verfugte er sich zu der Herzogin von Lucenay, um ihr fur den ihm abermals geleisteten Dienst seinen Dank abzustatten. Ein Lakai offnete die beiden Flugelturen und meldete ihn an. Die Herzogin, die der Meinung war, der Graf konne seinem Sohne nicht verschwiegen haben, da? sie mit ihm zusammen gelauscht, da? auch sie alles mitangehort habe, war nicht blo? erstaunt, den Vicomte bei sich zu sehen, sondern hochst unwillig daruber, da? er zu ihr kam... Mit den Worten: »Teure Klotilde! Wie gutig sind Sie!« trat er auf sie zu... Aber er konnte nicht weiter sprechen, denn die Herzogin ma? ihn mit einem so kalten, verachtlichen Blicke, da? ihm aller Mut sank, da? er keinen Schritt weiter entgegenzugehen wagte. So hatte er sie noch nie gesehen und konnte kaum glauben, da? er derselben Frau gegenuberstande, die er so oft so zartlich, so sanft, so liebevoll und unterwurfig gesehen hatte. Kaum war aber seine erste Ueberraschung verflogen, so schamte er sich seiner Schwache, und seine gewohnliche Keckheit gewann wieder die Oberhand ... Einen Schritt naher zu der Herzogin tretend, wollte er ihre Hand ergreifen und begann im einschmeichelndsten Tone: » Aber, Klotilde! Was ist dir denn? So schon habe ich dich ja noch nie gesehen und doch ...« – »Das geht doch zu weit!« rief die Herzogin emport und so weit zuruckweichend, da? Florestan abermals wie niedergedonnert dastand ... Langsam sammelte er sich aber und fragte: »Aber, wollen Sie mir nicht wenigstens sagen, woher diese jahe Wandlung kommt? Habe ich Ihnen denn etwas zu leide getan? Was begehren Sie?«
Ohne ihn einer Antwort zu wurdigen, ma? ihn die Herzogin vom Kopf bis zu den Fu?en mit einer so verletzenden Miene, da? Florestan die Zornesrote in die Wangen scho? und er ausrief: »Madame, da? Sie es zuweilen lieben, Verhaltnisse jah abzubrechen, wei? ich, aber ich hielt mich gefeit dagegen und frage Sie jetzt nur: Liegt Ihnen daran, unser Verhaltnis abzubrechen?« – »Eine wunderliche Anma?ung!« erwiderte die Herzogin mit hohnischem Lachen, »bestiehlt mich ein Lakai, dann breche ich nicht ab mit ihm, sondern werfe ihn zum Hause hinaus!« – »Madame!« rief Vicomte. – »Machen wir ein Ende!« rief die Herzogin, noch immer in demselben beleidigenden Tone, »Ihre Gegenwart ist mir ein Greuel! Was wollen Sie noch hier? Haben Sie Ihr Geld nicht erhalten?« – »Also habe ich doch richtig geraten? Diese 25 000 Franks stammen von Ihnen?« – »Nun, Ihr letzter falscher Wechsel ist prasentiert worden, nicht wahr? Hoffentlich haben Sie ihn eingelost und also die Ehre Ihres Namens, Ihrer Familie gerettet? ... Nun aber gehen Sie!«
»Klotilde! Klotilde!«
»Nennen Sie mich nicht noch ein einziges Mal so!« rief die Herzogin emport: »schade um das schone Geld! Wieviel rechtlichen Menschen hatte damit geholfen werden konnen! Aber es war notwendig, den Schimpf von Ihrem Vater zu nehmen, den Schimpf von mir zu nehmen!« – »Sie wissen also alles? Klotilde, alles? dann bleibt mir freilich nichts anderes ubrig als der Tod ...« – Die Herzogin lie? ein schrilles Lachen horen... »Ich hatte nicht geglaubt,« rief sie hohnisch, »da? Niedertrachtigkeit sich so albern breitmachen konnte ...« – Aus Florestans Zugen flammte wilde Wut ... »Madame!« schrie er. – »Genug, genug!« rief die Herzogin, »auf der Stelle verlassen Sie meine Wohnung!«
Mit wutverzerrtem Gesicht drehte Saint-Remy sich auf dem Absatze herum und sturzte aus dem Zimmer ... Im Hofe angelangt, herrschte er seinem Kutscher zu: »Nach Hause!« und war mit einem Satze im Wagen ... Als er zu Hause ankam, meldete ihm der auf ihn wartende Lakai, da? sein Herr Vater bereits auf ihn warte ...
