leidet.«
Sie machte, tief ergriffen, eine Pause; dann fuhr sie fort: »Aber nun zu den Auftragen, die er mir in seinem letzten Briefe gibt. – Zuerst will ich die Wasche zusammentun, die in der Kommode liegt, und zu ihm ins Gefangnis schaffen; alles andere mag Frau Bouvard zu mir schaffen. Ich will sie morgen herschicken. Aber ehe ich gehe, mu? ich doch nachsehen, was im Schreibsekretar an Geld und Papieren liegt ... Ach! was der arme Mensch da schreibt, Herr Rudolf, ist bittertraurig ... Horen Sie doch: Falls ich eines gewaltsamen Todes sterben sollte, so soll derjenige, welcher diesen Schreibsekretar hier offnet, diese Papiere zu Fraulein Lachtaube, Rue du Temple Nr. 17, tragen... Das Kuvert kann ich doch abnehmen, Herr Rudolf?« – »Ganz gewi?! Hat Ihnen der junge Mann denn nicht geschrieben, es lage darin ein Brief, der Sie personlich angeht?«
Lachtaube erbrach das Siegel. Es lagen verschiedene Schriftstucke darin. Eines trug die Aufschrift: »An Fraulein Lachtaube.« Es enthielt die Worte:
»Fraulein! Wenn Sie diesen Brief lesen, dann werde ich nicht mehr unter den Lebenden weilen. Ich furchte immer, eines gewaltsamen Todes zu sterben, bin ich doch einem Hinterhalte erst wieder vor kurzem entgangen. Aber ein paar Notizen aus meinem Leben durften wohl auf die Spur meiner Morder fuhren« – »Ach, Herr Rudolf, nun wundere ich mich freilich nicht mehr, da? Germain immer so traurig war... Wenn ihn solche Gedanken plagten!«
»Beruhigen Sie sich, mein liebes Kind! Ist er erst einmal wieder aus dem Gefangnisse, wird er Freunde finden, und keinen Grund mehr zur Betrubnis haben.« – »Aber des Diebstahls beschuldigt zu sein?« sagte Lachtaube, tief ergriffen. – »Seien Sie uberzeugt, der arme Mensch wird freigesprochen werden, hat er doch das Geld nicht gestohlen, sondern am andern Tage sofort von seinem Guthaben auf der Sparkasse wieder ersetzt, und hat er es doch nur genommen, um eine arme Familie von schwerem Ungluck zu erlosen. Das Gericht wird ihn hochstens mit einer ganz gelinden Strafe belegen; dafur wird er aber seine Mutter wieder in die Arme schlie?en, sobald er seine Freiheit wiedergewonnen.«
»Was sagen Sie da? Germain hat noch eine Mutter?« rief Lachtaube. – »Ja. Und sein Mutterchen hat ihn immer fur verloren gehalten... Nun malen Sie sich die Freude aus, wenn sie ihn wiedersehen wird! Aber sagen Sie ihm noch kein Wort davon, denn es ist besser, er erfahrt erst spater davon.« – »O, ich will ihm gewi? nichts davon sagen, wenn Sie meinen, da? es besser sei, Schweigen daruber zu wahren.« –
Sie las weiter:
»Mein Leben ist, wie Sie aus meinen Aufzeichnungen ersehen werden, gar nicht glucklich gewesen. Erst als ich Sie gefunden, winkte mir Sonnenschein. Aber da? ich Sie liebe, habe ich Ihnen verschwiegen, und ich sollte es jetzt erst recht, da ich nur eine traurige Erinnerung noch fur Sie sein kann, und nichts anderes. Mein Schicksal war so bitter, da? ich immer gemeint habe, es konne Ihnen nur Ungluck bringen, wenn Sie sich meiner annehmen.
