gelangte, bereits zu Rotarm auf den Weg gemacht, in der festen Meinung, den Doppelmord glucklich vollfuhrt zu haben, und gleichzeitig mit ihm war ein Mann, der hinter dem Gipsofen ungesehen Zeuge des gra?lichen Vorganges gewesen war, dahinter vorgekrochen; und dieser Mann war kein anderer als Notar Ferrand ... Kaum hatte er seinen Schlupfwinkel verlassen, als Graf von Saint-Remy mit Griffon uber die Asnieres-Brucke gingen, um auf dem Niklasschen Boote, das sie von weitem gesehen, zur Insel hinuber zu fahren.
Zu ihrer nicht geringen Verwunderung fand die Wolfin die Tur der Hutte, in der Martials hausten, verschlossen. Marienblume war noch immer ohnmachtig. Die Wolfin legte sie auf den Rasen und ging um die Hutte herum. Sie wu?te, in welcher Stube Martial zu nachtigen pflegte, und erschrak nicht wenig, als sie den Fensterladen mit Blech verschlagen und durch zwei Eisenstangen verbarrikadiert fand ... Auf der Stelle erriet sie den Zusammenhang und rief mit aller Kraft »Martial, Martial!« – Keine Antwort.
Erschrocken daruber, da? sich nichts in der Hutte regte, ruttelte sie an den Eisenstangen vor dem Fenster, schlug gegen die Mauer, schlug an die Tur. Endlich gab ihr ein schwaches, ein paarmal wiederholtes Klopfen Antwort ... Da sah die Wolfin eine gro?e Leiter hinter einem Fensterladen des untern Saales stehen. Als sie heftig an dem Laden ruttelte, fiel ein Hausschlussel auf die Erde, den die Witwe Martial dort versteckt hatte... Sie versuchte, ob der Schlussel zur Tur pa?te, und als sie sah, da? dies der Fall war, rief sie freudig: »Warte, warte, Martial! Jetzt befreie ich dich! Im Augenblick bin ich bei dir!« Als sie in die Kuche trat, horte sie die Kinder rufen, die im Keller eingesperrt waren und sobald die Wolfin aufgeschlossen hatte, ihr entgegen sprangen.. »Ach!« riefen sie, »liebe Wolfin, rette doch den armen Martial, der oben verhungern soll, und den die bose Mutter seit zwei Tagen oben in der Kammer eingesperrt halt.« – »Ist er verletzt?« fragte die Wolfin. – »Nein, soviel wir wissen, nicht.« – »Nun, so komme ich ja gerade noch zur rechten Zeit,« erwiderte die Wolfin, zur Treppe eilend; aber kaum war sie ein paar Stufen hinaufgeeilt, so kehrte sie um und sagte: »Ach, und die arme Schalldirne vergesse ich ganz? Amandine, mach sogleich Feuer an und trage mit deinem Bruder ein armes Madchen an den Kamin, das ich aus der Seine gerettet habe, knapp vorm Ertrinken.. Sie liegt unten in der Laube.«
Mit zwei Satzen waren die Kinder in der Laube, und die Wolfin am Ende des Ganges, der zu Martials Stube fuhrte.. Mit einem wuchtigen Axthiebe zertrummerte sie die Tur.. und bleich, fast kaum noch imstande, sich zu bewegen, sank Martial in die Arme der Geliebten.
