die unwurdige Frau seines Negerarztes David, eine gewandte und kluge Kreolin, nach Paris bringen lassen. Der Leser wei? ferner, da? diese Kreolin durch Frau Seraphim, als Ersatz fur Luise Morel in Jakob Ferrands Haus gekommen war. Rudolf wollte sich in der Rue du Temple erkundigen, wie die Dinge in Ferrands Hause seitdem standen ... Frau Pipelet eilte ihm mit den Worten entgegen: »Ach, Herr Rudolf, wieviel haben wir Ihnen zu erzahlen! Denken Sie sich nur, gestern ist auch die Frau Burette von der Polizei abgeholt worden! Sie scheint au?er ihrer Pfandleihe noch andere Geschafte getrieben zu haben, man hat gehort von Hehlerei, Einschmelzen von Gold und Silber undsoweiter, und was das allerschlimmste ist, ihr alter Freund und Gonner, der Rotarm, der das Haus gepachtet und im einzelnen abvermietet hat, ist auch verhaftet worden ...« Und nun erzahlte sie, was sich bei Rotarm ereignet hatte ...
»Rotarm?« dachte Rudolf bei sich, »Rotarm verhaftet, und die Eule tot? Nun, die hat ein besseres Schicksal wirklich nicht verdient ... Die arme Marienblume ist wenigstens geracht worden ... Aber,« setzte er laut hinzu, »wie stehts mit Cecily und mit dem Notar?«
»Als wir zu ihm kamen, mochte es ungefahr sieben Uhr sein. Ich sagte dem Pfortner, er solle mich bei ihm melden, ich sei mit der Person da, uber die schon Frau Seraphim mit ihm gesprochen. Der Pfortner stutzte und fragte mich, ob mir nichts daruber bekannt sei ... O, Herr Rudolf, das ist eine gar schlimme Sache ... Die Seraphim ist auf einer Landpartie, die sie mit einer jungeren Person – wie gesagt wird, einer Verwandten von ihr – ertrunken.« –
»Ertrunken? Auf einer Landpartie? Jetzt im Winter?« fragte Rudolf verwundert. »Und Ferrand? Ist ihm Cecilys Schonheit aufgefallen?« – »Bei unserm Eintritt ist er, wie erschrocken, aufgesprungen, wahrscheinlich vor Verwunderung uber Cecilys elsassischen Anzug. Ohne ihm Zeit zum Besinnen zu lassen, sagte ich ihm, er mochte verzeihen, da? meine Nichte in ihrer Landestracht kame; sie sei aber gerade angekommen, und ich sei nicht in den Verhaltnissen, gleich fur einen andern Anzug zu sorgen. Es mochte sich auch wohl deshalb der Muhe nicht lohnen, weil wir doch blo? kamen, um ihm zu danken fur seine Bereitwilligkeit, das Madchen in seinem Hause aufzunehmen. Dann druckte ich meine Besorgnis aus, Cecily mochte ihm am Ende gar nicht gefallen?« –
»Und warum sollte das der Fall sein?« versetzte der Notar, der sich wieder gesetzt hatte und uns uber seine Brille hinweg angaffte. »Wenn Ihre Nichte mir verspricht, arbeitsam, brav und nett zu sein, vor allen Dingen nie den Fu? aus meinem Hause zu setzen, dann will ich mich ihrer annehmen und sie zu mir ins Haus nehmen.« Darauf sagte Cecily, sie wolle doch lieber in ihre Heimat zuruck, und der Notar sagte, mit Gewalt wolle er sie nicht halten; ein Dienstmadchen zu finden, sei nicht schwer, wir konnten es halten, wie wir wollten. Ich redete ihr nun zu, sie solle sich doch nicht sperren, ein guter Dienst in so reputierlichem Hause sei nicht alle Tage zu haben, und wenn sie sich nicht zureden lie?e, wurde ich mich weiter nicht um sie kummern ... Darauf entschlo? sie sich, wenn auch sichtlich mit schwerem Herzen, zum Bleiben, bedang sich aber aus, in zwei Wochen wieder abziehen zu durfen, wenn das Heimweh sie gar zu sehr befallen sollte. Sie nahm nun das sehr bescheiden bemessene Draufgeld des alten Knickers, und wir gingen ...« – »Sehr gut, Frau Pipelet,« sagte darauf Rudolf, »da haben Sie, was ich Ihnen versprochen habe, fur den Fall, da? es Ihnen gelange, das arme Ding, das mir eine Last ist, gut unterzubringen.«
