»So? Also trotzen willst du uns?« rief die Mutter. »Nun, ich habe dir gesagt, an diese Nacht sollst du denken, solange du lebst, und wenn du das hundertste Jahr erreichtest ... Also hore mich! Du hast doch nicht vergessen, was in der letzten Weihnachtsnacht hier vorgefallen ist? Da? Rotarm einen gutgekleideten Herrn mit hierher brachte, der alle Ursache hatte, sich eine Zeitlang versteckt zu halten? » – »Ja. Ich ging schlafen und lie? euch allein mit ihm. Nachts kam er her, und am andern Tage hat ihn Niklas nach Saint-Ouen gefuhrt.« – »Du bist im Irrtum, Martial, denn der Mann hatte viel Geld bei sich und hat hier sein Leben gelassen, ist hier ausgeraubt worden und liegt druben im Holzstalle verscharrt.« – »Das ist nicht wahr,« schrie Martial, au?er stande, an dieses neue Verbrechen der seinigen zu glauben, »du willst mich nur in Schrecken jagen, Mutter!« – »Nun, dann frage doch deinen Bruder Franz, an dem du mit so gro?er Liebe hangst. Er mag dir sagen, was er heut morgen im Stalle gesehen hat.« –.»Franz? Und was hat er gesehen?« – »Ein Bein von einer Leiche... Aus der Erde soll es hervorgucken. Nimm doch die Laterne und uberzeug dich davon!« – »Mutter, Mutter.« rief Martial, »das glaube ich nicht!« und er schlug beide Hande vor sein totenbleiches Gesicht. – »Na, dann geh doch hinuber und sieh nach!« erwiderte die Mutter mit hohnischem Gelachter.
Martial war wie vom Blitze getroffen. Zweifel an der Wahrheit der von der Mutter gesprochenen Worte konnte er kaum noch haben, und mit Schrecken gedachte er der Moglichkeit, da? ihn sein Zusammenleben mit den Verbrechern in den Verdacht der Teilnahme bringen, ja da? ihn Mutter und Bruder und Schwester als ihren Mitschuldigen vor Gericht angeben konnten!
Wieder entstand eine lange Pause. Endlich blickte Martial auf und antwortete entschlossen: »Nun, wenn die Dinge sich so verhalten, so werde ich wohl nach wie vor hier bleiben, blo? nicht bei euch in eurem Hause, denn mein Bruder wurde mir nach dem Leben stellen, und die Schwester nicht minder. Da ich aber kein Geld habe und mir also bei fremden Leuten eine Wohnung nicht mieten kann, werde ich mich in dem Schuppen auf der Insel einquartieren. Er hat eine feste Tur, und ich werde sie noch sichern. Dort verbarrikadiert, mit Flinte, Stock und Hund, furchte ich Tod und Teufel nicht. Morgen fruh nehme ich meine jungen Geschwister mit hinuber, tagsuber mogen sie bei mir im Boote bleiben, oder wo ich mich sonst aufhalte, und Abends nachtigen sie bei mir in der Hutte. Was wir zur Leibesnahrung und Notdurft brauchen, bringt uns der Fischfang, und mit der Zeit werde ich schon ein besseres Unterkommen fur sie finden.«
»So? Und du bildest dir ein, wir wurden, das zugeben?« fragte die Mutter mit hohnischem Lachen. – »Mutter, macht was ihr wollt, von der Insel gehe ich auf keinen Fall, und von den jungeren Geschwistern lasse ich auf keinen Fall. Nun wi?t ihr meinen Bescheid! Treibt mich von der Insel weg, wenn Ihr es konnt ... probiert es! Gutwillig gehe ich nicht.« Mit diesen Worten stand er auf, steckte sich Licht an, machte die Kuchentur auf und pfiff seinem Hunde, der freudig winselnd zu ihm herangekrochen kam und ihm in das obere Gestock der Hutte nachschlich. Martial ging ohne Argwohn hinauf, in der Meinung, Niklas werde bis zum Morgen in den Keller eingesperrt bleiben. Als er aus der Kammer, in der die beiden Kinder hausten, einen Lichtstreif sah, trat er hinein. Beide kamen ihm entgegengeeilt, und er ku?te sie beide ...
