auch nach einiger Zogerung, zu dem Bescheide, da? ihr Name Frau von Orbigny sei.
Rudolf fuhr zusammen, als sie den Namen der Stiefmutter der Marquise von Harville nannte ... Statt im Schatten zu verweilen, trat er vor und erkannte im Doppellicht von Tag und Lampe ohne weiteres die ihm von Clemence wiederholt geschilderte Frau. Die Pfortnersfrau wiederholte: »So? Frau von Orbigny? Richtig, das ist der Name, den mir Bradamanti nannte ... Bitte, gehen Sie hinauf, meine Dame!«
Frau von Harvilles Stiefmutter eilte geschwind an der Pfortnerstube vorbei, Frau Pipelet aber lachte hinter ihr her und flusterte Rudolf triumphierend zu: »Sehen Sie: so kommt man dahinter, wer im Hause verkehrt! Nun wei? ich, wie die schone Dame hei?t, und alles weitere wird sich leicht finden ... Was ist Ihnen denn aber, Herr Rudolf?« fragte sie, sich zu ihrem Logisherrn wendend. – »War die Frau schon einmal bei Bradamanti?« fragte dieser. – »Ja, gestern, und als sie weg war, ging auch er aus, sicher auf die Post, um sich einen Platz zu belegen, denn er hat mich schon angewiesen, seine sieben Sachen auf die Post zu schaffen. Er traut wohl dem lahmen Jungen nicht mehr, und deshalb treibts ihn fort,« – »Sie wissen nicht, wohin er zu reisen vorhat?« – »Meines Wissens in die Normandie,« versetzte die Pfortnerin, »nach Alencon zunachst.«
Drittes Kapitel.
Lachtaubchens erster Kummer
Lachtaubchens Stubchen war wie immer sauber und schmuck. Die in einem holzernen Gehause auf dem Kamine befindliche gro?e Uhr zeigte die vierte Stunde an. Da die Kalte nachgelassen hatte, hatte das sparsame Madchen es unterlassen, Feuer anzumachen. In ihre Arbeit vertieft, sa? sie am Fenster, sang aber nicht mehr, denn sie hatte zum ersten Mal in ihrem jungen Leben einen wirklichen Kummer. Francois Germain ausgenommen, hatten alle ihre Nachbarn ihr zutrauliches Wesen und die gute Nachbarschaft, die sie hielt, fur weiter nichts als ein etwas weitgehendes Entgegenkommen, wenn nicht gar als Aufforderung, sich zu nahern, aufgefa?t, wenn sie auch von diesem Irrtume bald zuruckgekommen waren. Der einzige, der sich wirklich in Lachtaubchen verliebt hatte, und zwar ernstlich, war Germain, und er hatte gerade sich ihr am fernsten gehalten, wenigstens nicht gewagt, ihr seine Liebe zu erklaren. Uber manch frohe Stunde hatten sie miteinander in dem traulichen Stubchen gesessen und frohlich geplaudert.
Heute sa? sie allein, und ihr sonst so frisches rundes Gesicht war bleich, ihre sonst von Lust und Frohlichkeit strahlenden Augen zeigten einen matten, truben Schimmer; aus ihren Zugen sprach Abspannung. Kein Wunder, hatte sie doch die Nacht uber kaum ein Auge geschlossen. Ihre Augen hafteten auf einem Briefe, der neben ihr auf dem Tische lag, und den ihr Anbeter Germain ihr am Abend vorher aus dem Stadtgefangnisse geschickt hatte ...
»Liebes Fraulein,« lautete er, »Sie werden sich die Gro?e meines Ungluckes ausmalen konnen, wenn Sie erfahren, da? ich wegen Diebstahls ins Gefangnis gebracht worden bin. Alle Welt halt mich dieses Verbrechens fur schuldig, und dennoch wage ich, an Sie zu schreiben. Ach, es ware mir schrecklich, wenn ich glauben mu?te, da? auch Sie mich solcher Missetat fur fahig halten konnten. Lesen Sie erst diesen Brief, ehe Sie so Schlimmes von mir fur moglich halten.
»Ich habe einige Zeitlang schon meine fruhere Wohnung in der Rue du Temple aufgegeben, bin aber durch Luisen, die ungluckliche Tochter des Steinschneiders Morel, uber die schreckliche Not, in die ihre Familie geraten war, auf dem Laufenden gehalten worden. Das Mitleid, das ich mit diesen armen Leuten fuhle, hat mich in dieses schreckliche Ungluck gesturzt. Gestern hatte ich bis in die spate Nacht dringliche Arbeiten in Ferrands Kanzlei zu verrichten. In der Stube, in der ich schreibe, steht ein Sekretar. Darin verschlo? der Notar taglich die von mir erledigten Akten, Als ich vorm Weggehen diesen Schrank offnete, um in Ferrands Abwesenheit die erledigten Akten zu verschlie?en, fiel mein Auge unwillkurlich auf einen offnen Brief mit der Aufschrift: Hieronymus Morel.
