– mit Martials seit langen Jahren im Verkehr. Micou war ein dicker Mann im Alter von annahernd funfzig Jahren, mit einem gemeinen, aber pfiffigen Gesicht, in welchem sich eine mit Finnen und Bluten reichbesetzte Nase zwischen von Schnaps und Wein geroteten Backen breit machte. Auf dem Kopfe hatte er eine Otterfell-Mutze; seinen Oberleib deckte ein alter gruner Carrick.

In dem Raume des Erdgeschosses, worin er hauste, war kaum ein Fleck zum Gehen frei; an den Wanden hingen allerhand Ketten, und auf dem Estrich lag allerhand Eisen- und anderes Gerat herum ... Es wurde dreimal an die Tur geklopft. Micou spitzte die Ohren. Es war das Zeichen, da? ein vertrauter Gast Einla? begehrte... Auf sein Herein erschien Niklas, der Sohn der Witwe Martial, auf der Schwelle, dessen Gesicht noch finsterer als gewohnlich aussah und eine unheimliche Blasse zeigte ...

»Na, da kommst du doch,« sagte Micou in freundlicher Weise zu ihm. »Was hat dich wieder mal hergefuhrt?« – »Geschafte, Vater Micou, Geschafte!« – »Bringst du Rost oder Blares?« – »Blares, Micou, vier stattliche Stucke! Mein Hund hats kaum ziehen konnen.« – »Na, so brings herein! Wir wollens wiegen.« – »Micou, Ihr mu?t mir dabei helfen, denn mein Arm ist ladiert.« Und die Erinnerung an den mit dem Bruder gefuhrten Kampf verzerrte ihm das Gesicht zu Ha? und wilder Freude, als wenn er endlich seine Rachlust gestillt hatte.

Zweimal mu?ten sie gehen, um den Karren zu leeren, vor den ein kraftiger Hund gespannt war ...

»Wie gehts und stehts daheim, Niklas?« fragte der Hehler, das Kupfer abwiegend; »Mutter und Schwester wohlauf?« – »Ja, Micou.« – »Und die Kleinen auch?« – »Ja, Micou.« – »Der Martial macht noch immer Spane?« – »Kanns nicht sagen, Micou,« antwortete Niklas, »hab ihn ein paar Tage lang nicht gesehen. Vielleicht ist er auf Wilddieberei ausgewesen und verungluckt; vielleicht hat er auch im Boote Pech gehabt?« – »Oho!« rief Micou, »und dir lockts keine Trane in die Augen? Freilich, hast ja den Bruder nie leiden mogen! – Doch nun zum Geschaft! Wie schwer wiegen die Kupferzaine?« – »Hast doch ein gutes Augenma?, Micou! Zusammen sinds 150 Blares.« – »Und was willst du dafur?« – »Drei?ig Franks.« – »Bist nicht gescheit, Niklas. Kein Mensch zahlt mir fur ein Pfund Blares mehr als 20 Sous.« – »Micou, nur nicht gar zu viel schinden! Ich will Ware dagegen nehmen; dann verlange ich aber, was ich sagte, auf Heller und Pfennig.« – »Was brauchst du? Ketten oder Klammern?« – »Eisenblech, 3-4 Stucke, um Fensterladen zu beschlagen.« – »Das kannst du haben.« – »Dann brauche ich drei Eisenstangen von zwei Zoll Starke und etwa 3–4 Fu? Lange, mit zwei Scharnieren und einer Klinke, um eine Klappe von zwei Fu? im Quadrat bequem schlie?en und offnen zu konnen.« –