»Nun, schlaft ihr noch nicht?« fragte er. – »Nein, Bruder Martial, wir haben auf dich gewartet,« sagte Amandine, und Franz setzte hinzu: »Wir horten unten auch laut sprechen, und hatten Bange, da? ihr euch zusammen zanken mochtet.« – »Nun, ihr habt auch nicht unrecht gehabt,« erwiderte Martial: »es hat Zwist gesetzt zwischen mir und dem Niklas. Sagt mal: ware es euch recht, wenn ihr mit mir weg von hier ginget?« – »Ach ja, Bruder,« riefen beide wie aus einem Munde, »ach ja!« – »Nun, so richtet euch drauf ein, da? wir in ein paar Tagen den Fu? von der Insel setzen werden.« – »Ach, ware das ein Gluck!« rief Amandine, freudig in die Hande klatschend. – »Und wohin wollen wir gehen?« fragte Franz. – »Du wirst's schon sehen,« versetzte Martial, »ich werde dich bei einem Tischler oder Schlosser in die Lehre bringen. Du bist stark und gewandt, und wenn du flei?ig bist, so kannst du schon in einem Jahre dir dein Taschengeld verdienen. Und fur Amandine wird sich auch eine Gelegenheit finden, wo sie etwas lernen kann.« – »Ach ja, Bruder,« rief das Madchen, »das mochte ich! das mochte ich fur mein Leben gern! Ach! Wie gern werde ich mit dir und Franz den Fu? von hier setzen!« – »Aber, Kind, was hast du denn um den Kopf gewunden?« fragte er die kleine Schwester. – »Ein Tuch, das mir Niklas geschenkt hat.« – »Mir hat er auch eins geschenkt,« setzte Franz hinzu. – »Und woher wird er sie haben?« fragte Martini; »meint ihr, er habe sie gekauft?« – »Er hat sie aus der Kiste genommen,« sagte Amandine, »die er heut abend mit dem Boote hergebracht hat.« – »Und die er gestohlen hat! Nicht wahr?« sagte Martial. – »Kann wohl sein, Bruder,« antworteten Franz und Amandine wie aus einem Munde. – »Gebt mir die Tucher her,« sagte Martini; »morgen fruh soll Niklas sie wiederhaben; ihr hattet sie uberhaupt nicht von ihm nehmen durfen! Wer von einem Diebe gestohlenes Gut nimmt, ist ebenso strafbar wie der Dieb selbst.«
Martial ging, die Kinder blieben allein und unterhielten sich noch eine Weile uber den Verlust der Tucher, die ihnen beiden uber die Ma?en gefallen hatten und die sie beide recht gern behalten hatten ... Da horten sie, da? drau?en der Schlussel in der Tur herumgedreht wurde ... »Schwester,« rief Franz, »wir werden eingesperrt... warum denn?« – »Ach, Bruder, vielleicht will man uns was zu leide tun?« – »Hore nur, Schwester,« sagte Franz, »klingts nicht, als wenn man mit Hammern gegen Martials Tur schluge? Hore doch nur! Das klingt ja gerade als wurde etwas festgenagelt... Und Martials Hund winselt klaglich!« – »Franz, Franz, ich angstige mich,« schrie Amandine, »was hat man wider unsern guten Martial vor? Sein Hund winselt ja schrecklich!« –
Franz schlich zur Tur hin. Es war aber schon still drau?en geworden. Weder er, noch die Schwester getrauten sich, zu atmen; aber sie lauschten und lauschten, bis sie auf einmal sich bei Namen rufen horten ... »Martial ruft uns!« flusterte Amandine, »Gott! Was gibt es nur? – Die Kuchentur ist aufgemacht worden, ich habs ganz deutlich gehort.« – »Hore nur, Schwesterchen, der Hund heult schon wieder.« – »Ach Gott! Da? wir nicht aus der Kammer heraus konnen! Wir konnen dem armen Bruder gar nicht helfen.« – »Konnte ich hinaus,« rief Franz, »dann versuchte ich mein Aeu?erstes, dem Bruder zu helfen, und wenn man mich gleich in Stucke hiebe!« – »Ach, der arme Martial wei? gewi? nicht, da? man uns eingesperrt hat, und wird nun denken, wir wollen ihm nicht zu Hilfe kommen! Rufe ihm doch zu, da? man uns eingesperrt hat, Franz!«
