setzen ... horst du?« – »Habe keine Bange,« sagte Kurbis, »sieh! jetzt winkt die Alte mit dem Tuche!« – »Komm, Mutter, komm!« antwortete Niklas, das Boot losmachend, »setz dich mit in mein Boot! Dann werden die beiden druben nicht Gefahr wittern ... Kurbis mag ins andere springen und tuchtig ausgreifen mit den Rudern ... Da, nimm den Haken und lege ihn neben dich, falls wir staken mussen ... So, und nun vorwarts!«
Nach wenigen Augenblicken hatten die beiden Kahne das Ufer gewonnen, wo Madame Seraphim mit Marienblumchen wartete. Niklas band sein Boot fest. Die Seraphim trat zu ihm und sagte leise: »Sagen Sie, da? Frau Georges uns schon lange erwarte.« Dann sagte sie laut: »Wir haben uns leider etwas versaumt.« – Und Niklas erwiderte: »Ja, das haben wir gemerkt, denn Frau Georges hat schon ein paarmal hergeschickt und fragen lassen, wo wir bleiben ...«
»Nun, Sie horen also,« wandte Frau Seraphim sich an das Madchen, »da? wir uns beeilen mussen, wenn wir die liebe Frau nicht argerlich machen wollen!« – Marienblumchen war es bei dem Anblick der beiden Geschwister Niklas und Kurbis nicht recht geheuer gewesen, die Worte der Frau beruhigten sie aber wieder. Sie lehnte sich leicht auf die Hand, die Niklas ihr bot, und stieg in das Boot ... »So! Und nun steigen Sie ein,« sagte Niklas zur Frau Seraphim, die aber, ob nun von einer Ahnung bestimmt, oder von Mi?trauen erfullt, meinte, es mochte doch wohl geratener sein, sich in das andere Boot zu setzen ...
Niklas antwortete, ihm konnte das gleichgiltig sein, warf seiner Schwester einen vielsagenden Blick zu und stie? ab. Als die Seraphim sich neben sie gesetzt hatte, stie? auch die Kurbis ab, und langsam entfernten sich beide Kahne vom Ufer ...
Viertes Kapitel.
Frohes Wiedersehen
Kurz nach Marienblumchens Weggang aus Saint-Lazare war auch die Wolfin in Freiheit gesetzt worden. In ihrem Gemute hatte sich durch den Aufenthalt daselbst eine vollstandige Wandlung vollzogen, sie hatte ihr fruheres Leben verachten lernen; jetzt schwebte ihr ein Leben in Ehren und Arbeit, wie es Marienblumchen ihr geschildert hatte, vor, und ihr einziges Ziel war, sich mit Martial vorm Altare als Christin trauen zu lassen, um dann als seine von Gott und den Menschen anerkannte Ehefrau einsam und verborgen mit ihm im Walde zu leben. Begreiflich, da? all ihr Sinnen und Trachten sich darauf richtete, mit Martial so schnell wie nur moglich zusammenzutreffen. Nun hatte sie aber seit einer Reihe von Tagen gar keine Nachricht mehr von ihm erhalten. Sie meinte, am sichersten zu gehen, wenn sie ihn auf der Seine-Insel suchte, und falls sie ihn dort nicht fande, dort auf ihn zu warten. Sie fuhr nach der Asnieres-Brucke, und wahrend die Seraphim mit Marienblumchen am Seine- Ufer unfern vom Gipsofen auftauchte, passierte sie etwa eine Viertelstunde vorher die Brucke. Da nun Martial sich in seinem Boote nicht sehen lie?, sie heruberzuholen, wendete sie sich an den in der Nahe aufhaltlichen Fischer Ferot, einen silberhaarigen Greis, der vor der Tur seiner Hutte, mit dem Ausflicken von Netzen beschaftigt, sa?. Schon von weitem rief sie ihm zu, sein Boot zur Ueberfahrt fertig zu machen.
