Vicomte von Saint-Remy stand vor dem volligen Ruin. All seine Pferde und Equipagen hatte er bereits seinem Stallknecht, alles Mobiliar, alle Gemalde, wie auch die Einrichtung seines Hauses seinem Kammerdiener verpfandet. Sein Vater lebte zuruckgezogen in Asnieres und verkehrte mit seinem Sohne gar nicht. Das hing so zusammen: Seine Gemahlin hatte mit einem polnischen Grafen ein Liebesverhaltnis unterhalten, und der Vicomte hatte triftigen Grund zu der Annahme, da? Florestan – so hie? der junge Vicomte – gar nicht sein Sohn sei. Diesen Galan seiner Frau hatte er in einem Duell erschossen; bald darauf war seine Frau verstorben und hatte ihrem Sohne eine Million vermacht, die dieser jedoch in kurzer Zeit vergeudet hatte.

Urplotzlich war nun der alte Vicomte in Paris aufgetaucht, um sich nach Frau von Fermont, uber deren Ungluck er unterrichtet worden war, zu erkundigen. Der verstorbene Gemahl dieser Frau hatte ihm bei jenem Duell mit dem polnischen Grafen als Sekundant gedient und war zeitlebens sein intimster Freund gewesen. Nun fuhlte er sich um so mehr verpflichtet, seiner hinterbliebenen Frau in ihrer prekaren Lage beizustehen, als er den Verdacht hegte, da? deren Bruder – derselbe Edelmann, der das gesamte Vermogen der Frau von Fermont, seiner Schwester, dem Notar Jakob Ferrand uberantwortet hatte, keines naturlichen Todes gestorben, sondern ermordet worden sei. Durch die Herzogin von Lucenay, mit deren Vater, dem Fursten von Noirmont, er gleichfalls befreundet war, hatte er erfahren, da? Frau Marquise von Harville die Spur der mit ihrer Tochter im tiefsten Elend lebenden Frau von Fermont gefunden habe; indessen war, wie der Leser ja wei?, Frau von Harville auf Rudolfs Rat zu ihrem Vater, dem Grafen von Orbigny, gereist, um einen dessen Leben drohenden Anschlag, den seine zweite Frau im Verein mit Bradamanti, alias Polidori, geschmiedet hatte, womoglich zu vereiteln. In dem alten Vicomte war zweifellos dem Notar Ferrand ein sehr gefahrlicher Feind erstanden.

Der alte Vicomte begab sich zu seinem Sohne, dem jungen Vicomte Florestan. Als er dessen Palais betrat, bemerkte er an einer Tur die ihm von ihrer Jugend her bekannte Herzogin von Lucenay lauschend stehen. Die Worte, die gleich darauf zu seinen Ohren drangen, bestimmten ihn, an ihrer Seite zu bleiben und gleichfalls einem Gesprache zuzuhoren, das im Nebenzimmer zwischen seinem Sohne Florestan und dessen Agenten Badinot stattfand. Badinot drohte dem jungen Vicomte, ihn wegen der Wechselfalschungen, die man entdeckt habe, auf die Galeeren zu bringen, wenn er nicht sofort den Betrag des letzten Darlehns von 25 000 Franks hinterlegte, und forderte ihn auf, sich noch einmal an Frau von Lucenay zu wenden, die als seine Geliebte doch sicher fur ihn alles tun wurde ... Florestan erklarte darauf, da? damit nicht zu rechnen sei, da die Herzogin ihm bereits 100 000 Franks vorgestreckt habe, an deren Ruckzahlung er nicht denken konne, Nach langem Hin und Her versprach er, den Versuch machen zu wollen, und Badinot entfernte sich ...