»Ich mu? sagen, da? ich von einer unwiderstehlichen Neugierde befallen wurde, mir Kenntnis von dem Inhalte dieses Schriftstucks zu verschaffen. Auf diese Weise wurde mir bekannt, da? der arme Morel am andern Tage wegen einer Wechselschuld an meinen Prinzipal Ferrand ins Schuldgefangnis ubergefuhrt werden sollte. Der Brief ruhrte von dem Agenten des Notars her. Mir war die Lage von Morel so genau bekannt, da? ich keinen Augenblick im Zweifel daruber war, welch furchterlichen Schlag die armen Leute dadurch erleiden mu?ten. Ich war emport uber die Schlechtigkeit Ferrands. Leider fiel mein Blick zu gleicher Zeit auf ein offenes Kastchen, das neben dem Briefe in dem Sekretar des Notars stand und worin Gold uber Gold, meiner Schatzung nach wenigstens 20 000 Franks, lagen. Da horte ich Luisen die Treppe hinunterrennen, und ohne mich uber die Folgen meines Tuns zu bedenken, nahm ich 1300 Franks von dem Gelde, lief hinter Luisen her und gab ihr die Summe mit den Worten, da? sie nach Hause eilen mochte, da ihr Vater wegen einer Wechselschuld verhaftet werden solle. Ich hatte mir 1500 Franks gespart und hatte ja das Geld bei dem Bankier holen sollen, anstatt es aus dem Sekretar des Notars zu nehmen, aber Morels Verhaftung litt keinerlei Verzug; sollte die Verhaftung umgangen werden, die den Tod der armen Frau Morel herbeifuhren konnte, mu?te ich Luisen auf der Stelle das Geld geben. Am Vormittage holte ich mir das Geld vom Bankier, kam aber zu spat, denn Ferrand hatte bereits das Manko entdeckt, und nun beschuldigt mich der bose Mann, nicht blo? 1300 Franks in Gold aus dem Sekretar genommen zu haben, sondern auch die zehnfache Summe in Banknoten, die ebenfalls im Sekretar gelegen habe. Das ist eine gemeine Luge. Ich kann nicht in Abrede stellen, mich an den 1300 Franks vergangen zu haben, kann aber mit dem heiligsten Eide schworen, da? nicht eine einzige Banknote in dem Sekretar gelegen hat.
»Ach, liebes Fraulein, wenn Sie wu?ten, wie tief unglucklich ich bin! Der Fron, in dessen Abteilung ich schmachte, hat mir versprochen, diese Zeilen an Sie zu besorgen, er hat Mitleid mit mir, denn ich habe ihm alles erzahlt, wie es zugegangen; aber er begeht damit eigentlich eine dienstwidrige Handlung, denn eine solche Gefalligkeit Gefangenen zu leisten, ist aufs strengste untersagt. Ich habe nun eine letzte gro?e Bitte an Sie: Beifolgend bekommen Sie ein Schlusselchen. Damit gehen Sie, bitte, zu dem Pfortner des Hauses, wo ich zuletzt gewohnt habe, Boulevard Saint-Denis Nr. 11. Lassen Sie sich meine Stube aufschlie?en und schlie?en Sie dann mit dem Schlusselchen selbst den Sekretar in meiner Stube auf. Es liegt ein Pack Briefe darin, verschnurt in graues Packpapier. Obenauf liegt ein Schriftstuck, an Sie selbst adressiert; verwahren Sie all diese Briefe fur mich!
»Es wird sich auch ein bi?chen Geld in dem Sekretar finden. Auch das nehmen Sie an sich, ebenso ein kleines Etui, worin sich eine seidne Krawatte befindet, die Sie auf unserm letzten Sonntagsspaziergange getragen haben.
»Lassen Sie das bi?chen Mobiliar, das in meiner Stube steht, versteigern. Alle Wasche aber schicken Sie mir!
»Mag ich verurteilt werden oder nicht, ein langerer Aufenthalt in Paris ist fur mich ausgeschlossen. Wohin ich mich wenden werde, wovon ich mein Leben bestreiten werde, wei? ich zurzeit nicht. Aber erweisen Sie, bitte, mir diesen letzten Liebesdienst. Nehmen Sie dafur die Zusicherung hin, da? ich mich zeit meines Lebens mit Liebe Ihrer erinnern werde.. da? ich niemand anders habe als Sie, an den ich mich in diesem Augenblicke wenden konnte, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, denn Sie wissen ja, wie abgeschlossen ich immer gelebt habe.
»Leben Sie Wohl, teures Madchen! Verlassen Sie mich in diesem letzten Augenblicke nicht! Sie allein sind meine Hoffnung!
Francis Germain.«
In dem durch diese Zuschrift bewirkten Gemutszustande traf Rudolf sie, als er jetzt den Fu? in ihre Stube setzte. Rudolf schlug ihr auf der Stelle vor, zusammen in die Wohnung Germains zu fahren. Nach einer Stunde hielt der Fiaker, der sie dorthin fuhrte, vor dem armlichen Hause in der Rue Saint-Denis Nr. 11. Mit lebhaftem Verdru? horte der Pfortner desselben, da? er einen so guten Mieter, dem die Liebe aller Mitbewohner des Hauses gehorte, verlieren sollte.
Lachtaube stellte das Licht auf einen Tisch. Das Mobiliar war uberaus einfach: ein Bett, eine Kommode, ein Schreibsekretar, vier Strohsessel und ein Tisch: das war alles; dazu Vorhange aus wei?em Baumwollzeug an den Fenstern und dem Alkoven, und auf dem Kamine statt aller Nippessachen eine Wasserflasche mit einem Glase.
»Da sehen Sie!« fuhr die Lachtaube fort, auf das Bett zeigend, »er ist so unruhig gewesen, da? er die Nacht garnicht geschlafen hat. Da liegt ein nasses Taschentuch. Damit hat er sich gewi? die Augen getrocknet. Nun, er hat eine seidne Krawatte behalten, die ich auf einem Spaziergange trug, wo wir recht heiter und guter Dinge waren; ich werde das Taschentuch behalten, das mich bestandig an das Ungluck erinnern soll, unter dem er jetzt