Eben schickte sich Franz an, diesem Rate seiner kleinen Schwester zu folgen, als von au?en gegen das Ladenfenster ein heftiger Schlag gefuhrt wurde ... »Sie wollen zu uns herein, Franz,« rief Amandine und kroch in den au?ersten Winkel der Kammer, »sie wollen sicher auch uns umbringen!« – Franz teilte zwar die Furcht seiner Schwester, blieb aber auf dem Flecke stehen, wo er stand, ohne ein Glied zu ruhren. Trotz der kraftigen Schlage gab der Laden nicht nach, und jetzt herrschte in dem Hause die tiefste Stille. Martial rief nicht mehr. Franz aber, von unwiderstehlicher Neugierde getrieben, versuchte das Fenster ein wenig aufzumachen, um zwischen den Ritzen der Jalousien hindurch zu lugen ...
»Sieh dich vor, Franz,« warnte ihn Amandine, die sich, als sie das Fenster knarren horte, noch tiefer in ihren Winkel verkroch ... »Sprich! Siehst du was?« – »Laternenschein,« versetzte Franz, »Kurbis steht auf der Leiter ... Sie ruft jemand zu, der unter ihr steht, er moge festhalten.« – »Sicher wollen sie zu Martial durchs Fenster steigen!« – »Kann sein.« – »Sieh doch zu, ob du durch die Jalousie etwas wahrnehmen kannst?« – »Nein, die Mutter konnte es merken. Aber die Leiter ist jetzt an Martials Fenster gelehnt, das kann ich sehen, und nicht Kurbis steigt hinauf, sondern Niklas, mit einem Beile in der Hand ...«
Da horten die Kinder die kreischende Stimme der Mutter .,. »Was? Ihr Satansbrut seid noch nicht zu Bett? La?ts euch nicht einfallen, zu spionieren?« – Die armen Kinder hatten vergessen, ihr Licht auszublasen, und die schlimme Frau hatte, als sie nach der Kuche ging, den Lichtschein bemerkt ... . »Wartet, ich will euch Maul und Augen stopfen! Ihr sollt mich kennen lernen!« Und rasend vor Wut sturmte, die Frau aus der Kuche und die Treppe hinauf zu der Kammer, in welcher die Kinder hausten ... Solches trug sich auf der Seine-Insel, die den Su?wasserpiraten zum Schlupfwinkel diente, zu, am Abend vor dem Tage, an welchem die Seraphim die Schalldirne zu Martials bringen sollte ...
Siebentes Kapitel.
Eine moblierte Mietswohnung.
In der Mitte der Passage Brasserie – eines dunklen, wenig begangenen Weges, der von der Rue Saint- Honore bis zum Saint-Guillaume-Hofe fuhrte – wohin kaum ein Sonnenstrahl fiel – stand ein kleines Haus, worin moblierte Stuben zu vermieten waren, wie ein armlich ausgestattetes Plakat mitteilte. In dem finstern Hausflur fuhrte eine Tur zu einem ebenfalls finstern Raume, worin sich gemeinhin der Hausverwalter aufzuhalten pflegte: Micou mit Namen, seines Zeichens Altwarenhandler, der aber auch Hehlergeschafte trieb und mit Vorliebe Metall, Eisen, Blei, Zinn und Kupfer einhandelte. Er stand – und das wird dem Leser fur seine sittliche Bewertung genugen
