?trauen? Habe ich der Polizei nicht eben erst den Ambroise Martial, einen der schlimmsten Verbrecher von Paris, in die Hande geliefert?« – »Aber Ambroise Martial war ebenso gewarnt, wie wir unterrichtet worden, und ware ich nicht so klug gewesen, eine Stunde vor der anberaumten Zeit den Vogel auszunehmen, ware er uns doch sicher entwischt.« – »Herr Borel, Sie werden mich doch nicht solches Doppelspiels zeihen wollen?« rief Rotarm in heller Entrustung. – »Nun, Rotarm, da? Sie uns alle Tage einen Fang versprechen, aber Ihr Versprechen nie halten, das habe ich nun schon gemerkt. Und die Geduld rei?t zuletzt auch mir ... verstehen Sie?« – »Nur ein wenig Geduld noch, lieber Herr Borel, und ich werde Ihnen auch die anderen Glieder des Stammes Martial uberliefern,« erwiderte Rotarm, »vielleicht auch die Eule mit drein geben ... Dann ware doch wohl alles Mi?trauen gegen mich aus der Welt?« – »Sie wollen also nicht gelten lassen, da? Sie das Gelichter zu dem neuen Verbrechen, an dem es arbeitet, angestiftet haben?« – »Wahrhaftig nicht! Die Eule kam her und schlug mir vor, die Maklerin hierher zu locken; sie hatte durch meinen lahmen Jungen in Erfahrung gebracht, da? der Steinschneider Morel nur immer echte Steine verarbeite, und da? die Frau also immer sehr bedeutende Werte in ihrem Strickbeutel truge ... Ich hab mich drauf eingelassen, riet aber der Eule, die Martials bei der Sache hinzuzuziehen und auch Barbillon, weil ich die Absicht hatte, Ihnen bei dieser Gelegenheit die ganze Bande in die Hande zu spielen.« – »Und von Bakel, wie er in euren Kreisen hei?t, von dem gefahrlichen Kerl, der immer mit der Eule zusammen steckt, haben Sie nichts gehort?« – »Gar nichts,« versetzte dreist der Schenkwirt, der seine guten Grunde zu dieser Luge hatte, war doch Bakel zurzeit gerade in einem seiner Keller eingesperrt. – »Es herrscht die Gewi?heit, da? der Kerl neue Mordtaten auf seinem Gewissen hat ... Gelange dieser Fang ...« – »Wir wissen seit Wochen nicht, was aus ihm geworden ist,« erklarte Rotarm. – »Es wird Ihnen sehr ubel angerechnet, da? Sie sich von seiner Fahrte haben abbringen lassen!« erwiderte Borel, »und weiter: In der Rue du Temple Nr. 17 wohnt eine Frau Burette, Pfandleiherin, die Ihre Hehlerin sein soll?« – »Wer hat Ihnen denn diesen Floh ins Ohr gesetzt, Herr Borel?« rief Rotarm in heller Entrustung, »warum nehmen Sie bei dem Weibe keine Haussuchung vor?« – »Nun, den Grund kennen Sie, Rotarm, denn taten wir es, so mochten wir die Vogel verscheuchen, die Sie uns schon lange auf die Leimrute liefern wollten!« – »Es wird vielleicht keine Stunde mehr dauern, dann ist Ihnen der Fang sicher, Herr Borel,« sagte Rotarm, »und es wird keine sonderliche Muhe machen, denn es sind drei Weiber dabei. Immerhin durfte es geraten sein, ein paar Leute in Bereitschaft zu halten, denn gerade die Feigsten werden zuweilen zu Hyanen, wenn sie merken, da? es Ihnen an den Kragen geht.« –

Sechstes Kapitel.

Die Eule.

