vorfinden.«
Der Kommissar verbeugte sich, und der Graf ging. Im andern Augenblick ging die Tur zum Kabinett auf, und ein Beamter trat herein ... »Der Patron ist auf und davon!« rief er; »so hat uns noch keiner genasfuhrt!« – »Was?« rief der Kommissar, in das Zimmer sturzend, worin nicht die geringste Spur von dem tragischen Ereignis wahrzunehmen war, unter dessen vermeintlichem Eindrucke der alte Graf eben das Haus verlassen hatte ... Im Nu gewahrte er die Tapetentur und ri? sie auf ... »Also auf diesem Wege ist er entflohen?« rief er. »Wer hatte solcher Finte sich versehen!«
Vor des Vaters Augen hatte der Vicomte wohl das Pistol abgeschossen, aber nicht aufs Herz, sondern zwischen dem Arme hindurch gezielt und war, durch den Rauch verhullt, im selben Augenblicke durch die Tapetentur entwischt, als sein Vater den Polizisten entgegenging. Vom Boudoir aus hatte er das Treibhaus, von da das Ga?chen gewonnen und den Weg nach den elysaischen Feldern genommen.
Drittes Kapitel.
Wieder auf der Seine-Insel
Am andern Tage verlie? Marienblumchen das Gefangnis Saint-Lazare und begab sich in Ferrands Haus, wo sie von Frau Seraphim in Empfang genommen wurde. Sie trug die landliche Tracht, die sie in Bouqueval getragen hatte. Es war dem Notar ein Leichtes gewesen, ihre Freilassung zu erwirken, und niemand im Gefangnisse zweifelte daran, da? dieselbe durch die Marquise von Harville erwirkt worden sei, die sich bei der Aufseherin so angelegentlich erkundigt hatte: So verdorbenen Sinnes auch die Seraphim war, so fuhlte sie doch jetzt Mitleid mit dem liebreizenden Madchen, das sie als Kind im Auftrage Ferrands an das unter dem Namen Eule bekannte bose Weib uberantwortet hatte und jetzt dem sichern Tode zufuhren wollte.
»Wir fahren doch zur Frau Georges nach Bouqueval;« fragte Marienblumchen. – »Jawohl, mein Kind,« versetzte die Seraphim, »zu Frau Georges, doch nicht gleich; erst machen wir noch einen kleinen Abstecher, damit Sie nach allem Verdru?, den Sie gehabt haben, auch ein klein wenig Freude haben ... Kommen Sie, kommen Sie! Der Wagen wartet schon auf uns.«
Sie standen unter dem hohen Portal, das auf die Stra?e Faubourg Saint-Denis fuhrt, als sie einem Madchen in den Weg liefen, das auf dem Wege ins Gefangnis zu sein schien, um eine Insassin desselben zu besuchen ... Im andern Augenblicke hatte Marienblume in dem Madchen ihre ehemalige Zellenkameradin, Lachtaube, erkannt... »Ei, Schalldirne!« rief da ihrerseits die Grisette... und beide sanken einander in die Arme... »Aber trifft sich das gut!« rief Lachtaube... »ist das eine Ueberraschung! Wir haben uns so lange nicht gesehen und mussen uns gerade jetzt wiedersehen, wo ich auf dem Wege ins Gefangnis bin, eine andere arme Leidensgenossin zu besuchen!« – »Ach, Lachtaube!« erwiderte Marienblume, »das hatte ich mir auch nicht traumen lassen ... Ich will aufs Land hinaus zu einer guten lieben Frau ... Frau Georges hei?t sie... drau?en in Bouqueval ... Doch sprich! Wen willst du im Stockhause aufsuchen?« – »Ach, die arme Luise Morel aus der Rue du Temple ... das Kind eines ehrlichen Steinschneiders, der uber all dem Ungluck, das ihn verfolgt, den Verstand verloren hat!«
Frau Seraphim fuhr zusammen, als sie den Namen Morel horte, der auch eines der Opfer war, die Notar Ferrand auf dem Gewissen hatte. Sie kannte das Madchen nicht, das zu den Bekannten Marienblumchens gehorte, horchte aber nichtsdestoweniger aufmerksam auf das Gesprach, das die beiden Madchen zusammen fuhrten.
»Ach, Kind, ich mu? dir noch ganz was anderes sagen,« plauderte Lachtaube weiter, »wie du mich hier siehst, so komme ich aus dem Mannergefangnisse in unserm Viertel. Sieh doch mein Korbchen an: es hat zwei Abteilungen ... jede Halfte hat ihre Bestimmung: die eine enthalt das, was ich der armen Luise, die andre, was ich dem armen Germain bringe.« – »Germain? Germain?« fragte Marienblumchen, »wer ist denn das?« – »Ach, ein lieber Mensch, ein ehemaliger Nachbar von mir, der ehrlichste Mensch unter Gottes Sonne, dem ich von Herzen gut bin wie einem Bruder, der aber von einem schlimmen Manne verfolgt wird... demselben, der auch die arme Luise ins Gefangnis gebracht hat... Ach Gott, wie ist es blo? moglich, da? es so grundschlechte Menschen in der Welt gibt!«
Frau Seraphim hatte abermals die Ohren gespitzt, als sie den Namen Germain horte... Lachtaube hatte zwar keinen unmittelbaren Grund, ihr zu mi?trauen, sie gedachte aber der Warnungen, die Rudolf ihr mit auf den Weg gegeben, und sah es deshalb, um der Moglichkeit, noch mehr auszuplaudern, entruckt zu werden, nicht ungern, da? Frau Seraphim die Freundin zum Aufbruche drangte ...
