schulden!« Und zu Martial gewandt, sagte sie: »Da sieh! Hier liegt sie, und ihr verdanke ich es, da? ich jetzt andere Anschauungen vom Leben und von meinem Verhaltnis zu dir habe.. Sie hat mir erst den Gedanken eingegeben, her zu dir zu gehen und dir alles zu sagen, wie es mir ums Herz ist.. Und nun fugt es der Zufall, da? ich sie aus Todesgefahr erretten mu?te!«
»Das Madchen ist unser guter Engel,« erwiderte Martial, »und sie sieht ja auch aus wie ein Engel so schon! Nicht wahr, Herr Doktor, der Tod wird sie noch nicht holen?« – »Ich kann Gewisses daruber noch nicht sagen,« erwiderte Griffon, »vor allem mu? ich wissen, ob sie hier bleiben kann, und hier die rechte Pflege finden wird?« – »Hier?« rief die Wolfin, »in solcher Morderhohle?« – »Still!« rief Martial, ihr mit der Faust drohend. – »Freilich,« sagte der Doktor zu dem verwundert dreinschauenden Grafen, »das Haus steht nicht im besten Rufe, und es sollte mich freilich wundern..« – »Sie sind also gewalttatigen Menschen zum Opfer gefallen?« fragte der Graf den Verletzten.. »wer hat Sie denn so zugerichtet?« – »Ich bin in einer Schlagerei verwickelt gewesen,« sagte Martial ausweichend, »und dabei verletzt worden.. aber,« setzte er hinzu, »da? das Madchen hier bleibt, wird schwerlich angehen, denn ich bleibe auch nicht hier und will auch meinen Bruder und meine Schwester nicht hier lassen... wir werden der Insel auf Nimmerwiedersehen den Rucken wenden..«
»Ach, wie schon! wie schon!« riefen Franz und Amandine wie aus einem Munde... »Und wann wollen Sie weg?« fragte der Doktor, »das ohnmachtige Madchen bedarf noch der gro?ten Schonung. Es ware deshalb wohl gut, wenn wir ein sicheres Obdach fur sie fanden.. Wie ware es mit dem Hause, Herr Graf, das Sie mir angewiesen haben? Die Gartnersfrau mit ihrer Tochter wurden gute Pflegerinnen abgeben, und Sie haben, scheints, selbst Interesse genug fur die Arme, da? Sie hin und wieder wohl nach dem Rechten sehen wurden?«
Der Graf zollte diesem Plane aus vollem Herzen Beifall, und eine halbe Stunde spater befand sich Marienblume, noch immer ohnmachtig, im Hause des Arztes und unter der Obhut der Gartnersfrau desselben und der Wolfin, die nicht eher von ihr weichen wollte, als bis sie sie au?er Gefahr wu?te.
Funftes Kapitel.
Das Portrat.