»Endlich, endlich habe ich dich wieder, Martial,« rief die Wolfin und trug ihn auf eine im Gange stehende Bank. Dort sa? Martial, ein paar Minuten lang matt, mit verstortem Gesicht um sich starrend, bemuht, sich von den Qualen zu erholen, die er gelitten hatte. Zitternd vor Freude und Angst, ihren Liebsten wiedergefunden zu haben und vielleicht wieder verlieren zu sollen, die Augen in Tranen gebadet, lag die Wolfin auf den Knien und beobachtete alle Bewegungen in Martials Gesicht, der sich allmahlich zu erholen schien und in gewaltigen Zugen die reine Luft einsog. – »Jetzt – atme ich, – ich atme. – Mein Kopf wird freier –« sagte Martial, der nun ganz zu sich kam. Dann rief er, als erkenne er jetzt erst den Dienst, den ihm die Wolfin geleistet hatte, im Tone unaussprechlichen Dankes: »Ohne dich hatte ich sterben mussen, meine gute Wolfin.« – »Hast du Hunger?« – »Nein, – ich bin zu matt. Am meisten litt ich unter dem Mangel an Luft. Ich wurde erstickt sein, es ware schrecklich gewesen.« – »Aber deine Hande – deine armen Hande! Diese Wunden! Mein Gott, was haben sie dir getan?« – »Niklas und die Schwester, die mich nicht zum zweiten Mal anzugreifen wagten, hatten mich eingesperrt, um mich verhungern zu lassen. – Ich wollte sie hindern, den Fensterladen zuzunageln – und die Schwester hieb mit dem Beile auf die Hand.« – »Die Unmenschen! Man sollte glauben, du hattest krank werden und sterben mussen. Deine Mutter hatte schon erzahlt, du warst so krank, da? du nie wieder aufkommen wurdest. – Deine Mutter – Mann – deine Mutter!«
»Sprich nicht von ihr,« – sagte Martial bitter. – Dann erst bemerkte er die nassen Kleidungsstucke und das seltsame Aussehen der Wolfin und fragte: »Was ist dir geschehen? Dein Haar ist ganz na?? Du bist im Unterrock? Und der ist auch ganz na??« – »Ich wu?te, da? du in Gefahr warst, fand kein Boot –« »Und du bist herubergeschwommen? Meine gute Wolfin!« rief Martial. »Meinetwegen solches Wagnis!« – »O, nicht ich war in Gefahr, sondern ein armes Madchen, das ich glucklich gerettet, als ich den Fu? auf die Insel setzte.« – »Du hast sie gerettet? Wo ist sie?« – »Unten bei den Kindern.« – »Wer ist das Madchen?« – »Ach, wenn du wu?test, welcher Zufall, welcher gluckliche Zufall hier gewaltet hat! Sie ist mit mir in Saint-Lazare gewesen und ein Madchen, wie man ihrer nicht viel findet. – Hore! Ich wollte dich um etwas bitten. Darum war ich hergekommen.«
»Gut! sage, was ich tun soll; aber nur mu? ich gleich betonen, ich verlasse Amandine und Franz nicht mehr.« – »Deinen kleinen Bruder und deine kleine Schwester?« – »Ja; ich mu? Vaterstelle bei ihnen vertreten, mu? fur sie sorgen. Man mochte sie zu Spitzbuben machen, und um sie zu retten, werde ich mit ihnen fortgehen – dich nehme ich auch mit.« – »Du willst mich mitnehmen?« rief die Wolfin in freudigem Erstaunen aus. Sie konnte an ein so gro?es Gluck nicht glauben. »Ich soll dich nicht mehr verlassen?« – »Nein, meine gute Wolfin, nie! Du hilfst mir die Kinder erziehen. Ich kenne dich; wenn ich zu dir sage: meine arme kleine Amandine soll ein braves Madchen werden, sprich mit ihr in diesem Tone, so wirst du eine gute Mutter fur sie sein, ich wei? es.« – »Ach, ich danke dir, Martial, ich danke dir.«
»Wir leben als rechtschaffene Leute; wir finden Arbeit, verla? dich darauf, und wir wollen arbeiten wie Sklaven. Die Kinder sollen wenigstens nicht werden wie ihr Vater und ihre Mutter. Aber was ist dir? was hast du?« – »Martial, es ist zu viel! Eben darum wollte ich dich ja bitten, mit dir in den Wald zu ziehen, hinfort dort leben als deine ehrsame Frau – als die Frau eines mit einer eintraglichen Stelle bekleideten ehrlichen Mannes!«