Als die Tur sich hinter Badinot geschlossen hatte, fing Florestan zu jammern und zu wehklagen an. Augenscheinlich hatte ihn die hochste Verzweiflung befallen. Drau?en hatten sowohl die Herzogin von Lucenay als der alte Vicomte diesem Gesprache zwischen dem Wucherer Badinot und dem jugendlichen Falscher mit au?erster Spannung gelauscht, und beide waren aus tiefstem Herzen unglucklich daruber, da? der Mann, dem sie ihre Liebe geschenkt hatten, den Pfad der Ehrlosigkeit gewandelt war und jetzt vor der traurigsten Zukunft stand, wenn er sich nicht zu dem Entschlusse aufraffte, seinem Leben freiwillig ein Ziel zu setzen. Der alte Vicomte schien ganz zusammenbrechen zu wollen, und sein Anblick ruhrte die Herzogin auf das tiefste...

»Mut, Mut, mein lieber alter Freund,« sagte sie leise zu ihm, »ich wei?, was mir zu tun bleibt ... fur Sie sowohl als fur Ihren Sohn, den lieben und doch so bosen, bosen Menschen.« –

Der alte Vicomte starrte sie an. Dann schien er sich aufzuraffen, sein Kopf schnellte in die Hohe, auf sein Gesicht trat ein Ausdruck unheimlichen Zornes ... und vergessend, da? sein Sohn ihn horen mu?te, rief er mit Stentorstimme: »Auch ich wei?, was mir um Ihret-, um seinet-, um meinetwillen zu tun bleibt!«

Au?er sich vor Besturzung, fragte Florestan, wer da sei. Die Herzogin, die eine Begegnung mit ihm in diesem Augenblicke furchtete, verschwand durch eine Seitenpforte und lief eine versteckte Treppe hinunter. Noch einmal fragte Florestan, wer da sei, und da er keine Antwort erhielt, trat er in das Zimmer ... wich aber erschrocken zuruck, als er sich seinem Vater gegenuber sah, den er in der bescheidenen Kleidung, die er trug, fast nicht wiedererkannte, und der mit flammenden Blicken, mit Zornesrote auf der Stirn, das wei?e Haar zu Berge stehend, die Arme uber der Brust gekreuzt, ihn mit Blicken ma?, als ob er ihn durchbohren wolle... »Vater!« rief Florestan mit bebender Stimme, »Vater! Sie hier?« – »Ja,« erwiderte der alte Vicomte, »und ich wei?, was du eben fur Besuch hattest!« – »Sie haben alles gehort?« – »Alles! Alles!«

Florestan, uber das unerwartete Erscheinen seines Vaters nicht sowohl verwundert als erschrocken, gedachte bald des Vorteils, den er aus solchem Zufall zu ziehen vermochte ... »Na, so scheint doch noch nicht alles verloren!« sprach er bei sich; »mein Vater wird seinen Namen nicht brandmarken lassen, sondern alle Hebel ansetzen, seinen Sohn vor der tiefsten Schande zu bewahren,« Mit heuchlerischer Miene trat er auf den Greis zu... »Wenn Sie das Gesprach mitangehort haben, das ich eben mit diesem Wucherer fuhrte, so kennen Sie meine Situation genau... Nun denn, ich bekenne mich einer schimpflichen Auffuhrung schuldig, Vater, und mache keinen Versuch, sie zu beschonigen... Mir sind jetzt nur zwei Auswege noch offen, und zu beiden bin ich entschlossen: entweder bringe ich mich um, denn wenn ich nicht heute 25 000 Franks bezahle, dann klagt der Wicht von Badinot, und ich bin gebrandmarkt... oder ich werfe mich Ihnen in die Arme, Vater, und flehe Sie an, mich zu retten. Und wenn Sie es tun, wenn Sie mich aus diesem schrecklichen Dilemma erretten, dann gelobe ich Ihnen, morgen nach Algier mich einzuschiffen und mich dort in das Freiwilligenregiment einreihen zu lassen, um entweder vorm Feinde zu sterben oder dereinst als herrlicher, ruhmgekronter Krieger in die Heimat zuruckzukehren.«