»Es ist auch ein anderer Mann noch da, ein Herr Petit-Jean, den der Herr Vicomte heute abend um zehn hierher bestellt haben.«
»Gut!« rief der Vicomte und trat in sein Zimmer ... »Ach, lieber Papa, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, da? ich Sie habe warten lassen ...« – Der Graf fiel ihm mit strenger Stimme ins Wort: »Ist der Mann zur Stelle, der den gefalschten Wechsel in Handen hat?« – »Jawohl, Vater, er wartet unten.« – »So la? ihn heraufkommen!« – Florestan klingelte.
»O, Vater, Sie sind wirklich edel und voll Gute!« sagte er. – »Mein Name soll nicht entehrt werden und wird nicht entehrt werden, solange ich uber ihn wachen kann,« versetzte der Graf und sah seinen Sohn mit seltsamem Blicke an ...
»Herr Petit-Jean,« meldete der Kammerdiener, einen Menschen mit bauernschlauem Gesicht, auf dem deutlich die Gemeinheit zu lesen stand, in das Zimmer fuhrend. – »Wo ist der Wechsel?« fragte der Graf. – »Hier, Herr Graf,« erwiderte Petit-Jean, der nichts anders war als der vorgeschobene Agent Jakob Ferrands – und behandigte dem Grafen den Wechsel. – »Ist das der richtige Wechsel?« fragte er den Sohn. – »Ja, Vater,« antwortete dieser. – Der Graf nahm aus seinem Portefeuille 25 Tausendfranks-Scheine und gab sie dem Sohne mit den Worten: »Da, nimm und bezahle!« –
Mit einem tiefen Seufzer ubergab Florestan dem Agenten das Geld und nahm den Wechsel dafur entgegen. Petit-Jean uberzahlte das Geld genau und steckte es dann in seine Brieftasche. Wahrend der Graf den Mann zur Tur hinaus begleitete, zerri? Florestan den Wechsel, bei sich denkend: »Auf diese Weise bleiben mir doch wenigstens die 25 000 Franks von Klotilden, das ist immerhin ein Trost! Aber wie sie mich behandelt hat, war geradezu schandlich ... Was mag denn Papa drau?en mit dem Wichte Petit-Jean reden?«
Da fuhr er unwillkurlich zusammen, denn er horte, wie die Tur zweimal verschlossen wurde, und sah im andern Augenblicke den Vater vor sich stehen ... »Mir war es doch, als wenn die Tur geschlossen wurde, Vater.« – »Ganz recht. Ich habe sie geschlossen.« – »Und warum?« fragte Florestan verwundert. – »Du sollst es gleich horen,« antwortete der alte Graf mit der strengen Stimme von vorhin. »Heute fruh beherrschte dich kein anderer Gedanke als: der Vater la?t solchen Makel nicht auf seinen Namen kommen und wird schon Geld schaffen, wenn ich ihn durch ein paar reuige Redensarten murbe mache« ... »Aber, Papa!« – »Still!« befahl der Graf, »unterbrich mich nicht! Aber ich habe mich durch dich nicht irre fuhren lassen! Du kennst weder Reue noch Scham, denn du bist bis ins Mark verdorben und hast nie einen rechtschaffenen Gedanken gehabt. Erst hast du mir, um deine Launen zu befriedigen, Geld aus dem Kasten gestohlen; dann kamen andere unsaubere Dinge, Gemeinheiten, erbarmliche Streiche, zuletzt wurdest du zum Verbrecher, zum Falscher ... Aber das ist nur der erste Abschnitt deiner Laufbahn, hast du dir schon gesagt, wie der zweite verlaufen wird? Ich mag ihn dir nicht ausmalen; aber das Ende will ich dir sagen: es wird das Schafott sein, das dem Morder winkt! – Noch komme ich zurecht, meinen Namen vor dem au?ersten Schimpfe zu bewahren. Das Verhaltnis zu dir mu? ein Ende nehmen!«