Die Rosen auf Lachtaubchens Gesicht verblichen mehr und mehr, und ihr niedliches, ehedem so frisches, rundes Gesicht wurde immer langer, ihr ehedem so heiterer, lebensfroher Zug im Gesicht war noch ernster als bei der letzten Begegnung mit ihrer ehemaligen Zellengenossin vor dem Gefangnisse von Saint-Lazare. – »Ach, wie freue ich mich, Sie wieder einmal zu sehen, lieber Herr Nachbar,« sagte sie zu Rudolf, als sie ihn aus Pipelets Wohnung heraustreten sah ... »ich habe Ihnen viel, gar viel zu erzahlen.«
»Sagen Sie mir doch vor allen Dingen, wie es Ihnen geht, liebe Nachbarin?« antwortete Rudolf, »noch immer so lustig wie einst? Nein, nein! Sie sind bla? – Sie arbeiten gewi? zuviel ...« – »Nicht doch, Herr Rudolf! Was mir schadet, ist nicht die Arbeit, denn an sie bin ich gewohnt; aber der Gram, der Gram, der ist die Ursache zu meiner Veranderung ... Ach, wenn ich den armen Germain sehe, dann konnte ich vergehen vor Kummer.« – »Er ist wohl recht niedergeschlagen?« – »Freilich, freilich! Sie konnen wohl denken, da? ein so kreuzbraver Mensch, wie er, unter soviel Bosewichtern die Holle auf Erden hat! Der Fron, in dessen Abteilung er sitzt, hat ihm schon wiederholt geraten, er mochte nicht so stolz tun; aber Germain kann es nicht uber sich bringen, mit Schurken und Verbrechern sich abzugeben, und so furchte ich, da? es uber kurz oder lang noch ein gar schlimmes Ende mit ihm nehmen werde ... Aber immer denke ich blo? an mich, und Sie wollten doch von der Schalldirne einiges horen ...« –
Rudolf sah sie verwundert an. – »Nun, ich habe sie vorgestern gesehen, als ich die Luise in Saint-Lazare besuchen wollte.« – »In Saint-Lazare? Das ist doch nicht moglich!« – »Und doch, Herr Nachbar! Sie war es, und keine andere.« – »Da mussen Sie sich doch aber geirrt haben!« – »Nein, ich erkannte sie auf der Stelle, trotzdem sie in Bauerntracht war.« – »Und doch mussen Sie sich geirrt haben!« – »Nicht doch! Aber wenn Sie so bestimmt behaupten, sie sei es nicht gewesen, mussen Sie sie doch auch kennen!« – »Freilich kenne ich sie.« – »Nun, so steht es au?er Zweifel, da? sie von Ihnen gesprochen hat, als sie mir von einem Herrn solchen Namens erzahlte.« – »Und was erzahlte sie?« fragte Rudolf gespannt. – »Ich erzahlte ihr, wie es Luisen und Germain erginge, habe aber kein Wort dabei von Ihnen gesagt. Sie aber sagte gleich, da? nur ein Mensch bereit sein wurde, den beiden Unglucklichen zu helfen, und das ware ein edler, junger, sehr vornehmer Mann ... Naturlich fragte ich sie sogleich nach dem Namen, und da sagte sie, der Herr hie?e Rudolf ...«