»Also eine Falltur willst du konstruieren?« – »Nicht doch, blo? eine Klappe ...« – »Und wozu willst du solches Ding haben?« – »Was scherts dich? Such mir alles zusammen! Ich wills mit heimnehmen, wenn ich ein paar Wege besorgt habe.« – »Hast wohl noch mehr unterzubringen? Was ist denn das fur ein Ballen, den du noch auf deinem Karren hast?« – »Was scherts dich?« fragte Niklas wieder grob; »fur dich pa?t's nicht, was noch drau?en liegt. La? mich mit dem Eisen aber nicht warten, Micou! Ich mu? zu Mittag wieder auf der Insel sein. Bei dir gehts doch auch gut?« – »Hm, man kann nicht klagen. Ein paar Einmieter, die sich vor der Polizei nicht ganz geheuer fuhlen, finden sich ja immer bei mir ein. Vor ein paar Tagen hat mir ein Vetter ein paar Weiber hergeschickt, aus denen ich nicht gescheit werde. Mutter und Tochter, sehr armlich gekleidet, hatten ihr ganzes Hab und Gut im Schnupftuche bei sich, von Ausweispapieren keine Spur! Wollten erst blo? vierzehn Tage bleiben, ruhren sich aber nicht, seit sie einmal da sind; waren sie nicht gar so bla? und mager, konnte man sie schon nennen, besonders die Tochter – die ist doch hochstens 14–15 Jahre alt und wei? wie ein Kaninchen, mit gro?en schwarzen Augen ...«

»Wohnt denn Robin, der dicke Lahme, noch bei dir?« – »Ja, neben der Mutter und der Tochter. Er vertut das Geld, das er aus dem Gefangnisse mitgebracht hat, und wird wohl bald damit fertig sein. Ich vermute, da? er etwas im Sinne fuhrt. Rotarms Junge, der lahme, holte neulich abends Barbillon ab, und mir war es, als ob er sich besonders mit meinen Mietsleuten befa?te... Wenn er ihnen nur nichts anhaben will! Sobald sein Mietsvertrag abgelaufen ist, mu? er weg, keine Minute langer dulde ich ihn im Hause, sondern sage ihm, seine Stube sei an den Mann der Frau von Ildefonse weitervermietet; so hei?t die Dame, die bei mir wohnt und von ihrem Gelde lebt.« – »Von ihrem Gelde?« – »Nun, das will ich meinen! Vorn heraus bewohnt sie drei Zimmer und ein Kabinett, alles neu mobliert, zahlt 80 Franks monatlich pranumerando und bekommt einmal monatlich Besuch von ihrem Onkel, der immer vom Lande hereinkommt, wenigstens hei?t es so, wenn es vielleicht auch nicht zutrifft.« – »Ja ja, das kennt man schon ... Der Onkel wird wohl das Geld hergeben, von dem sie lebt.« – »Still! Da kommt ihre Wartefrau.« –

Eine schon bejahrte Frau, die eine Schurze von zweifelhaft heller Farbe vorgebunden hatte, trat uber die Schwelle... »Was wunschen Sie denn, Frau Charles?« – »Ist Ihr Neffe da, Herr Micou? Herr Badinot la?t bitten, gleich den Brief zur Post zu tragen. Es sei sehr dringlich.« – »In einer Viertelstunde soll der Junge unterwegs sein.«

Die Frau ging wieder ... »So? Das ist die Wartefrau eines Abmieters von Ihnen, Vater Micou?« – »Nicht doch, die Wartefrau der Dame, die von ihrem Gelde lebt, der Frau von Ildefonse... Herr Badinot ist eben der Onkel. Er ist gestern vom Lande hereingekommen ...« und den Brief betrachtend, sagte er weiter: »Da sieh! Der Mann hat die feinsten Konnexionen, auf dem Briefe steht: An Herrn Vicomte von Saint-Remy, Rue de Chaillot. Hochst eilig. Eigenhandig.« Hat man Damen im Hause, die von ihrem Gelde leben, und deren Oheime mit Vicomtes Beziehungen haben, braucht mans mit den Ausweispapieren nicht so genau zu nehmen.« – »Das ist meine Meinung auch ... Aber ich will doch lieber meinen Hund drau?en anbinden und selbst forttragen, was ich noch auf dem Karren habe. Wie gesagt, haltet mir bereit, was ich bestellt habe, auch mein Geld. Ich will mich nachher gar nicht lange aufhalten.«