Der alte Graf erhob sich... »Meinen Namen werde ich nicht brandmarken lassen,« sagte er kalt zu seinem Sohne; »gib mir Papier, Feder und Tinte!« – Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb mit fester Hand: »Ich verpflichte mich, bis heut abend um 10 Uhr die 25 000 Franks zu bezahlen, die mein Sohn zu bezahlen sich durch seine Unterschrift verpflichtet hat. Graf von Saint-Remy.« Dann herrschte er seinen Sohn an: »Du wirst mich heut abend hier erwarten. Um 10 Uhr bin ich mit der Summe zur Stelle. Der Mann, dem du das Geld schuldig bist, soll zur Stelle sein ...« – »Gut, Vater, und ubermorgen werde ich nach Algier unterwegs sein ... Sie werden sehen, da? ich kein undankbarer Mensch bin; und vielleicht wenden Sie mir Ihre Liebe wieder zu, wenn ich ehrlich gebu?t habe?«

»Du bist mir keinen Dank schuldig,« versetzte der Graf, »ich habe gesagt, ich will nicht, da? mein Name entehrt werde, und das zu verhindern, werde ich tun, was ich tun mu?!« Nach diesen Worten nahm der Graf seinen Stock und ging.

Florestan klatschte vergnugt in die Hande ... »Gerettet, gerettet!« rief er, »wenigstens aus dem argsten Pech, in das ich geraten bin! ... Vielleicht wars das gescheiteste, ich gestunde ihm auch die andere Misere? Er ist nun einmal im Zuge, mir beizuspringen! Allem Anschein nach ist er so arm nicht, wie er sich immer stellt. Bei seiner bescheidenen Lebensweise mu? er ja auch ganz hubsch noch gespart haben, der alte Herr Papa! Ich kann wirklich sagen, da? mir seine Ankunft gelegen kommt, als wenn er mir vom Himmel geschickt ware!«

Er wollte gerade gehen, als an die Tur geklopft wurde ... Auf sein Herein erschien ein Kammerdiener, mit einem silbernen Tellerchen in der Hand, auf dem ein ziemlich dickes, schwarz gesiegeltes Packchen lag ... Florestan erbrach das Siegel. In dem Packchen lagen 25 000 Franks in Bankscheinen. Sonst weiter nichts ... »Hurra!« rief er, »das war einmal ein Tag! Jetzt bin ich aus allen Schwulitaten! bin vollstandig gerettet! Hurtig nun zum Juwelier! Aber – vielleicht ist's doch besser noch zu warten ... Verdacht gegen mich kann man nicht haben ... Furs erste will ich die 25000 Franks doch lieber noch behalten ... Aber woher kommt mir das Geld in die Bude geschneit? Ich kenne die Handschrift ja nicht ... aber das Siegel? N. und L. – Aha! Von Klotilden! Sie hat gewi? was lauten gehort ... Aber da? sie kein Wort dazu schreibt, ist doch seltsam... Ei! Jetzt fallt mir ein, da? ich ihr zu heut fruh ein Stelldichein versprochen hatte. Das ist mir uber den Drohungen dieses Badinot ganz aus dem Gedachtnis gekommen... Sie hat gewi? auf mich gewartet und ist wieder weggegangen!... Heda, Jean!« rief er dem Lakaien zu, »wer hat dies Paket da gebracht?« – »Kanns nicht sagen, Herr Vicomte,« antwortete der Diener.

Zweites Kapitel.

Die Zusammenkunft

Das Palais Lucenay war eine jener wahrhaft koniglichen Wohnungen der Vorstadt Saint-Germain, die wegen des darin verschwendeten Raumes eigentumlich gro?artig wirken. Im Treppenraume solchen Palastes, fande recht wohl ein modernes Haus Unterkunft, und an der Stelle, wo sie stehen, konnte man eine ganze Stra?e anlegen... Vicomte von Saint-Remy hatte zunachst seinen Glaubiger von der Verpflichtung seines Vaters, mit dem Gelde um 10 Uhr bei ihm zu sein, unterrichtet, und dieser hatte sich einverstanden erklart, bis zu dieser Zeit zu warten. Dann

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