»Nun ja doch, ich habe mich fur dieses Madchen interessiert. Es wundert mich aber, da? sie in Paris sein soll. Das kann nicht sein. Jedenfalls zwingt mich die Mitteilung, mich auf der Stelle von Ihnen zu verabschieden. Halten Sie nach wie vor Germain und Luisen gegenuber reinen Mund uber den Schutz, den ihnen unbekannte Freunde gewahren. Die Zeit, wann davon gesprochen werden kann, kommt schon. Aber vorlaufig mu? das Geheimnis noch gewahrt bleiben. – Wie geht's der Familie Morel?« – »Besser, Herr Rudolf, viel besser. Die Frau hat sich ganz erholt, und die Kinder erholen sich auch ... Wie mag es aber mit dem Vater der unglucklichen Leute, die Ihnen soviel verdanken, gehen?« – »Wie ich gehort habe, auch besser. Gestern habe ich vom Arzte gehort, da? sich die lichten Augenblicke haufiger einstellen, und da? sich infolgedessen Hoffnung fassen lie?e, da? es wieder gut mit ihm werden wurde.« – »Gott gebe, da? Sie die Wahrheit sprachen, Herr Rudolf!« antwortete Lachtaube mit schwerem Seufzer ... »Leben Sie wohl, Herr Nachbar!« – »Adieu, liebe Freundin! Auf baldiges Wiedersehen!«
Rudolf konnte nicht fassen, wie es kommen konne, da? seine kleine Freundin Madame Georges verlassen, und eilte in seine Wohnung, um gleich einen Boten nach Bouqueval hinauszuschicken. Gerade als er in die Rue Plumet einbog, sah er vor seinem Palais einen Extrapostwagen halten. Murph kam von der Reise nach der Normandie zuruck, die er dorthin unternommen, um die Plane der Stiefmutter der Marquise von Harville und ihres Helfershelfers Bradamanti zu durchkreuzen. Murphs Gesicht strahlte vor Freude ... »Gute Nachrichten, konigliche Hoheit!« rief er, als er mit Rudolf allein war; »die Elenden sind entlarvt und Herr von Orbigny ist gerettet. Aber Sie haben mich gerade noch zur rechten Zeit weggeschickt; kam ich eine einzige Stunde spater, dann war ein neues Verbrechen vollbracht.« – »Und die Marquise von Harville?« – »Sie ist au?er sich vor Freude daruber, da? sie Ihrem Rate so rasch Folge geleistet hat.« – »Und Polidori?« – »Er war auch diesmal der Helfershelfer! Aber diese Stiefmutter ist ja das richtige Ungeheuer! Was ich diesem Polidori gegenuber habe anstellen mussen, das geht weit uber die bisherigen Rollen, die ich als Kohlentrager usw. gespielt habe.« – »Und wo ist er?« – »Ei, ich habe ihn mithergebracht! Denken Sie, eine Reise in solcher Gesellschaft! Zwolf Stunden neben einem Subjekte, das ich mehr als sonst jemand auf Erden hasse! Es kam mir so vor, als ob ich neben einer Natter sa?e!« – »Und wo hast du ihn abgesetzt?« – »In der Rue des Veuves. Dort ist er sicher bewacht. Ich lie? ihm die Wahl, entweder sofort der Polizei uberliefert zu werden, oder in der Rue des Veuves Ihre weitere Entscheidung abzuwarten. Dann besann er sich nicht eben lange.« – »Gut! Besser, wir haben ihn unter der Fuchtel! Murph, du bist ein Goldmensch! Aber erzahle mir, wie es zugegangen. Ich brenne vor Ungeduld.« –
»Ich hatte weiter nichts notig, als den mir von Ihnen erteilten Weisungen auf den Buchstaben zu gehorchen. Sie haben eben wieder einmal gute Menschen gerettet und bose bestraft ... Lesen Sie den Brief der Marquise von Harville, den sie mir mitgegeben hat; er wird Sie von allem unterrichten.«
Rudolf las mit fliegender Hast:
»Konigliche Hoheit! – Wieviel bin ich Ihnen schon schuldig, und jetzt noch meines Vaters Leben! Ich preise Gott, der mein Herz so lenkte, da? ich Ihrem Rate unverzuglich folgte und mit schnellster Post nach Aubiers reiste. Dort erfuhr ich, da? mein Vater seit mehreren Tagen sehr krank sei und da? meine Stiefmutter mit einem Arzte aus Paris angekommen sei. Ich zweifelte keine Sekunde, da? der letztere kein anderer als Polidori sei, und wollte sogleich zum Vater. Aber sein alter Diener war nicht mehr auf dem Schlosse. Ein Intendant, der mich in meine