Die Eule mit ihrem grun funkelnden Auge, gluhend noch von der Mordsucht, kam herbei gelaufen, hinter ihr her der Lahme, der kaum Schritt mit ihr zu halten vermochte ... »Sind die Martials schon zur Stelle?« – »Noch nicht.« – »Dann kann ich ja noch mit meinem Manne vorher ein paar Worte reden,« sagte die Eule. – »Ein Spiel Karten sollten Sie ihm mit hinunternehmen,« hohnte der Lahme, »denn jetzt sind ihm blo? die Ratten Zeitvertreib, und das mu? ihm doch schlie?lich recht langweilig werden.« – »Geh, du boser Affe,« befahl ihm die Eule, laut lachend, »und hole mir ein Licht, damit ich nicht auf der Treppe noch etwa Hals und Beine breche. Ob es wohl noch einen zweiten solchen Galgenstrick gibt, der schon in solch fruhem Alter ein solcher Bosewicht ist?« Und als sich der Junge zum Gehen anschickte, rief sie ihm nach: »Kannst deinem Vater sagen, ich kame gleich wieder, ich sei unten beim Alten und rede mit ihm uber das Aufgebot ... Hahaha! Aber tummle dich! Du kannst auch mit bei der Hochzeit sein.«

Nicht um sich an den Qualen zu weiden, die Bakel unten im Keller leiden mu?te, wollte sie sich in den Keller hinunter begeben, sondern nur, um den neuen Schatz zu verbergen, der ihr durch die Ermordung der Grafin Sarah in die Hande gefallen war. Der lahme Junge trat mit einem Licht in die Tur. Die Eule ging ihm in die niedrige Wirtsstube nach, aus der, wie wir bereits wissen, eine Falltur in den Keller hinunter fuhrte. Die hohle Hand vor das Licht haltend, stieg er langsam die steinernen Stufen hinunter, die zu der wuchtigen Tur fuhrten, die sich fast hinter Rudolf fur ewig geschlossen hatte. Den vereinten Anstrengungen der beiden Bosewichte gelang es endlich, sie in ihren Angeln zu bewegen. Aus der finstern Tiefe herauf drang ihnen feuchter Dampf entgegen. Alsbald erklang ein wildes Geschrei, das sich aber schnell zum dumpfen Geknurr verwandelte ...

»Ei, ei, mein liebes Mannchen sagt mir guten Tag?« fragte die Eule spottisch, ging noch einige Stufen weiter hinunter, um in einer Ecke ihren Handkorb zu verstecken. Der lahme Junge hatte keinen Blick von ihr gelassen ... Mit zornbebender Stimme schrie Bakel: »Mich hungert ... soll ich hier sterben wie ein tolles Vieh?« – »So? Dich hungert?« fragte die Eule, wieder mit wildem Gelachter, »ei, so fri? dir doch die Finger ab!« – Kettengeklirr antwortete ihr, dann ein Seufzer verhaltener Wut ... »Aber so bleib doch nur ruhig, Morderchen,« rief die Eule wieder, »Ring und Kette sind fest, Vater Micou verschlei?t doch nur koschere Ware! Was kann ich denn dafur, da? du hier unten moderst? Hattest dich im Schlafe nicht binden lassen sollen! Und warum grollst du all der Sorgfalt, die an dich verschwendet wird? Warum bist du hierher geschafft worden? Doch nur, um dich der Nachwelt zu erhalten, moglichst unversehrt, damit sie dich in deiner vollen Gro?e zu bewundern vermag! Feuchte Keller konservieren doch die Leichen am allerbesten. Das wei?t du so gut wie ich, und darum hast du doch auch seinerzeit den Fachermaler hierher praktiziert!« – Wieder klirrten die Ketten ... »Du, Morderchen, guck doch mal her!« sagte die Eule und lie? einen Diamanten in der Hand glitzern. – »Aber er kann doch nicht gucken,« rief der lahme Junge hohnisch, »freilich, deine Schlechtigkeit trankte er dir gern ein: darauf verla? dich!« – Und plotzlich packte er sie von hinten und stie? sie mit aller Kraft in den Keller hinunter. »Morderchen, bei?! Morderchen, bei?!«

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