»Ach, Sie sinds, Mamsell?« antwortete er, »guten Tag, guten Tag! Hab Sie ja lange nicht gesehen, aber heute uberzusetzen, geht nicht an, geht wirklich nicht an, Mamsell!« – »Aber, Vater Ferot, warum denn nicht?«
– »Ja, sehen Sie, Mamsell, mein Junge hat das Boot mitgenommen und ist mit nach Saint-Ouen zum Wettfahren ... Am ganzen Ufer ist kein Boot heute aufzutreiben.«
– »Aber ich mu? hinuber, Vater Ferot.« – »Ja, Mamsell, es wird eben nicht gehen! Und auf Martial werden Sie auch nicht rechnen durfen, denn soviel ich wei? ..« – »Was wissen Sie?« rief die Wolfin, den Greis am Kragen packend, »ist er etwa krank?« – »So krank, da? er sich nicht ruhren kann!« – »Aber dann hatte ers mir doch geschrieben, Ferot!« – »So? Wenn er sich nicht ruhren kann?« – »Aber auf der Insel ist er doch?« – »Nun, was ich wei?, will ich Ihnen erzahlen,« erwiderte Ferot, »denn sehen Sie, der Martini, wenn er auch ein Hitzkopf ist, ist doch ein guter Kerl, und es ware wirklich jammerschade, wenn er durch die schlimme Alte, seine Mutter, oder durch seinen noch schlimmern Bruder ins Ungluck geraten sollte!«
»Ferot, Ferot!« rief die Wolfin, »erzahlen Sie, erzahlen Sie! Sie sehen ja doch, da? mich der Schlag zu ruhren droht!« – »Ist das ein Madel, ist das ein Madel!« rief Ferot; »lassen Sie mich doch blo? nachdenken! Also erstens mu? ich Ihnen sagen, da? Martial mit seiner Familie schlechter steht als je, so da? ich mich gar nicht wundern wurde, wenn sie ihm mal eins versetzten. Drum tuts mir ja auch so leid, da? ich gerade jetzt mein Boot nicht da habe, denn wenn sie etwa denken sollten, die druben wurden Sie holen, so sind Sie arg auf dem Holzwege!«
»Darauf rechne ich nicht ... Aber Martial ist noch auf der Insel? He?« rief das Madchen. – »Aber lassen Sie mich doch ausreden! Heute morgen sagte ich zu der Witwe: »Wo steckt denn Martial? Ich habe ihn wohl schon drei Tage nicht gesehen. Ist er etwa in der Stadt? Sein Boot liegt ja druben noch immer angebunden.« – Darauf guckt mich die Witwe gro? an und erwidert: »Druben auf der Insel liegt er krank, und an seinem Aufkommen zweifelt jeder, der ihn sieht... Ich glaube auch nicht mehr dran.« – Da dachte ich bei mir: Wie mag das wohl zugehen? Vor drei Tagen war er noch blitzmunter ... Da sah ich, da? die Witwe wieder weg wollte ... Ich rufe ihr nach: Wohin denn, Nachbarin, wohin?«
Aber die Wolfin, von namenloser Angst und Wut befallen, horte schon nicht mehr auf ihn, sondern war schon ein weites Stuck an der Seine entlang unterwegs. Ohne auf ihre Umgebung zu achten, rannte sie weiter, blo? beherrscht von der Sorge um ihren Liebsten, und so gewahrte sie auch nicht, da? zwei Manner an ihr vorbeischritten ... Es waren der Graf von Saint-Remy, der am linken Seine-Ufer, fast dicht an der Stelle, wo sich die Wolfin jetzt befand, sein Landhaus hatte, und Doktor Griffon.