Auf einem der Boulevards in der Nahe des Observatoriums ging Tom Seyton, der Bruder der Grafin Sarah Mac Gregor, auf und nieder, als er der Eule ansichtig wurde, aus deren Strohtasche die Spitze der Mordwaffe hervorguckte, die bislang Bakel bei sich gefuhrt hatte, und die Seytons Blicke entgangen war.. »Eben schlagts drei,« sagte sie, »ich komme also punktlich.« – »Folgen Sie mir!« sagte Seyton und fuhrte sie durch ein odes Ga?chen unfern der Stra?e Cassini. An einem Drehkreuze in seiner Mitte blieb er stehen, schlo? eine Pforte auf und hie?, sie hier warten. Darauf verschwand er. Die Eule ging mit sich zu Rate... »Hoffentlich la?t er mich hier nicht zu lange stehen,« sagte sie bei sich, »denn ich mu?, um die Maklerin abzufertigen, mit Martials bei Rotarm sein. Meinen Dolch habe ich ja! Aha! Da guckt sich der Spitzbube um! Geschieht mir schon recht, warum habe ich ihn nicht in der Scheide gelassen! Na, vielleicht kann er mir dieser Maklerin gegenuber Dienste tun! 30 000 Franks, das war ein feiner Fang heute! Da ist doch ein bi?chen mehr abgefallen als bei dem Halunken von Notar, der sich keinen Sou abzwacken lie?... Da konnte ich schon drohen: es half alles nichts! Der hatte keine Furcht, als ich ihm sagte, seine Haushalterin hatte mir doch das Madchen, das jetzt die Schalldirne sei, uberantwortet, sondern schalt mich eine Lugnerin und schlug mir die Tur vor der Nase zu..« – Sie sah sich scheu um und bemerkte, da? am Ende der Allee eine Dame auftauchte.. »Aha!« sagte sie, »die bleiche Frau wieder, die mit dem langen schwarzen Duckmauser im Wei?en Kaninchen war.. Hm, da hei?ts auf dem Posten sein!«
Die nahende Person war tatsachlich die Grafin Sarah, auf deren Gesicht all jene Verachtung zum Ausdrucke kam, die von vornehmen Leuten gemeinhin gegen Leute niedrigen Standes empfunden wird, die sie als Werkzeuge oder Mitschuldige nicht entbehren konnen. Ihr Bruder hatte sich geweigert, die bisherige Rolle weiter zu spielen, und sich blo? dazu noch verstanden, seine Schwester zu diesem Zusammentreffen mit der Eule zu begleiten, lehnte aber jede Beteiligung an den Planen, die sie neuerdings geschmiedet hatte, entschieden ab. Rudolf wieder an sich zu ziehen dadurch, da? sie die ihm ihrer Meinung nach teuren Bande zerri?, war ihr nicht gegluckt. Nun dachte sie, ihren ehrgeizigen Traum so zu verwirklichen, da? sie ihn auf unwurdige Weise hinterging: es sollte ihm eingeredet werden, die ihm von Sarah geborene Tochter sei nicht tot, und eine Waise fur ihrer beider Kind ausgegeben werden. Dazu hatte sie Ferrand bestimmen wollen, der sich aber, wie dem Leser bekannt ist, geweigert hatte, ihr dabei zu helfen, statt dessen, und zwar aus Furcht vor der Aussage der Eule einerseits, aus Besorgnis vor dem Ansinnen der Grafin anderseits, beschlossen hatte, die Schalldirne verschwinden zu lassen. Die Grafin aber, nach wie vor der Meinung, da? sich Ferrand noch bestechen oder einschuchtern lassen werde, sobald sie ein junges Madchen gefunden hatte, das zu solcher Rolle sich eigne, hatte ihren Plan keineswegs aufgegeben ... Sarah eroffnete das Gesprach mit der Eule ohne weiteres durch die Frage, ob sie ihr ein Madchen nachweisen konne, das von fruhester Jugend an verwaist sei, ein hubsches, einnehmendes Gesicht und ein sanftes Gemut habe, auch nicht uber 17 Jahre alt sein durfe ... »So etwas wird wohl so leicht nicht zu finden sein,« erwiderte die Eule, die Grafin verblufft anstarrend ... »Man wird sich in den Findelhausern umsehen mussen ... » antwortete die Grafin. – »Es kame auf den Preis an, der sich dabei verdienen lie?e,« meinte die Eule ... »schaut ein ordentliches Stuck Geld dabei heraus, dann lie?e sich schon daruber reden.