»Du bist und bleibst eben die gute, liebe Seele, die all und jedem helfen mochte, der in Not und Trubsal gerat ... Du bist wohl dem Germain so recht von Herzen gut? Wie?« – »O, warum sollte ich nicht?« erwiderte Lachtaube, »es ist doch schrecklich, wenn jemand nichts Boses getan hat und von solch bosem Menschen ins Gefangnis gebracht wird! Der alte Wicht ist hinter den beiden armen Menschen her wie der Teufel, trotzdem ihm keins von beiden das geringste zu leide getan hat. Aber nur Geduld! An ihn wird schon auch noch die Reihe kommen.«
»Wie hei?t denn der schlimme' Mann, von dem Sie das erzahlen?« fragte Frau Seraphim, nachdem sie abermals zum Aufbruche gedrangt hatte. – »Ferrand hei?t er, liebe Frau,« antwortete Lachtaube, »und ist Notar, um so schlechter also ist's von ihm, die Menschen in Jammer und Not zu bringen, da es doch seine Pflicht ware, sie daraus zu erlosen!« – Da traf sie ein boser Blick der Frau, so da? Lachtaube unwillkurlich zusammenschreckt und einen angstlichen Blick auf die Freundin heftete.
»Langer warten wir nun aber nicht, Kind,« sagte die Seraphim zu Marienblumchen, »ihr habt schon uber eine Viertelstunde zusammen geschwatzt. Wir laufen ja Gefahr, den ganzen Tag zu versaumen. Und wer soll den Wagen fur die mu?ig verlorene Zeit bezahlen?« – Lachtaube trat zu der Freundin, wahrend die Seraphim sich zu dem Kutscher wandte, und flusterte ihr zu: »Du, wei?t du, gegen die Frau habe ich eine seltsame Abneigung ... ich sage dir, nimm dich vor ihr in acht!« Und laut fuhr sie fort, als die Seraphim sich wieder zu ihnen wandte: »Kommst du wieder nach Paris, meine Liebe, dann vergi? nicht, bei mir vorzusprechen; ich werde mich immer freuen, dir guten Tag zu sagen.«
Die beiden Madchen ku?ten einander; Lachtaube ging in das Gefangnis mit dem ihr von Rudolf verschafften Erlaubnisscheine Luisen zu besuchen, wahrend Marienblume mit Frau Seraphim in den Wagen stieg, der sie nach der Seine-Insel fuhren sollte.
Dort lagen drei Kahne am Aussteigeplatze angebunden. In einem kauerte Niklas, die Klappe probierend, die er darin angebracht hatte, wahrend die altere Schwester, Kurbis benannt, auf einer Bank vor der grun angestrichenen Laube stand, die Hand wie einen Schirm uber die Augen deckend und in der Richtung Ausblick haltend, von woher Frau Seraphim mit Marienblumchen erwartet wurde.
»Niklas,« sagte die Schwester, »Martial scheint zu schlafen, wenigstens hat er sich heute fruh nicht wieder geruhrt, und auch sein Hund verhalt sich still.« – »Vielleicht hat er ihm den Hals umgedreht, um sich an ihm satt zu fressen. Zwei Tage haben sie schon nichts zu brechen und zu bei?en, und mussen ja schon halb verhungert sein.« – »Das wird ihn schon kirre machen,« sagte Niklas, »aber aushalten kann ers weit langer, sage ich dir. Wenn er verhungert, so hei?t's dann eben, man hat nicht gewu?t, wo er steckt; dann wird kein Hahn nach ihm krahen. Mir ware eine schnellere Weise lieber gewesen.« – »Ein anderes Mittel, zum Ziele zu kommen, gab es eben nicht. Wenn Martial wild wird, dann ist er schlimmer als ein Teufel, zudem stark wie ein Bulle. Ohne Gefahr hatten wir ihm nicht auf den Leib rucken konnen. Nachdem wir aber seine Tur von au?en verrammelt und das Fenster mit dem von Micou gekauften Eisenblech vernagelt hatten, konnte er uns nicht mehr schadlich werden.« – »Ein Gluck, da? es in seiner Kammer an einem Kamine fehlt.« – »Jawohl, und da? die Tur fest ist, und da? wir ihm die Hand mit dem Beile zerschlugen... sonst ware er imstande, sich durch die Dielen ein Loch zu graben!« – »Da? blo? die Wolfin nicht aus dem Gefangnisse bricht und ihren Liebsten bei uns sucht! Dann...« – »Na, was denn dann? Soll sie ihn sich doch suchen!« Jetzt erblickte Kurbis die beiden Personen, auf die so sehnlich sie wartete; im selben Augenblicke trat aber auch die Mutter zu ihnen, die unwillkurlich einen Blick zu dem Fenster hinaufwarf, hinter dem ihr altester Sohn eingesperrt war ... »Es ist doch blo? seine Schuld!« murmelte sie, die Brauen zusammenkneifend, konnte sich aber eines Schauders nicht erwehren.
Kurbis zeigte auf die den Fu?weg entlang kommenden beiden Frauen, auf Seraphim und die Schalldirne, alias Marienblume, und rief Niklas zu: »He! Siehst du sie? Eine Stadtische und eine vom Lande, Niklas!« – »Ach, die Dicke kenne ich ja,« erwiderte Niklas, »wir mussen uns nun daruber verstandigen, wie wir uns verhalten wollen. Ich werde die Alte und die Junge ins Boot mit der Klappe hinein nehmen; im andern folgst du mir und haltst dich so dicht neben dem andern, da? ich im rechten Moment hinuberspringen kann, ohne mich und dich dabei in Gefahr zu