»Wie beschrankt Ihre Einkunfte sind, wei? ich; auch, wie notwendig es Ihnen ware, fur schlimme Tage ein bi?chen Geld auf hoher Kante zu haben. Mehr als die 1500 ersparten Franks, die ich bei einem Bankier deponiert hatte, besitze ich nicht. In meinem Testamente vermache ich Ihnen das Geld, Denken Sie, es kame von einem Bruder, der Sie recht lieb gehabt hat und der nicht mehr am Leben ist ... Ach, Herr Rudolf,« rief Lachtaubchen, wahrend ihr die hellen Tranen uber die Wangen flossen, »so etwas tut doch recht bitterweh: der Herr Germain hat ein Vortreffliches Herz, wie man es nur bei wenig Menschen findet. Er ist ein gar lieber, guter Mensch! ein wackrer, edler Freund!«
»Ja, er ist brav und gut,« pflichtete Rudolf bei, »aber er ist, Gott sei gedankt, noch nicht tot, und sein Testament hat zunachst nur den Nutzen, da? es Ihnen offenbart, wie innig er Ihnen zugetan ist.«
Es wurde an die Tur geklopft. Auf Rudolfs Frage, wer da sei, fragte eine heisere Stimme nach Frau Mathieu. Der Klang weckte in Rudolfs Herzen seltsame Erinnerungen. Als er mit dem Lichte zur Tur trat, sah er sich einem Stammgaste der Kaschemme »Zum wei?en Kaninchen« gegenuber, dessen vom Laster gezeichnetes Gesicht ihm sofort wieder einfiel. Es war kein anderer als Barbillon, der sich als Fiakerkutscher auszugeben pflegte und der Bakel mit der Eule nach Bouqueval gefahren und vor dem Hohlwege gewartet hatte, der Morder des Mannes jener unglucklichen Milchfrau, die in Arnouville die Arbeiter gegen Marienblumchen oder – wie sie auch hie? – die Schalldirne aufgehetzt hatte. Rudolf, den er nur ein einziges Mal in der Kaschemme gesehen, erkannte er nicht wieder, mochte er ihn nun vergessen haben oder der andere Anzug ihn unkenntlich machen.
Barbillon sagte, er habe einen Brief fur Frau Mathieu, den er ihr nur personlich abgeben durfe. Rudolf sagte, die Frau wohne nicht hier, sondern gegenuber. Barbillon klopfte an der andern Tur. Sie wurde augenblicklich geoffnet, und eine korpulente Frau im Alter von annahernd funfzig Jahren trat mit einem Lichte in der Hand auf die Schwelle. Auf Barbillons Befragen erklarte sie, die Gesuchte zu sein. Barbillon gab ihr den Brief mit dem Bescheide, da? er sofort Antwort bringen solle. Er wollte sie in die Stube hineindrangen, die Frau winkte ihm aber, drau?en zu bleiben, offnete den Brief und las im Schein der Treppenlampe das ihr ubergebene Zettelchen. Dann sagte sie mit sichtlicher Befriedigung: »Bestellen Sie nur, es sei alles in Ordnung, und ich wurde bringen, was verlangt wurde, zur gewohnlichen Zeit, wie sonst. Bestellen Sie meine allerbesten Empfehlungen an die Dame ...«
Darauf schlo? sie die Tur, und Rudolf trat in Germains Zimmer zuruck, von wo aus er Barbillon schnellen Schrittes uber den Boulevard eilen sah, zu einem Menschen hochst schabigen Aussehens, der vor einem Ladenschaufenster auf ihn wartete. Ohne auf die in der Nahe befindlichen Leute zu achten, die ihn horen mu?ten, rief er dem andern, allem Anschein nach in sehr vergnugter Stimmung Zu: »He, Niklas, Schnaps her! Die Alte geht auf den Leim und kommt zur Eule. Mutter Martial wird bei der Sache helfen.« Rudolf erschrak, entschuldigte sich bei dem in seiner Begleitung befindlichen Madchen und versprach ihr, eine Zutrittskarte zum Gefangnis, in welches Germain gebracht worden war, zu schicken. Mit dem Versprechen, sie bald wieder zu besuchen, ging er, bestieg den nachsten Fiaker und lie? sich nach der Rue Plumet bringen, wo ihn Murph bereits erwartete. Dort schrieb er ohne Verzug an Clemence die folgenden Zeilen:
»Teuerste Frau! – Soeben hore ich von dem unvermuteten Ungluck, das Sie betroffen hat. Ich will nicht versuchen, Ihnen das Grauen zu schildern, das mich befallen hat, auch nicht den Kummer, der mich noch erfullt. Ich mu? Ihnen von Dingen Mitteilung machen, die dem schmerzlichen Ereignisse fremd sind, das die Pariser Welt jetzt wie mit einem Alpe bedruckt ... Eben horte ich, da? Ihre Stiefmutter, die wohl, seit ein paar Tagen in Paris, weilt, mit Polidori heut abend nach der Normandie abreisen will. Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, welche Gefahr hierdurch fur Ihren Vater erwachst. Lassen Sie mich zu einem Schritte raten, der sich als nutzlich und heilbringend erweisen wird: Jedermann wird es begreiflich finden, da? Sie nach dem schweren Ungluck, das uber Sie hereingebrochen, eine Zeitlang Paris den Rucken wenden. Reisen Sie also unverzuglich nach Aubiers, um wenn irgend moglich noch vor Ihrer Stiefmutter dort zu sein. Im ubrigen verhalten Sie sich ruhig, vor allen Dingen keine Befurchtungen! Halten Sie sich versichert, da? ich uber Sie wache, ob Sie mir fern sind oder nah ... Ihre Stiefmutter soll ihre schandlichen Plane nicht durchfuhren ... Leben Sie wohl, gnadige Frau! Ich schreibe in der hochsten Eile. Wenn ich an gestern Abend denke, droht mir das Herz zu brechen; verlieh ich den Toten nicht in einer so ruhigen, frohlichen Stimmung, wie kaum je vorher?
Rudolf.«
Drei Stunden spater befand sich Frau von Harville, Rudolfs Rate gema?, auf der Fahrt nach der Normandie, in Gesellschaft ihrer Tochter. Aus Rudolfs Palais fuhr zur gleichen Zeit auf der gleichen Stra?e eine Extrapostkutsche. In der ubergro?en Hast ihrer Abreise hatte Frau von Harville unglucklicherweise vergessen, Rudolf davon in Kenntnis zu setzen, da? sie in dem Gefangnisse von Saint-Lazare Marienblumchen gefunden habe. Nun hatte aber Jakob Ferrand, in Sorge darum, da? sein Verbrechen an den Tag kommen konne, alle Ursache, fur schnelles Verschwinden des Madchens, das ihn am schlimmsten blo?stellen konnte, zu sorgen. Bradamanti aber, der ein gro?eres Interesse hatte, die Frau von Orbigny nach ihrem Landgute zu begleiten, lieh sich durch die Rucksicht auf Ferrand nicht abhalten, mit ihr nach der Normandie zu fahren, sogar, ohne zuvor noch einmal mit Frau Seraphim zu sprechen.
So schien sich das Wetter drauend uber Ferrands Haupte zusammenzuziehen, denn tagsuber war die Eule wiedergekommen, um ihre Drohungen wieder auszusto?en, ja sie hatte zum Beweise dafur, da? sie ernstlich gemeint waren, Ferrand erklart, da? sich das Madchen, das einst durch Frau Seraphim an sie verkuppelt worden, unter dem Spitznamen Schalldirne im Weibergefangnisse Saint-Lazare befande, und da?, sofern er nicht binnen drei Tagen 10 000 Franks ausfolge, sie in den Besitz von Papieren gesetzt werden solle, die ihr allen Aufschlu? uber ihre Geburt, ihre Eltern und Kindheit geben wurden.
Ferrand stellte nach seiner Gewohnheit alles in Abrede und jagte das Weib als freche Lugnerin von seiner Schwelle, trotzdem er von den Drohungen sich des Schlimmsten versehen mu?te. Es gelang ihm, zufolge der guten Beziehungen, die er zu den Verwaltungskreisen hatte, tagsuber in Erfahrung zu bringen, da? ein Madchen