« – »Nun, ich zahle Ihnen, was Sie fordern, wenn mir die Person recht ist, die Sie mir zufuhren,« versetzte die Grafin. – »Das la?t sich horen,« sagte schmunzelnd die Eule; »mir fallt gleich ein Madel ein, das sich eignen konnte – kennen Sie die Schalldirne?« – »Wer ist das?« fragte die Grafin ihrerseits. – »Die wir aus Bouqueval abgeholt haben,« sagte die Eule. – »Von der kein Wort,« rief die Grafin zornig, »die bleibt ganz au?er Betracht, verstehen Sie?« – »Na, warum denn? Sie pa?t doch fur Sie, wie gemacht! Wenn sie aus Saint-Lazare entlassen wird, konnten Sie sie, meiner Meinung nach, gar wohl verwenden. Sie ist noch keine 17 Jahre alt, ist hubsch, hat ein zutrauliches Wesen und wei? sich auch zu bewegen ... Vor zehn Jahren, als sie mir der Schuft Ferrand uberantwortete, war sie knapp sechs Jahre alt, und Tournemine, der auf die Galeeren gekommen ist und sie zu mir brachte, hat mir ausdrucklich gesagt, das Madel sei ganz sicher ein Kind, das beseitigt und fur tot erklart werden solle ... »
Mit einer so wildbewegten Stimme, da? die Eule unwillkurlich zuruckwich, rief die Grafin: »Was sagen Sie? Jakob Ferrand hat Ihnen das Kind uberantwortet?« – »Ja doch, ich sage es ja,« antwortete die Eule, »was regt sie dabei so auf? Als Tournemine sie mir brachte – es sind gerade zehn Jahre her, – da sagte er: Nimm den Balg! La? ihn leben oder bring ihn um die Ecke, mir ist's gleich: so oder so, 1000 Franks sind dabei zu verdienen.« – »Vor zehn Jahren, sagen Sie?« – »Ja doch.« – »Es war ein hubsches blondes Madchen?« – »Jawohl, mit tiefblauen Augen – also eine Raritat als Blondine,« erwiderte die Eule. –
Sarah sank auf die Knie und hob die Hande zum Himmel auf ... »Gott! O, Gott!« rief sie, »deine Wege sind wahrlich unerforschlich, und ich beuge mich vor deiner Weisheit! O, sollte mir solches Gluck noch beschieden sein! Doch nein, nein! Ich kann nicht daran glauben ... denn ich verdiene nicht, da? es mir zuteil wurde!« – Die Eule stand da, wie an die Erde gewurzelt und war kaum imstande, der Grafin zu folgen, als diese sie jetzt dazu aufforderte.
Sarah ging raschen Schrittes vor ihr her, bis sie das Ende der Allee erreicht hatte, wo ein paar Stufen zur Glastur eines prachtig moblierten Arbeitszimmers fuhrten. Dorthin fuhrte Sarah ihre Begleiterin und riegelte hinter sich die Tur zu, trat zu einem Sekretar, nahm ein Kastchen aus Ebenholz heraus und stellte es auf einen mitten im Zimmer stehenden Tisch. Das Kastchen war bis an den Rand mit Juwelen gefullt, da? der Eule schier die Augen ubergingen. Sarah war so ungeduldig, auf den Boden des Kastchens zu gelangen, da? sie Hals- und Armbander und Diademe, die von Smaragden, Topasen, Rubinen und Diamanten in allen Farben spielten, auf den Tisch warf ...
Die Eule dachte an ihren Dolch, sie dachte daran, da? sie allein mit der Frau sei, da? sie leicht und sicher entkommen konne ... und mit der Schlauheit einer Tigerkatze, die sich aus dem sichern Hinterhalt auf ihre Beute sturzt, nahm sie den Umstand wahr, da? die Gedanken der Grafin sich auf einen einzigen Gegenstand richteten, schlich sie leise um den Tisch herum, der sie von ihrem Opfer trennte ... Da aber sah sie sich plotzlich gezwungen, einzuhalten. Die Grafin nahm aus dem Juwelenkastchen, dessen Inhalt nun vor ihr auf dem Tische lag, ein Medaillon heraus und hielt es der Eule mit zitternder Hand hin ... »Da! Sehen Sie sich das Bild an!« – »Die Schalldirne!« rief die Eule, uberrascht von der Aehnlichkeit, »das ist das Madchen, das Tournemine mir ubergeben hat ... gewi?, gewi?! Das sind dieselben langen Locken, die ich sogleich vom Kopfe schnitt und zu Gelde machte ...«