Martial sah sie nun seinerseits mit Verwunderung an, denn er verstand ihre Reden nicht. »Was faselst du von einer Stelle?« – »Du sollst Waldhuter werden.« – »Und bei wem?« – »Die Gonner des Madchens, das ich gerettet habe, wollen dich damit versorgen.« – »Ach, das ware ja gro?artig,« rief Martial, »der Franz ist zwar noch nicht vollig verdorben, aber doch so lange bei den andern Geschwistern gewesen, da? es ihm im Walde besser gefallt als in der Stadt. Amandine konnte dir in der Wirtschaft zur Hand gehen, und ich gebe gewi? einen Jager ab so gut wie irgend einer, der eine Buchse fuhren kann, bin ich doch kein schlechter Wilddieb gewesen. Du aber warst meine Hausfrau, gute Wolfin, und dann hatten wir Kinder, was fehlte uns noch? Hat man sich einmal an den Wald gewohnt, so fuhlt man sich darin wie zu Hause; man konnte hundert Jahre da leben, ohne da? man Langeweile fuhlte. Aber bin ich nicht ein Narr? Du hattest von solch schonem Leben lieber nichts sagen sollen – es erweckt Sehnsucht und kann einem doch nichts nutzen!«
»Wenn die arme, kleine Schalldirne sich tauscht, so liegt es an den andern, denn sie sah ganz aus, als glaubte sie, was sie sagte. Uebrigens sagte mir die Aufseherin, als ich das Gefangnis verlie?, ihre Gonner, die gar vornehme Leute waren, hatten auch ihre Freilassung bewirkt, doch wohl ein Beweis dafur, da? sie auch halten kann, was sie mir versprochen hat.« – »Ich wei? aber nicht,« sagte Martial, indem er rasch aufstand, »was wir eigentlich denken.«– »Was meinst du?« – »Das junge Madchen liegt unten vielleicht im Sterben, und statt ihr beizustehen, sitzen wir da und schwatzen.« – »Beruhige dich, Franz und Amandine sind bei ihr, und wenn es schlimmer mit ihr geworden ware, waren sie sicher heraufgekommen. Aber du hast recht, wir wollen zu ihr gehen; du mu?t sie sehen, verdanken wir doch ihr all unser Gluck!« Martial stutzte sich auf den Arm der Wolfin und ging die Treppe hinunter.
Marienblume, von Franz und Amandinen neben das Feuer in der Kuche getragen, lag noch immer ohne Bewu?tsein, als der Graf von Saint-Remy mit dem Doktor Griffon aus Niklas' Boot stiegen, auf dem sie vom andern Ufer herubergekommen waren. Der Doktor nahm sich der Ohnmachtigen sofort an. Er war ein hagerer, bleicher Mann von hoher Figur mit Glatze. Sein Gesicht verriet Kalte, aber auch nicht ungewohnlichen Verstand.. »Eine hervorragende Schonheit!« sagte der Graf, das Madchen mit traurigem Blicke betrachtend, »und noch so jung!« – »Das Alter hat nichts zu sagen,« erwiderte der Arzt rauh, »auch nicht das Wasser, das sich in den Lungen schon angesammelt hat.« – »Glauben Sie, das Madchen noch retten zu konnen?« – »Viel Hoffnung ist nicht vorhanden,« versetzte Doktor Griffon, »sind doch die Extremitaten schon kalt!«
In diesem Augenblicke kam Martial herein, auf den Arm seiner Liebsten gestutzt, die sich den karierten Umhang seiner Schwester umgenommen hatte. Als der Graf ihn sah, fragte er, wer der Mann sei.. »Mein Mann,« antwortete die Wolfin, auf Martial einen unbeschreiblichen Blick voll Stolz und Liebe heftend. – »Ei, Sie haben eine recht mutige Frau,« sagte der Graf zu Martial, »ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie sie dies junge Madchen da aus dem Wasser gefischt hat!« – »Das wohl,« antwortete Martial, »brav und unerschrocken ist sie, das mu? man sagen, hat sie mich selbst doch auch eben aus hochster Not gerettet!« – »Aber, Mann, was ist denn mit Ihren Handen geschehen? Die sind ja ganz zerhackt!« – Doktor Griffon sah sich um, lie? sich die Hande Martials zeigen und hie? ihn sie auf- und zumachen ... »Zum Gluck,« sagte er, »ist keine Sehne verletzt. Der Mann wird die Hande also wieder brauchen konnen.« – »Gott sei Dank!« rief die Wolfin; »und das Madchen unten? Sie kommt doch mit dem Leben davon? Wie?.. Es ware ja gra?lich, konnten wir ihr nicht einmal danken fur alles, was wir ihr