Florestan fuhr vor dem starren Ausdruck, den das Gesicht seines Vaters annahm, entsetzt zusammen und stotterte: »Ein Ende nehmen? Vater! Was meinen Sie mit diesen Reden?«
Da wurde heftig an die Tur geklopft... Florestan wollte hinsturzen; aber der alte Graf packte ihn mit eiserner Faust am Handgelenk und hielt ihn zuruck... »Wer begehrt Einla??« fragte er. – »Ich bin Polizeikommissar und soll Haussuchung halten. Ein Herr von Saint-Remy ist angeschuldigt, Diamanten gestohlen zu haben. Juwelier Baudoin hat die Anzeige erstattet. Wird nicht geoffnet, mu? ich Gewalt brauchen.« – »Also schon beim Spitzbuben angelangt?« rief der Graf leise, aber mit markdurchdringender Stimme; »ich habe mich also nicht getauscht.« Er trat einen Schritt naher zu dem Sohne heran... »Es ist der Schande genug. Kommen wir zum Abschlu?! Du wirst dir auf der Stelle eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn du nicht zum Morder an mir werden willst. Denn weigerst du dich, es zu tun, so schie?e ich mich vor deinen Augen nieder!«
Er gab seinem Sohne ein Pistol in die Hand, das er kaltblutig aus der Tasche genommen hatte. Totenbleich wich Florestan vor dem Greise zuruck, der ihn noch immer an der Hand hielt. Aus dem Blicke seines Vaters konnte er ersehen, da? er auf kein Mitleid rechnen durfte... Ein verzweifelter Entschlu? beseelte ihn, er leistete dem Vater keinen Widerstand mehr, sondern rief mit Festigkeit und Ergebung: »Sie haben recht, Vater, geben Sie die Waffe her! Mein Name ist entehrt. Ich habe ein schlimmes Leben zu erwarten, das der Muhe, es zu erhalten, nicht lohnt... Her die Waffel Ich will Ihnen zeigen, da? ich kein Feigling bin!«
Drau?en krachte die Tur und brach in Trummer... »Vater, sie kommen... Ja, ich fuhle, der Tod wird mir eine Wohltat sein ... Gehen Sie den Leuten entgegen, damit kein Verdacht wider Sie aufkomme! Brachen sie herein, dann mochten sie mich an der Tat hindern ...«
Schritte klangen aus dem Vorzimmer. Florestan setzte das Pistol aufs Herz. In demselben Moment knallte der Schu?, als der Graf, dem gra?lichen Anblicke zu entgehen, das Gesicht abwendend, aus dem Zimmer eilte ...
Als der Kommissar den Knall horte und des alten Grafen entsetztes Gesicht sah, blieb er einen Moment auf der Schwelle stehen und winkte seinen Leuten, nicht weiter zu gehen ... »Herr Graf,« wandte er sich zu dem alten Saint-Remy, »ersparen Sie sich einen schmerzlichen Anblick und gehen Sie aus diesem Hause ... Mir liegt jetzt eine traurigere Pflicht ob, als die mich herfuhrte!« – »Sie haben recht,« versetzte der Graf ... »wie hoch belauft sich die Summe, um die der Juwelier bestohlen worden?« – »Auf 30 000 Franks,« antwortete der Polizeikommissar, »die Person, die sie kaufte und durch die der Diebstahl an den Tag kam, hat diese Summe an – Ihren Sohn dafur bezahlt.« – »Nun, den Betrag zu decken, wird mein Vermogen gerade noch reichen. Sagen Sie dem Bestohlenen, er moge sich zum Bankier Dupont bemuhen; er wird die notigen Weisungen dort