Niklas ging. Der Hehler steckte die Kupferzaine hinter einen Schrank und suchte dann zusammen, was Niklas bei ihm bestellt hatte, wurde aber hierin durch den Eintritt einer neuen Person gestort ... Es war ein Mann mit pfiffigem, durch einen dichten grauen Bart umrahmten Gesicht, der etwa funfzig Jahre alt sein mochte und eine goldne Brille auf der Nase trug. Er war ziemlich vornehm gekleidet. Unter den schwarzen Samtaufschlagen seines braunen Paletots guckten strohgelbe Handschuhe hervor, und seine Stiefel waren sauber gewichst ...

Es war kein anderer als der ebengenannte Badinot, der Onkel der Frau von Ildefonse, auf deren Eigenschaft als Mieterin seines Hauses sich Vater Micou soviel zu gute tat. Badinot war Advokat gewesen, aus der Korporation aber ausgesto?en worden und lebte jetzt als Industrieritter und Agent in allerhand zweifelhaften Geschaften, war bekannt geworden mit dem Baron von Graun und hatte ihm wiederholt mit Ausweisen uber Personen gedient, die fur ihn Interesse hatten ... »Frau Charles hat Ihnen eben einen Brief gebracht, der gleich besorgt werden sollte,« sagte er zu Micou, »geben Sie mir, bitte, den Brief wieder. Ich habe mich anders besonnen und will selbst zum Vicomte von Saint-Remy, an den der Brief adressiert ist, gehen.« – »Bitte, hier ist der Brief,« versetzte Micou, »sonst hat Herr Badinot nichts zu befehlen?« – »Nein,« antwortete dieser, und sein Gesicht zeigte eine stolze Gonnermiene, »aber Vorwurfe habe ich Ihnen zu machen.« – »Weshalb, mein Herr?« – »Ich dachte, Frau von Ildefonse ware eine Dame, die sehr hohen Zins bezahlt. Sie ist in der Hoffnung hierher gezogen, in Ruhe zu wohnen, wie auf dem Lande, ohne durch Wagengerausch undsoweiter behelligt zu werden, und doch ist's hier im Hause recht unruhig ... So ist meine Nichte gestern einem dicken Menschen auf der Treppe begegnet, der im vierten Stock wohnen soll, und der sternhagelbetrunken die Treppe hinauf humpelte ... er soll obendrein lahm sein – und soll geschrien haben wie ein Wilder, so da? meine Nichte fast in Krampfe gefallen ist.« – »O, Herr Badinot, ich warte ja blo? auf einen Anla?, der mir Grund gibt, den lahmen Wicht vor die Tur zu setzen,« erklarte Micou; »hoffentlich hat Madame nicht noch andere Ursache zu Beschwerde? Neben dem schlimmen Patron wohnt noch ein Brieftrager, der aber mit seiner Frau und Tochter so ruhig sich verhalt, da? man den ganzen Tag kaum ein Wort hort.« – »Meine Nichte beklagt sich uber niemand im Hause als uber den lahmen Menschen. Er lastet wie ein Alp auf diesem Hause und wird, wie ich Ihnen wohl sagen darf, noch alle anstandigen Einmieter aus dem Hause verjagen.«

Mit diesen Worten entfernte sich Badinot ... Da? die Dame mit der schonen Tochter, die so einsam lebten, die beiden Opfer der Ferrandschen Habsucht waren, werde ich dem freundlichen Leser nicht erst zu sagen brauchen.

Achtes Kapitel.

Die Opfer eines Vertrauensmi?brauchs

In ein kleines Zimmer des Oberstocks von Micous Hause dringt nur muhsam ein bleiches, mattes Licht. Ein Tisch aus weichem Holz, ein Stuhl und eine Bettstelle mit Gurtmatratze sind das einzige Mobiliar. Vor dem Stuhle sitzt die Baronesse von Fermont, auf dem Bett ruht ihre Tochter Klara ... Frau von Fermont wird 36, Klara knapp

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