Durch die Weiden und Pappeln hindurch konnte die Wolfin das Dach der Hutte sehen, wo ihr Martial jetzt vielleicht im Sterben lag! Ein lautes Ach! aussto?end, warf sie Schal und Haube von sich, streifte ihr Kleid vom Leibe und sprang im Unterrocke, ohne sich zu besinnen, in den Flu?, um nach der Insel hinuber zu schwimmen. Da ertonte von der andern Seite der Insel ein lautes Angstgeschrei zu ihr heruber ... ein Schrei aus Todesverzweiflung ... Die Wolfin erschrak ... Der Schrei erklang von neuem, aber schwacher, wie bittend, krampfhaft, aus sterbender Brust ... Dann war alles totenstill ...
Der Graf und der Doktor, die die Wolfin an ihrem Beginnen nicht hatten hindern konnen, hatten die Angstrufe vernommen und blieben erschrocken stehen... »Die Arme ertrinkt doch,« sagte der eine. Aber sie sorgten sich ohne Grund, denn Martials Geliebte schwamm wie ein Otter, und nach wenigen Armsto?en gelangte das mutige Madchen ans Ufer. Schon hatte sie wieder Grund unter den Fu?en und hielt sich, um aus dem Wasser zu steigen, an einem der eingerammten Pfahle, die am Ausgange der Insel eine Art Staket bildeten, als plotzlich, vom Strome getragen, der Leib eines jungen Bauernmadchens herantrieb. All ihre Kraft zusammenraffend, packte die Wolfin den treibenden Menschenleib und hob ihn auf die Achseln, trug ihn aus dem Wasser ans Land und bettete ihn auf dem Uferrasen ...
»Mut, Mut!« rief Graf von Saint-Remy ihr zu, der mit dem Doktor Griffon das mutige Werk mitangesehen, »warten Sie! Wir eilen uber die Asnieres-Brucke und kommen Ihnen mit einem Boote zur Hilfe.« – Kurz darauf fuhrte der Strom eine andere Leiche hinweg, ohne da? die Wolfin sie bemerkte: es war die Haushalterin des Notars, die verschwinden zu lassen Niklas ebenso gro?es Interesse hatte wie Notar Ferrand selbst. Niklas hatte sie ins Wasser geschleudert, als er sich in das andere Boot hinuber gerettet hatte, und ihr durch einen Schlag mit dem Ruder den Garaus gemacht.
Aufs au?erste erschopft, kniete die Wolfin neben dem geretteten Madchen in das Gras und sah ihr ins Gesicht ... »Die Schalldirne!« rief sie plotzlich, ganz erschrocken ... »ist das aber ein seltsamer Vorgang!« Eine Weile fand sie vor Staunen keinen Gedanken. Dann sann sie weiter: »Wollte ich nicht eben noch dem Martial alles von ihr erzahlen, was sie mir im Kasten drin gesagt und getan! Ach, das arme Ding! Wie kommt sie blo? in die Seine! Nein! Da? ich sie nun tot finden mu?! Aber ich irre vielleicht? Vielleicht lebt sie noch!« Und sich dichter uber das Madchen beugend, legte sie das Ohr auf dessen Herz und meinte, ihren Atem zu horen ... »Gott, ach Gott!« lallte sie, »sollte ich sie im letzten Augenblicke noch gerettet haben! Ja ja, sie lebt! O, ist das aber eine Freude fur mich!« und wieder nach einer Weile sinnierte sie weiter: »Und mein Mann? Vergesse ich ihn ganz uber der Dirne? Und wenn nun er, statt ihrer, im Sterben lage? Habe ich nicht eben gehort, da? seine Mutter und sein Bruder imstande waren, ihn zu ermorden!« – Nicht daran zweifelnd, da? die Witwe Martial und deren Tochter so schlecht nicht sein konnten, der vom Ertrinken Geretteten Beistand und Hilfe zu weigern, rannte sie nach der Hutte hin.
Niklas hatte sich mit seiner Mutter und Schwester, als Martials Liebste auf den hochsten Punkt der Insel
